IMOCA: Ohne Foils geht (fast) nichts mehr – Bermudes 1.000-Regatta als Testfahrt

„Beschleunigung wie im Rennwagen“

Sie heben mittlerweile IMOCA (fast) vollständig aus dem Wasser und kosten mehr als eine halbe Million Euro als Nachrüstbausatz – Foils bringen neue Power in die spektakuläre Klasse. 

In den letzten Monaten rumorte es mal wieder reichlich in der IMOCA-Szene. Nachdem die Diskussion und Polemik rund um den Einsatz der faszinierenden 60-Fußer beim Ocean Race halbwegs abgeklungen war, gab es gleich die nächsten Aufreger. Ausgerechnet Banque Populaire, gemeinsam mit Baron de Rothschild der wohl spendabelste und treueste Sponsor der Szene, gibt einem Rookie wie Clarisse Kremer die Gelegenheit zur Teilnahme an der nächsten Vendée Globe (SR-Artikel). 

Und dies auch noch offen und unverhohlen aus Public Relations-Gründen: Man verspricht sich deutlich mehr Publicity für die Marke mit einer medienaffinen jungen Seglerin, als mit einem der erfahreneren „Nachwuchs“-Segler, die schon seit Jahren in der Szene von einer zur anderen Zweihand-Regatta weiter gereicht werden, um sich „die Hörner abzustoßen“ und Erfahrungen zu sammeln. 

GoPro wichtiger als Bootstrimm?

Ein regelrechter Aufschrei ging durch die Szene. Vor allem die nicht mehr ganz so jungen Generationen sahen mit diesem, eindeutig auf Medienwirksamkeit ausgerichteten Schachzug der „Segel-Bänker“ den Niedergang des Hochsee-Segelsports voraus. Sätze wie „wenn der Umgang mit GoPro oder Drohne mehr zählt, als richtiger Segeltrimm oder die Power an der Kaffeemühle, dann kann man die Vendée Globe gleich vergessen,“ waren häufig zu vernehmen. 

Foil, IMOCA, Boris Herrmann, Sam Davies

Malizia mit sauberem Start vor Douarnenez © van Malleghem/bermudes

Doch auch eine positive, fast freudige Aufregung lag in der Luft. Denn es wurde immer deutlicher, dass die IMOCA-Klassenoberen nicht übertrieben hatten, als sie Anfang des Jahres von einem „noch nie dagewesenen Aufwind für die Klasse“ sprachen. Sage und schreibe acht nagelneue IMOCA werden bei der nächsten Vendée Globe im Herbst 2020 am Start sein. Was jedoch noch viel mehr für den mittel- bis langfristigen Erhalt der Klasse respektive der Wiederverwendbarkeit der Boote spricht, liest sich an anderen Werten ab: Auch ältere IMOCA wurden und werden konsequent mit Foils aufgerüstet. Unkte man noch vor etwa einem Jahr, dass die die nicht mehr ganz so frischen IMOCA-Generationen – also Boote ohne Foils –  für immer aus dem Rennen um das Podium sein werden, zeigen sich nun immer mehr Vendée Globe-Starter mit „Flügeln“, die nachträglich eingebaut wurden.

Es ist eine faszinierende Entwicklung, die da seit der letzten Einhand-Rundum-Regatta auf IMOCAs stattgefunden hat. 2016 waren noch sieben von 29 teilnehmenden IMOCA mit Foils ausgestattet. Letzten Herbst starteten bei der Route du Rhum (einhand) schon die Hälfte aller IMOCA mit den „Fluggeräten“, bei der kommenden Transat Jacques Vabre (zweihand) werden es schon zwei Drittel sein. Und für die Vendée Globe 2020 geht man jetzt schon davon aus, dass 75% aller Teilnehmer bei ihrem Rennen um die Welt auf Foils abheben werden. 

Was hier erstaunt: Auch im Vergleich eher kleinere, finanziell etwas „enger gestrickte“ Kampagnen (z.B. Roura, Boissieres) konnten ihre Geldgeber davon überzeugen, dass selbst für den Kampf um eine Platzierung im Mittelfeld der nächsten Vendée Globe Foils dringend nötig sind. 

Faszinierende Entwicklung der Foils

Mal ganz davon abgesehen, dass IMOCA, die zwei Drittel ihres Rumpfes auf Foils aus dem Wasser stemmen oder gar nahezu vollständig über der Wasseroberfläche schweben, deutlich imageträchtiger sind, als Bilder von 60-Fußern, die wie U-Boote vollständig in Wellen eintauchen. 

IMOCA, Herrmann, route du Rhum

Boris Herrmanns Malizia beim Training vor Port la Foret im Vollwaschgang © herrmannracing

Dass allerdings ein nachträglicher Einbau (funktionierender) Foils keine Selbstverständlichkeit oder gar einfache Aufgabe ist, zeigen zwei Faktoren. Erstens kostet ein Pärchen im Durchschnitt zwischen 500 und 600.000 Euro ohne Mehrwertsteuer und vor Einbau. Zweitens kann man die Foils nicht einfach so von der Stange kaufen – jede IMOCA hat ihre besonderen Eigenheiten, auf die bei der Entwicklung der entsprechenden Foils penibel Rücksicht genommen werden muss. Wobei dann ganz schnell mal aus der halben eine dreiviertel Million Entwicklungs- und Baukosten für die Foils werden.

Überhaupt, die verschiedenen Foil-Designs. Es liegt auf der Hand, dass für die „tragenden Anhängsel“ gerade eine neue Wissenschaft entsteht. Denn innerhalb der letzten vier Jahre wurden die unterschiedlichsten Designs unter den IMOCA gesichtet. Mittlerweile zählt man fünf Generationen, die jeweils unter sich meist unterschiedlich ausgelegt sind. Tatsache ist, dass sich die Foil-Fläche zwischen der ersten und neuesten Generation mehr als verdoppelt hat. Soll heißen: Einige der Boote wie etwa „Charal“ (Neubau) oder „Initiative Coeur“ (nachgerüstet) stemmen sich nahezu vollständig auf ihren Foils aus dem Wasser. Dadurch entsteht eine deutlich höhere Belastung auf den Verbundteilen, die wiederum entsprechend höhere strukturelle Festigkeit im Rumpf erfordert. Einfach mal so ein paar neue Foils in die Aufnehmerkästen stecken und dann mal sehen was passiert, grenzt also an Irrsinn. 

Doch wer kann und will Foils bauen?

Entsprechend sind Spezialisten gefragt, die derzeit  natürlich Hochkonjunktur haben. Doch Unternehmen wie Multiplast, Lorima, CDK, Heol, Persico und C3 sind hoffnungslos ausgebucht. Nicht zuletzt, weil andere „heiße“ Klassen wie Figaro 3 oder die großen Multis bitteschön auch über die Wasser schweben möchten. Und dabei ebenso ihre Problemchen gelöst haben wollen. Von katastrophalen Engpässen ist hier die Rede, die so manchem IMOCA-Projekt einen dicken Strich durch die Terminplanung machen. So munkelt man jetzt schon, dass von den zunächst sensationellen 25 IMOCA, die bei der nächsten Fastnet gemeldet sind, ein gutes Viertel wegen Umbauarbeiten wieder einen Rückzieher machen dürfte.

Foil, IMOCA, Boris Herrmann, Sam Davies

Ist jetzt Sam Davies so klein oder das Foil wirklich so gigantisch? © initiative coeur/zedda

So ist auch zu verstehen, dass beim gestern gestarteten „Bermudes 1.000 Race“ (2.000 Seemeilen einhand, von Douarnenez nach Brest über Fastnet und Wegpunkt vor den Azoren) die  Veranstalter mit 17 teilnehmenden Booten schon höchst zufrieden sind. Zwar sind nicht alle Champs der Szene am Start, doch dürfte das Rennen gerade für den Einsatz der Foils eine buchstäblich tragende Rolle spielen. Denn ein Großteil der Teilnehmer gab vor dem Rennen an, dass sie neue Foil-Designs oder strukturelle Veränderungen am Boot im Einhand-Regatta-Modus „testen“ wollen respektive müssen.

Foil hin oder her: die Vendée Globe wird im Tauch-Modus gesegelt © hugo boss/

Unter den 13 Männern und vier Frauen wird die Britin (mit Wohnsitz im franz. Lorient) Sam Davies als Favoritin gehandelt. Sie ist mit einem gigantisch anmutenden, neuen Foil-Satz auf ihrer “Initiative Coeur” unterwegs, den sie beim populären Gran Prix Guyader vor wenigen Tagen erstmals spektakulär testete (Video). Ihr Resumée: „Eine Beschleunigung in der Böe wie in einem Formel 1-Boliden!“ 

Boris Herrmann ist einer der Favoriten

Ebenfalls hoch gehandelt wird der Deutsche Boris Herrmann. Die IMOCA-Szene weiß längst, dass er in tricky Wettersituationen – wie sie derzeit auf die „Bermudes 1.000“-Teilnehmer auf dem Atlantik lauern – reichlich Erfahrungen abrufen kann. Bekanntlich ist der Deutsche bereits bei den unterschiedlichsten Rekordfahrten als Navigator aktiv gewesen. Und seine „Malizia“ gilt als eines der verlässlichsten und schnellsten Boote in der Klasse. 

Beide bestätigen derzeit ihre Vorschusslorbeeren und segeln seit dem Start auf Podiumsrängen. Doch noch liegen knapp 1.900 Seemeilen vor ihnen. 

Tracker Bermudes 1.000

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Ein Kommentar „IMOCA: Ohne Foils geht (fast) nichts mehr – Bermudes 1.000-Regatta als Testfahrt“

  1. avatar Till sagt:

    Ich sehe da kein großes Problem, der (zurecht) absolute Zuschauerliebling Alex Thomson hat ja lange Zeit auch eher mit coolen Stunts, Reperaturvideos usw. Geglänzt als mit außerordentlichen Leistungen. Mittlerweile hat er aber auch das raus. Also warum sollen das die “unerfahrenen” Segler der anderen Rennställe nicht auch können? 2020/21 wird getestet und 2024/25 dann ganz vorne mitgesegelt…das ganze dann extrem Medienwirksam und mit coolen Aufnahmen. Genau sowas braucht die imoca Klasse.

    Naja ohne folis geht ja scheinbar generell nichts mehr, also auch bei den imoca verständlich… wobei da viele noch ein problem mit der Zuverlässigkeit haben.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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