IMOCA: Trainingsschlag auf MACSF – Joschke und Delahaye in Form fürs Fastnet

„Ganz normaler Arbeitstag!“

Vorteil La Base/Lorient: Die Regatta-Boliden liegen haufenweise im Hafen. Umso höher die Chance, auf dem einen oder anderen Törn mitgenommen zu werden. Miku im IMOCA-Glück. 

Wie sieht eigentlich der Alltag von Profi-Hochseerseglern aus? Sind die wirklich zwischen zwei Übersee-Regatten tagein, tagaus auf ihren Rennern unterwegs, trainieren bis zum Abwinken, kommen höchstens mal nach ein paar Tagen und Nächten mit glasigem Blick und besoffen vom Ozean zum Futter-Bunkern an Land und legen am nächsten Tag wieder ab, um erneut gen Horizont zu segeln? 

Nun, dem ist natürlich nicht so. SegelReporter-Leser ahnen und/oder wissen, dass auch Hochseesegel-Kampagnen nichts anderes als ein weiteres Sport-Business sind, das wiederum mehr oder weniger rigoros, kreativ und gewissenhaft gemanagt werden will. Im Mittelpunkt stehen zwar die Segler, die später über den Atlantik oder um die Welt „rocken“ sollen, doch ohne ihr Team „im Hintergrund“ wäre nicht einer dieser Trainingsschläge realisierbar. Pardon, eine „Kleinigkeit“ wurde eben vergessen – neben den Seglern gibt es natürlich noch einen weiteren Hauptdarsteller: Das Boot. 

Um was dreht sich alles? Nicht um die Segler… 

Um die Minis, Figaros, Class 40, IMOCA und Ultim dreht sich beim Hochseeregattasegeln alles, wirklich alles! Sie benötigen ein mehrköpfigen Shore-Team, das repariert, auffrischt, trimmt und regelt. Sie machen (logischerweise) die Kampagnen teuer, ihre Performance und ihr Zustand entscheiden über Sieg und Niederlage.

Hinten die Checkliste nach Rückkehr © miku

Das Paradoxe an der Geschichte: Die meiste Zeit verbringen Segler und Boote im Hafen respektive an Land. Zwar gibt es die oben angedeuteten Trainingseinheiten über mehrere Tage und Wochen hinweg auf Hoher See tatsächlich, sie sind jedoch im Vergleich zu den Liegezeiten eher selten. 

Sehr schön kann man das in spezialisierten Regattahäfen wie etwa La Base /Lorient an der südbretonischen Atlantikküste beobachten. La Base ist mittlerweile mit Hochseekampagnen bis Oberkante Unterlippe saturiert; es wird gemunkelt, die Warteliste großer, in jeder Hinsicht lukrativer Kampagnen gehe weit über zwei Dutzend Anwärter hinaus. 

Raus, rein, raus, rein – es ist ziemlich was los in solchen Häfen

Wie oft in einem derartigen Hafen die Boote – ganz egal ob Mini, IMOCA oder 100 Fuß Ultim Trimaran – wegen anstehender Reparaturen, Veränderungen oder was auch immer ein- und ausgekrant werden, erstaunt immer wieder.  Dafür haben die ganz Großen wie etwa Banque Populaire oder Sodebo gleich ihre eigene Werfthalle nebenan gebaut. Auch eher „mittelgroße“ Teams wie etwa das der Deutsch-Französin Isabelle Joschke, sind permanent mit dem Boot beschäftigt – ohne Übertreibung mitunter sogar in Nachtschichten, wenn zwischen zwei Trainingseinheiten Wichtiges repariert werden muss. 

Die Deutsch-Französin Isabelle Joschke hat noch eine Rechnung mit der Transat Jacques Vabre offen © miku

SegelReporter erhielt kürzlich die Gelegenheit, gemeinsam mit Isabelle Joschke und ihrem Transat-Jacques-Vabre-Partner Fabien Delahaye eine ganz normale, technische Trainingsausfahrt auf dem IMOCA MACSF zu machen. „Just another day in the office“ nennen das viele Segler hier in Lorient etwas spöttisch – was für die einen  jedoch schnöder Alltag ist, kann für die anderen (z.B. dem Autor dieser Zeilen) richtig spannend werden. Oder wer würde nicht mal gerne mit so einem IMOCA-Foiler ein paar Schläge „vor der Haustüre“ segeln? Eben! 

Für den Einen lapidar – für den Anderen höchst spannend

Schon vor der Abfahrt ist reichlich was los an Bord der 60-Fuß-IMOCA. Zwei Préparateure bereiten alles fürs Auslaufen vor, bringen die (fürs Ausparken notwendigen) Zodiacs rüber. Ein weiterer Mitarbeiter checkt nochmals die gesamte Elektrik, die am heutigen Tag noch eine besondere Rolle vor allem für Fabien Delahaye spielen wird.

Isabelle Joschke und Teamchef Alain Gautier (übrigens Vendée Globe Sieger 1992) arbeiten seit Jahren erfolgreich zusammen © miku

Als Isabelle Joschke und ihr Kollege Fabien schließlich auf dem Fahrrad vorfahren, ruft die Skipperin das Team zu einer kurzen Besprechung zusammen. Mit an Bord sind (diesmal) auch Teamchef Alain Gautier und Boat Captain Florian Giffrain. Grund: Die Liste der „Checkpoints“ ist lang, es gibt einige Punkte – auch im Hinblick auf das anstehende Fastnet-Race, das Isabelle und Fabien im Duo plus Mediamann bewältigen werden – die eines „näheren Blickes” bedürfen. Die beiden Segler haben in den vergangen drei Wochen intensiv trainiert, darunter auch einige Mehrtages-Ausfahrten. Ab sofort ist also „Technik“ angesagt. 

Boat Captain Florian Giffrain hat allen Grund zum Lachen – wenn alles an Bord klappt! © miku

Spannend schon das Ausparken: Kein Gedöns mit Seitenwind oder sonstigen „kritischen“ Aspekten – ein Zodiac schubst (wenn nötig) das Boot in die richtige Richtung, vor allem aber weg von den anderen Rennern. 

Abhaken der Checkliste

Beim Segelsetzen vor dem Hafen dann die erste Überraschung: Das ist genauso nervig wie auf dem Mini – den Backstagen sei dank. Zwei Mann kurbeln am Grinder, einer steht am Mast und „führt“ das Groß, die Skipperin steuert, hat dabei alle anderen Boote aus dem benachbarten Freizeithafen, die ausgerechnet genau jetzt ebenfalls auslaufen und Segel setzen wollen sowie zwei (kleinere) Fähren und ein „die 5-kn-Regel-gilt-nicht-für-uns“-Marine-Zodiac fest im Blick. Selbstverständlich hakt das Achterliek des Groß beim Setzen zwei Mal in den Backstag ein – Routine für die Dame und die Herren an Bord. 

Nach Verlassen des Vorhafenbeckens dann endlich den Motor aus und… es kann losgehen. 

Obwohl, das mit dem Lossegeln ist so eine Sache. Erstmal wird besprochen, welche Kurse in welchem Windeinfallswinkel unbedingt gesegelt werden müssen, um die entsprechenden Problempunkte auf der Check-Liste zu beheben. Fabien verschwindet unter Deck und wird dort die nächsten zwei Stunden bleiben. Er hat sich in ein Thema verbissen, das ihm schon seit einiger Zeit Kopfzerbrechen bereitet: Die zwei Wind-Gyrometer im Masttopp geben unterschiedliche Konfigurationswerte an. Wahrscheinlich müssen alle Basisdaten neu eingegeben werden. 

Und immer wieder kurbeln © miku

Alain Gautier läuft während der ersten Stunden mit Argusaugen übers Boot, richtet seine Blicke dabei vor allem auf den Segeltrimm. Wenig überraschend: Auch bei diesen riesigen Rennern kommt es auf Trimm-Markierungen an den Schoten, Fallen und Backstag-Leinen an. Heute kann und soll man sich Zeit damit lassen – später im Regattamodus muss alles auf den Punkt genau passen und „sitzen“. Auch hier werden Erkenntnisse eingebracht, die von den beiden Seglern während ihrer Trainingstage auf See gesammelt wurden.

Alles, wirklich alles muss kontrolliert werden. Immer wieder!

Der technische Leiter Florian kontrolliert die richtige Funktionsweise in allen neuralgischen Zonen, checkt (oder verändert) die Einstellwinkel der Foils, hat ein Auge auf die Höhe der Kielbombe, nachdem der Schwenkkiel nach Manövern neu ausgerichtet wurde. 

Zwischendurch heißt es für jeden und jede immer wieder: kurbeln, kurbeln und nochmals kurbeln. Um „Druck ins System“ zu bringen. Aber auch um Isabelle und Fabien zumindest ein wenig zu entlasten, die bei ihren Duo-Ausfahrten sonst immer alles alleine machen müssen. 

Aber auch vermeintliche Kleinigkeiten werden abgehakt. So filmt Alain Gauthier mit dem Handy bei einer Wende einen Karabinerhaken, mit dem die Fockschot zusätzlich getrimmt wird. Mit bloßem Auge war nicht zu erkennen, ob dieser Haken gegen die Kajütwand schlägt oder nicht, wenn die Segel schlagen und die Schoten wie wild hin und her peitschen. Im Video wird deutlich: Keine Berührung – passt! 

Unter Foils © miku

Komisch, selbst bei diesen ultramodernen und ganz nebenbei bemerkt sauteuren Autopiloten kann es noch Probleme bei der automatisch gesteuerten Wende geben – das Boot will zwei Mal nicht durch den Wind drehen. Bei lächerlichen 17 Knötchen Windgeschwindigkeit. 

Nach zwei Stunden auf der Kreuz entspannen sich die Gesichter zusehends. Auf dem Vordeck wird der Gennaker vorbereitet, der Wind hat noch ein paar Knoten zugelegt und Alain Gautier meint nur lapidar „une jolie brise“. Isabelle fällt ab, der Gennaker wird aus-, die Genua eingerollt, der Foil senkt sich majestätisch in Lee ab, die Schoten dichter (kurbel, kurbel, kurbel) und … ab geht die Lucy. 

Mit Delfinen foilen

Und es geht wirklich ab. Bei eher bescheidenen 17 kn hebt sich der Rumpf zu zwei Dritteln aus dem Wasser. Auf dem Boot spürt man einen gewissen zusätzlichen Vortrieb, die Gischt spritzt in Lee deutlich höher, gleichzeitig wird alles wird leiser. Erhebend und erhaben – im wahrsten Sinne der Worte. 

Stundenlang unter Deck: Florian Delahaye © miku

Als uns dann auch noch Delfine über eine gute Strecke begleiten, zeigen alle gewisse Glücksgefühle. Florian unterstreicht mit einem „Ce n’est pas belle, la vie?“ und alle atmen ein paar Mal tief durch. 

Mehr kann ein Segler wohl nicht erwarten! Und schon gar nicht ein SegelReporter! 

Morgen folgt ein Interview mit Isabelle Joschke. Dranbleiben! 

© miku

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „IMOCA: Trainingsschlag auf MACSF – Joschke und Delahaye in Form fürs Fastnet“

  1. avatar breizh sagt:

    Was braucht man mehr an einem Tag (im Büro oder wo auch immer) um zum Träumen zu kommen, als eine so tolle Geschichte. Merci!
    Beau temps belle mer, il y a du poisson dans la soupière!

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