J/70 Klasse: Erneut Vermessungsvergehen – Paul Goodison in San Remo disqualifiziert

Fiese Buchstaben in der Ergebnisliste

Das Sieger-Team gibt Gas:

Bei der ersten wichtigen J/70-Regatta in Europa gab es neue Diskussionen über die Einhaltung der Vermessungsregeln. Dabei griff die Jury hart durch und bestrafte einen echten Promi.

Paul Goodison sieht etwas angespannt aus, als er die Mooring-Leinen nach einem harten Tag auf dem Wasser übernehmen will. Das liegt nicht am Jet-Lag von der Anreise aus Bermuda, wo er mit der Foiler-Moth ungefährdet den dritten WM-Titel in Folge einsammelte. Der Laser-Olympiasieger von 2008 gehört aktuell zu den angesagtesten Seglern der Welt. Er stand zwar beim America’s-Cup-Team Artemis nicht in vorderster Reihe, sorgte aber mit dem Star-Sailors-League-Sieg für eine weltweit beachtete Premiere in der Kielboot-Klasse gegen die Besten.

Hier in San Remo beim J/70 Cup, dem ersten Europa-Showdown der immer stärker werdenden Sportboot-Klasse, zählt das alles nichts vor den strengen Augen der Vermesser.Goodison, der auf Mascalzone Latino ausnahmsweise das Steuer vom Eigner Vincenzo Onorato übernimmt, dem italienischen Reeder, der schon zwei America‘s Cup Kampagnen durchgezogen hat, wird zum Check zitiert. Die Italiener  stehen unter spezieller Beobachtung, seit das Team bei der J/70 WM zu den erwischten Kiel-Manipulatoren gehörte und unter anderem Onoratos Sohn Achille in der Folge als Steuermann gesperrt wurde.

Nun also Check vor dem Kran, und die Italiener recken die Hälse. Gibt es da wieder ein Problem? Dieser Kampf um das Einhalten der Regeln in der jungen Klasse ist zum Politikum geworden. Segler, die eigentlich als Profi-Helden der Segelszene gelten, werden öffentlich als Betrüger gebranntmarkt.

Das Material-Tuning der Champs

Die Italiener stehen besonders im Fokus, weil wohl kaum eine Segel-Nation eine solche Profi-Dichte aufweist. Die Champs sind es gewohnt, ihren Auftraggebern durch Material-Tuning einen Vorteil zu verschaffen. Das ist erlaubt und notwendig beim Segeln. Aber die verschiedenen Klassen setzen unterschiedliche Grenzen. Je offener die Regeln, je geringer die Kontrolle, umso mehr muss gewerkelt werden.

J/70 San Remo

Heißer Ritt vor San Remos Küste. Immer mehr setzen die Spitzencrews auf fünf Segler. Bei Starkwind hilft das besonders. © J/70 Italian Class/Zerogradinord

Dem steht eigentlich die Idee des Einheitsklassensegelns entgegen. Werften liefern Boote, die auf dem Papier gleich sein sollen. Genauso Segel und Rigg. Tatsächlich gibt es aber die angestrebte exakte Übereinstimmung nicht. Eine Produktion mit geringsten Toleranzen wäre viel zu teuer. Allenfalls bei unkomplizierten Sportgeräten wie Laser oder Surfbrett kommt man der Gleichheit sehr nahe.

So gehört es zum Beispiel im 49er für die Spitzenteams manchmal dazu, den Bauprozess zu begleiten und später neu erworbene Schalen nachträglich aushärten zu lassen. Und für ein Olympiaprojekt werden zig Masten und Segel gekauft, um die minimalen Unterschiede für den eigenen Vorteil zu nutzen. Es soll die Wahrscheinlichkeit erhöht werden, dass die optimale Material-Kombination darunter ist.

Wer genug Geld einsetzt, kann auch in einer Einheitsklasse wie der J/70 olympische Maßstäbe ansetzen. Der Amerikaner Joe Roenning soll gut eine Millionen Dollar aufgewendet haben, um den WM-Titel 2016 in San Francisco zu gewinnen. Er engagierte die Taktiker-Legende John Kostecki, und der ließ mit seinem Team mindestens drei Boote kaufen und testen, um das schnellste zu finden.

Die Kriterien dafür sind ein Berufsgeheimnis. Aber es ist klar, dass es Unterschiede gibt. So haben Formen, aus denen viele Schalen gezogen werden, eine begrenzte Lebensdauer. Sie verändern sich minimal, und das kann zum Beispiel Auswirkungen auf die „Welligkeit“ der Außenhaut haben.

Basteln am Gesamtkunstwerk

J-Boats hat das eigentlich ganz gut im Griff. Niemand sonst ist so erfahren beim Erreichen hoher Stückzahlen in den Kielboot-Regattaklassen. Und für den Normalsegler dürften die Differenzen kaum ins Gewicht fallen. Aber die Profis achten auf jedes Detail. Sie basteln ausdauernd an einem Gesamtkunstwerk, das im fertigen Zustand ein besonders schnelles Sportgerät ergibt. Vorausgesetzt, man macht seine Hausaufgaben auf dem Spielfeld der langwierigen Speed- und Trimmtest.

J/70 San Remo

San Remo liefert große Rampen für den Power Glitsch. © J/70 Italian Class/Zerogradinord

Aber in dieser noch jungen Phase der Entwicklung will die Klasse Zustände wie bei der Melges oder Platu vermeiden, wo Nachbesserungsarbeiten am oft eher unfertigen Produkt geduldet werden. Teilweise werden neue Boote direkt in eine Werft gebracht. Die Oberfläche der Kiele muss in Form gebracht werden.

Sobald einem Eigner dieser preistreibende Feinschliff nachgesehen wird, müssen alle anderen nachziehen, die erfolgreich segeln wollen. Das können sich aber nur die vermögenden Skipper leisten. Diese Eigner haben kein Interesse daran, das vermeintlich gleiche Spielfeld zu verändern, auf dem sie glänzen können. Und die bezahlten Profi-Teams drängen ebenfalls auf die Beibehaltung des Status Quos, weil er ihnen den Vorsprung gegenüber ambitionierten Amateur-Teams beschert.

Was nicht ausdrücklich erlaubt ist, ist verboten

Diese schleichende Entwicklung, die in der J/70 in den ersten Jahren schon eingesetzt hat, soll verhindert werden, auch wenn es weh tut. Exempel werden statuiert. Es gilt die eherne Onedesign-Regeln: Was nicht ausdrücklich erlaubt ist, ist verboten. Und seit der WM 2017 ist klar, dass auch die Strukturen vorhanden sind, um Abweichungen zu erkennen und zu bestrafen.

Damals sind veränderte Kiel-Shapes entdeckt worden. Die Unterkante der Bombe wurde abgeflacht für eine bessere Hydrodynamik. Es soll am tiefsten Punkt auch Blei anlaminiert worden sein. Dennoch sprachen die prominentesten erwischten Übeltäter Carlo Alberini und Onorato von einem Komplott. Der Reeder brachte in einer wortreichen Stellungnahme diese Meinung zum Ausdruck. Dennoch hätte die Botschaft angekommen sein sollen: Veränderungen, die nicht erlaubt sind, sind verboten!

Ob Goodson alle Einzelheiten weiß, die seine Mannen erledigt haben? Hat er nachgeprüft, was sein Team im Winter am Boot bastelte? Sein Taktiker ist schließlich Flavio Favini, einer der am höchsten dekorierten Segler Italiens, America’s Cup Startsteuermann 2007 auf Mascalzone Latino und 2017 Champions League Sieg-Skipper für den Yacht Club Costa Smeralda. Ihm dürfte er vertrauen.

Zweimal je drei fiese Buchstaben in der Ergebnisliste

Goodisons Angespanntheit hat eine Berechtigung. Der Besuch des Vermessers beim Vermessungs-Check am Kran führt zu einer Vorladung bei der Jury. Das Ergebnis: Zweimal je drei fiese Buchstaben in der Ergebnisliste, statt niedriger Ziffernfolgen, DSQ – disqualifiziert.

Schiedsrichter Luca Babini erklärt gegenüber SR, dass der Kiel im Kasten mit einer unerlaubten Konstruktion tiefer in den Kasten gepresst wurde. In der Verhandlung brachte das Team zur Begründung Sicherheitsaspekte vor. Man habe Angst gehabt, dass der Kiel im Falle einer Kenterung nach oben aus dem Kasten rutsche. Der Vorteil des weniger wackelnden Ballasts unter dem Rumpf soll nur ein zufälliger Nebeneffekt sein.

Mascalzone, J/70

Das Mascalzone-Vergehen: Klotz unter der Kielplatte zum Fixieren des Kiels. © Segelreporter

Mascalzone, J/70

Die Erklärung am Schwarzen Brett. © Segelreporter

Wie minimal der positive Effekt auch immer sein mag, Veränderungen dieser Art sind nicht erlaubt. Und wieder ist ein prominentes Profi-Team hart bestraft worden. Solche Vergehen sollen zumindest in der J/70-Klasse nicht mehr als Kavaliersdelikte durchgehen. Und dieses klare Signal sollte ein Segen sein für alle interessierten Neueinsteiger.

Rossi-Familie vorne

Gesegelt wurde schließlich auch noch. Nach einem Leichtwind-Tag mit zwei Rennen und drei Rennen bei starkem Wind verhinderte starker Ostwind das Finale am Sonntag. So fand Herr Rossi sein Glück, indem er mit einer beeindruckend konstanten Serie einen Punkt Vorsprung behauptete.

Der langjährige Farr 40 und Melges 32 Steuermann, der sein Geld mit Fähren auf dem Mittelmeer macht, setzte sich gegen das Team Calvi Network durch, dessen schnauzbärtige Skipper Carlo Alberini nach den Manipulationen in Porto Cervo für ein Jahr gesperrt worden ist. Das Schiff soll nun offenbar vermessungskonform sein und wird in dieser Saison von Gianfranco Noe’ gesteuert, der als 10. der vergangenen WM als bester Amateur-Steuermann ausgezeichnet worden war.

J/70

Die J/70-Sieger von San Remo. Vater Rossi (2..v.l.) mit Tochter Claudia. © J/70 Italian Class/Zerogradinord

Platz drei belegte Rossis Tochter Claudia, die spätestens seit dem EM-Sieg in Kiel in der J/70 Weltspitze segelt, vor dem polnischen Skipper Krzysztof Krempec, der mit einer kroatischen Crew um den erfahrenden Profi Tomislav Basic stark unterwegs ist.

Am ersten Teil der vierteiligen italienischen J/70-Serie nachmen 59 Boote aus 8 Nationen teil. Damit setzt die Klasse insbesondere in Italien weiterhin ihren Höhenflug fort.

Ein schwerer Ost-Sturm verhinderte die Rennen am Sonntag:

Ergebnisse J/70 Cup San Remo

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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