Jugendsegeln: Briten krempeln Segelsport-Förderung um – Vorbild für deutsches System?

Es bröckelt an der Basis

Nicht nur ein Problem der Briten: Sie haben zwar eines der erfolgreichsten Fördersysteme für jugendliche Talente, doch im Breitensport fehlt der Nachwuchs. Nach jahrelangen Planungen soll ab Herbst ein neues System greifen. 

Britisches “Onboard”.Programm für die absoluten Anfänger

Die britische Royal Yachting Association (RYA) konnte sich eigentlich in den vergangenen Jahren nicht über mangelnden Zuspruch an ihren Initiativen beklagen. Vor allem bei der Talentförderung unter Kindern und Jugendlichen zeigten die vor 20 Jahren eingeführten Kader-Programme im Leistungssportbereich beeindruckende Wirkung.

Spätestens zu den olympischen Spielen 2012 in London konnte sich RYA rühmen, das  beste Leistungs-Förderprogramm der Welt etabliert zu haben. Seit vielen Jahren ist England die erfolgreichste Nation bei Olympischen Spielen.  In den Olympischen Bootsklassen hagelte es Erfolge, und andere Segelnationen schielten neidisch zu den Konkurrenten auf der Insel. 

Förderprogramme sollen in Race Training Groups aufgeteilt werden © RYA

Doch nun stellt sich heraus, dass die Siege im Spitzensport einen bitteren Beigeschmack haben: An der Basis interessieren sich immer weniger Kinder und Jugendliche für den Segelsport – die erhoffte Motivation und Sogwirkung durch die Spitzensegler und deren gute Ergebnisse auf der internationalen Regattabühne bleiben immer mehr aus. 

Dafür sieht sich die RYA durchaus in der Verantwortung. Denn das etablierte Kadersystem habe den entscheidenden Nachteil, dass es die Jugendlichen Talente aus den Reihen der Clubs und Vereine reiße, in denen sie entdeckt und anfänglich gefördert wurden. Danach fände zwar ein Weltklasse-Coaching und gezielte Förderung statt, doch lasse sich aus der Isolation der Kader heraus kein Dialog mehr mit den Vereinen und Clubs herstellen.

Es gebe nur sehr wenige Kader-Athleten, die Kontakt mit den Clubs und Vereinskameraden halten, die sie einst entdeckt hatten. Ein Dialog, ein Austausch von Erfahrungen und eine Weitergabe von Know-how finde nicht statt.

So soll mehr Leidenschaft fürs Segeln an der Basis entstehen © RYA

In einer Pressemitteilung kündigte die RYA nun an eine radikale Änderung ihres Förderprogramms an. „Die Zeiten ändern sich,“ wird der Youth Racing Manager des RYA zitiert. „Wir müssen heute die jungen Menschen anders an den Sport heran führen, als vor 20 Jahren. Unter Berücksichtigung einer veränderten Gesellschaft und auch neuer sozialer Situationen bei den Eltern.“

Ein überarbeitetes, britisches Jugendsegelprogramm wird nun ab Herbst 2020 das derzeitige System der U16-National- und Zonenkader durch regionale Trainingsgruppen (RTGs) ersetzen.

Später geht’s dann, wie in anderen Nationen auch, in Kadergruppen “ans eingemachte” © RYA

Die RYA hofft so, „einer sinkenden Teilnahme auf Vereinsebene, einer zunehmenden Disparität, einer übermäßigen Betonung von Ergebnissen in den Juniorenaltersklassen und steigenden Kosten und Umweltauswirkungen bei Training und Rennen auf nationaler Ebene entgegen zu treten.“ 

Jede der sechs RYA-Regionen wird eigene RTGs aufbauen, die auf höchstem Niveau regionale Coachings anbieten. So sollen die Jüngsten möglichst gezielt beim Übergang in die Jugendklassen begleitet und talentierte Jugendliche auf internationale Events vorbereitet werden. 

Man wolle eine integrative und zugängliche Ausbildung in ganz Großbritannien fördern, heißt es weiter. Das Training werde jeweils an die Bedürfnisse der Gruppen angepasst und von erfahrenen Kinder- und Jugendtrainern betreut. 

An den RTGs sollen dann regelmäßig Spitzensportler teilnehmen, um die Jugendlichen zu motivieren und inspirieren. Die RTGs werden ein Mal monatlich im Zeitraum zwischen Oktober und April stattfinden – als Ergänzung zu den normalen Renn- und Trainingsaktivitäten der Segler in den Clubs und Klassen. 

Auch Ben der Große soll in den Fördertrainings seine Erfahrungen weitergeben. © RYA

Das RTG-Training soll auf gleichem Niveau stattfinden wie beim bisherigen nationalen Jugendkader. Man hofft, dass sich so eine „lebenslange Leidenschaft“ fürs Segeln entwickelt. 

Die Entwicklung, die von den Briten wahrgenommen wird, beschränkt sich nicht nur auf die Insel. Der Aufwand, den Spitzensegler inzwischen treiben müssen, ist so groß geworden, dass sie sich immer weiter von der Basis entfernen.

Das gilt weltweit aber besonders auch für Deutschland. Die Quote der Jugendsegler, die dem Sport den Rücken kehren, nachdem sie es nicht in die Juniorenklassen geschafft haben, wächst immer weiter. Wenn die Briten dieses Problem erkannt haben, könnte es Sinn machen, deren Gegenmaßnahmen genau zu beobachten. In keinem Land der Welt wird der Segelsport professioneller gemanagt.

5 Kommentare zu „Jugendsegeln: Briten krempeln Segelsport-Förderung um – Vorbild für deutsches System?“

  1. avatar pl_beat.heinz sagt:

    Stimme ich absolut zu, ich vertrete schon lange die Meinung das die Basis im Club viel zu wenig Beachtung findet. Die meisten Verbände ignorieren dieses Gros unseres Sportes komplett u d wundern sich dann über das fehlen von Nachwuchs und das Sterben von Clubs.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 13 Daumen runter 0

  2. avatar ds sagt:

    Tolles Programm und schön, dass die Informationen von euch direkt zu uns rüber kommen. Allerdings ist Oktober bis April etwas anderes als April bis Oktober. Ich schätze zweiteres ist gemeint?

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  3. avatar Funktionär sagt:

    Mir ist, obwohl ich Teil des Systems bin, völlig unklar, was gute KPIs zur Messung von Erfolg oder Misserfolg (=> “bröckeln”) sind. Ich teile auch überhaupt nicht die Sicht, dass die Basis in Clubs zu wenig Beachtung findet. Die Basis ist ja der Club. Und wenn die Basis nichts losmacht, dann ist klar, wo die Verantwortung dafür liegt, natürlich bei denen die nichts losmachen. Wer nichts losmacht, der bekommt nichts, wie in allen Lebensbereichen.

    Bei uns im Revier steigen die Vereine mitgliedermäßig an, die aktive Jugendarbeit machen und die einen spürbaren Regatta-Anteil haben. Diese Vereine wachsen gegen den Trend. Ist Wachstum aber = Erfolg? In der Wirtschaft wäre diese Wachstum mitunter sogar kein Erfolg, denn die Arbeit, die darein geht, ist vermutlich sehr viel größer, als es der Erfolg rechtfertigen dürfte. In Kosten/Nutzen-Dimensionen ist dieses Wachstum also teuer eingekauft (Trainerstunden, Orga, MoBos etc).
    Dann kommen andere Fragen hoch: Sind viele Mitglieder auch gute Mitglieder, denn was zählt mehr: Je wenig Wasserzeit von vielen recht passiven Seglern, oder viel Wasserzeit von wenigen aktiven Seglern? Nach totalen Wasserzeitminuten kommt vermutlich bei beiden Betrachtungen das gleiche herum.
    Am Ende gibt es immer weniger Leute, die sich den Rücken krum machen und es gilt zu Fragen, ob es Aufgabe von Funktionären sein soll, den Sport weiterzubegeben, oder ist es die Aufgabe der Segler einfach mal mehr segeln zu gehen. Letzter Aspekt kommt mir immer etwas zu kurz. Immerhin sind Vereine ja von ihren Mitgliedern dazu gegründet vereint (=zusammen) ein satzungsgemäßes Ziel zu erreichen, und wer nicht segeln möchte muss ja auch nicht in einen Segelverein eintreten.

    To cut the long story short: Viele Vereinsobere wissen es auch nicht hat besser, die KPIs sind unklar, aber wenn die Masse immer weniger segeln möchte, dann liegt es nicht nur an der Vereinen, sondern eben auch an der Masse selber.

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  4. avatar PL_mattgibbs1979 sagt:

    Aus meiner Sicht liegt der Fokus derzeit zu sehr auf “Elite”(oder die Illusion von “Elite”) und nicht auf der Stärkung der Basis. Alle paar Jahre ein oder zwei Elite-Segler zu produzieren ist natürlich Super, aber leider bedeutungslos wenn der Segelsport auf Vereinsebene nicht aktiv und sichtbar ist. Und das bedeutet Regatten jede Woche, an denen alle das Gefühl haben, teilnehmen zu können.

    Angesichts des aktuellen Fokus auf Umweltauswirkungen ist es wichtig, dass wir uns mehr auf den Sport vor unserer Tür konzentrieren. Um neue Leute in den Sport zu bringen, sind einfache, zugängliche und unterhaltsame Lösungen (und natürlich Boote) erforderlich.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

    • avatar Funktionär sagt:

      Den ersten Absatz teile ich voll&ganz. Beim zweiten Absatz ist es aber so, wenn man 10 mal auf Revier X ums Eck regattiert hat, dann will man auch mal zu Revier Y

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