Karma: 44-Fuß-Kat treibt „herrenlos“ durch die Biskaya – Pilger bringen Eigner zurück an Bord

Die wundersame Rettung der „Ocean Swift“

Eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann. Ein Brite wird im Sturm von seinem Katamaran geborgen. Sein Boot treibt durch die Biskaya. Dann erfährt John Taylor, dass sein Boot intakt den Sturm überstanden hat. Nur: Wie kommt er zurück auf sein Boot?

Gefunden! Die Ocean Swift trieb wochenlang durch die Biskaya – herrenlos! © Eric Longier de Lohéac

Es war einmal… am liebsten möchte man die folgende Geschichte anfangen wie eines der guten alten Märchen, die uns von Oma erzählt wurden oder die wir selbst unseren Kindern vorm Einschlafen vorgelesen haben. Denn in den folgenden Zeilen kommt so ziemlich alles vor, was ein gutes Märchen ausmacht: Abenteuer, Pech, Glück im Unglück, eine Rettung aus höchster Not, der Verlust eines Kleinods, Menschen die helfen wollen und „Schurken“, die nur ans Geld denken. Hilfe, die „vom Himmel“ kommt und natürlich „gute Geister“, die aus reiner Nächstenliebe letztendlich dem Unglücksraben der Geschichte den Weg zum Happy End bereiten. 

Also: Es war einmal ein britischer Segler namens John Taylor, der sich vor 10 Jahren seinen 44 Fuß langen Katamaran selbst baute und mit seiner geliebten „Ocean Swift“ die Sieben Meere besegelte. John war ein versierter Segler und ganz offensichtlich auch begnadeter Bootsbauer, denn sein Katamaran segelte klasse, war höchst komfortabel und letztendlich richtig robust – wie sich noch rausstellen wird.. 

Am 5. Juli dieses Jahres segelte John Taylor einhand auf seiner „Ocean Swift“ in der Biskaya etwa 100 Seemeilen nördlich von La Coruna, als ihn ein heftiger Sturm überraschte. Bei 70 Knoten starkem Wind fürchtete der Segler um sein Leben und setzte einen Notruf ab. 

Rettung aus dem Himmel

Und ganz wie im Märchen gibt es auch im wahren Leben immer wieder Helden, die sich in Gefahr begeben, um anderen in der Not zu helfen. Bei John Taylor waren es die Damen und Herren von der spanischen Küstenwache, die den britischen Segler per Helikopter von seinem schwankenden, rumpelnden und bockenden Katamaran bargen. Wohlgemerkt: Im 70 kn Sturm.

Erste Aufnahmen nach dem Sturm © Marine Nationale Francaise

Ende gut, alles gut? Mitnichten, denn schon kurz nachdem John den Notruf abgesetzt hatte plagten ihn beim Warten auf die Retter Gewissensbisse. Wie konnte er nur sein Boot alleine der gewalttätigen See überlassen, wie konnte er sein Kleinod nur dermaßen im Stich lassen? Also sicherte er das Schiff so gut es nur ging und hoffte auf eine winzige, klitzekleine Chance: Dass die See es doch nicht kleinkriegen würde und er irgendwann wieder auf seinem Katamaran die Meere befahren wird. 

Kaum an Land, nach ein paar Stunden Schlaf, hatte sich der Sturm weitgehend gelegt und John begann verzweifelt, nach seinem Katamaran zu suchen. Er kontaktierte die spanische Küstenwache, die ihm vorrechnete, dass sein Boot – wenn es denn den Sturm überstanden habe – gen Norden getrieben sei und somit außerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches. Was wiederum die französische Küstenwache und Marine auf den Plan brachte. Die versprachen dem Segler, bei ihren täglichen Routineflügen in der Region die „Augen offen“ zu halten. Nicht zuletzt, um das treibende „UFO“ baldmöglichst aus dem Verkehr zu ziehen.

Gefunden!

Nur kurze Zeit später erhielt John die befreiende Nachricht: „Wir haben dein Boot gefunden und fotografiert. Es macht einen guten Eindruck, hat anscheinend alles gut überstanden!“  Überglücklich ließ sich John die genaue Position geben und begann sofort mit der digitalen Suche nach Helfern, die ihn zu seinem Boot bringen oder die „Ocean Swift“ in Schlepp nehmen könnten. 

John Taylor auf seiner Ocean Swift © taylor

Doch in den Sozialen Medien, wo John seine verzweifelten Aufrufe postete, gab es zwar eine Menge Mitgefühl und regelrechte Beileidsbekundungen, doch kaum konkrete oder ernst zu nehmende Hilfe. Zwar meldeten sich einige Bergungsgesellschaften, deren Lohnforderungen jedoch den britischen Skipper für den Rest seines Lebens ruiniert hätten. Und es gab dubiose Anrufer, die im Gespräch immer wieder die gleiche Frage stellten: Kannst du uns die genaue Position des Bootes durchgeben? Nur wenn wir die kennen, können wir dir ein Angebot machen…“ 

Von Guten und Bösen

Doch John blieb hartnäckig. Er wollte zwar sein Schiff wiederhaben, dafür aber keine Gelder im Wert einer Eigentumswohnung blechen. Und schon gar nicht das Boot irgendwelchen Bergungsgaunern überlassen. Also suchte er  explizit unter den Seglern entlang der französischen Atlantikküste Hilfe. Das französische Segel-Magazin Voiles & Voiliers veröffentlichte seinen Aufruf online und peu a peu gab es ernstzunehmende Vorschläge, auf welchem Weg, mit welchem Boot bei welchem Wetter man an die Ocean Swift kommen könne. 

Mittlerweile hatten die französische Marine und Küstenwache das Boot mehrfach gesichtet. Sie bestätigten jedes Mal den Top-Zustand des Katamarans. 

Taylors erster Hilferuf © Taylor

Bühne frei für Eric Longier de Lohéac. Der Segler aus Vannes war mit einigen Freunden auf einer gecharterten RM 1200 namens “Kermoor” unterwegs. Nein, besser gesagt: DieKermoor” und ihre Crew waren auf Pilgerfahrt zurück von Santiago de Compostella (ja, auch das gibt es: Pilgern zur See!) und hatten gerade im spanischen Muxia fstgemacht, als sie vom Schicksal der Ocean Swift durch Freunde an Land erfuhren.

Mit deren Hilfe kontaktierten sie John Taylor, erarbeiteten einen Routenplan und kontaktierten den Eigner ihres Bootes, um sich die Erlaubnis für eine Rettungsaktion mitten in der Biskaya einzuholen. Denn genau dort vermutete man nach den letzten Sichtungen nun die “Ocean Swift”.

Und schon wieder spielte das Schicksal mit: Bruno, der Eigner des Pilgerbootes, arbeitet bei der französischen Marine und konnte seine Kollegen überzeugen, nochmals nach dem “Katamaran” zu suchen. Dann setzte er sich in den Zug und fuhr höchstpersönlich nach Muxia um bei der Bootsrettung dabei zu sein. 

Die gute Tat der Jakobsseewegpilger

Am 26. Juli lief die „Kermoor“ mit Crew und John Taylor aus, nachdem ein Marineflieger das Boot gefunden und eine genaue Position durchgegeben hatte. Doch wie schnell sich das Glück wenden kann, zeigten die nächsten Stunden. Denn nach dem Sturm kommt bekanntlich die Flaute. Und die hatte die Biskaya für ein paar Tage voll im Griff. Den größten Teil der Strecke musste die Kermoor motoren. Würde der Sprit bis zum treibenden Ziel reichen? 

Am 28.Juli rief dann Ausguck: Sie liegt vor uns!   Kurz zuvor hatte der Zoll bei einem Sichtungsflug den Kat erblickt und die genaue Position durchgegeben.

John Taylor war im höchsten aller Glücksgefühle. Nach bangen Stunden an Land und auf See hatte er endlich sein Boot wieder vor Augen!

Die Crew der Jakobsseewegpilger, mit John Taylor 2. v. rechts. Hinten der gerade gefundene Kat. © Eric Longier de Lohéac

Doch die „Kermoor“ fuhr buchstäblich mit dem letzten Tropfen Sprit an den Katamaran heran. Ein Beiboot wurde aufgepumpt und der überglückliche John Taylor zu seinem Kat gerudert. An Bord konnte er es nicht fassen, wie gut sein Schätzchen die Zeit ohne ihn überstanden hatte. Alles schien in Ordnung und nach ein paar Versuchen sprang sogar prompt der Motor an. 

Ein paar herzliche Umarmungen, Schulterklopfen und Abschiedswinkereien später trennten sich die beiden Boote und John Taylor nahm auf der “Ocean Swift“ winkend und Glückwünsche rufend seinen Weg Richtung Heimat wieder auf. Unter Motor, versteht sich, wegen der Flaute und so… 

Die „Kermoor“ blieb dümpelnd mit schlagendem Groß zurück. Doch was macht das schon, sagten sich die pilgernden Rettungssegler. Wir haben ein gutes Werk vollbracht, einem Menschen in höchster Not geholfen und überhaupt seglerische Solidarität bewiesen. Geht noch mehr gutes Karma?

Erneute Rettung im Sturm

Also doch Ende gut, alles gut? Nicht ganz. Denn nach der Flaute kommt bekanntlich der Sturm und „Kermoor“ samt Besatzung wurden arg gebeutelt. Vor der Insel Groix (vor Lorient) bekamen die Pilger dermaßen was auf die Mütze, dass sie den nächsten Hafen anlaufen wollten. Nur: Wie soll das bei dem Wind und dem Seegang ohne Motor klappen?

Also setzte Eric Longier de Lohéac einen Notruf ab, die Küstenwache im nahegelegenen Etel eilte prompt zur Stelle, übergab aber keinen Sprit sondern schleppte kurzerhand Boot und Crew sicher nach Port Tudy auf Groix. 

Jetzt aber: Ende gut, alles gut. Oder? Immer noch nicht. Denn Eric Longier de Lohéac erhielt ein paar  Tage später eine Rechnung über 650 Euro fürs Abschleppen seines Bootes. Also dachten sich die Pilger, dass man wohl John Taylor zumindest um eine Beteiligung an diesen Kosten bitten könne. Schließlich wurde der letzte Tropfen Sprit bei der Suche nach dessen Boot verheizt. 

Doch von John Taylor kam keine Antwort. Noch nicht… 

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Michael Kunst

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