Kiterin Leonie Meyer: Rückkehr aus Neuseeland – Fragen zur Fortsetzung der Saison

Zurück aus der Bubble

Deutschlands Kiterin mit Olympia-Ambitionen Leonie Meyer ist zurück in in der Heimat. Zurück aus Neuseeland, wo sie nach einem Trainingslager wegen des dortigen Corona-Shutdowns einige Zeit festsaß. Und obwohl sie auf der anderen Seite der Welt bei ihren Gastgebern relativ komfortabel die Ausgangssperre abwettern und im Training und Praktikum im North Shore Hospital in Auckland wichtige Sport- und Berufserfahrungen sammeln konnte, ist sie glücklich, wieder in Deutschland zu sein. Glücklich und dankbar! Denn sie konnte erfahren, wie wichtig es ist, wenn das heimische Staats- und Sozialsystem funktioniert und trotz allen weltweiten Komplikationen eine Rückholaktion organisiert.

In Neuseeland konnte Leonie Meyer viele Wasserstunden absolvieren. Foto: Joshua McCormack

Die vergangenen Wochen haben auch zu einem veränderten Blickwinkel bei der 26-Jährigen geführt. In einem Flieger sieht sie sich selbst so schnell nicht wieder. Vielmehr will sie ihre Reisen auf Europa konzentrieren, zu Zielen, die sie mit ihrem Van erreichen kann. Nach der Rückkehr verbrachte sie einige Zeit im Ferienhaus am Dümmer, kümmerte sich um Studium, Steuererklärung und hielt sich mit einem Heimprogramm von DSV-Athletik-Fitnesstrainer HP Lange fit. Kiten war zunächst kein Thema. Die Pause bot indes Gelegenheit, um die vergangenen Monate Revue passieren zu lassen, die für einige Aufregungen gesorgt hatten.

Beim Training Anfang Januar in Mexico ritzte sich Leonie Meyer auf dem Wasser das Bein am Kite auf. Das Fatale: Sie war allein auf dem Wasser und gut einen Kilometer vom Land entfernt. Doch die erfahrene Wassersportlerin kam zurück ans Ufer. Ihre Pläne indes änderten sich daraufhin. Nie mehr allein auf das Wasser, heißt nunmehr die Devise. Daher cancelte sie auch das für Ende Februar in den Semesterferien geplante Camp in Mexico, da dort nicht in ausreichendem Maße Trainingspartner zur Verfügung gestanden hätten.

Vor dem Lockdown gab es unbeschwerte Tage. Foto: Meyer

Nach vielem Rumfragen flatterte aus Neuseeland von Kite-Freundin Justina die Anfrage ins Haus, nach Neuseeland zum Training zu kommen. Es gäbe einen Coach, ein Motorboot zweimal die Woche und lokale Kite-Races. Und zur Krönung gab es einen durch Justina auch noch vermittelten Praktikumsplatz in der Aucklander Klinik. „Es war eine wirklich großartige Gelegenheit, und ich bin sehr froh, dort gewesen zu sein“, berichtet Leonie Meyer von aufregenden Wochen in der neuseeländischen Metropole mit einem intensiven Training auf hohem Niveau und einer perfekten Trainingspartnerin, die exakt das gleiche Level hatte und damit ideales Angleichen ermöglichte.

Angleichfahrten auf hohem Niveau gab es im Training vor Auckland. Foto: Joshua McCormack

Doch zum Abschluss der Kiwi-Wochen änderte sich die Welt. Das Corona-Virus erreichte auch Neuseeland. Der geplante Rückflug wurde abgesagt, auch die Umbuchung platzte, und plötzlich ging nichts mehr. Die Fluggesellschaften waren nicht mehr zu erreichen, auch das deutsche Konsulat machte dicht. In Online-Chats mit der Familie suchte Leonie Meyer verzweifelt nach einer Möglichkeit, einen Flieger nach Deutschland zu ergattern. Ohne Erfolg! Letztlich scheiterten alle Versuche oder die Optionen schienen zu unsicher, so dass die Kiterin in den Lockdown in Neuseeland hineinschlitterte.

Im Lockdown gab es an der Seite der Mitbewohner in Neuseeland über Chats Kontakt zu den Brüdern, und es wurden eSailing-Duelle gesegelt. Foto: Meyer

Für vier Wochen sollten alle Einheimischen und auch die ausländischen Gäste ihre „Bubble“, ihre Hausgemeinschaft, außer für wichtige Besorgungen nicht verlassen. In ihrer Gastfamilie war Leonie Meyer zwar gut aufgehoben und durfte ihren Aufenthalt gern verlängern. Doch in der Krisensituation wäre sie gern zu Hause gewesen. Ihr fehlten Eltern, Brüder und ihr Freund, und als Medizinstudentin hätte sie auch gern geholfen, wenn es in der Situation in Deutschland gefordert gewesen wäre. Stattdessen lief der Kontakt in die Heimat nur online, mit eSailing-Regatten gegen die Brüder und Chats mit der Familie.

Endlich ein Flugticket: Über die Rückholaktion der Bundesregierung ging es zurück nach Deutschland. Foto: Meyer

Nach zwei Wochen in Isolation kam dann aber doch Bewegung in die Sache. Nachdem die neuseeländische Regierung das Rückholprogramm der deutschen Regierung zunächst gestoppt hatte, wurde die Aktion doch wieder gestartet.

Eine Mammutaufgabe, denn rund 12.000 Backpacker tourten zu dem Zeitpunkt durch das Land am anderen Ende der Welt. Die Kommunikation dazu lief über die sozialen Medien. Nicht alles lief dabei rund, aber: „Meiner Meinung nach machte die Botschaft einen tollen Job in einer extrem schwierigen Lage. Mein Bubble-Mitbewohner Ben durfte mich mit dem Auto zum Flughafen fahren. Von meinen Trainingspartnern Justina und Lukas konnte ich mich aber nur per Videocall verabschieden, denn sie gehörten nicht zu meiner Bubble“, berichtet Leonie Meyer, die weiß, dass es ein Auf-Wiedersehen auf unbestimmte Zeit war. Einige Wochen zuvor war sie noch überzeugt, auch im nächsten Winter wieder nach Auckland zu kommen und eine weitere Famulatur-Trainingszeit dort zu verbringen. Jetzt ist das wohl kaum denkbar.

Wie geht es weiter mit der Kite-Saison? Vor dieser Frage steht Leonie Meyer nun. Foto: Joshua McCormack

Nach anstrengender Flugreise über 27 Stunden sowie anschließender Zugfahrt erreichte die Kiterin schließlich ihre Kieler Heimat. Für die Quarantäne-Zeit zog sie dann aber an den Dümmer um, wo die Eltern im Ferienhaus die Vorräte aufgestockt hatten. Mit Joggen sowie Kraft-, Balance- und Koordinationsübungen hielt sie sich fit und freute sich, wieder zuhause zu sein: „Wir können uns wirklich glücklich schätzen über diese Regierung. Ich bin stolz, dass wir das als Nation so gut handeln können. In welch guter Position Deutschland ist, zeigt sich gerade in solch einer Krise.“

Am Dümmer verbrachte Leonie Meyer die ersten Tage nach der Rückkehr. Der Van vor der Tür wird in Zuunft wohl noch stärker genutzt werden, da Flugreisen eher unwahrscheinlicher werden. Foto: Meyer

Da die Hilfe von Medizinstudenten aktuell doch nicht gefordert ist, kann Leonie Meyer auch über die Fortsetzung der Kite-Karriere nachdenken. Und da gibt es viele Fragezeichen. Für 2020 wären viele hochkarätige Events in Europa geplant gewesen. Da die Planung aber spontaner ist als im Segelsport, gab es für 2021 noch wenig Konkretes. Damit ist eine Nominierung für einen Kader in Richtung 2024 in der Schwebe: „Die Planung hätte in diesem Jahr aufgestellt werden sollen, um dann 2021 die Förderung beginnen zu können. Aber auch damit wären wir im Vergleich zu anderen Nationen schon sehr spät gewesen. Jetzt beginnt alles vielleicht erst 2022, und dann sind es nur noch zweieinhalb Jahre bis zu den Olympischen Spielen.“

Der Abstand zu den führenden Nationen könnte wieder größer werden. Dabei hatte sich Leonie Meyer gerade an die internationale Spitze herangearbeitet, sieht sich weltweit im Einzel zwischen Rang fünf und neun. Im Team mit Florian Gruber, der bereits über große Erfahrung verfügt, sogar noch etwas weiter oben – vielleicht mit Chance auf das Podium.

„Ich hoffe, dass wir schnell zu einer Klärung kommen. Als Mitglied im NRV Olympic Team stehe ich sehr gut da, bekomme die Reisekosten erstattet. Aber uns fehlt die Möglichkeit zu eigenen Trainingslagern und ein verantwortlicher Coach.“ Nach der Rückkehr aus Neuseeland hatte Leonie Meyer ein paar Wochen Zeit zum Durchatmen, doch mit Blick auf Olympia 2024 heißt es, bald wieder Tempo aufzunehmen: „Große Regatten habe ich für dieses Jahr aus dem Kopf gestrichen, aber vielleicht kann man mit Social Distancing später im Jahr noch die deutsche Tour fahren.“

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Ralf Abratis

... ist unser Mann aus der "Segelhauptstadt" Kiel. Mehr zu ihm findest Du hier.

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