Klassen: Der Pirat begeistert auch nach über 80 Jahren – Gespräch mit EM Frieder Billerbeck

Glücklich unterm Beil

Kann ein Boot aus den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts junge Segler begeistern? Der Pirat kann – und lässt so ganz nebenbei noch genug Platz für die etwas älteren Damen und Herren auf der Startlinie. Status Quo einer Kult-Klasse aus der Sicht eines 28-jährigen Europameisters!

Kann ganz schön kernig werden, unterm Beil (im Segel) © pepe hartmann

Wie kann das sein? Da gibt es eine Bootsklasse, die bereits seit acht Jahrzehnten im wahrsten Sinne der Worte „Jung und Alt“ begeistert und auch in Zeiten von Foils und Doppeltrapez als verdrängende Zwei-Personen-Ausreitjolle weiterhin junge Menschen anzieht. Damit nicht genug: Das Boot wird selbst in Zeiten eines 29ers sogar als Jugendmeisterschaftsklasse vom DSV gefördert. 

Boot mit Beil und Kult

Insider ahnen längst, welche Bootsklasse da nur gemeint sein kann: Der „Pirat“, das 5 m lange und 1,61 m breite, karweel beplankte Boot aus dem Jahre 1938 (!) aus der Feder des Bootskonstrukteurs Carl Martens. Ein Boot, das längst Kult ist – nicht zuletzt wegen einer äußerst regen Klassenvereinigung und einem hohen Partyfaktor. 

Wie bei allen EM wird’s auch bei den Piraten eng auf der Startlinie © Ole Thiele/waterwave8

Wer sonst als ein überaus erfolgreicher Segler aus eben dieser Klasse könnte besser Antwort auf die eingangs gestellte Frage geben? Also haben wir mit Frieder Billerbeck gesprochen, der kürzlich gemeinsam mit Vorschoter Julius Raithel erneut Europameister im „Pirat“ wurde. Den 28- und 30-Jährigen gelang das Kunststück bereits zum zweiten Mal. 2019 hätte ihnen das beinahe den Titel „Segler des Jahres“ bei der Seglerzeitung und beim Segelmagazin eingebracht. Wäre da nicht der sieben Jahre ältere Bruder Max Billerbeck mit seiner überragenden Dominanz im Contender eingegrätscht. 

Im Team macht’s mehr Spaß

Pirat-Segler Frieder Billerbeck berichtet in den folgenden Zeilen aus seiner Sicht über das Boot als solches, die Klassenvereinigung (wo er als „Obmann Technik“ zudem aktiv ist) und blickt kurz zurück auf den Verlauf der EM In der Schweiz. 

SegelReporter: Die Segelwelt bietet foilende Motten, olympische 49er und rasende Nacra-Kats – um nur wenige spektaktuläre Klassen zu nennen – und dennoch zieht ein uraltes Boot einen talentierten und technisch interessierten Segler wie Dich in seinen Bann. Was ist Besonderes dran an dem alten Verdränger? 

Frieder Billerbeck: Das Boot ist ganz einfach klasse und wird häufig aufgrund seines Alters völlig unterschätzt. Klar, es gibt modernere Boote, die mehr Action versprechen, aber für mich persönlich sind neben den Piratenseglern eher pragmatische Gründe ausschlaggebend gewesen, in die Klasse einzusteigen. Als ehemaliger Europe-Segler war für mich wichtig, dass man zu Zweit segelt. Denn im Team macht das Ganze wirklich mehr Spaß als alleine. Zudem ist der Pirat einfach konzipiert. Es geht wenig kaputt, man muss nicht viel basteln, alles hat sich über Jahrzehnte hinweg bewährt. Das Boot hält lange durch, ist wertstabil, was sich eben auch in einem etwaigen Wiederverkauf niederschlagen wird. 

Auch mit älteren Booten voll konkurrenzfähig © Ole Thiele/waterwave8

Wir haben uns gerade ein eigenes Boot gekauft, waren vorher auf einem Clubboot unterwegs. Im Prinzip wird man also auf diesem Boot noch in 15 Jahren vorne mitsegeln können. Das beweisen übrigens jede Menge ältere Boote in den leistungsdichten Pirat-Regattafeldern, gegen die wir um die vorderen Plätze wirklich kämpfen müssen. Gutes Beispiel ist etwa die diesjährige Deutsche Meisterschaft, bei der die Vizemeister auf einem Boot segelten, das um die Jahrtausendwende gebaut wurde.

Rein seglerisch betrachtet kann ein „Pirat“ ganz schön fordern. Klar, das Boot ist ein Verdränger, keine Gleitjolle. Aber man kommt schon ins „Rutschen“, bei Wind und Welle. Kreuzen kann der Knickspanter sowieso richtig gut und durch seine Robustheit und sein unkompliziertes Verhalten kann man den „Piraten“ wirklich auf allen möglichen Revieren unter den meisten Windbedingungen segeln: Vor Warnemünde bei Welle, auf dem Ruhrsee, wo der Wind häufig dreht und aus allen Richtungen kommt, auf der Elbe bei Strömung… da ist man in manchen Skiff-Klassen schnell überfordert.

Stark bei stärkeren Winden

Klar, als ich von der Europe in den Piraten umgestiegen bin, war ich erstmal überrascht, dass der nicht so kippelig agiert. Aber schon beim Ausreiten ist es ähnlich: Die Windrange, ab der man (bei meinem Gewicht) hängen muss, ist ungefähr gleich. Zudem gewinnt man Regatten ja nicht nur durch Sportlichkeit. Julius und ich sind jedoch eher sportliche Typen und fühlen uns bei viel Wind richtig stark und gut. Dann muss man auf dem Piraten genauso viel arbeiten, wie auf Laser oder Europe! Bei wenig Wind gab es bei uns öfters mal Schwierigkeiten, was sich aber zuletzt gebessert hat.

Getrimmt wird auf dem Piraten ähnlich wie bei anderen Booten. Cunningham, Unterliekstrecker – damit arbeiten wir viel. Seit 2013 ist es erlaubt, beim Fockfall eine Talje zu fahren, was auch viel ausmachte an der Performance. Entsprechend arbeiten wir auch mit dem Mastfall.

SegelReporter: Der Ruf Eurer Klassenvereinigung ist kaum noch zu toppen. Trifft man „Piraten“ irgendwo, ist immer was los. Wie habt Ihr das angestellt und was macht den Charme Eurer KV aus?

Super Szenerie bei der EM auf dem Vierwaldstättersee © Ole Thiele /waterwave8

Frieder Billerbeck: Was uns einzigartig macht, ist diese Mischung aus jung und alt. Bei Regatten oder in den Vereinen treffen sich regelmäßig richtig junge Segler und Seglerinnen mit den „Alten“, die auch als Ü70iger noch Rennen segeln. Die Mischung macht’s in vielerlei Hinsicht: Ob man zu Regatten fährt und sich eher auf das Zusammensein abends mit alten Freunden freut oder wirklich die „Duelle“ auf dem Wasser sucht – bei den Piraten wird’s alles geboten. Anders gesagt: Wenn irgendwo ein Lagerfeuer brennt oder eine Party steigt, sind (fast) immer „Pirat“-Segler dabei. Und wer richtig harte Konkurrenz beim Regattasegeln sucht, wird ebenfalls bedient. Dabei ist übrigens zu beachten, dass die Konkurrenz in Ostdeutschland stärker ist als in Westdeutschland – ohne irgend jemandem nahe treten zu wollen. Das liegt auch daran, dass viele ehemalige DDR-Kadersegler auf den Pirat umgestiegen sind.

Viele Boote auch in der Türkei und Ungarn

Was den Charme der „Piraten“ ausmacht? Ganz bestimmt gewisse Kult-Regatten wie der Aasee-Pokal in Münster Ende der Saison, der dieses Jahr leider wegen der Pandemie-Lage erneut nicht wie gewohnt/ ohne Party stattfinden wird. Da muss man einfach dabei gewesen sein. Ein total kleiner See, auf dem man eigentlich nur in zwei Richtungen segeln kann – die Binnenalster ist groß dagegen. Man segelt in Gruppen, muss nicht unbedingt ein eigenes Boot mitbringen. Also schon tagsüber ein „get together“, bevor abends die Post richtig abgeht bei einer Motto-Kostümparty. Weitere Kult-Regatten: Die Nikolaus Regatta in Berlin – gerne auch mit Eisschollen auf dem Wasser – oder Anfang Januar der Wa(h)l-Pokal in Brunsbüttel. Keine Ranglisten-Regatta, aber Kult: Zwei gleichwertige Boote werden zur Verfügung gestellt und man segelt Match-Races im Brunsbütteler Hafen. Sehr erlebenswert! 

Geackert wird so oder so © Ole Thiele/waterwave8

Insgesamt werden alleine in Deutschland in Pandemie-freien Jahren tatsächlich ca. 50 Pirat-Regatten veranstaltet. Und nicht nur in Deutschland segelt man die Bootsklasse: Viele „Piraten“ segeln in der Türkei und Ungarn, Tschechien, in der Schweiz und Österreich (wobei die Österreicher derzeit etwas „schwächeln“), vereinzelt in Dänemark und in Chile (!) –  deutsche Auswanderer haben das Boot gewissermaßen mitgenommen. Eines meiner persönlichen Ziele ist übrigens die Teilnahme bei einer chilenischen Pirat-Meisterschaft. 

Schätzungsweise über 250 Piraten segeln weltweit aktiv Regatten zur Zeit – für eine über 80 Jahre alte Klasse nicht schlecht. Es gibt sicherlich mehr Segler die in einem Piraten unterwegs sind, wie z.B eine Holzbootszene in Deutschland, die sich mindestens 1x Jahr trifft. Allerdings kann ich da außerhalb der nachvollziehbaren Regattateilnehmer keine Zahlen schätzen.

SegelReporter: Und wie habt Ihr Beide es auch in diesem Jahr wieder geschafft habt, die Europameisterschaft zu „wuppen“? 

Frieder Billerbeck: Julius und ich segeln ja schon seitdem ich in die Klasse kam, also seit über 10 Jahren, zusammen. Julius ist noch länger dabei – der saß schon mit 13 Jahren im Piraten! Und erst in diesem Winter haben wir ein neues Boot gekauft. Resultat: Bei ganz wenig Wind sind wir ein bisschen schneller geworden, mittlere Windstärken liegen uns immer noch nicht so hundertprozentig und viel Wind mögen wir sowieso. Genau so war auch die Reihenfolge der Windverhältnisse bei der EM auf dem Vierwaldstättersee bei Brunnen. Erster Tag war super, wir konnten 9-1-1 segeln,  ein klasse Einstieg. Das Thermik-Revier „Uri-See“ kam uns entgegen.

Auf Risiko gesegelt

Wenn wir uns freifahren konnten, stimmte auch immer die Geschwindigkeit. Gegen Ende wurde es dann noch etwas schwieriger, als es sicher wurde, dass wir mehr als 10 Wettfahrten segeln. Das Arbeiten mit zwei Streichern war ich ehrlich gesagt nicht so gewohnt. Man muss in solchen Fällen etwas mehr „auf Risiko“ segeln, was uns gegenüber den letztendlich Zweitplatzierten einen echten Vorteil einbrachte,. Svenja und „Butze“ triumphierten zuvor bei der Deutschen Meisterschaft mit vorsichtiger Konstanz, allerdings ohne auch nur ein Mal einen Lauf gewonnen zu haben. Die Beiden konnten uns bei der EM aber dann.nicht mehr richtig unter Druck setzen; zudem kam uns entgegen, dass nach drei Leicht- und Mittelwindtagen am letzten Tag mit 16 Knoten wehte. Der diesjährige Deutsche Vize-Meister Donald Lippert mit seiner Frau Phyllis  hatte sich schon mit zwei Frühstarts etwas ins Abseits geschoben. Letztendlich hatten wir dann schon vor dem 12ten Rennen alles in trockenen Tüchern, sind aber trotzdem noch voll mitgesegelt, weil wir durchaus auch Kandidaten sind, die mal einen UFD segeln. Alles in allem ist alles richtig gut gelaufen für uns!

Youngster sind mehr als willkommen © KV “Pirat”

SegelReporter:  Auch wenn wir jetzt mal davon ausgehen, dass Du den „Piraten“ für „immer und ewig“ erhalten bleiben wirst – hast Du außerhalb der Klasse noch Ziele? 

Frieder Billerbeck: Julius und ich wollen unbedingt mal noch Deutscher Meister werden – Europameister hat ja schon zwei Mal geklappt, der deutsche Titel wäre uns richtig wichtig. Und ja… eine Foil-Klasse würde ich dann doch mal gerne segeln. Vielleicht damit auch eine Regatta – aber das wird sich schon noch irgendwie ergeben. 

Pirat Klassenvereinigung

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Ein Kommentar „Klassen: Der Pirat begeistert auch nach über 80 Jahren – Gespräch mit EM Frieder Billerbeck“

  1. avatar Gerd Müller-van Ißem sagt:

    Motiviert Inn motivierend ⛵️

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