Ist Segeln doch Kampfsport? Ein Moth-Pilot im Blutrausch.

Gleich hab ich dich, gleich fress ich dich...

Blutunterlaufene Augen, verzerrte Züge. Selten zeichnet sich Wille so sehr in einem Gesicht ab. © P. Smith

In jüngster Vergangenheit haben Juristen, die es mit ihrem segelnden Klienten wohl meinen, hart dafür gekämpft, dass diese Art der Leibesertüchtigung nicht als Kampfsport gewertet wird. Der Fall dürfte wieder aufgerollt werden, wenn die Richter diese Bilder des irren Seglers sehen.

Dabei handelt sich um einen uns unbekannten Moth-Segler. Die Augen sind gerötet, die Züge verzerrt, die Zähne mahlen aufeinander. Was hat den Mann zu dieser extremen Gemütsfassung gebracht?

Bei einem Fußballspiel würde es im nächsten Moment zu einer Tätlichkeit kommen. Die rote Karte ist vorprogrammiert. Der Gegner hat ihm zigmal versteckt, den Ellenbogen in den Rücken gerammt. Nun setzt unser Mann zur brutalen Blutgrätsche an.

Mit Schenkeldruck, Kampfgeist und roher Gewalt...© P. Smith

Was mag ihn beim Segeln so weit gebracht haben? Ein Gegner, der ihn permanent hochluvt, mit ihm vom Kurs abkommt, während die Konkurrenz vorbeisegelt? Ein Vollidiot, der ihm ohne Wegerecht vor den Bug gefahren ist und seine Kenterung verursacht hat?

Es gibt diese Momente, die auch Segler zu extremen Gefühlsausbrüchen neigen lässt. Sie finden Ausdruck in der Geschichte vom Jollensegler, der sich bei einer Tonnenrundung  als äußerstes von fünf Booten über das Reinquetschen des Innenliegers ärgert, mit großen Schritten über die verkeilten Rümpfe sprintet, seine Wut per Faustschlag freien Lauf lässt und wieder zurück hastet.

Solche Momente sind Gott sei Dank rar im Segeln. Man kommt dem Gegner nicht schnell genug nahe genug. Die Wut verraucht. Das Gefährt erfordert die volle Aufmerksamkeit.

Vorwind mit der Flügel-Moth. Eine der schwersten Übungen mit dem Fluggerät. © P. Smith

Auch im Fall des abgelichteten Wut-Seglers ist es unwahrscheinlich, dass ein Gegner der Grund für die Emotion ist. Denn der Mann sitzt auf einer Motte. Die Tatsache, dass er einen Helm trägt, lässt darauf schließen, dass er schwer von seinem Sportgerät gefordert wird. Je anspruchsvoller das Boot, umso unwichtiger werden die Gegner.

Der Mann kämpft mit der Motte. Er will sie beherrschen. Er mag schon zehnmal abgeworfen worden sein. Aber er will sich nicht unterkriegen lassen. Nicht von dieser verdammten Kohle-Schüssel, die ihm ihren Willen aufzwingt. Nicht von den heftigen Böen, nicht von den Wellen, die ihm Luft unter den Flügel bringen.

Das Salzwasser brennt in den Augen, die Muskeln schmerzen vom ständigen wiederaufrichten. Und nun rast dieses Gefährt wieder in einem Höllentempo in eine Richtung, in die er nicht will. Es wird zum lebendigen Wesen. Ein Geschöpf, das er anschreien und schlagen will. Es soll sich endlich fügen.

Der Mann hat erst mit seiner Motte ruhig geredet. Aber sie will ja nicht hören. Dabei sind ihre Ohren groß genug. Also geht es nur mit absolutem Willen, heftigen Schenkeldruck und roher Gewalt. Wenn sie sein Gesicht sähe wüsste sie: Keine Chance.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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7 Kommentare zu „Ist Segeln doch Kampfsport? Ein Moth-Pilot im Blutrausch.“

  1. avatar bläck sagt:

    🙂

    Klasse…..

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  2. avatar Marc sagt:

    Hmm da muss aber eine gehörige Portion Wut im Spiel gewesen sein. Seine Zähne sind ja schon ganz auseinandergedrückt vom drauf rummahlen.

    Verstehen kann ich ihn, auch ich habe sehr sehr oft mit meinem Laser gesprochen 😉 Das ist glaube ich normal beim Einhand segeln, darum bin ich auch froh nun jemanden am Draht zu haben, der auch antwortet wenn man mit im redet 😉

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    • avatar Andreas Ju sagt:

      Ich bin manchmal ganz froh gewesen im Laser, dass der mir NICHT geantwortet hat, denn ich war nicht immer zufrieden mit ihm. Etwa, wenn der Lenzstopfen aus der Bootsbau-Steinzeit schon wieder bei einer Wende halb vom Fuß rausgezogen wurde. Oder, wenn die Schot ganz ohne mein Verschulden bei der Halse an der Ecke hängen blieb. Boote können wahnsinnig viel falsch machen, wehren sich aber immerhin nicht gegen berechtigte, wen auch heftige Verbal-Kritik. Im Gegensatz zu Menschen vor einem am Draht.

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  3. avatar Egon sagt:

    Ich glaube, ihr tut ihm unrecht.
    Das ist sein ganz normaler, völlig entspannter Gesichtsausdruck.
    Er kann doch nichts dafür.
    Und dann noch Witze darüber machen.
    Pfui !

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  4. avatar Manfred sagt:

    Mann-o-mann: Blutrausch, Kampfsport, Wut-Segler, Willen aufzwingen, Ellenbogen in den Rücken gerammt und nirgends zu lesen oder angedeutet, dass das hier eine Satire ist. So viel Gewalt in der Welt, täglich in der Blöd-Zeitung, im SPon und jetzt auch im SR angekommen und auf den Segelsport übertragen. Habt Ihr sie noch alle?

    Schüttel Dir mal das Wasser aus den Ohren, aus dem Helm, aus dem Gesicht, wenn Du gerade mit bis zu 15 kn an der Kreuz kurz in Luv eingetaucht aber gleich wieder oben bist. (Motte, 49er, Tornado, I14, 18er)Dann sieht man auch so aus, es sei denn man bleibt warmduschend zu Hause oder segelt Drachen.

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  5. avatar nina sagt:

    Also mal ehrlich, es gibt Bedingungen, da ist Motte segeln nicht einfach…aber es ist nun auch kein Wunderding und bestimmt kein Kampfsport, der mit roher Gewalt zu lösen ist. Vorne sind immer wieder die Segler mit einem hervorragenden Bootsgespür, einem immensen technischen Verständnis, der richtigen Kondition sowie einem guten Gleichgewicht. Und wenn die fliegen lächeln sie selig, denn es gibt kaum ein besseres Gefühl… Welcher Segler kennt nicht das “Dauergrinsen”, das sich während einer ausgiebigen Glitsch auf dem Gesicht ausbreitet und noch lange Zeit nachwirkt?

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 2 Daumen runter 10

  6. avatar Friedrich sagt:

    Quote “Verstehen kann ich ihn, auch ich habe sehr sehr oft mit meinem Laser gesprochen 😉 Das ist glaube ich normal beim Einhand segeln, darum bin ich auch froh nun jemanden am Draht zu haben, der auch antwortet wenn man mit im redet ” unquote

    Komisch, nicht nur Einhandsegler schreien Ihre Boote an, auch die Kerle mit den 7 oder 8 oder 9 Mann vor ihnen brüllen wie die heiseren Stiere. Warum denkt die Crew bloß immer, der Mann mit dem prügel in der Hand meine die Mannschaft, wenn er so guckt und brüllt wie unser Mottenbändiger? Wir Steuermänner meinen doch nur das Schiff ;-)). Beweis: wir brüllen auch, wenn keine Mannschaft an Bord ist, siehe oben…

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