Knarrblog: 20 Knoten Speed beim Formula 18 Gennaker-Ritt

"Wie ein Käfer auf dem Rücken"

Vorwind im Vollrausch. Andreas steuert konzentriert, die Kraft auf der Schot ist enorm. © C. Kemmling

Und jetzt? Ich hänge im Wasser, schnappe nach Luft. Die Wende verlief etwas schnell. Ich sprang ins Trapez, der Kat drehte ab, mir riss es die Beine weg, ich kippte nach hinten und baumelte außenbords mit den Beinen im Wasser.

Und jetzt? Wie komme ich wieder an Bord? Kein Halt zum Reinziehen am abgerundeten Deck und die Beine sind nicht unter den Körper zu bekommen, weil immer noch Restfahrt im Schiff ist.

Immerhin weht es mit fast 20 Knoten. Es entwickelte sich gerade so etwas wie Regattafieber beim ersten Rennen mit zwei Finnen und einem Spanier, und schon vermassele ich Andreas Vorwärtsdrang.

Gemeinsam am Draht. Der Formula 18 Kat entwickelt früh genug Druck, um im Doppeltrapez auszureiten. © C. Kemmling

Hilflos strampele ich im Wasser während der Kollege versucht, die Fahrt aus dem Schiff zu bekommen. Für eine Sekunde überlege ich, mich über das Heck aufs Trampolin zu wuchten. Die klassische Art bei einer vollgelaufenen Jolle.

Aber da ist diese Spurstange im Weg, die beide Ruder verbindet. Der Skipper dürfte einen Blutrausch bekommen, wenn ich mich über das feinjustierte Gestänge rolle. Ein paar Zentimeter Asymmetrie dürften für maximalen Bremseffekt sorgen.

Andreas reicht mir von oben einen Trapezgriff, packt mich hinten an der Trapezhose und reißt mich auf die Kat-Plattform. Der Anblick dürfte wenig ästhetisch sein. Wie ein Käfer liege ich auf dem Rücken und erstrampele mir die verloren gegangene KKörper-Kontrolle. Aber weiter geht´s. Raus an den Draht, den Finnen hinterher.

Schön waagerecht hängen. Die Welt steht quer. © C. Kemmling

Ich überlege noch, was ich falsch gemacht habe, als die nächste Wende ansteht. Die funktioniert erstaunlich gut. Klar, weil ich mich automatisch mit dem rechten Fuß ins Trapez drücke. Mit Wind von Backbord bin ich so gegen die Beschleunigung gewappnet. Aber auf dem anderen Bug eben nicht. Also dort muss der linke Fuß zuerst raus. Ha, was für ein Lerneffekt!

Auch beim Vorwindsegeln. Wie ein Leser netterweise bemerkte, muss man bei der Formula 18 bei entsprechendem Wind sehr wohl auch unter Gennaker ins Trapez. Ich reiße das blaue Tuch hoch und will wie gestern vermeintlich gelernt gemütlich auf dem Luvrumpf rumlümmeln, als mich den erwartungsvolle Blick von Andreas trifft. „Raus?“ – „Ja, raus.“

Ich lerne, dass der Vorschoter unter Gennaker ab vier Windstärken und besonders bei Welle durchaus im Trapez steht. Und das möglichst weit hinten. Damit er den Leerumpf mit der Spitze aus dem Wasser hebelt.

Teufel, das geht ab! Den Luvschwimmer leicht angehoben, ins Wellental beschleunigt und dennoch kontrolliert. Mit zittrigen Beinen gewöhne ich mich vorsichtig an den Speed. 20 Knoten stehen auf dem Speed-Log. Wow!

Andreas steuert sauber und vorsichtig in den Böen. Etwas zu schnell abgefallen und ich kann mich nicht mehr halten. Das Vertrauen in Steuermann und Kat wächst. Eigentlich segelt die Plattform erstaunlich stabil. Unterschneider sind die große Gefahr. Aber unter Land ist die Welle wohl noch nicht hoch genug.

Nach den ersten High-Speed-Meilen werden die Arme länger und länger, wenn ich das Tuch in den Böen öffne und wieder nachtrimme. Wie sollen das bloß Frauen schaffen? Für sie soll Katsegeln mit einer Mixed-Crew schließlich in Zukunft olympisch werden. Helge Sach erzählt an Land, dass die Kräfte bei der möglichen Olympia-Klasse Tornado noch größer seien. Hmm, vermutlich bin ich einfach zu schlapp.

Das Schiff kreischt in höchsten Tönen, wenn es abgeht. Unangenehm. Gott sei Dank habe ich bald so viel Salzwasser im Gehörgang, dass die Töne nicht mehr durch Mark und Bein dringen. Andreas ärgert sich.

Denn was sich vielleicht schnell anhören mag, ist tatsächlich langsam. Er hat ein paar Schrauben am Ruderbeschlag nachgezogen, und das hat offenbar für eine minimale Unwucht gesorgt. Der Speed-Unterschied mag im Vergleich mit anderen Schiffen auftreten. Aber so weit sind wir noch nicht.

Am Ende der Segel-Session kommt das große Lob vom Skipper: „Tolle Leistung, nichts kaputt gemacht.“

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „Knarrblog: 20 Knoten Speed beim Formula 18 Gennaker-Ritt“

  1. avatar Christian sagt:

    genauso isses, wie Carsten schreibt! Segeln auf High-Performance-Kats ist harte Arbeit, aber man wird mit dem Geschwindigkeitsrausch belohnt. Und ab 20 Knoten Wind ist es auf dem F18 fast genauso haarig wie z.B. auf dem 49er. Die Zeiten, als Kat-Segeln gemütlich war, sind längst vorbei.

    Für Frauen und Jugendliche ist m.W. wegen der geringeren Kräfte der F16-Kat im Gespräch.

    By the way: Nahid Gäbler als aktuelle Tornado-Weltmeisterin ist phänomenal (und es hat in T-Münde teilweise geballert!)

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 0

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