Knarrblog: 50 Drachen bei der NRV-Frühjahrsregatta auf der Alster

"Vollidiot..." - Enge erzeugt Stress

Bild für das Album. Fast 50 Drachen liegen hinter der SegelReporter-Yacht "Dragonheart". © P. Kähl

„Blödmann! Vollidiot!! A…….!!! F……!!!! V….!!!!“ Was geht denn hier ab? Im toten Winkel hinter der Genua wird in unsere Richtung geflucht, beleidigt, geätzt. Hallo, wir sind bei einer gediegenen Drachen-Regatta. Da sollte man sich etwas höflicher echauffieren, etwas besonnener Unmut ausdrücken, oder den Proleten im Menschen ganz zuhause lassen.

Es mag an der Hektik liegen. 50 Drachen passen kaum gemeinsam auf die Alster. Enge erzeugt Stress. Insbesondere wenn die extrem spitzen Spitzen auf einen zielen. Ihnen folgen massive 1,7 Tonnen.

Ein Blick hinter das Segel in Richtung Lärmquelle lohnt. Kracht es gleich? Wer tönt da rum?

Das Team der Drachenherzen gibt alles... © P. Kaehl

Die Crew einer vollbesetzten Mietjolle hat sich im Drachen-Feld verirrt. Das Bewusstsein für die Situation fehlt. Sie bestehen auf der Vorfahrt. Im Recht sind sie. Aber wenn wir jetzt wenden, voll gegen den Dreher… Teufel, wir segeln hier ein Wettrennen. Was will dieser Sonntagsfahrer?

Es ist schon schwer genug, sich seinen Weg durch dieses Feld zu bahnen. Nach dem Bahnwärter ist es unsere zweite offizielle Regatta im Drachen. Aber da gingen kaum 20 Schiffe an die Linie. Nun startet bei der Verbandswettfahrt, deren erster Teil noch mangels Wind ausgefallen war, das Who is Who der Nordflotte.

Der Start ist ein großes Rätsel in so einem Feld für und Newbies. Wie macht man das bei einem Drachen?

Abonnements-Sieger Han Werner Zachariassen (r.) mit Anette und Peter Eckhardt. © P. Kaehl

Die meisten liegen mit aufgerollter Genua früh an der Linie und beschleunigen aus dem Stand. Besser ist es wohl, mit Speed von hinten zu kommen. Aber dafür muss man auch eine Lücke haben.

Beim ersten Start bin ich noch sehr vorsichtig in Luv am Startschiff. Die Kollegen können mit der Schiebemasse die Lücke am Schiff immer dicht machen, wo man bei einer Jolle sofort nach Lee abtreiben würde.

Aber wir wollen nach rechts, stellen uns an, können schnell wenden und erwischen den Lift unter Land. Herrlich, wenn so ein Langkieler durch das Wasser schäumt und der Rest der Gegner wie tot auf dem See treibt.

Klaus Libor (m.) mit Bruder Ulli und Janos Libor segeln auf Platz zwei. © Segelreporter.com

Zweiter an der Tonne hinter Yachtmakler Arne Schmidt, erster nach der nächsten Kreuz, der Vorsprung wächst, die Winddreher und Böen passen so unglaublich, dass man dem Braten eigentlich nicht trauen kann.

Yep, genauso passiert es. An der Verholer-Tonne fahren wir wie gegen eine Wand. Es bewegt sich nichts mehr. Gefühlte Minuten steht der Drachen mit schlaffem Spi auf dem Parcours herum. Die Meute hetzt heran und vorbei.

Aber das absolute Desaster hält sich in Grenzen mit Platz vier. Trotzdem fühlt sich der Platz nicht so schön an wie er sollte.

Das zweite Rennen beginnt mit einem Fauxpas. Der Kollege hinter uns kommt nicht in die Strümpfe. Eine kurze Wende vor seinem Bug sollte passen. Ich erschrecke mich ob der plötzlichen unerwarteten Nähe, falle ab um das Heck noch nach Luv zu drehen.

Jan Eike Andresen und Max Ziegelmayer (l.) helfen Robert Broszio an der Pinne beim Erreichen des vierten Platzes. © P. Kaehl

Aber der Freund scheint nicht davon überzeugt, dass wir vorbei kommen. Er erschreckt sich ebenfalls, wendet, schimpft, droht. Schwer zu beweisen, dass es möglicherweise gepasst hätte. Was ist zu eng? Wie viel Platz reicht aus? Die alte Frage beim Segeln nach Regeln.

Mit Abstand betrachtet besteht  eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass wir falsch liegen. Aber in diesem Moment fehlt das Unrechtsbewusstsein. Wir segeln weiter. Und auch das nicht schlecht. Wieder zieht es rechts bei dem schwachen Südwest, wieder vierter. Über Nacht gesamt zweiter.

Doch wie gewonnen so zerronnen. Am zweiten Tag gibt sich die Alster bei Westwind noch fieser und es wird noch enger auf der Bahn. Mal zieht es rechts, mal links. Die Startkreuz ist noch kürzer, der Start noch wichtiger.

Ex Starboot und 470er Champ Michael Koch (r.) und Tornado Olympionike Florian Spalteholz helfen bei Friedrich Torneden aus. © P. Kaehl

Zu vorsichtig zurückgezogen bei einem vermeintlichen Sammelfrühstart, zu blöd in der Mitte rumgewendet, zu sehr die Brechstange angesetzt, zu weit nach links… ergibt Platz 29.

Es geht um den Start. Wie macht man das beim Drachen? Viele stehen mit eingerollter Genua an der Linie und verteidigen ihre Position, ich versuche mit Speed von hinten zu kommen. Es funktioniert leidlich im zweiten Rennen mit einem Top 15 Platz an der Luvtonne. Nach einem schönen von Jörg angesagten Sahneschlag durch die Mitte wird daraus noch ein sechster.

Damit liegen wir wieder richtig gut vorne dabei. Das letzte Rennen muss passen. Und diesmal haut der Start exzellent hin. Mit Speed durch eine Lücke. Das Luvboot sollte abgeklemmt sein und der Weg für eine Wende frei.

Von wegen. Der Däne in Lee kommt hoch und der Kollege in Luv hält sich auch viel länger als geplant. Was ist los?

Backstag vergessen! Ohne den Masthalter in Luv hängt das Vorstag bei etwas Druck durch. Der Kahn fährt keine Höhe. Das ist jedenfalls meine Erklärung. Vielleicht bin ich auch nur blöd gesteuert.

Jedenfalls sind wir blockiert. Rutschen in die Schütte des  Dänen und können uns nicht durch eine Wende befreien. Selbst mein heftiger Faustschlag auf das Deck kann die Situation nicht ändern. Es tut weh.

Wir kämpfen uns noch auf einen 16. vor und insgesamt auf einen ordentlichen 6. Mehr war drin, aber auch weniger. Am Ende sind die Promi-Teams wie gewohnt vorne. Hans Werner Zachariassen, ehemals einer der besten Finn Dinghy Segler in Deutschland und Drachen-Seriensieger, siegte mit Anette und Peter Eckhardt an der Vorschot.

Klaus Libor ließ sich von Bruder Ulli mit seinen beiden Olympiamedaillen und Sohn Janos auf Platz zwei beschleunigen. Und der Däne Stig Lassen machte das Podium komplett.

Wieder ein Wochenende mit großen Gefühlen, vielen Erlebnissen und zahlreichen Situationen zum Grübeln. Der Alltag tritt plötzlich in den Hintergrund. Eine wohltuende Gehirnwäsche. Ein Mikrokosmos des Lebens. Herrlich! Der „Vollidiot“ ist nur noch eine Randnotiz. Eine schöne Geschichte beim Après Bier.

Ergebnisse

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Knarrblog: 50 Drachen bei der NRV-Frühjahrsregatta auf der Alster“

  1. avatar Marina sagt:

    Klasse geschrieben, Carsten! Man kann alles nachvollziehen – MITFÜHLEN! 😉
    Frohe Ostern an alle Daheimgebliebenen, die Zeit haben zu lesen! 🙂

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  2. avatar Gerd Müller-van Issem sagt:

    Hallo Carsten,
    guter Bericht und der DYC ist wieder im Drachen aktiv,Du bist ein Teil der Rheinlandflotte, bitte melde Dich bei mir !

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