Knarrblog 2K Teamrace EM: Segeln mit der Gattin – Endlich mal die Hosen an

Am Sonntag will mein Süßer...

Sie gibt ja sonst gerne Widerworte und ist im heimatlichen Umerziehungslager ein harter Gegner. Müll rausbringen, Dusche abtrocknen oder Klo-Lektüre, an allen Fronten führe ich Rückzugsgefechte. Aber auf dem Boot, da ist die Welt noch in Ordnung. Und auf einem Regattaboot erst recht.

2K Teamrace

Schnelle Halse, um den Gegner vor dem Wind zu erwischen. Die Gattin hockt auf der Kante. © Pepe Hartmann

Da kommt die ungeplante Möglichkeit der Zweisamkeit auf dem Wasser sehr gelegen. Wir dürfen bei der 2K Teamrace EM auf der Alster mitmachen. Eine Wildcard macht es möglich.

Am Sonntag will mein Süßer… mag zwar gemeinhin eine etwas andere Erwartungshaltung beinhalten als Mitte November mit kleinen Kielbooten aufeinander rumzuhacken. Aber die Gattin weiß, auf was sie sich einlässt. So hat schließlich damals alles begonnen. Mit dem Kielzugvogel des Schwiegervaters bei der Niederrhein-Meisterschaft auf dem Duisburger Wolfsee.

Ehe in Gefahr?

Es ist zwar schon eine Zeitlang her, dass wir miteinander ein Rennen gesegelt sind, aber sie kennt hoffentlich das Dr.Jekyll-Mr.Hyde-Syndrom, dass sich bei mir vollzieht wenn ich eine Pinne in der Hand habe. Ob die Ehe in Gefahr gerät? Ich bin etwas nervös. Ich kann schon mal, sagen wir, unwirsch werden, wenn etwas an Bord nicht klappt.

Auf dem Papier sind wir jedenfalls konkurrenzfähig, auch wenn sie ewig nicht im Boot gesessen hat. Schließlich müsste ihre halbe Europe-Olympiakampagne noch irgendwo abgespeichert sein. Außerdem wird ohne Spinnaker gesegelt und es gibt eine Frauenquote. Im Orga-Englisch heißt das sehr nett “gender balanced sailing”.

Mindestens zwei von insgesamt sechs Teammitgliedern müssen weiblich sein. Wir haben noch Laser Radial Vizemeister Leon Passlack dabei, und das zweite Boot steuert Match Racer Felix Oehme mit Florian Weser und seiner Freundin Jana Köhler.

Der Letzte verliert

Ein wenig sollte die spezielle Doppelduell-Thematik noch präsent sein. Schon dieses Jahr beim Teamrace in Porto Cervo drehte sich alles im Kopf. Da dachte ich eigentlich, die Spielzüge so langsam verstanden zu haben. Denn das Prinzip ist ja ziemlich einfach.

Zwei Kielboote (deshalb 2K) ohne Spinnaker segeln in einer Mannschaft gegen eine zweite. Vier Boote gehen also gemeinsam auf einen kurzen Match-Race-Kurs mit Vorwind Ziel. Das Team, dessen Boot Letzter wird, verliert.

Das sorgt für mächtig Ärger auf dem Kurs. Schon im Vorstart duelliert man sich zwei Minuten lang. Wenn dann zwei Boote eines Teams nicht klar vorne liegen und davon ziehen, was selten passiert, wartet eine Crew auf einen Gegner. Er wird so lange blockieren, dass der Kollege vorbei rutscht.

Dafür legt man sich auf der Kreuz so nah in Luv neben ihn, dass er nicht wenden kann, und drängt ihn über eine Anliegelinie. Oder man segelt zuerst in den Zwei-Längen-Kreis, parkt dort mit flatternden Segeln und verursacht einen Stau. Auf dem Vorwindkurs schließlich luvt man den Kontrahenten gnadenlos in den Wind.

Irgendjemand lauert immer

Normal geradeaus segelt man eigentlich selten. Winddreher sind nicht so wichtig. Eigentlich lauert immer irgendjemand. Wir merken etwas zu spät, wie sehr man sich im Team gegenseitig helfen muss. Die ersten drei Rennen gehen prompt verloren. In guten Positionen verlieren wir oft auf der Ziellinie. Da stoppt dann der Gegner und versucht, mit einer letzten Attacke den Frontalangriff von links mit Backbord-Schoten.

Es ist nicht immer einfach, auszuweichen. Die erfahreneren Teams mokieren sich schon, dass die Schaumprotektoren am Bug zu schwach bemessen seien. Wir wundern uns. Beim Match Race braucht man so etwas nicht. Sind wir hier beim Auto Scooter?

Manchmal schon. Einem Holländer krache ich heftig in die Seite. Abstand falsch berechnet. Wieder einmal den Überblick etwas verloren. Mist. 150 Euro Abzug vom Damage Deposit. Erst wenn das wieder auf 1000,- aufgefüllt ist, darf man weiter segeln. Eigentlich eine effektive Strafmaßnahme. Aber am Ende müssen einige Teams doch tief in die Tasche greifen. Neben uns sind mehrere Neulinge dabei.

Action Spiel auf dem Wasser

Die Briten segeln abgeklärter. Sie werden schon früh in den Schulen und fürs Teamracing ausgebildet. Auch Uni-Mannschaften treten regelmäßig gegeneinander an. Allerdings handelt es sich dabei meistens um 3 gegen 3 Team Race. Und auch die heutige Opti Generation kommt mit dieser Disziplin regelmäßig in Kontakt. Unter anderem bei der Weltmeisterschaft starten Nationenteams im 4 gegen 4 Modus.

Je mehr man die Tücken dieser Art des Segelns versteht, umso mehr Spaß macht es. Ein actionreiches Spiel auf dem Wasser, bei dem auch für Zuschauer mehr passiert als bei den meisten anderen Disziplinen. Keine Führung ist groß genug, als dass nicht noch ein Wechsel passieren könnte.

Immer besser verstehen wir die Angriffs- und Abwehrmöglichkeiten. Auf Platz drei von acht Teams hangeln wir uns durch die zweitägige Vorrunde. Es läuft gut mit der Liebsten. Sie duldet es sogar, rumgeschubst zu werden. Ist sonst gar nicht ihre Art.

Blaue Flecken als Sams Wunschpunkte

Selbst wenn der lange Pinnenausleger schon mal unabsichtlich auf dem Kopf landet, oder Leon ihr mit der Protest-Flagge ins Auge piekt  gibt es kein Mecker. Wir wachsen zu einem guten Team zusammen. Die blauen Flecke gehen als “Sams Wunschpunkte” durch.

Damit wünschen wir uns einen Medaillenplatz zum Abschluss. Aber das geht ziemlich in die Hose. Die blauen Flecken bleiben, und wir rutschen auf Rang vier. Ein neues Test-Format erlaubt selbst dem siebten Team aus der Vorrunde durch zahlreiche Hoffnungsläufe bis zu uns nach vorne zu stoßen. Das kommt etwas schief vor. Aber welches Format man auch wählt, alle haben gemein, dass gutes Segeln hilft.

Und da sind wir bei den entscheidenden zwei Rennen zum Schluss noch zu grün. Sie gehen knapp verloren. Jeweils mit Penalties kurz vor der Ziellinie. Einmal wegen Pumpens. Na ja. Die Schiedsrichter spielen eine deutlich größere Rolle als bei allen anderen Segeldisziplinen. Aber wir segeln eben auch nicht so souverän, dass man den Entscheidungen aus dem Weg gehen könnte.

Schaum vor dem Mund

Trotz hitziger Duelle auf dem Wasser, haben sich an Land dann doch alle wieder lieb. Die roten Flecken am Hals verschwinden, der Schaum vor dem Mund tropft langsam ab. Zwei schöne Feste stärken den Zusammenhalt der neuen Community. Und die Organisatoren vom Hamburger Segel-Club entsprechen perfekt dem Selbstverständnis der erst zwei Jahre jungen 2K Teamrace Initiative, indem sie das Miteinander an Land betonen.

Für die Stimmung macht die Frauenquote den entscheidenden Unterschied. Sonst hockt man beim Segeln doch häufig mehr mit Kerlen zusammen. Bei dieser Regatta wird aber sogar das Tanzbein geschwungen. Die Völkerverständigung wird intensiviert durch ein Dinner, mit bewusst gemischter Sitzordnung.

Dieses 2K Teamrace ist eine spannende Bewegung, die international immer mehr Befürworter bekommt. Es ist eine Möglichkeit, neues Feuer in das Clubleben zu bringen. Besonders der Bayerische Yacht Club schöpft diese Option aus, die von der Europäischen Segelvereinigung EUROSAF sehr gepuscht wird. Regelmäßig schicken die Bayern ein Team auf die neue internationale Tour, die von den Briten, Italienern und Holländern dominiert wird.

Der Frau gefällt es. Ein aufregendes Abenteuer. Die Ehe überlebt, und das ist vielleicht das beste Zeichen dafür, dass diese neue Art der Teamrace Organisation eine Zukunft haben könnte.

2K Teamrace Klassenseite

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Ergebnisse 2K Teamrace EM

Place 1 Spinnaker (GBR) Sam Littlejohn, Dicken Maclean, Becky Cross, Tom Hebbert, Marianthe Evangelidis, Ellen Miltner

Place 2 Serpentine (GBR) Henry Arnold, Charles Bonfield, Maike Hass, Matt Moseley, Tom Quigley, Janne Schleifer

Place 3 DMTRA (NED)Dirk-Jan Korpershoek, Florian van Dort, Jeroen Rooijmans, Thijs Smit, Jelle Janzen, Sofie Rijnsaardt

Place 4 NRV  (GER) Felix Oehme, Jana Köhler, Florian Weser, Carsten Kemmling, Annette Kemmling, Leon Passlack

Place 5 Ireland (IRL) Marshall King, Tim Peters, Sarah Allen, Williams Edwards, Ian Dobson, Alison Kinsey

Place 6 Bayerischer YC (GER) Emanuel Köchert, Hanna Steiner, Lucas Bodisch, Roman Luyken, Lisa Frisch, Camilla Hoesch

Place 7 Europe (EUR) Marton Beliczay, Cal Conroy, Luisa Krüger, Marios Zisimatos, Svenja Hünsch, Helena Meinecke

Place 8 Austria (AUT) Johannes Berggren, Katharina Berggen, Theresa Majer, Nina Gall, Faidon Kounas, Christina Fuchs

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „Knarrblog 2K Teamrace EM: Segeln mit der Gattin – Endlich mal die Hosen an“

  1. avatar Lyr sagt:

    Klingt nach jede Menge Spaß! Herrlich!! 🙂

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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