Knarrblog: Rosa Kiste wieder rausgeholt – Auch Peter Koloske (79) kämpft auf dem Wittensee

Back to the (Laser) roots

Zehn Jahre ist es her, dass ich der Gattin zuletzt für eine Regatta den rosa Rumpf abgeschnackt habe. “Flying Violetta” hat 35 Jahre auf dem Buckel, wurde von ihr schon vor dem südfranzösischen Les Embiez im 230-Boote-Feld durch den Mistral geprügelt, oder als Kindergeburtstag-Hüpfburg missbraucht und genießt nun am kleinen, beschaulichen Hamburger Oortkatensee den ruhigen Lebensabend.

“Flying Violetta” auf dem Wittensee. © Manfred E. Fritsche

Seit Jahren war sie nicht mehr im Wasser, lebt in Symbiose mit den ansässigen Riesen-Spinnen und wirft langsam ihr Kleid ab. Die Persenning hat eine pergamentartige Struktur angenommen und ist geschrumpft. Sie passt nicht mehr über das Deck.

Der rosa Bomber wieder auf dem Autodach. © SegelReporter

Aber nun ist es Zeit für einen Wiederbelebungsversuch. Die Corona-bedingte Segel-Abstinenz hat dazu geführt, dass der Laser-Masters-Regattaplan irgendwie in den Saison-Kalender rutschen konnte. J/70 Klassenregatten wie die EM sind genauso ausgefallen wie die Drachen IDM in Berlin. Nur die Liga hält sich wacker. Was also tun mit der Freizeit? Däumchen drehen? Wandern?

Laser statt ILCA-Dinghy

Als Kumpel Michi bei perfektem Wetter an seinen See zum Lasern einlädt, ist ruckzuck die Erinnerung an den Spaß mit dem unkomplizierten Sportgerät wieder da. Aber Regattasegeln? Mit der alten rosa Möhre? Ist sie überhaupt noch ein Laser? Heutzutage heißen die Teile doch ILCA-Dinghy. Was für ein Quatsch.

Kumpel Michi an der Luvtonne voraus. Ich mache schon “dicke backen” um dranzubleiben. © Manfred E. Fritsche

Schon öfter bin ich auf die legendäre Masters-Regatta am Wittensee angesprochen worden. Dort werde ein vorbildlicher Job gemacht. Diese Veranstaltung habe alles, was heutzutage Menschen mit ihren Booten dazu bringe, sich auf den Weg zu machen. Spaß beim Segeln, Schnacken und Sonstigem.

Also Back to the Roots. Laser aufs Autodach, Matratze in den Kombi – das ultimative Freiheitsgefühl. So wie früher bei den Kilometerfresser-Fahrten zu Regatten am Mittelmeer. Nur Dosen-Ravioli muss diesmal nicht mehr auf die Speisekarte.

Material-Update vom Patenkind

Ob das Schiffchen noch konkurrenzfähig ist? Ganz blank will ich nicht auf dem Rennkurs erwischt werden. Wozu hat man ein Patenkind, das zurzeit die Nummer zwei der deutschen Laserszene ist – hinter dem Weltmeister. Also kurz noch einen Abstecher nach Kiel gemacht, eines seiner abgelegten Komposit-Mastoberteile und Segel eingesammelt, Verklicker geliehen und ab zum Wittensee.

25 Ü-35 Laseristen treten in der Standard-Klasse an, 22 bei den Radialen. Ein schönes Feld. Und es bläst ordentlich. Fünf Rennen stehen an. Wie bitte? Dachte, es läuft etwas gemütlicher bei den Mastern. Aber Sonntag ist Flaute angesagt. Also volles Programm.

Also gut. Dann also mächtig raushängen. Wie früher. Gut acht Jahre hat dieses Sportgerät den Körper gequält und wohl auch ein wenig gestählt. Davon ist jetzt nicht mehr so viel übrig. Ich zuppele am Ausreitgurt herum. Früher musste er bis nahe ran an die Plastik-Kante im Cockpit – jetzt scheint es besser, wenn er fast stramm gespannt ist.

Tolles neues Segel

So richtig flott fühlt es sich auf den ersten Metern nach dem ersten Start noch nicht an. Dieses verdammte Wasser im Cockpit. Ich erinnere mich – man muss den Gummistopfen  rechtzeitig öffnen und heftig mit dem Fuß in die Pfütze treten. Aber eben kurz vor dem Start und nicht direkt danach.

Die Perspektive ist gewöhnungsbedürftig. Nahe am Wasser und längst nicht so komfortabel wie auf der J. Man muss den Kopf ziemlich auf den Rücken drehen, um zu checken, was dort passiert. Ich verliere etwas die Orientierung. Ein Kompass wäre gut. Wäre das nächste Upgrade. Genauso wie diese moderne Cunningham- und Unterliek-Mimik. Damals vor zehn Jahren am Brombachsee war ich zu geizig. Habe nur in den neuen Niederholer-Flaschenzug investiert. Schon das ist jetzt aber ein schöner Luxus.

Mit abnehmendem Wind läuft es besser. Nach 4/6/3 gelingen zwei Siege. Wie toll dieses Segel steht. Keine Diagonalfalte mehr quer durchs Segel auf Höhe der Mast-Steckverbindung. Was für ein schickes Profil. Aber es lässt auch den Druck nicht mehr so schön ab. Ich lasse mir sage, man muss schwerer sein als früher, also etwa Mitte 80 Kg, um flott bei Wind zu sein. Da fehlt nun etwas Gewicht. Hängen würde wohl helfen.

Jan Schulz gewinnt bei den Laser Wittensee Masters. © Manfred E. Fritsche

So flott sein wie Jan Schulz. Der segelt souverän vorne. Anno dazumal war er mein Vorbild als deutscher dominierender Optisegler und zweimaliger WM-Teilnehmer. Nach längerer Segelpause hat er durch den Laser zurück zum Sport gefunden – und kann es immer noch.

Die Jungs bleiben dauerhaft eisenhart am Ball. Jan gehört zur Kieler Masters-Trainingsgruppe, die regelmäßig sonntags auch im Winter durchsegelt. In diesem Jahr der Corona-Krise waren sie vielleicht als erste Segler in Deutschland überhaupt auf dem Wasser – sie slippten vom Strander Strand. In Schleswig-Holstein wurden Segler relativ wohlwollend behandelt.

Peter Koloske – Wie aus einem Fluch-der-Karibik-Film 

Das letzte Rennen. Nach einem Sammelfrühstart müssen wir Standards zur Strafe hinter der Radial-Flotte hersegeln. Ich gehe um die Luvtonne, weiche einem luvenden Radial-Segler aus und erschrecke mich. Ein graubärtiges Gesicht sieht mich an, das in einen Fluch-der-Karibik-Film passt.

Peter Koloske (79) hat den Laser als Jungbrunnen entdeckt. © Manfred E. Fritsche

Wow, jetzt bin ich wahrlich angekommen in der Masters Szene. Peter Koloske sitzt auf dem Laser, fast 80 Jahre alt, ein Urgestein der deutschen Regattaszene, langjähriger DDR-Trainer und zuletzt viele Jahre Coach beim Segel Club Eckernförde.

Der NDR hat ihm eine eigene schöne Geschichte gewidmet (Video-Link). Ein interessanter Typ. Er bekundet, dass der Laser seine Lebensgeister wieder geweckt habe. Die Masters-Szene rund um den Wittensee und Wolfgang Fuss hat sich mächtig ins Zeug gelegt, ihn wieder aufs Wasser zu bekommen. Und Koloske weiß es zu würdigen:

Schön zu sehen, dass bis 80 ja doch noch ein wenig Zeit bleibt, diesem bockigen, kleinen Schiffchen seinen Willen aufzudrängen – auch wenn die Knochen nach diesen fünf Rennen an einem Tag doch schon ziemlich knirschen. Vieles fühlt sich älter an, als erwartet. Aber es macht Spaß, in der Gruppe zu jammern. Beim Treffen mit den alten Weggefährten kommt man voll auf seine Kosten.

Fitter Organisator. Wolfgang Fuss (75) segelt in der Radial-Klasse auf Platz drei. © Manfred E. Fritsche

Alles in allem ein tolles Spontan-Erlebnis, und ich überlege schon, tatsächlich in drei Wochen zur Meisterschaft nach Greifswald zu fahren. Mehr als 40 Masters wollen kommen. Könnte ein schöner Spaß sein, das Bötchen mal wieder auf dem richtigen Meer in richtiger Welle zu bewegen.

Ergebnisse Wittensee Laser Master 2020 Standard

Ergebnisse Wittensee Laser Master 2020 Radial

Toll, mal wieder Zeit mit Gleichgesinnten auf dem Wasser zu bringen. Es muss nicht unbedingt ein wilder Foiler sein. Die “Kühlschranktüre” bringt einem das Wasser wieder sehr nahe. Auf Tuchfühlung mit jeder einzelnen kleinen Welle. Wie nutze ich sie zum Beschleunigen? Wie schaffe ich es, dass sie weniger bremst? Ein schönes Spiel. Man vergisst, dass man eigentlich kaum vorwärts kommt.

Whirlpool am Steg

Stark, was die Organisatoren Dieter Gernegroß und Wolfgang Fuss da jedes Jahr auf die Beine stellen. “Wir haben einfach die besten Ideen von anderen Regatten gesammelt, und versucht bei uns einzubauen”, sagt Gernegroß im SR-Interview zum Erfolgskonzept.

Im vergangenen Jahr habe man sogar ein Whirlpool am Steg aufgebaut. Das sei bestens angekommen. In Corona-Zeiten bleibt allerdings weniger Spielraum. Man muss froh sein, wenn Veranstalter überhaupt versuchen, die behördlichen Auflagen zu erfüllen.

Die lachenden Gesichter, die fröhliche, entspannte Stimmung, die netten Gespräche, der tolle Sport mag der Lohn für die Mühen sein. Schön, mal wieder aus seiner “Bubble” raus aufs Wasser zu kommen.

Steuermannsbesprechung in Corona-Zeiten, © Manfred E. Fritsche

Dieter Gernegroß (r.) beim vorbildlichen “Abklatschen” unter Corona-Auflagen. © Manfred E. Fritsche

Hilfe beim Slippen am WSCW © Manfred E. Fritsche

Die Laser-Standard-Flotte auf dem Wittensee. © Manfred E. Fritsche

 

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

2 Kommentare zu „Knarrblog: Rosa Kiste wieder rausgeholt – Auch Peter Koloske (79) kämpft auf dem Wittensee“

  1. avatar Sailer29190 sagt:

    Gerne mehr davon!
    Carsten, schön zusammengefasst das Wochenende!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

  2. avatar VincentOxili sagt:

    that site https://bankhummer.co

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar zu Sailer29190 Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *