Knarrblog: eSailing zweiter Bundesliga-Spieltag – Mehr als nur Daddeln

Wie im richtigen (Segel)leben

Nun also der zweite Versuch mit dem eSailing, nach der eher mühsamen Premiere beim ersten Liga-Spieltag vor einer Woche. Draußen scheint wie zum Hohn die Sonne und der Wind weht so unermüdlich, wie er es wohl in der ganzen Saison nicht getan hätte, wenn man aufs Wasser gedurft hätte. Vermutlich powert sich der Mann mit den dicken Backen auch so sehr aus, dass er keine Kraft mehr hat, wenn wir in diesem Jahr doch noch einmal aufs Wasser dürfen. Aber egal ich klemme nun abends vor dem iPhone-Bildschirm. Und dort stellt sich das Lüftchen auf dem virtuellen Wasser verlässlich ein.

So langsam stellt sich das Gefühl ein, vielleicht begriffen zu haben, wie man sich auf den Gewässern der Pixel-Welt bewegt. Jedenfalls übe ich fleißig. Und es gelingt schon mal der eine oder andere Sieg bei den internationalen J/70 Rennen, in die man sich einwählen kann.

Freitag also will ich den WVH würdig bei der eSailing Bundesliga vertreten. Der obligatorische Corona-Abend-Spaziergang mit der Frau fällt aus und ich ernte ob der Begründung ein gewisses Unverständnis. Aber egal. Es fühlt sich fast ein wenig wie bei einem richtigen Wettkampf an. Mal sehen, was mit dem vermeintlich neu erworbenen eSailing-Wissen auf der virutellen Rennbahn möglich ist.

Die Kommunikation läuft per Discord, einem Onlinedienst für Instant Messaging und Chats, der vor allem für Computerspieler geschaffen wurde. 76 Vereine haben gemeldet. Die Resonanz ist überwältigend. Vier Gruppen werden eingeteilt, und ich suche, wo ich segeln darf. Und suche, und suche…

Check-In vercheckt

Hmm, auf Nachfrage heißt es: Checkin verpasst. Offenbar muss man an eine Stunde vorher seine Präsenz online anmelden. Na toll. Aber da wird sich doch was machen lassen für einen eSailing newbie? Nö, heißt es im Chat – Hart aber fair. Steht halt irgendwo so geschrieben.

eSailing mit dem Tablet, Handy oder PC. © SegelBundesliga

Ich überlege schon, die Alterskeule zu schwingen. Auf Mitleid mit dem älteren Teil der Gesellschaft zu drängen, der mühsam versucht, mit der Geschwindigkeit in dieser modernen Welt, und mit diesem Internet, von dem sie alle sprechen, mitzuhalten. Kann dann aber nicht verhehlen, dass alles ja sauber kommuniziert wurde. Schließlich bin ich offenbar der Einzige, und der es nicht checkt, dass man vor dem Segeln inchecken muss.  Also einfach zu doof.

Also muss ich dann doch noch spazieren gehen. Sehe mir aber später ein paar Rennen in der Live-Übertragung an und wundere mich, wie die Cracks ihre Performance auf den Bildschirm bringen. Der Deutsche Meister Johannes Bahnsen wird für den Hamburger Segel-Club diesmal seiner Favoritenrolle gerecht, aber besonders die junge Garde vom Schlei Segel-Club präsentiert sich erneut auf Rang zwei mega stark. Mit zwei zweiten Plätzen haben sie eine deutliche Führung in der Gesamtwertung übernommen.

Der aktuell beste Deutsche in der eSailing Weltrangliste Jonathan Koch hat seinen Bodensee Yacht-Club Überlingen auf Rang drei der Tabelle geführt. Man sieht, dass sich die Cracks intensiv mit diesem eThema beschäftigen. Bei der eJ/70 macht es offenbar Sinn kurz vor der Wende etwas abzufallen und Schwung zu holen.

eSailing Bundesliga Tabelle nach 2 Spieltagen

eSailing Bundesliga Ergebnisse 2. Spieltag

Schlummerndes Potenzial

Für den nächsten Liga-Spieltag werde ich lieber mal das Steuer aus der Hand geben. Da müssen die Teamkollegen ran. Aber ich gebe nicht auf. Will die eSailing Karriere noch nicht an den Nagel hängen. Verspüre noch riesig viel Potenzial in mir schlummern.

In den Chats auf Discord stolpere ich über die eSailing Germany Community. Da wird Sonntag ein Easter Cup ausgesegelt, wenn auch eine Woche nach Ostern. Zack angemeldet, genau geguckt wann das Check-In erfolgt – eine Viertelstunde vorher – und 36 Skipper stehen auf der Meldeliste. Spannend. Ein hübsches Feld. Mal sehen, ob es diesmal läuft. Schließlich bilde ich mir längst was drauf ein, beim Hyères Week Auftakt 600. von 12.814 Teilnehmern geworden zu sein – 26. Deutscher. Ob sich darauf aufbauen lässt?

Diesmal pünktlich am Start mit dem iPhone bei der Virtual Regatta Inshore App. Den richtigen Code über den Chat-Server notiert, bei “Custom Race” eingegeben und schon meldet sich das Boot mit einem laut flatternden Segel im Kopfhörer. Dann jagt dieses Schiff auch schon los.

Fucking Foiling Nacra

Shit, das ist keine geruhsame J/70, die ich bisher gesegelt bin, sondern ein Fucking Foiling Nacra17. Dann auch noch ein Kurs mit Raumschots-Start. Wie beim America’s Cup. Schnell fehlt der Überblick. Hoffnungslos rase ich an Tonnen vorbei.

Dann eben im zweiten Rennen. Da geht’s mit der J/70 los. Sollte klappen. Na ja, tut es nicht. Spät am Start, sechs Penalties und nur Platz 14 von 16. Im 49er geht’s auch ziemlich schnell zur Sache. Aber der Start ist gut. Bin dann aber geblockt für die Wende nach rechts. Cool, das ist wie im richtigen Segelleben. Warten, bis die Layline kommt, oder hinten durch.

Ich ärgere mich über die Schreihälse, die eine Wende fordern, weil sie genau wie ich links geblockt sind. Es gibt sogar ein Chat-Feld dafür “Tack Now!” oder so. Warum sollte man das tun? Diese Unart ärgert mich schon auf dem realen Wasser enorm. Wenn man links geblockt ist, kann man nicht auf Mitleid hoffen oder pöbeln. Man muss mit der Wende warten, bis der Weg frei ist.

Voll beim Gegner reingeknallt

Ich versuchs mit einem schnellen Abfaller hinten rum. Knalle aber voll beim Gegner rein. Verdient ist verdient. Platz 9. Im vierten Rennen schmeißt mich dann das System aus dem Rennen  – passiert das eigentlich regelmäßig, oder hab ich ne falsche Taste bedient?

Also Silbergruppe.  Wieder wird in jedem Lauf die Bootsklasse verändert. Immerhin ein 3. Rang in der J/70, 9. im 49er und dann – wow, ein Sieg im Nacra17. Wie hab ich das gemacht? Ein Sprint-Rennen. Raumschots zur ersten Tonne, dann zwei halbe Vorwinder und eine Kreuz – der Start muss wohl ganz gut gewesen sein. Der 1. wird in der Liste zwar als 9. geführt, aber das Orga-Team hat auch jede Menge zu tun mit dem schnellen Aufschreiben der Ergebnisse. Da ist es nicht wichtig, was auf der zweiten Ergebnislistenseite passiert.

Ein Medalrace der besten Zehn wird gesegelt. Und schließlich gewinnt Esperanza vor Roxyjoni und LaCuffia. An die Nicknames muss man sich gewöhnen. Hinter Roxiyone verbirgt sich jedenfalls Jonathan Koch, dem der Südkurier schon einen ausführlichen Artikel gewidmet hat.

Wow, das hat Spaß gemacht. Das ist dann doch mehr als nur ein wenig Daddeln. Ich erwische mich im Bett, wie ich die Situationen noch einmal durchgehe. Als wäre man wirklich auf dem Wasser gewesen.

Ergebnisse German Easter Cup

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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