Knarrblog: In Monaco erstmals um die Roboter Tonnen segeln – Autonomer Bojenleger

Der Tonne hinterher

Die Zukunft hat begonnen. In Monaco sind selbstfahrende Bojen im Einsatz, die per App bewegt werden. Beim Primo Cup, dem J/70-Saison-Auftakt, erleben wir erstmals die neuen Bojenleger.

Es geht wieder los. Endlich. Der Winterschlaf ist beendet. Wo waren noch die Segelsachen im Keller? Mist hätte man vielleicht doch waschen sollen. Salzränder zeichnen sich auf der Ölhose ab. Shit. Sonnenbrille. Wo ist die abgeblieben? Wann war sie noch das letzte Mal im Einsatz? In welcher Tasche kann sie sein?

Schöne Probleme. So muss es sein. App checken. Wie wird das Wetter? Wie der Wind? Wer ist überhaupt am Start? 55 Boote eröffnen beim Primo Cup in Monaco die J/70 Saison. Die Klasse wächst weiter. In Dänemark soll sich jetzt sogar Prinz Frederik einen der kleinen Renner gekauft haben.

Im mondänen Yacht Club eröffnet wieder eine bunte internationale Gruppe die Saison. Einige bekannte Gesichter sind dabei wie die Freunde vom GRÜN-Team aber die blonde Russin fehlt. Valeria Kovalenko hat hier im vergangenen Jahr mit ihrem Profi-Team alles abgeräumt. Sie trainiert diesmal lieber auf Zypern für die Saison. Na ja. Dafür segelt ein neuer Russe ganz vorne. Und die starken Schweizer haben elf Boote am Start. Vier landen schließlich unter den Top Ten.

Gut gelauntes Team beim Saison-Auftakt vor Monaco. © SegelReporter

Aus Deutschland eröffnen sechs Boote die Saison beim Primo Cup. Newcomer ist Stefan Heidenreich (56), der scheidende Beiersdorf-Chef, der 2018 überraschend mit der ClubSwan 50 den ersten WM-Titel gewann und viele deutsche Junioren dabei hatte.

Nun steuert er auch eine J/70, lässt sich von Italo-Profi und J/70 Europameister 2018 Stefano Rizzi beraten und von Zweitliga-Champ und Aufsteiger Magnus Simon den Weg weisen. Der ehemalige  Spitzen-Surfer Heidenreich bastelt unter der Mithilfe von Jochen Schümann daran,  deutsche Junioren für höchste Ansprüche auszubilden. Eine starke Initiative!

Harte Arbeit für Bojenleger

Monaco ist hübsch um diese Jahreszeit. Noch nicht richtig warm, aber die Sonne lässt die motorisierten Status-Symbole im Hafen schon ordentlich glänzen. Wenn die Fürsten sich nur nicht windtechnisch so blöd zwischen Nizza und Genua niedergelassen hätten. Von Frankreich ballert gerne der Mistral über Land und auch von Italien weht oft ein steifer Nordwind vor der Küste. Alleine in Monaco erzeugen die beiden Systeme eine Art Vakuum. Auch an diesen drei Tagen ist kaum mehr als ein laues Lüftchen drin.

Immerhin reicht es für acht Rennen. Das ist sonst selten zu erwarten. Wenn dann doch mal der Mistral in die Bucht dreht, wird es schnell zu viel Wind und Welle. Oft wird der Sport durch treibende die Bojen verhindert. Sie können in über 60 Metern Wassertiefe nur mühsam verankert werden. Wie am Gardasee werden schwere Gewichte abgelassen und nicht mehr hochgezogen. Sie verbleiben dort. So spricht man im Verein von einem Budget für den Betrieb einer Tonne mit rund 3000 Euro pro Saison.

Roboter Boje

Die autonomen Tonnen werden für den Renntag vorbereitet. © SegelReporter

Aus dieser Besonderheit ergibt sich eine gewisse Offenheit für Alternativen. Die kristallisiert sic seit etwa einem Jahr heraus. SegelReporter berichtete im September 2017 über MarkSetBot und das mögliche Aus für den Job des Tonnenlegers. Vor einem Jahr schien das Produkt aus den USA dann serienreif zu sein, aber als die Bemühungen zur US-Liga scheiterten wurde es auch leise um die Roboter-Tonne.

Schließlich nahmen die Schweizer mit der Robo Boje , einem ähnlichen Produkt, Fahrt auf und setzten sie schon bei der Swiss Sailing League ein wie auch bei Match Races auf dem Lago Maggiore.

Robo-Boje

Die Flotte der des ersten Robo-Bojen-Sets beim Einsatz in der Schweizer Liga. © Relax Yacht

Nun ist die autonome Tonne also auch auf großer internationaler Bühne angekommen. In Monaco wurde das Practice Race ohne echten Tonnenleger bestritten, indem nur je eine Luv-, Lee- und Start-Boje benutzt wurde. Bei den Rennen war dann nur die Startboje und schließlich die Zielmarke autonom unterwegs.

Tonne in Bewegung

Wie soll man sich darauf einstellen? Fährt das Teil im Start plötzlich los? Der Wettfahrtleiter fühlt sich auf Nachfrage offenbar persönlich angegriffen. “Natürlich nicht”. “War beim Practice Race ab so.” – “Ausgeschlossen! Ab vier Minuten bewegt sich die Tonne nicht mehr vom Fleck.” – “Na ja. Mal sehen.” Schließlich berichten Segler, dass bei ersten Tests in hoher Welle durchaus Bewegungen bemerkbar gewesen seien. Der Fehler soll eine zu hoch angebrachten Antenne gewesen sein, heißt es. Das sei jetzt behoben.

Roboter Boje

Die autonomen Tonnen werden für den Renntag vorbereitet. © SegelReporter

Tatsächlich sind in den Rennen dann kaum Probleme festzustellen. Zeitweise ist man sich zwar nicht sicher, ob die Marke nun wirklich fest liegt. Schließlich ist Gedeih und Verderb beim Start davon abhängig.

Roboter Boje

Der Starttonne hinterher segeln. © SegelReporter

Wir peilen und pingen die Tonne und das Startboot jeweils mit unserem GPS-Gerät Velocitek und kennen dann den Abstand zur Linie.  Wenn sich die Tonne nach der Messung noch bewegt, ist ein Früh- oder Spät-Start vorprogrammiert. Ob das der Grund für unsere schmerzhafte Black-Flag-Disqualifikation im dritten Rennen gewesen ist?

Neue Möglichkeiten für den Wettfahrtleiter

Aber gerade beim Umgang mit den Sammel-Frühstarts ist für den Wettfahrtleiter und die Segler ein echter Fortschritt. Sollte eine schiefe Linie der Grund sein für die Ungeduld an der Linie, gelingt die Anpassung sehr schnell.

Roboter Boje

Die J/70 Flotte vor dem Yacht-Club Monaco. © SegelReporter

Und besonders die schnelle Vergrößerung der Linie nach dem ersten Start für die Melges 20, die für ihre acht Schiffchen nur eine kleine Linie benötigen, ist eine neue Qualität. Mancher Wettfahrtleiter würde sie sich wünschen.

Roboter Boje

Je zwei Roboter Bojen sind pro Kurs im Einsatz. © SegelReporter

Etwas skurril zwar, wenn sich die Tonne platschend mit gut fünf Knoten Speed in Bewegung setzt, und auch keine Rücksicht auf Kontakt nimmt, aber sehr effektiv. Es funktioniert! Mal sehen, ob es auch bei mehr Wind klappt. Und wann auch die restlichen Tonnen ersetzt werden.

Dümpel-Rennen auf der falschen Seite

Sportlich läuft es für uns noch etwas zäh. Das Crewgewicht ist mit fünf Menschen an Bord auf den Saisonhöhepunkt am Gardasee ausgelegt, und bei durchgehend einstelligen Wind-Knoten-Bedingungen fühlt es sich noch nicht so flott an auf dem Parcours.

Roboter Boje

Der Elektro-Motor samt Batterie-Einheit schimmert durch das Kunststoff-Tuch. © SegelReporter

Roboter Boje

Auch eine Standard-Tonne kann auf den Gummi-Kat montiert werden. © SegelReporter

Roboter Boje

Ein kleines Ruder sorgt für Stabilität. © SegelReporter

Zwei Talent-Plätze unter den Top Ten springen zwar raus, aber auch eben der Black-Flag-Frühstart, bei dem wir uns eigentlich keiner Schuld bewusst sind und aus der zweiten Reihe starten – na ja, es wird schon seine Richtigkeit haben. Dazu noch ein paar mühsame Dümpel-Rennen nach schlechtem Start auf der falschen Seite und schon gibt’s ne ordentliche Klatsche.

Alles noch ein wenig eingerostet nach dem Winterschlaf. Aber Hauptsache wieder auf dem Wasser. Die Geräusche der knisternden Segel und der plätschernden Bugwelle machen Lust auf mehr. Endlich geht’s wieder los.

Ergebnisse Primo Cup J/70 2019

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „Knarrblog: In Monaco erstmals um die Roboter Tonnen segeln – Autonomer Bojenleger“

  1. avatar Schlaumeier sagt:

    Wie sind eigentlich die Regeln wenn einer mit so einer Tonne kollidiert und sie mitzieht? Früher war die Tonne ja fest verankert, bei den nicht verankerten Tonnen entwickeln sich da ja interessante Dynamiken…

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