Knarrblog Sailing Champions League Porto Cervo: Profis dominieren – dänische Blutgrätsche

Aus der Kurve geflogen

Die Highlights:

Die erste offizielle Sailing Champions League Veranstaltung in Porto Cervo bot Segelsport von höchstem Genuss. Die persönliche Leistungskurve fiel zwar dramatisch ab, aber es bleiben unvergessliche Momente.

Die Gischt zischt, das Ruder sirrt. 25 Knoten schnelle Luft zerrt am grünen Gennaker und reißt das Schiff bis zum Kiel aus dem Wasser. Es bohrt sich seinen Tunnel durch fliegendes Nass. Die Zieltonne ist anvisiert. Ein Ritt auf Messers Schneide im 17 Knoten Glitsch. Hochquetschen zur Anliegelinie. Der Abflug droht. Ein Hauch mehr Druck, ein kleiner Dreher und die J fliegt aus der Kurve.

Power Slide am Leetor. © SCL/YCCS/Francesco Nonnoi

Power Slide am Leetor. © SCL/YCCS/Francesco Nonnoi

Der Ausleger zittert in der Hand. High-Speed-Turbulenzen am Ruder. Das rechte Knie neben der Reling-Stütze, der linke Fuß am Mittschiff-Steg versteifen sich die Muskeln. Die erhöhte Position erlaubt den Blick voraus zum nächste Wellental, die nächste Rampe für den kontrollierten Abflug. Wo ist die sichere Spur durch das brodelnde Wasser?

Flo ächzt an der Gennaker-Schot, Claas klariert schon das Fall für den Fall der Fälle. Es muss losgeworfen werden beim vorprogrammierten Sonnenschuss. Klaus rückt mir auf die Pelle. Das Gewicht sollte so weit wie möglich nach hinten, um die Kontrolle zu behalten.

Es ist der Endspurt im ersten Rennen (Tracker) der Champions League. Der Mistral ballert ablandig über die Felsen vor Porto Cervo. Die letzten Meter. An der Luvtonne waren wir Dritte. Können wir die Schweizer und Schweden noch erwischen? Bleiben die Österreicher achteraus. Aus dem Augenwinkel prescht Oberhofen heran. Es wird ein Foto-Finish! “Yes, yes”, jubelt es über das Schiff. Die Stimmen krächzen im Adrenalin Rausch, Hände ballen sich zu Fäusten. Wie geil ist das denn?

Der perfekte Auftakt einer Regatta, der ich das ganze Jahr entgegen fiebre. Segeln gegen die Besten der europäischen Vereine aus 14 Ländern. Im vergangenen Jahr war schon der Kick Off mit dem NRV Team das persönliche Highlight der Saison. Auch drei Tage Dauerregen in Kopenhagen konnte nichts daran ändern. Wie lässig würde das im mondänen Porto Cervo werden?

30 Knoten in der Spitze

Und nun gleich ein Sieg im ersten Rennen. Der zweite folgt direkt danach. Der Wind hat weiter zugenommen. Über 30 Knoten in der Spitze. Die Gennaker werden verboten. Zu viele Tücher gehen kaputt. Die nagelneuen Quantum-Segel leiden. Aber  sogar per Schmetterling-Beseglung erreichen die J/70 16 Knoten.

Das NRV Team noch in bester Stimmung beim Training. © SegelReporter

Das NRV Team noch in bester Stimmung beim Training. © SegelReporter

Wow, so kann es weiter gehen. Am nächsten Tag heult der Wind immer noch über Berlusconis ex Bunga Bunga Villa. Weiter geht’s. Wir sind richtig heiß. Der Gummi- Schlaucher shuttelt uns vom verankerten Zweidecker-Mutterschiff zum roten Boot. Der Ton der ohrenbetäubend schlagenden Fock bringt das Blut in Wallung.

Die Jungs bändigen das Tuch, jetzt schon zu dritt, mit einem gleichzeitigen Zug-Impuls an der Schot. Kurz in die Welle hacken, Achterstag und Niederholer auf Anschlag bringen, Fock-Holepunkt so weit zurück schieben, dass das Groß nicht permanent schlägt, den Spi sortieren und schnell zur Startlinie, wo bald der drei Minuten Countdown beginnt. Hoffentlich haben wir mit rund 325 Kilo ausreichend Gewicht auf der Kante. Jetzt wollen wir noch mal zeigen, wie stark die deutsche Liga ist.

“Eine Latte fehlt in der Fock”, schreit Klaas vom Vorschiff. Shit! Weiße Flagge suchen, hektisch damit herumwedeln. Der Wettfahrtleiter soll mit dem nächsten Start auf die Behebung des Schadens warten.

Daumen und Zeigefinger am Kinn

Abbauen nach einem langen Segeltag. Schlepp in den mondänen Hafen von Porto Cervo. © SegelReporter

Abbauen nach einem langen Segeltag. Schlepp in den mondänen Hafen von Porto Cervo. © SegelReporter

Eigentlich kein Problem, sollte man meinen. Neue Latte einschieben, und weiter geht s. Aber das Troubleshooting funktioniert nicht so richtig. Daumen und Zeigefinger reiben über italienische Kinnladen. Die Schlaucher-Besatzung sieht offenbar ein größeres Problem. Und auch wir grübeln. Darüber worüber wohl gerade gegrübelt wird.

Und unsere Vorschläge zur Problemlösung werden wohl eher als anmaßend verstanden. Vielleicht verwehen die Worte auch einfach vom Winde. Zwar rast ein Schlaucher in den Hafen, holt Segellatten,  aber sie werden nicht eingebaut. Man muss wohl Nachsicht haben. Der schnelle Takt der Liga-Rennen ist Neuland für jeden Premieren-Veranstalter. Solche Reibungsverluste sind wohl erwartbar.

Aber wir sitzen auf heißen Kohlen, scharren mit den Hufen, Perfektes Segelwetter, Zeit zum Spaß haben, und alle warten auf uns. Gut eine Stunde geht verloren. Dann startet die wartende Flotte ohne uns. Wir werden mit einer Durchschnitt-Punktzahl bedacht und auf das Ersatzboot gebracht.

Geduld und Form gehen verloren

Ärgerlich, aber was soll’s. Der Durchschnitt nach zweimal eins ist eins. So lässt es sich gut warten. Doch langsam geht nicht nur die Geduld mit dieser unsäglichen Baustelle verloren, sondern auch die Form. Irgendwie entweicht die Luft aus unserem Performance-Gefüge. Es ist dann doch fragiler, als gedacht. Fehler reiht sich an Fehler. Verpatzte Starts, verpasste Dreher, verschuldete Penalties. Unglaublich wie schnell eine gute Serie reißen kann.

Am Sonntag keimt noch mal Hoffnung auf. Guter Start, Platz zwei an der Luvtonne und auf der letzten Kreuz noch den Holländer eingeholt. Das Podium ist wieder in Sicht. Nur noch drei Punkte. Von wegen. Das Schicksal holt diesmal einfach mit seinem Emotions-Knüppel besonders weit aus. Gleich zweimal hintereinander hängen wir richtig am Tampen. Schlecht segeln kann so einfach sein.

Die norwegischen Champs unter Deck des Shuttle Mutterschiffs, das neben der Startlinie verankert wurde. © SegelReporter

Die norwegischen Champs unter Deck des Shuttle Mutterschiffs, das neben der Startlinie verankert wurde. © SegelReporter

Dafür halten die Touring Jungs vom Starnberger See die deutsche Fahne hoch. Julian Stückl, Pattrick Follmann, Phil Blinn und Luis Tarabochia segeln auf einen starken fünften Platz hinter den überraschend starken Schweizern vom Alinghi Club Société Nautique de Genève mit Nicolas Anklin und seiner Truppe. Auch die Österreicher vom Yacht Club Bregenz um Max Trippolt freuen sich über ein starkes Finish, das sie noch auf Rang acht nach vorne bringt.

Vor den bösen Dänen

Den Deutschen ist besonders die Platzierung vor dem Hellerup Sejklub auf Platz sechs wichtig. Die Dänen um Yngling Weltmeister Lucas Lier machten sich zu den Buhmännern der Veranstaltung als sie bei den Veranstaltern anmahnen, die Auftriebsfähigkeit insbesondere der deutschen Schwimmwesten zu testen. Segler sollen Schaumstofflagen entfernt haben, um die körperliche Beweglichkeit zu verbessern.

Schwer zu sagen, was da in die jungen Skandinavier gefahren ist. Lier ist immerhin ein Kumpel aus alten virtuellen Teamrace Tagen. Im vergangenen Jahr holte er noch den Champions League Titel an Bord des Kongelig Dansk Yachtclub mit Steuermann Hestbaek. Und am Abend standen wir beim Empfang im mondänen Yacht Club Costa Smeralda Anwesen noch witzelnd und trinkend in ungewohnter Club-Uniform beisammen.

Seine Crew erzählte andächtig von Paul Elvström, der mit 87 zwar an Parkinson leidet, aber immer noch von seinem Haus direkt neben dem Hellerup Sejlklub das Segelgeschehen verfolgt. Bei Clubregatten wird immer ein Tonne direkt vor sein Grundstück gelegt und über seinen Schwiegersohn Stefan Myralf äußert er schon mal seinen Unmut über die Qualität, wenn zu viele Halsen verpatzt werden.

Auftriebstest für deutsche Schwimmwesten

Und nun diese Blutgrätsche? Die Westen aller deutschen Teams werden schließlich einem Auftriebstest unterzogen. Die Vorwürfe können nicht bewiesen werden. Dafür fällt aber das böse A-Wort. Was da wohl in die Twens gefahren ist? “Wir waren uns der Tragweite nicht bewusst”, sagt Lier später. Eigentlich seien ja die Russen gemeint gewesen. Wie eine richtig tolle Erklärung hört sich das nicht an. Aber überbewerten muss man den Vorfall wohl auch nicht. So fies, wie es scheint, sind die Jungs nicht.

Die unschöne Episode täuscht über die gute Stimmung unter den internationalen Seglern hinweg. Die Parties im Kreis Champions League haben allerdings noch keinen Kult-Charakter. Man kennt sich zu wenig, die Altersunterschiede sind teilweise eklatant, und die vielen Profis gehen offenbar früh ins Bett.

Besonders von den Russen hört man wenig. Da sind offenbar einige zahlungskräftige Geldgeber mit an Bord. So wollen Insider wissen, dass der russische “Steuerberater” Andrey Kirilyuk, dreimaliger Olympia-Teilnehmer (Laser/Tornado) und Drachen-Vize-Weltmeister als Steuermann (2013) und Taktiker (2015) mit einem Tagessatz von 1500 Euro gehandelt wird. Diesmal führte er Melges 20 Segler Alexander Ezhkov für den Pirogovo Yacht Club auf Rang 14.
Auch der drittplazierte Yacht Club Navigator aus Moskau rekrutiert die Crew um Igor Rytov aus der aktiven Melges 20 Klasse, mit der die Russen ihre nationale Meisterschaft gerne am Gardasee austragen. Dazu sind sie in der RC 44 aktiv bei den Nikita und Synergy Projekten.

Große Namen im Feld

Weitere große Namen sind im Feld vertreten. Der Club Canottieri Roggero di Lauria (7.)hat die Ivaldi-Brüder zweimalige Olympiateilnehmer im 470er und Melges Profis an den Start gebracht. Aber auch die ex Top Ten Match Racer Lars Nordbjerg für Skovshoved (13.) und Staffan Lindberg aus Finnland (ASS, 18.) sowie die frisch gebackenen WM Titelträger beim Frauen Match Race um Lotte Meldgaard für den Titelverteidiger aus Kopenhagen KDY (20.).

Weitere starke Teams werden kommen. Und im nächsten Jahr sind drei Events im Gespräch. Malta und St. Motiz sollenneben Porto Cervo ganz oben auf der Liste stehen. Die Qualität wird weiter steigen. Profis wie Flavio Favini als Zweiter hatten ihren Spaß. Und die deutsche Liga hat gezeigt, dass sie durchaus mithalten kann.

Aber für das letzte kleine Stückchen müsste der Trainingsaufwand dann doch steigen. Die Norweger segeln in gleicher Besetzung schon ewig zusammen. Und zur Vorbereitung auf Porto Cervo haben sie sich nach Platz vier in Kopenhagen  2014 gezielt mit rund zehn Events in verschiedenen Klasenvorbereitet. Von nix kommt nix. So ist es auch im Segeln.

Unvergleichliche Tage

Und so bleibt für uns nach aller Frust-Bewältigung doch die Erinnerung an unvergleichlicher Segeltage mit fantastischen Starkwind-Bedingungen unter brennender Sonne. Man muss sich manchmal zwicken, um wahrzunehmen, wo man gerade segelt. Aber passender könnte ein Abschluss der warmen Segelsaison gar nicht sein.

Die Bilder der schäumenden J/70 mit der am Heck versammelten Crew, das prasselnde Wasser unter der Achterpartie und die Beschleunigung auf den Wellen-Abschussrampen helfen bestens dabei, die kalte Jahreszeit zu überstehen. Und irgendwann sind dann auch die trüben Gedanken über all die verpassten Chancen verflogen. Wenn nur diese blöden Replays nicht wären, die einem die schmerzenden Momente noch einmal viel zu nahe bringen.

Ergebnisse

Crewliste

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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