Laser Radial WM: Golden Girl Hannah Anderssohn aus Rostock – Comeback nach Karriere-Aus

"Zu viele Schmerzen"

Die Laser Radial-WM der Frauen in Melbourne ist bei Flaute mit drei ausgefallenen Rennen nur mühsam in Gang gekommen. Der dritte Lauf sah aber die Starkwind-Spezialisten vorne. Darunter auch Hannah Anderssohn. Lena Weißkichel hat sie vor Ort zu ihrer erstaunlichen Geschichte befragt.

Hannah Anderssohn beim erfolgreichen Starkwind-Lauf (5.) in Melbourne. © Jon West

Anserssohns letzte Trainingseinheit auf dem WM-Revier vor Melbourne. Sieht nach Spaß aus:

Hannah Anderssohn war das herausragende deutsche Segeltalent der vergangenen Jahre. Bei den Youth Sailing Worlds 2016 wurde die Rostockerin als Ausnahmetalent gefeiert, als sie im Alter von 16 Jahren Silber für Deutschland holte. Im Laser Radial gelang ihr 2017  der große Wurf als Jugendweltmeisterin der olympischen Laser Radial Frauen Disziplin.

Weltmeisterschaft, Laser Radial, Jugend

Hannah Anderssohn überglücklich im Ziel © Tom Touw

Aber dann verdrehte sie sich Februar 2018 beim Laser-Training in Mallorca schwer das Knie. Die niederschmetternde Diagnose: Außenband und Meniskus gerissen, Unterschenkel gebrochen. Die erste Behandlung bringt nicht den gewünschten Erfolg. Nach zwei Operationen konfrontieren sie die Ärzte mit der Aussicht, dass sie vielleicht nie wieder auf hohem Niveau Laser segeln könne. Die Chancen lägen bei 20 Prozent.

Sie nimmt den Kampf an. Doch erst nach 18 Monaten sitzt sie wieder im Boot, ist einfach nur froh, wieder segeln zu können. Die Regatta-Premiere im Juni 2019 verläuft vielversprechend. Aber als sie beim Euro Cup auf ihrem Heimatrevier vor Warnemünde Gas geben will, muss sie drei von sechs Rennen aufgeben. Besonders bei Leichtwind, wenn das Knie angewinkelt werden muss, sind die Schmerzen groß.

Die letzte Trainingseinheit vor der WM in Melbourne. © H. Anderssohn

Es wird nicht besser. Besonders der Druck, im deutschen Kadersystem Leistung bringen zu müssen, macht ihr zu schaffen. Ende Dezember 2019 schreibt sie auf ihrer Facebook-Seite:

“Dass ich es in diesem Jahr wieder auf das Boot geschafft habe, ist mit Sicherheit der größte Erfolg, den ich je errungen habe! Aber danach verlor ich bei der Jagd nach dem perfekten Comeback die Geduld. Ich hörte nicht mehr auf meinen Körper und war geistig verbrannt.

Hannah Anderssohn kämpft beim Training in Warnemünde um das perfekte Comeback, erleidet aber schwere Rückschläge. © Hannah Anderssohn

Nach dem Sommer beschloss ich, mit dem Segeln aufzuhören. Mein Körper sollte sich erholen. Ich wollte nach meinem eigenen Weg zu suchen, wie ich aus dem Kreis der Verletzungen herauskommen kann und wie mein Körper widerstandsfähiger wird. Dann begann ich, mit Fit Kiel zu arbeiten. Es war definitiv eine meiner besten Entscheidungen. Ich bin fitter denn je und habe die längste schmerzfreie Zeit seit Jahren.

Mit dieser Basis möchte ich wieder an Wettkämpfen teilnehmen. Ich werde es für mich selbst tun, ohne jeden Verband. Weil ich denke, dass es mental der beste Weg für mich ist, das Segeln ohne Druck zu genießen.” Sie entscheidet sich, auf die Unterstützung des Deutschen Seglerverbandes zu verzichten.

Hannah Anderssohn

Hannah Anderssohn hier noch im roten Trikot der Dritten darf das Medalrace in gelb segeln. © Sailing Energy / World Sailing

Die Maschinenbaustudentin verlegt ihren Lebensmittelpunkt wieder von Kiel nach Rostock. Auf dem Heimatrevier kehrt die Lockehrheit  zurück. Plötzlich fühlt sie sich sogar fit genug, die WM in Melbourne in Angriff zu nehmen.

Nun liegt sie dort nach drei Rennen auf Rang 55 (Ergebnisse Laser Radial Worlds 2020). Aber besonders der dritte Lauf ist ein persönlicher Erfolg, der kaum hoch genug zu werten ist. Nach zwei schwierigen Leichtwindrennen auf den Plätzen 40 und 35 – zwei Flotten mit je 52 Boote – gelingt ihr bei 22 Knoten Starkwind und höchsten Wellen ein fünfter Platz. Bei diesen Bedingungen sind keine Glücksgriffe möglich. Auf Anhieb reiht sich die inzwischen 20-Jährige in der Weltspitze ein.

Wie ist das möglich?

Die ehemalige Laser-Kollegin Lena Weißkichel ist vor der Laser-Frauen-WM in Melbourne mit Hannah Anderssohn noch einmal tiefer in ihre Geschichte eingestiegen:

Wie gefällt dir das Revier und Australien? Konntet ihr ein bisschen Sightseeing machen?

Das Land ist natürlich beeindruckend. Angefangen von den Menschen bis hin zur Umgebung… also ich hab mich sofort verliebt. Leider ist es ein langer Flug hierher, sonst würde ich wahrscheinlich häufiger herkommen.

Lena Weißbichel (l.) mit Hannah Anderssohn. © Lena Weißbichel

Leider hatten wir nicht so viel Zeit zum Training auf dem Revier. Aber ich habe die Stunden auf dem Wasser sehr intensiv genutzt und sehr, sehr viel Spaß dabei gehabt. Es waren Traumbedingungen! Zwar schien nicht jeden Tag Sonne, aber wir hatten jeden Tag Wind – Das kannst du nicht vergleichen mit Europa.

Im vergangenen Sommer hast du ja eigentlich offiziell aufgehört mit dem Segeln. Wie kam es dazu, dass du dann doch wieder in den Laser eingestiegen bist und jetzt sogar hier an der WM teilnimmst?

Ich habe nach der Junioren EM vernunftmäßig aufgehört. Es waren einfach zu große Schmerzen für mein Alter (19 Jahre). In mir drin habe ich aber immer den Wunsch verspürt, wieder segeln zu wollen, wenn die Schmerzen weniger werden, wenn es wieder bergauf geht.

In Zusammenarbeit mit  Fit Kiel habe ich zuerst meinen Spaß beim Radfahren und Athletiktraining wiedergefunden. Es war quasi der Ersatz fürs Segeln. Als ich verletzt war, konnte ich nicht mal das machen. Weil ich vermeiden wollte, dass so eine Verletzung nochmal passiert, habe ich viel Energie ins Athletiktraining gesteckt und meinem Körper wirklich die Zeit gegeben, die nötige Muskulatur zu entwickeln und auch zu regenerieren.

Langsam wurde ich schmerzfrei und konnte Dinge machen, die seit zwei Jahren nicht mehr funktionierten! Jede Woche habe ich neue Fortschritte gemacht. Das war wirklich motivierend. Irgendwann habe ich aufgehört, die schmerzfreien Tage zu zählen. Ich habe einfach gesagt, okay es wird jetzt so bleiben. Ich möchte am Ende nicht sagen, ich war 200 Tage schmerzfrei, sondern ich war ab “dann” schmerzfrei.

Ich muss immer noch sehr viel Zeit im Kraftraum investieren, um diesen Zustand zu erhalten, damit insbesondere Schulter und Knie gut vorbereitet sind. Aber im Moment möchte ich diesen Zeitaufwand auch auf mich nehmen. Weil mir das Segeln so viel Kraft gibt, es so viel Spaß macht und ich einfach so viel glücklicher bin. Das ist mir die harte Arbeit auf jeden Fall wert.

Wie ist es zur Zusammenstellung deiner aktuellen internationalen Trainingsgruppe gekommen? Wie habt ihr euch auf diese WM vorbereitet?

Während der ersten zwei Monate nach der Junioren EM 2019 dachte ich kaum ans Segeln gehabt. Dann war ich mit meiner Mama in Split im Urlaub, wo die U21 WM stattfand, an der ich eigentlich hatte teilnehmen wollen. Zwei Freunde haben just for fun gefragt, ob ich nicht einen Tag mal segeln kommen will. Ich habe mir gedacht, okay warum soll ich mir das jetzt verbieten?

Dann war ich dort Laser segeln und es hat super viel Spaß gemacht! Es war einfach so krass. Ich konnte das erste Mal in meinem Leben nach zwei Jahren Verletzung das Segeln mal wieder genießen. Es war kein Zwang, keine Qual, ich habe keinen Druck verspürt und das war irgendwie so befreiend, dass ich da das erste Mal gedacht habe – boah wie wäre das, wenn du wieder anfängst mit Segeln?

Das Witzige ist, auf dem Rückflug von Split hat mich meine beste Freundin ‘Lauri’ (Laura Bo Voss) angerufen und gefragt, ob ich nicht im November mit nach Mexiko kommen will. Gar nicht um dort zu segeln, sondern weil ich nur den Flug bezahlen müsste und dort Rennrad fahren könnte.

Hannah Anderssohn

Hannah Anderssohn ist schon geübt beim Feiern mit der Nationalen. © STG

Das habe ich dann auch gemacht und war in Mexiko auch ein bisschen segeln. Das war auch super. Es war auf der anderen Seite der Welt – niemand hat zugeguckt. Ohne Druck, ich konnte einfach segeln. Ich konnte auch entscheiden, heute habe ich keine Lust, da gehe ich nur Rennrad fahren, ohne dass irgendwer was dagegen hatte.

Dann hat sich so ein bisschen der Gedanke entwickelt – warum nicht weitermachen – gerade in dieser Konstellation mit Lauri, Elena Oetling, der Mexikanerin, und Giorgio Elena „Gio“ aus Italien als Coach, einfach nur um wieder Spaß zu haben an dem Ganzen.

Ich habe ein paar Wochen darüber nachgedacht, habe auch Rücksprache mit Fit Kiel gehalten, wie lange ich bräuchte, um fürs Segeln fit zu werden und nicht zu früh irgendwelche Reize zu setzen.

Ich habe dann beschlossen, dass ich das ohne den DSV machen möchte, erstmal nur für mich, nur just for fun, ohne große Ansprüche und mit einer komplett neuen Ausgangssituation und neuem Umfeld.

Sonst würde ich mir wieder zu viel Druck machen. Es wäre wahrscheinlich das Gleiche passiert wie im vergangenen Jahr. Ich wäre wieder eingestiegen und hätte sofort den Vergleich gesucht. Hätte mich an der Leistung vor der Verletzung orientiert –  was natürlich total schwachsinnig ist. Zwischendurch ist einfach so viel passiert.

Aber unsere internationale Trainingsgruppe ist echt fantastisch! Wir helfen uns gegenseitig, wenn irgendwer mental gerade ein bisschen down ist. Ich meine, natürlich gibt es noch Tage, wo ab und zu noch irgendwas weh tut – es muss nicht das Knie sein, es kann auch irgendwas anderes sein – aber dann sind die anderen da und Coach Gio ist wirklich gut darin, eine Balance zu finden zwischen Fordern und nicht zu schnell vorzupreschen. Insofern habe ich da glaube ich ein ziemlich gutes Match gemacht!

Hast du denn irgendwelche Erwartungen an die WM?

Ich habe ein Minimalziel – das hört sich jetzt vielleicht komisch an, aber ich möchte tatsächlich einfach nach über zwei Jahren mal wieder alle Rennen mitfahren. Die letzte Regatta, die ich wirklich „gefinished“ habe, waren die Youth Worlds 2017 in China und sind wir mal ehrlich, das ist schon echt lange her. Ich weiß jetzt nach ein paar Wasserstunden auch, dass es easy erreichbar sein sollte, weil wir das auch schon simuliert haben.

Natürlich ist es in der Regatta nochmal was anderes. Die anderen deutschen Mädels fahren hier ja die Olympia-Quali. Und das ist für mich auch total spannend zu verfolgen und sicher eine gute Erfahrung für die Zukunft.

Aber ich kann noch überhaupt nicht sagen, wo ich stehe, was dabei rauskommt, wie es läuft. Ganz ehrlich, nach so langer Zeit ist das super schwierig zu sagen. Ich starte hier auch zum ersten Mal bei einer Senioren-WM. Aber ich traue mir und meinem Körper das zu. Ich möchte einfach Spaß haben bei dem Event und das wirklich mal genießen.

Das hört sich an, als würdest du dich körperlich auch gut vorbereitet fühlen?

Ich habe, wie gesagt, superviel Arbeit ins Athletiktraining gesteckt, echt viele Stunden. Ich glaube ich hab noch nie so viel Zeit im Gym verbracht. Wir haben aber auch trotzdem Wassertraining gemacht – das soll jetzt hier nicht so klingen als wäre ich nur im Gym gewesen, aber ich fühle mich bestmöglich vorbereitet. Mehr hätte man jetzt nicht schaffen können in der Zeit. Aber da ist noch ganz, ganz viel Potenzial nach oben – natürlich.

Update von der Laser Radial WM nach vier Tagen: Svenja Weger liegt nach drei Rennen als beste Deutsche auf Rang 16. Pia Kuhlmann ist 16. und Pauline Liebig 26. Wegen der drei ausgefallenen Rennen ist die Qualifikationsphase um einen Tag verlängert worden. Donnerstag und Freitag fallen die Entscheidungen in der Gold-Fleet

 

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *