Marcus Baur – ein Analyst, ein Kommunikator, ein Visionär

"Segeln bewegt sich immer im Spannungsfeld zwischen Einzelkämpfertum und Teamwork"

Mitteilungsblatt Juni 2011 des Kieler Yacht-Club

“Wie funktioniert der Segelsport” war das Titelthema des Mitteilungsblattes des Kieler Yacht-Club in seiner Kieler Woche Ausgabe. Verschiedene namhafte Protagonisten des deutschen Segelsports (Harald Baum, Christoph Schumann, Udo Schütz / Dirk Neumann, Marcus Baur) haben zu diesem Thema ihre persönliche Perspektive zu Papier gebracht. Alle Beiträge sind lesenswert. Zu dem fällt das Mitteilungsblatt mit seiner für Clubhefte ungewöhnlichen, gefälligen Segelmagazin-Optik auf.

Marcus Baurs Aufsatz ist überschrieben mit “Regattasegeln zwischen Einzelkämpfertum und Teamwork” und bringt sehr präzise auf den Punkt, wie der olympische Leistungssport funktioniert und wie er vielleicht umstrukturiert werden könnte.

Baurs Beitrag aus dem KYC Mitteilungsblatt Juni 2011:

Regattasegeln zwischen Einzelkämpfertum und Teamwork

Regattasegeln auf höchstem Niveau ist so komplex wie der folgende Satz: Die Herausforderung des Regattaseglers besteht aus der Meisterung der Bootsbeherrschung, der Erzielung herausragender Bootsgeschwindigkeit, der Optimierung der körperlichen und mentalen Fitness, der Pflege und Perfektionierung des Bootsmaterials sowie der ständigen Verbesserung seiner taktisch strategischen Fähigkeiten zur richtigen Positionierung des Bootes im Rennen und der optimalen Abwägung von Chancen und Risiken.

Um diese Aufgaben auf höchstem Niveau zu meistern, benötigt ein Segler ein gut eingespieltes Team, er muss sein Training sinnvoll strukturieren und seine Kampagne logistisch und finanziell auf den Gleisen halten.

Wer mit den Besten mithalten möchte, muss in allen diesen Bereichen so gut sein wie seine Gegner – wer gewinnen möchte, muss ein paar Dinge besser machen als sie. Es liegt auf der Hand, dass Teamplayer in diesem Spiel im Vorteil sind.

Simon Grotelüschen und Philipp Buhl haben sich in der Klasse der Einzelkämpfer, im Laser, durchgesetzt, aber sie können auch im Team © Marina Könitzer

Der Einzelkämpfer

In Einhandklassen wie dem Laser oder dem Finn ist jedoch nach dem Ankündigungssignal eines jeden Rennens vor allem das Herz und die Durchsetzungskraft des Einzelkämpfers gefragt. Viele der erfolgreichsten Segler der Welt sind in Einhandklassen groß geworden. Paul Elvström, Jochen Schümann, Ben Ainsle und Russel Coutts gewannen alle im Finn eine Goldmedaille. Unzählige Stunden haben sie alleine auf dem Wasser verbracht um mit ihrem Boot, dem Wind und den Wellen eins zu werden. Die Extremform dieses Einzelkämpfertums verkörpern die Männer und Frauen des Vendee Globe, die alleine den Erdball umrunden.

Es erfordert viel Hingabe die Kunst ein Boot zu steuern und den Wind auf der Wasseroberfläche zu lesen und so zu verinnerlichen, dass diese Fähigkeiten ins Unterbewusstsein übergehen. Diesen Weg muss ein junger Segler in der Regel alleine gehen. Hier setzen sich häufig extreme Charaktere und bisweilen auch Einzelgänger gegen den Rest durch.

Doch hinter jedem Vendee Globe Segler und hinter jeder Goldmedaille im Finn, im Laser oder im Surfen steht ein Team von Trainern und Helfern die den Erfolg erst möglich machen. Und auf den Mehrhand- und Bigboats dieser Welt ist die effektive Zusammenarbeit des Teams sowieso einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren.

Segeln bewegt sich also immer im Spannungsfeld zwischen Einzelkämpfertum und Teamwork.

Marcus Baur und Hannes Baumann (l.) gewannen die Kieler Woche 2007 im 49er © Kasch/Segler-Zeitung

Das Team

Ein Segelteam ist dabei wie eine Firma. Es kann aus sehr vielen Verantwortlichkeitsbereichen bestehen. Im Zentrum steht das Raceteam, dass das Boot nach dem Startsignal über den Kurs treibt. Es hat bestimmte Aufgaben, die ihm nicht abgenommen werden können. Das Raceteam muss seine Fähigkeiten im Rennen optimal entfalten. Dies kann es um so besser, je mehr das Gelernte verinnerlicht wurde. Der Prozess der Verinnerlichung und Automatisierung kann man als das Kerngeschäft des ambitionierten Regattaseglers bezeichnen.

Zwischen den Rennen kann ein Coach wie der Dirigent eines Orchesters auf das Raceteam Einfluss nehmen und die Aufmerksamkeit auf die wesentlichen Aspekte des Geschehens lenken.

Zwischen den Regatten fördert ein Trainer oder Trainerstab den Prozess der Verinnerlichung, indem er Trainingskurse und Übungen sowie ein gezieltes Fitness und Mentaltraining ermöglicht und fördert.

Die Trainer und der Coach (auch als eine Person möglich) gehören somit zum erweiterten Raceteam.

Prinzipiell sollte das Kerngeschäft des Raceteams nur aus den Dingen bestehen, die ihm nicht abgenommen werden können. Hieraus leitet sich ein einfaches Förderprinzip ab, dass den Kern der Förderstrategie im deutschen Spitzensegelsport bilden sollte: je mehr sich die Raceteams auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können, desto erfolgreicher werden sie segeln.

Um dies zu ermöglichen bedarf es eines effektiven Supportteams. Das Supportteam kümmert sich um die Finanzierung, die Organisation, die Logistik, das Bootsmaterial und die unterstützende Technik.

Wer gehört im deutschen Spitzensegelsport zum Supportteam und wer sind die Raceteams?

Die Raceteams sind natürlich die aktiven Segler und Trainer der deutschen Segelnationalmannschaft und solche die es werden wollen.

Bei dem Supportteam ist es etwas komplizierter bisweilen zum Leidwesen der Raceteams.

Zunächst ist erfreulich, das die Liste der Supporter in Deutschland sehr lang ist. Der DSV, die Landesverbände, die Vereine, große und kleine Sponsoren, Stiftungen, unterschiedliche Initiativen, professionelle Vermarktungsagenturen und natürlich Eltern, Familien und Freunde helfen auf dem Weg zur seglerischen Meisterschaft.

Bei der Eröffnung der Sailing-Academy in Kiel Juni 2011 (v.l. Marcus Baur/STG, Rolf Bähr/DSV, Torsten Albig/Oberbürgermeister Kiel, Oliver Schwall/STG) © STG

Die Vielfalt der Hilfsangebote wirkt sich jedoch nicht linear auf die Effizienz aus. Es ist bisweilen wie eine Seilschaft, die sich im Strippengewirr verheddert anstatt gemeinsam dem Gipfel entgegenzustreben. Um die Knoten zu lösen, muss man regelmäßig stehen bleiben und Sitzungen einberufen. Hier gehen die meisten Potentiale verloren. Statt den Support schlank und effizient zu organisieren, findet bisweilen eine intensive Selbstbeschäftigung statt. Genau wie jedes Raceteam muss sich aber auch das Supportteam fragen, wie es zu mehr Kompetenz und Effizienz gelangen kann. Hier ist das Optimum noch lange nicht erreicht.

Der Weg zum Erfolg des englischen Seglerverbandes nahm seinen Ausgang mit einem Neuentwurf seiner Organisationsstruktur. Auch der deutsche Spitzensegelsport benötigt einen solchen Neuentwurf. Es ist an der Zeit, dass hier Stagnation durch Innovation und Schnelligkeit ersetzt wird.

Ein Schlüsselkennzahl für den Erfolg des Supportteams ist das Verhältnis von der Zeit, die ein Raceteam auf sein Kerngeschäft verwendet und der Zeit, die es in organisatorische Aufgaben investieren muss.

Eine Kurzumfrage im Weltcup in Südfrankreich unter englischen Spitzenseglern der 49er Klasse bestätigte, dass diese im Gegensatz zu ihren deutschen Konkurrenten deutlich weniger Zeit mit Logistik und Finanzierungsaufgaben verbringen.

Eine der zentralen Fragen für die Zukunft des deutschen Spitzensegelsport sollte daher lauten, wie die externen Unterstützer mehr Effizienz, mehr Planungssicherheit, mehr Know How Transfer und eine stärkere Konzentration der Kräfte erreichen können, so dass sich die Segler auf das Wesentliche konzentrieren: die Kunst des Segelns zu verinnerlichen. Aus diesem Prozess werden die Erfolge von morgen erwachsen.

In England hat eine externe Unternehmensberatung den Umbau der Strukturen angeleitet. Angesichts der Kommunikationsschwierigkeiten innerhalb des komplexen deutschen »Supportteams« scheint dieser Weg nachahmungswürdig, wenn nicht gar alternativlos zu sein.

Marcus Baur, Jahrgang 1971, startete im 42oer seine Regattalaufbahn, wechselte später in den 49er, wo er sich über diverse Meisterschaften als Olympiateilnehmer für Athen und Sydney qualifizierte. Er kennt die Wege zum Erfolg, den des Einzellkämpfers aber auch als Teil eines Teams erfolgreich zu sein. Er ist heute in der S T G (Sailing Team Germany) engagiert und Mitglied im Vorstand des KYC. Marcus Baur lebt mit seiner Familie in Kiel und hat nach dem Studium der Architektur das Unternehmen Goalscape gegründet, das Softwarelösungen zur kollaborativen Zielerreichung entwickelt und anbietet.

 

SR Ergänzung: Marcus Baur ist seit drei Jahren als aktiver Sportler aus dem olympischen Geschäft draußen. Schade, aber er ist mit all seiner Erfahrung nach wie vor dabei und arbeitet an vielen Ecken und Enden für den deutschen Leistungssport. Dabei geht er wie damals als Aktiver neue Wege, vielleicht prägt er damit auch die Standards von morgen. SR berichtete über seine informativen und spannenden Lifeberichterstattungen zusammen mit ZDF-Mann Nils Kaben während der Kieler Woche und von der Eröffnung der Sailing-Academy des Audi Sailing Team Germany.

 

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Andreas John

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2 Kommentare zu „Marcus Baur – ein Analyst, ein Kommunikator, ein Visionär“

  1. avatar uli sagt:

    Wenn möglich den Artikel oder das Mitteilungsblatt als pdf verfügbar machen, da m.E. von allgemeinem Interesse.

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  2. avatar Lyr sagt:

    sehr schön geschrieben. scheint viel Wahres dran zu sein.

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