Match-Race-WM Bermuda: Sieg nach Crash – Canfield rammt Williams ins Zuschauerboot

"Ich hasse es, in Boote zu krachen"

Taylor Canfield gewinnt die Matchracing-Weltmeisterschaft in Bermuda nach einer heftigen Kollision im Vorstart. Er habe dem Briten Williams einfach nicht ausweichen können. Das Video.

Taylor Canfield hat eigentlich in den vergangenen Jahren keinen besonders guten Lauf. Schon 2013 wurde der heute 31-Jährige Weltmeister im Match Race. Seine Vorgänger hießen Dickson, Gilmour, Coutts, Baird, Spithill und Ainslie – allesamt Segellegenden und Spitzenverdiener im Segelsport, deren Kunst im Segelduell insbesondere durch die Anbindung an den America’s Cup einen hohen Wert hatte.

Ian Williams knallt in das Zuschauerboot und wird mit Punktabzug bestraft. © Ian Roman / BDA Gold Cup

Aber in Canfields Ära fällt der Abgesang auf das Match Race, weil seit 2010 der America’s Cup mit schnellen Multihulls ausgetragen wird. Das Können in der Startbox hatte keinen großen Wert mehr. Die Spezialisten wurden nicht von den Cup-Teams eingestellt. Schnellsegler wie Peter Burling und Nathan Outteridge bekamen die fetten Börsen.

Die Match Race Tour reagierte spät. Das schwedische Unternehmen Aston Harald AB kaufte schließlich die Rechte an der Tour und ließ die Segelduelle fortan mit M32-Katamaranen aussegeln. Canfield, der Mann von den US Virgin Islands, zeigte zwar, dass er auch diese Disziplin beherrscht. Aber 2016 verlor er das höchstdotierte WM-Finale aller Zeiten in Marstrand gegen Phil Robertson. Das Preisgeld: Eine Millionen Dollar.

Kleines Comeback

Erst seit 2019 feiert die Kunst des Ausbremsens ein kleines Comeback. Ein Grund war die Ankündigung der America’s Cup-Verteidiger aus Neuseeland, wieder zu Einrümpfern und klassischen gegen-den-Wind-Starts zurückkehren zu wollen. Die AC75-Foiler-Klasse ist zwar nach wie vor weit vom klassischen Match Race entfernt – es wird nicht erwartet, im Vorstart gefährliche Dial Ups oder Kreiselmanöver zu sehen – aber die Silhouette der Yachten sieht einfach mehr nach den traditionellen Segelyachten aus.

Die IODs haben eine Tendenz zum “Geigen” bei Starkwind. Aber das soll schnell sein. © Ian Roman / BDA Gold Cup

Vielleicht reicht das schon, um die weltweite Tour nach altem Vorbild wiederbeleben zu können. Besonders in Dänemark und Polen werden wieder Match Races veranstaltet. Jedenfalls tauchen langsam wieder neue Gesichter in der Szene auf. In Bermuda schaffte es überraschend sogar der 23-jährige Däne Jeppe Borch ins Halbfinale, wo er an Canfield scheiterte.

Dieser kam schwer in die Regatta. Wohl auch, weil er sich zuletzt mit anderen Dingen, als den zehn Meter langen und 3,2 Tonnen schweren IOD-Yachten, die 1936 als Einheitsklasse aus einem 6mR Design entstanden sind, beschäftigte. Schließlich schien endlich sein Traum vom America’s Cup wahr werden zu können. Im Dezember 2018 meldete das Stars&Stripes Team und Canfield wurde als Skipper benannt.

Rätselraten um Stars&Stripes

Aber seitdem herrscht nur noch Rätselraten um das zweite US-Team. Es steht immer noch auf der Meldeliste, hat aber kein Boot gebaut und darf auch keines vom Team New Zealand leihen, wie zwischenzeitlich angekündigt. Warum es sich nicht offiziell abmeldet, ist nicht bekannt. Canfield übt derweil das Schnellsegeln mit dem US-Team beim SailGP. Aber nicht als Steuermann sondern Flight Controller. Erfolgreich ist er dabei nicht. Auch auf diversen Taktiker-Positionen, die er immer mal wieder zum Beispiel in der J/70-Klasse zum Geldverdienen bekleidet, glänzte er zuletzt selten.

So musste nun der klassische Bermuda Gold Cup wieder für ein Erfolgserlebnis herhalten. Dabei konnte er auf das bestehende Stars&Stripes-Team zugreifen mit Mike Buckley, Victor Diaz de Leon, Mike Menninger und Eric Shampain. In der Vorrunde musste er zwar bei vier Siegen auch drei Niederlagen hinnehmen. Danach lief es aber immer besser. Im Viertelfinale schaltete er den Schweden Johnie Berntsson mit 3:1 aus und im Halbfinale Phil Robertson mit 3:2.

Im Finale wartete der britische Sechsfach-Weltmeister Ian Williams unter anderem mit Gerry Mitchell an Bord, der von Michael Grau für den J/70-Kieler-Woche-Sieg 2020 geheuert worden war. Bei Starkwind lieferten sich die beiden Kontrahenten ein dramatisches Finale. Knackpunkt war die folgenschwere Kollision im zweiten Rennen. Willams wollte um das Kommentatoren-Boot halsen, Canfield konnte sich nicht mehr freihalten, crashte in das Achterschiff des Briten und drehte dessen Bug in das Motorboot.

Kollision mit Schadensfolge

Williams wurde nicht nur mit einem Penalty bestraft, sondern auch mit dem Abzug von 0,75 Punkten. Eine normale Folge im Match Race für ein verschuldete Kollision mit Schadensfolge. Er hätte fortan also vier Rennen in Folge gewinnen müssen, um die erforderlichen drei Siegpunkte zu erreichen.

Taylor Canfield und sein Stars&Stripes Team mit dem Bermuda Gold Cup. © Ian Roman / BDA Gold Cup

Canfield sagt später zu der Situation: “Die Jungs an Bord sagten mir, ich solle mich zurückhalten. Aber ich sah diese Gelegenheit und ergriff sie. Ich hasse es, in Boote zu krachen, aber ich glaube, dass es keine Chance gab, diese Kollision zu vermeiden. Er bekam dafür einen Penalty und eine Dreiviertel-Punkte-Strafe. Jeder macht Fehler, und dieses Mal machte er den Fehler.”

Williams haderte nach der Niederlage aber besonders mit anderen Schiedsrichter-Entscheidungen. “Es geht sehr viel um Segelstile. Wir versuchen eher, die Schiedsrichter aus dem Spiel herauszuhalten, aber er bringt sie gerne mit ins Spiel. Heute hat das für ihn gut funktioniert.”

30.000 Dollar Preisgeld

Die Canfield-Crew hat damit einen Scheck über 30.000 Dollar aus dem 100.000 Dollar Preisgeld-Topf erhalten. Willams erhielt 15.000 Dollar. Der Drittplatzierte Phil Robertson erhielt 12.000 Dollar, Jeppe Borch sammelte bei der ersten Grade1-Regatta 11.000 Dollar ein.

Bei der Preisverleihung sprach der Gouverneur von Bermuda John Rankin darüber, wie sehr Bermuda daran gearbeitet habe, die Coronavirus-Pandemie einzudämmen und zu minimieren. Aktuell gibt es nur 20 aktive Fälle. Alle mit der Regatta in Verbindung stehenden Menschen seien während des Aufenthalts auf der Insel mehrfach getestet worden und niemand sei positiv gewesen.

Man habe der Welt beweisen können, dass man auch in diesen Zeiten ein professionelles Sportereignis sicher und verantwortungsbewusst ausrichten kann, ohne die Action auf dem Wasser zu opfern.

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Bermuda Gold Cup 2020 Ergebnisse

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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