Meeresschutz: VOR-Teams sammeln am abgelegensten Ort alarmierende Mikroplastik-Daten

Point Nemo verliert Unschuld

Volvo Ocean Race

Turn The Tide konnte bisher beim VOR nicht immer den Speed der Schnellsten halten, engagierte sich aber wissenschaftlich und sammelte Daten über die Verbreitung von Mikroplastik. © Sam Greenfield/Volvo Ocean Race

Die Teams „Turn the Tide on Plastics“ und „Akzo Nobel“ sammelten während der VOR-Monsteretappe durch den Southern Ocean fleißig Daten. Mit erschreckenden Ergebnissen. 

Während die Volvo Ocean Race-Crews über Ozeane und Meere unseres Blauen Planeten rasen und uns mit atemberaubenden Aufnahmen von ihren Abenteuern und sportlichen Höchstleistungen faszinieren, hat die VOR-Organisation einige der teilnehmenden Boote auch als Forschungsplattform in den Dienst der Wissenschaft gestellt.

In diesem Rahmen haben Wissenschaftler des GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und des Kieler Exzellenz-Clusters „Ozean der Zukunft“ mit Unterstützung von Volvo Cars zunächst „Turn the Tide on Plastic“ mit Sensoren bestückt. Für die lange (und wissenschaftlich besonders wichtigen) Etappe im Southern Ocean stellte sich zudem „Akzo Nobel“ den Forschern zur Verfügung. 

VOR, Mikroplastik, Müll

Auch AkzoNobel stellte sich für die Etappe von Auckland nach Itajai als Forschungsschiff zur Verfügung. © Sam Greenfield/Volvo Ocean Race

Die Geräte ermitteln grundlegende chemische und physikalische Daten des Meerwassers wie etwa Temperatur, CO2, Salz- und Algengehalt, die einen Hinweis auf die Übersäuerung der Ozeane geben können. Ihre primäre Aufgabe ist jedoch die Messung und Verteilung von Mikroplastikpartikeln im Ozean. „Wir erhalten so einen einmaligen globalen Datensatz zum Zustand der Weltmeere“, sagt der Projektleiter am GEOMAR, Dr. Toste Tanhua aus der Abteilung Chemische Ozeanographie.

Plastik schwimmt überall – überall!

„Da die VOR-Racer auf maximale Geschwindigkeit aus sind, mussten wir unsere Geräte für das VOR deutlich kleiner und leichter bauen, als bei anderen Forschungsvorhaben, etwa mit Frachtern“, erklärt Dr. Sören Gutekunst, betreuender Wissenschaftler bei GEOMAR. 

Die neuen Instrumente wurden von den Kieler Firmen SubCtech und bbe Moldaenke entwickelt.

In einigen Etappenorten veranstaltet das VOR einen „Ocean Summit“, bei dem die beteiligten Wissenschaftler die Gelegenheit erhalten, die Messungen, die während der vorangegangenen Etappen vorgenommen wurden, einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. 

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Dr. Gutekunst in Auckland, nachdem er bei Akzo Nobel die Sensoren installierte © gutekunst

Was nun beim letzten Ocean Summit veröffentlicht wurde, mag aus wissenschaftlicher Sicht als Erfolg bewertet werden, ist ökologisch betrachtet jedoch ein Desaster: 

Auch am Point Nemo wurden Mikroplastik-Teile nachgewiesen!

Auf den beiden VOR-Racern „Turn the Tide on Plastics“ und „Akzo Nobel“ konnte erstmals an dem vom Festland weitesten entfernten Punkt unseres Planeten (Point Nemo) mitten im Southern Ocean  wissenschaftlich verwertbares Datenmaterial gesammelt werden. Mit dem erschreckenden Ergebnis, dass selbst an einem Ort der Erde, wo die nächsten menschlichen Wesen in der Weltraumstation in 400 Kilometer Höhe anzutreffen sind, noch der Fluch unserer Zivilisation zu spüren ist. 

Zwischen 9 und 26 Mikroplastik-Partikel wurden am Point Nemo registriert – der endgültige Beweis, dass die Natur nirgendwo auf unserem Planeten vor Plastik sicher sein kann. 

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Point Nemo: Nächster von Menschen bewohnter Ort ist die Raumstation ISS © google maps

Point Nemo befindet sich zwischen Chile und Neuseeland, und zwar jeweils genau 2688 Kilometer von Ducie Island (Teil der Pitcairninseln), Motu Nui (Nebeninsel der Osterinsel) und Maher Island (Antarktis) entfernt.

Höchster Plastikanteil im Südchinesischen Meer

Als die Boote nahe Kap Hoorn segelten, stiegen die Messungen auf 57 Partikel pro Kubikmeter. 45 Partikel pro Kubikmeter wurden 452 km vor Auckland, Neuseeland und nur 12 Partikel pro Kubikmeter wurden 1000 km vor dem Ziel Itajaí gefunden. Dass ausgerechnet Richtung Brasilien relativ niedrige Mikroplastik-Konzentrationen gefunden wurden, erklären sich die Forscher mit den vorherrschenden Strömungen vor der brasilianischen Küste. 

Der bisher höchste Gehalt an Mikroplastik, 357 Partikel pro Kubikmeter, wurde auf „Turn the Tide on Plastics“  in einer Probe aus dem Südchinesischen Meer östlich von Taiwan gefunden. Ein Seegebiet, dessen Strömungen nachweislich in den Großen Pazifischen Müllstrudel münden. 

Von wegen „unberührt“

Dr. Sören Gutekunst kommentierte die Point Nemo-Funde: „Dies sind die ersten Daten, die von der wissenschaftlichen Gemeinschaft von diesem relativ unzugänglichen Teil unseres blauen Planeten analysiert werden können. Leider zeigen sie auch, wie weit Mikrokunststoffe in unsere riesigen Ozeane eingedrungen sind und dass sie sogar in Gewässern anzutreffen sind, die bisher von vielen als unberührt angesehen wurden.“

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Messergebnisse nach Gutekunst, veröffentlicht vom Volvo Ocean Race © VOR

Anne-Cecile Turner, Leiterin des Nachhaltigkeitsprogramms beim Volvo Ocean Race, fügte hinzu: “Solche Informationen sind äußerst wertvoll, da sie helfen, die großen Lücken in unserem Verständnis darüber zu schließen, wie Kunststoff über mehrere Jahre hinweg zerfällt und durch Meeresströmungen bis ans Ende der Welt verbreitet wird!“ Es sei zudem eine deutliche Mahnung an alle Regierungen, Unternehmen und Einzelpersonen, unsere Plastikkrise endlich anzugehen. Jeder könne seinen Anteil zur Lösung des weltweiten Problems beitragen.

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Michael Kunst

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