Miami World Cup: 470er-Frauen Loewe/Markfort und Oster/Winkel 1 und 2. – Irrer letzter Vorwind

Deutsches Frolleinwunder

Was für eine Spannung auf den letzten Metern. Die Führenden Loewe/Markfort schienen beim 47er-Frauen-Start schon alles verloren zu haben. Dann drehten sie das Ding. Die Kolleginnen Oster/Winkel halfen.

Noch 15 Sekunden bis zum Start. Frederike Loewe steht im Boot. Ihr gelbes Trikot leuchtet in der gleißenden Miami-Sonne. Sie drückt das Großsegel nach Lee. Bremsen. Der deutsche Frauen-470er ist früh dran. Die linke Startlinienbegrenzung kommt gefährlich nahe. Die Sloweninnen, Olympia-Sechste in Rio, drücken von hinten. Und dahinter lauert noch die Olympiasiegerin Hannah Mills.

Marek Chocian

Die beiden Siegerteams mit Erfolgstrainer Marek Chocian

Anna Markfort zieht die Fock back. Der Bug schwingt langsam nach Lee um zu Beschleunigen. Aber der Platz wird knapp. Es geht um Zentimeter. Können sie die Pole-Position am Pin-End halten? Es wäre ein echter Big-Point für einen großen Karriere-Erfolg. In Miami ist die gesamte 470er-Frauen-Weltspitze vertreten. Und im vorolympischen Jahr geben spätestens jetzt alle Vollgas.

Sie schaffen es nicht. Der Startschuss ertönt. Der Abstand zum verankerten Gummiboot in Lee wird immer geringer. Der deutsche 470er wird auch von leichter Strömung herunter geschoben. Frederike Loewe steuert in einen Aufschießer, um die Berührung zu vermeiden, das Schiff stoppt ab, der Start ist verpatzt, sie liegen auf dem letzten Platz. Das war’s. Keine Medaille und erst recht kein Gesamtsieg.

Frederike Loewe und Anna Markfort beim größten Erfolg ihrer Karriere. © Pedro Martinez/Sailing Energy

“Das war viel zu risikoreich”, sagt Frederike Loewe später. “Das würden wir heute anders machen.” Andererseits zeigt dieser Start im nervenaufreibenden Medalrace viel über das neue Selbstverständnis von Frederike Loewe und Anna Markfort. Als Weltranglisten 13. und WM 20. stellen sie sich nicht höflich hinter den Großen der Branche an. Sie wollen diesen Sieg, auch im Duell mit der Olympiasiegerin Hannah Mills.

Fabienne Oster und Anastasiya Winkel © Pedro Martinez/Sailing Energy

Die Ausführung des Starts mag nicht funktioniert haben, aber sie verteidigen die Pole-Position in dieser kritischen Phase. Willensstärke macht auf Dauer viel Eindruck bei der Konkurrenz. Sie mögen beim nächsten Start in ähnlicher Position mehr Platz gewähren.

Die beiden deutschen Spitzenboote immer eng beisammen. © Pedro Martinez/Sailing Energy

Und dann dieses Rennen. Keine hektischen Wenden, ein langer Schlag nach rechts, Nerven bewahren, das Feld liegt wieder eng beisammen. Geduldig warten sie auf ihre Chance. Dabei scheinen die Britinnen vorne lässig den Sack zuzumachen. Die Team-Kolleginnen Oster/Winkel mischen vorne ordentlich mit, haben sogar auch Gold im Blick. Schließlich geraten aber auch sie plötzlich auch unter Druck.

Dann der letzte Vorwindkurs:

Beginn der letzen Vorwindstrecke. Oben links die Verteilung der Medaillen Loewe/Markfort gehen zu diesem Zeitpunkt leeraus.

Die letzte Vorwind. In dieser Konstellation nach der Luvtonne gäbe es Bronze für Oster/Winkel und Blech für Loewe/Markfort…

…Mit etwas mehr Druck von hinten halten die jeweils hinteren Boote tiefer und schieben sich ins Lee der vorderen. Die Britinnen scheinen die Gefahr nicht ernst zu nehmen…

…Als sich die Amerikaner mit einer Halse retten wollen, greifen Loewe/Markfort klassisch mit einer Halse an und nehmen die Gegnerinnen in den Windschatten…

…Kurz danach das gleiche Manöver beim anderen Pärchen. Die Außenposition der britischen Olympiasiegerin ist besonders deshalb schwach, weil die letzte Marke an Backbord gelassen werden muss…

…Die beiden deutschen Boot haben jeweils ihre direkten Gegnerinnen passiert und bremsen sie mit ihrem Windschatten…

…Loewe/Markfort müssen noch zwei Halsen ausführen…

…platzieren sich aber knapp vor den Britinnen…

…GBR rutscht dadurch von der Gold-Position auf Rang vier ab.

Frederike Loewe sagt: „Das ist unser erster Weltcup-Sieg, die erste Weltcup-Medaille überhaupt. Sie zeigt, dass wir im Winter hart gearbeitet haben. Das Gold ist eine sehr gute Grundlage, auf der wir aufbauen wollen, können und werden.“

Die Ergebnisse in Miami zeigen, wie stark die deutsche Frauen 470er-Flotte zurzeit ist. Und diese Macht speist sich aus einer großen Trainingsgruppe. Dazu gehören mit Böhm/Goliaß (19. in Miami) die schon ihre zweite Olympiakampagne segeln, mit Wanser/Wanser, Dahnke/Winkel – den Meister der Meistern – , Stolz/Reinsberg und Löffler/Stückl noch fünf weitere Teams. Wenn dazu ein so erfahrener Coach wie Marek Chocian kommt, der für Polen selber zweimal im 470er bei Olympischen Spielen am Start war, kann das deutsche Frolleinwunder erklärt werden.

Nun war der Weltcup in Miami allerdings von Leichtwind geprägt. Das macht gerade im 470er einen großen Unterschied aus, da ab acht Knoten Wind freies Pumpen erlaubt ist. Diese Bedingungen herrschten insbesondere im dritten Rennen vor. Da feierten die Chinesinnen die Ränge 1 und 3 kamen in der Gesamtwertung aber nur auf 14 und 23. Es muss sich noch zeigen, wie die Karten bei stärkerem Wind gemischt sind. In Bezug auf Crew-Gewicht und -Größe sind die deutschen Top-Teams aber bestens aufgestellt.

Das 470er Frauen Medalrace in voller Länge:

Medalrace Tracker

Ergebnisse 470er Frauen

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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