Meisterschaft der Meister: 470er Juniorinnen überraschen Favoriten – Erster First 18 Einsatz

So sehen Sieger aus

Riesige Überraschung bei der 38. Meisterschaft der Meister. Ein junges Frauenteam düpiert die gestandene Konkurrenz. Spannender hätte das Finale auf der Alster kaum sein können.

Stimmung bei der Preisverteilung:

Der Himmel zieht sich zu über Hamburg, Vorhang auf für ein Segel-Drama der besonderen Art. Eben noch erstrahlt das Spielfeld der 38. Meisterschaft der Meister unter der tief stehenden Herbstsonne, nun kriecht eiskalter Nieselregen in die Klamotten und macht die Holzstege “scheißeglatt” wie auf Papierzetteln gewarnt wird.

Die Zuschauer flüchten vom Steg ins warme HSC-Clubhaus mit der großen Fensterfront, die den Blick auf die Alster gewährt. Ein schickes, kleines, überdachtes Segelstadion quasi mit Heizung auch für die Stehplätze. Nur Silke Basedow hält draußen die Stellung. Die Steuerfrau des HSC-Liga-Teams erklärt eisern am Mikrofon – unterstützt von Schwester Maren und Luisa Krüger – was sich auf dem Wasser tut. Wie spannend doch der Segelsport sein kann, wenn ihn jemand erklärt, der genau versteht, was auf der Bahn passiert.

Das Sieger-Interview:

Nur noch drei Teams sind übrig von den 32 Meister-Crews, die sich für die 38. Auflage der Regatta mit Titeln in ihren jeweiligen Klassen qualifiziert haben. 24 Rennen im Kurzrennen-Format sind absolviert. Jede Crew kam in den achter-Flotten sechsmal zum Einsatz. Die besten Acht der Gesamtliste qualifizierten sich für ein Sudden-Death-Rennen mit acht Booten und nur drei schaffen das Finale.

First 18 statt Seascape

Erstmals wird mit Seascape 18 gesegelt, die inzwischen First 18 heißen. Im Juli wurde die slowenische Werft von Bénéteau übernommen, und ihre Boote als neue Sport-Linie adaptiert. Nun präsentiert sich das vor fast zehn Jahren vom französischen Mini-Transat-Spezialisten Sam Manuard gezeichnete 25.000 Euro-Schiffchen, mit dem man auch cruisen kann (SR-Bericht), erstmals den kritischen deutschen Meister-Seglern.

SR bei der Arbeit. Einhorn-Kopfschmuck nach der Spaß-Peisverteilung am Samstag. © Sven Jürgensen

Dafür wurde die Flotte wurde aus dem 1200 Kilometer entfernten Ljubljana angekarrt. Und sie entpuppt sich unter dem Strich als bestens geeignet für eine solche Veranstaltung – ein guter, unkomplizierter Gleichmacher für die Spezialisten aus so verschiedenen Klassen wie  Sharpie, 14-Footer, Conger, J/24 oder Swan.

Alle haben gleich wenig Erfahrung mit der etwas schwerfälligen Doppelruder-Anlage, dem breiten Heck und dem Gennaker-Strumpf auf dem Vordeck. Allerdings ächzen die gewichtigen Jollenkreuzer- oder Kielboot-Crews. Für sie ist es schwer, den kleinen Schwenkkieler in Fahrt zu bekommen, den man ohne Probleme auch zu zweit segeln könnte.

Die Diesch-Familie gibt sich Ehre auf der Alster und verpasst nur knapp das Top Drei-Finale. © Sven Jürgensen

Dafür kommt die Jugend besser zurecht. Die Boote sind einfach zu bedienen. 420er-, Europe-, Piraten- und selbst Optimist-Segler wie Halbfinalistin Cosima Schlüter, sind weiter vorne zu finden als sonst bei der Meisterschaft der Meister.

Finalisten mit Liga-Know-How

Die Dominanz der Segel-Bundesliga-Spezialisten, die einige auf die Bootswahl der J/70 im vergangenen Jahr zurückgeführt haben, hat sich nicht verändert. Alle acht Finalisten haben massives Liga-Know-How an Bord versammelt. Allen voran die NRV-Bundesliga-Meister um Tobias Schadewaldt, aber auch der 505er-Champ Jan-Philipp Hofmann. Er sichert seinem Düsseldorfer Yacht-Club gerade erst wieder mit einem starken Auftritt auf der Alster den Erstliga-Platz. Beide Teams schaffen erwartungsgemäß den Einzug ins Finale.

Überraschender ist die Qualifikation des 470er Junioren-Duos Theres Dahnke (20) und Birte Winkel (21) zusammen mit Johanna Meier (21) für das entscheidende Triple-Race. Ihnen gelingt im Halbfinale ein fulminanter Gennaker-Endspurt, und sie sichern sich um Zentimeter den entscheidenden dritten Rang.

Meisterschaft der Meister

Johanna Meier (m.) freut sich mit Theres Dahmke und Birte Winkel über den Überraschungscoup. © Sven Jürgensen

Aber niemand setzt einen für das Finale einen Pfifferling auf die leichten Mädchen. Denn  die Windböen aus Nord werden immer heftiger. Die Kielboote können jetzt effektiv mit den Fußgurten auf dem Cockpitboden gerade gezogen werden. Da sollten besonders die Düsseldorfer Jungs Vorteile haben, deren Sieg in der Vorrunde nur durch einen Schaden verhindert wurde. Und auch ex Laser-Spitzensegler Schadewaldt kann sich ordentlich weit hinauslehnen.

Entsprechend intensiv beharken sich die beiden Spezialisten im Vorstart des Triple-Races, bei dem nur Siegpunkte zählen. Wer es zweimal ganz nach vorne schafft, darf den Pokal mitnehmen.

Hoffen auf den Spi-Kurs

Die Mädchen halten sich bewusst zurück, beobachten das Duell aus sicherer Entfernung und schaffen dennoch einen Start auf Augenhöhe. Erstaunlich, wie lange sie sich in Luv halten können, als es auf das maximale Ausreit-Gewicht ankommt. Die Jungs geben alles, strecken die dicken Arme über den Kopf.

Aber auch die Frauen können kämpfen, bleiben knapp dran, und hoffen auf den Spi-Kurs. Als die Hofmänner beim Drop ihre Blase überfahren, ist es nur noch ein Duell mit dem Liga-Meister. Schadewaldt liegt vorne. Aber auf der letzten Vorwind kommen die aktuellen Junioren-Europameisterinnen mit Speed von hinten, blockieren die Halse der Gegner, überholen und timen das folgende Cover-Manöver perfekt.

Meisterschaft der Meister

Asymmetrisch angebrachter Bugspriet, Spi-Sack auf Deck, die First 18 birgt einige interessante Ideen. © Sven Jürgensen

Johanna Meier sagt die Taktik an. Sie stammt aus einer erfolgreichen Seglerfamilie in Wesel, studiert inzwischen Biomedizin in Rostock und steuert für das Segel-Bundesliga-Team vom Akademischen Segler-Verein Warnemünde. Beim Helga-Cup lenkte sie auf Rang zwei und bei der ersten Frauen-Championsleague-Regatta wurde es gleich Bronze. Frau Meier weiß, wie es geht. Und dem eingespielten 470er-Team sind die vielen gemeinsamen Jollen-Glitsch-Stunden auf dem Wasser anzumerken. Theres Dahnke zeigt viel Gefühl für den optimalen Quertrimm des ungewohnten Kielbootes. Unter dem Gejohle der Zuschauer gelingt der erste Überraschungssieg im Triple-Race-Finale.

Wind und Regen werden stärker

Das nächste Rennen. Wind und Regen werden stärker – wie auch Hofmann und Schadewaldt. Die Düsseldorfer liegen vorne, vergeben aber den Siegpunkt an den Liga-Meister, als sie unter Gennaker eine Glitsch-Böe verpassen. Nun ist die NRV-Crew klarer Favorit für das Finale. Oder können doch die Düsseldorfer ihren Gewichtsvorteil am Wind noch in einen Sieg ummünzen? Die Mädchen? Unter den Zuschauer ist man sich einig – die scheinen bei den harten Bedingungen ihr Pulver verschossen haben.

Meisterschaft der Meister

Kohlefaser-Mast, keine Saling, kein Achterstag, dafür Heckschot-Führung, Ausreitgurte und Doppelruder. Das 5,50 Meter Schiffchen funktioniert. © Sven Jürgensen

Rennen drei: Wieder das Start-Duell der beiden Männer am Lenker, wieder halten sich die Frauen raus, sind diesmal aber etwas spät dran und liegen wieder hinten. Das Rennen läuft für den NRV – bis kurz nach der letzten Luvtonnen-Rundung. Der Gennaker füllt sich erst spät, irgendetwas hakt. Die Mädels dahinter schaffen ein deutlich schnelleres Manöver.  Das 32-Quadratmeter-Tuch zerrt am Bugspriet die Seascape-Nase aus der Alster, das Heck presst sich ins Wasser, im Glitsch-Modus rutschen die Frauen wieder auf die Innenseite der Gegner.

Kann das wirklich klappen? Der zweite MdM-Frauen-Sieg nach Ulrike Schümann vor elf Jahren? Bei diesen harten Bedingungen, bei diesen Gegnern? Die Zuschauer im HSC-Clubhaus halten den Atem an. Ist das eine dieser wunderschönen Underdog-Stories, die so nur der Sport schreiben kann?

Noch eine Halse…

Schadewaldt liegt schon hinten, er greift mit einem Manöver an. Der Bugspriet zielt auf das Heck der Gegnerinnen. Die Mädchen müssen reagieren, den Vorsprung sichern – noch eine Halse. Auch auf der anderen Vorwind-Seite holen die Düsseldorfer gefährlich auf.

Birte Winkel reißt den blauen Gennaker auf die neue Seite. Es ist das erste Mal, dass sie an diesem Wochenende, einen solchen asymmetrisches Reacher trimmt. Das Tuch schlägt kurz durch, zu früh angeluvt? Die First 18 krängt bedenklich.

Meisterschaft der Meister

Die Diesch-Familie zieht ihre 18 gerade. Das Schiffchen soll sich mit Schwenkkiel und 2,20 Meter Doppelkoje auch zum Cruising eignen. © Sven Jürgensen

Auf einer J/70 müsste man einen Sonnenschuss befürchten. Doch dieses Schiff ist zwar 1,38 kürzer als die J/70 und gut 300 Kilo leichter aber dafür 13 Zentimeter breiter. Zusammen mit der Doppelruder-Anordnung gibt es kaum eine Chance, unter dem gesetzten bunten Tuch die Kontrolle zu verlieren. Soll es etwa wirklich reichen?

Emotionale Höhepunkte

Jochen Halbe, ehemaliger Chefredakteur der Zeitschrift Regatta, Initiator der Veranstaltung vor 38 Jahren und selber schon Gewinner, als noch mit Piraten gesegelt wurde, ist gebannt – und gerührt. Dass diese Regatta schon so lange funktioniert und für solche emotionalen Höhepunkte sorgt, zeigt ihre Lebendigkeit.

Halbe ist stolz auf seinen Hamburger Segel-Club, dass er unter der Führung von Wolf Dieter Jahn im vergangenen Jahr die MdM rettete, nachdem sich der DK-Verlag überraschend plötzlich zurückgezogen hatte. Die treuen Sponsoren Dimension Polyant, Pantaenius und Musto blieben dabei, und mit dem Einstieg von Bénéteau bei Seascape half nun das Glück des Tüchtigen: Die Franzosen haben genügend Kraft und Interesse, ihre neue Glitsch-Flotte auf dem deutschen Markt zu präsentieren. Sie dürften es nicht bereuen. Dieses Finale macht richtig viel Spaß. Wenn es jetzt noch die Mädchen packen…

Der NRV liegt im Kielwasser, aber der finale Cross vor den Hofmann-Brüdern mit Alex Swade wird richtig knapp. Kurzzeitig scheinen die Bugspitzen aufeinander zu zeigen. Dann setzt die nächste Böe ein. Die Mädels können mit schäumendem Bug gut 20 Grad abfallen, passieren klar voraus, das Wunder ist perfekt: Frauen-Sieg bei der 38. Meisterschaft der Meister.

Im HSC-Clubhaus wird gejohlt, gepfiffen, applaudiert. Menschen liegen sich in den Armen. Was für eine schöne Geschichte!

Ergebnisse MdM 2018

Meisterschaft der Meister

Ergebnisse MdM 2018. Topp 15 von 32 Teams

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden

3 Kommentare zu „Meisterschaft der Meister: 470er Juniorinnen überraschen Favoriten – Erster First 18 Einsatz“

  1. avatar HSC sagt:

    Ein toller Bericht über ein tolles Event. Was für ein Finale, was für ein Ergebnis!

    Unser Dank gilt den Sponsoren, den zahllosen Helfern, dem Wettergott und vor allem den Teilnehmern, die diese Meisterschaft der Meister erst möglich gemacht haben – auf ein Neues in 2019!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 27 Daumen runter 0

  2. avatar Tommy Loewe sagt:

    Toll und packend geschrieben, mit lebendigen Videos. Man sitzt fast mit im Boot. Chapeau für die Mädels für ihren Spirit und ihre Leistung. Das ganze Event hat viel Spaß gemacht, Der HSC hat es gepackt die MdM in die Zukunft zu führen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

  3. avatar Geronimo sagt:

    Gratulation an die 470er Juniorinnen.

    Mit der First 18 hat der HSC in diesem Jahr keine Kosten und Mühen gescheut, um Chancengleichheit herzustellen.

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *