Mini 6.50: Bald erster Prototyp mit Kite-Antrieb?

Drachen-Mini

Mini, Flügelrigg, Drachen

Ein Mini mit Flügelrigg und Drachen © lucas

Im Sommer sollen erste Tests auf einem Mini 6.50 mit Flügelrigg und selbsttragendem Drachen durchgeführt werden. Yves Parlier bringt das Kite-Know-how ein.

Die innovative und als höchst aktiv bekannte Mini-6.50-Klasse gilt schon seit Jahrzehnten als „Testlabor“ für spannende Projekte unter Segeln. Motto: je verrückter, desto besser. Viele der im Mini getesteten Innovationen, die zunächst als „Spinnerei“ und „Quatsch“ abgetan wurden, sind mittlerweile zumindest in der Regattaszene Standard und vollends akzeptiert.

So wurden etwa Flügelriggs schon vor Jahrzehnten auf Minis eingesetzt, die ersten Schwenkkiel-Versionen unterm Mini über den Atlantik gesegelt (und manchmal dabei auch verloren) und das System des ausschwenkbaren Bugspriets in der Szene etabliert. Für richtige Furore sorgte David Raison, als er 2011 die Mini-Transat in einem Mini mit Plattbug souverän gewann.

Doch in den Denk- und Testlabors der Ministen köcheln noch viele weitere Innovationen vor sich hin: So will sich etwa der erste Mini mit DSS in diesem Jahr bei Regatten mit den KollegInnen messen und die Szene munkelt längst von einem höchst geheimen ersten Mini auf Foils…

Mini, Flügelrigg, Drachen

je höher am Wind, desto kritischer? © lucas

Drachen und Flügelrigg

Doch das wohl verrückteste Projekt ist jetzt  von seinen drei Protagonisten und in der französischen Segelzeitschrift „Voiles et Voiliers“ vorgestellt: Der „Sailing Speed 6.5“ ist ein Mini-Prototyp, der mit einem Flügelrigg und –segel ausgestattet zusätzlichen Vortrieb durch einen „selbsttragenden“ Drachen erhalten soll.

Ausgedacht haben sich das Francois Lucas (Bootsdesigner, u.a. mehrere Mini-Risse, segelt selbst Mini), der Bootsbauer Grégory Debord (eröffnete mit 27 seine eigene Werft, baut hauptsächlich tradionelle Boote aus Holz mit Elektromotor und verbringt jede freie Minute auf seinem Mini) sowie die Hochseelegende Yves Parlier, der in dem Projekt übrigens als „treibende Kraft“ gilt.

Das ist durchaus im doppelten Wortsinne zu verstehen, denn Parlier beschäftigt sich seit 2007 mit Drachen, die auf See den Fischerei- und Handelsflotten Treibstoff sparen helfen. Logisch, dass Parlier als leidenschaftlicher Segler die Kites auch auf Segelschiffen zum Einsatz bringen möchte…

Ein Mini-Fock zum "anfahren"

Ein Mini-Fock zum “Anfahren”

Kite und “aufrichtendes Moment”

Francois Lucas zeichnet vor allem für das Flügelrigg verantwortlich. Beim Rumpf und allem was dranhängt, sei bereits so ziemlich alles durchprobiert worden, aber beim Rigg sind selbst Minis noch ziemlich traditionell unterwegs. Das will der Schiffsbauarchitekt nun ändern, heißt es in seiner Präsentation.

Das Flügelrigg bietet sich für dieses Kite-Projekt vor allem deshalb an, weil es bei gleicher Segelfläche an einem kürzeren Mast gefahren werden könne. Das macht das Boot leichter und senkt seinen Schwerpunkt. Der Hebel, der ein Boot zum Kentern bringt, sei verkürzt – entsprechend sicherer ist dann der Einsatz des Drachens.

Außerdem wollen die Franzosen auf einen Neigekiel verzichten. Das spare Gewicht. Die Krängunsgräfte sind deutlich reduziert, wenn der Drachen zum Einsatz kommt. Die “Mini-Fock” soll lediglich eine aerodynamische Hilfe sein, um das Flügelrigg beim “Anfahren” zu unterstützen.

Aus Kostengründen werden die Drei für ihren ersten „Sailing-Speed-6.5“- Protoypen in erster Linie Kunststoffe zum Bau des Rumpfes verwenden, später sind Karbonversionen vorgesehen.

“Das Ding soll sich selbst steuern!”

Den wohl schwierigsten Part bringt Yves Parlier in das Projekt. Er zeigt sich im Interview, aber auch auf diversen Blogs im Internet und auf seiner Website ungewohnt zurückhaltend mit Details. „Um ehrlich zu sein,“ sagt Parlier, „ich bin selbst sehr gespannt, wie sich das alles in der Praxis entwickeln wird.”

Der Hochseeheld ist auch Techniker und… Bastler © Yves Parlier

Der Hochseeheld ist auch Techniker und… Bastler © Yves Parlier

Denn der kniffligste Teil beim Einsatz des Drachens wird sein, das Ding selbststeuernd, besser: selbsttragend oben am Himmel zu halten, während das Boot unten seinen Kurs segelt, aber diesen auch mal ändert. Ziel ist es, dass sich der Drachen – einmal abgehoben und in der Luft  – ohne Lenkbewegungen durch den Skipper immer wieder von selbst am Wind ausrichtet. “Wenn also angeluvt oder abgefallen wird, ändert sich entsprechend die Position!“

Parlier hat bereits mehrere erfolgreiche Versuchsreihen mit unterschiedlichen Drachenkonstruktionen auf Katamaranen hinter sich; Tests auf Einrumpfern zeigten jedoch Probleme mit der Krängung des Schiffes. „Auf dem Mini werden wir jedenfalls ein höchst simples System zum Einsatz bringen, das unten am Bootsrumpf greift und bei Manövern auch von nur einer Person beherrscht werden kann.“

Parlier will an dem Mini einen Drachen von 10 – 20 Quadratmetern Tuchfläche und 30-50 Meter lange Leinen einsetzen. „So steigt der Drachen etwa auf 20 m Höhe!“ ergänzt der Hochseeskipper, der sich in den letzten Jahren seglerisch vor allem einen Namen als Co-Skipper auf dem legendären Rekordjäger „Hydroptère“ gemacht hat.

Mini, Drachen, Parlier

Mit Drachen auf Katamaranen hat es schon mal gut geklappt © Parlier

Viele Unwägbarkeiten

In einem Punkt sind sich die drei Protagonisten jedoch einig: „Wir haben noch nie an einem Projekt teilgenommen, das so viele Unwägbarkeiten aufweist. Vieles macht auf dem Papier und auf dem Reißbrett einen völlig unproblematischen Eindruck. Aber wir sind erfahren genug um zu wissen, dass die Praxis dann anders aussehen könnte. Völlig anders!“ stellt Bootsbauer Debord klar. Und macht zudem seinen unbedingten Handlungswillen deutlich: „Ich will im Sommer das Boot zu Wasser lassen und gleich Segel, pardon: Drachen setzen!“

Auf die ersten Schläge vor der Bucht von Arcachon dürften dann nicht nur Minisegler gespannt sein.

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Michael Kunst

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17 Kommentare zu „Mini 6.50: Bald erster Prototyp mit Kite-Antrieb?“

  1. avatar Piet sagt:

    Geile Sache, Die Mini Fock sieht echt schnittich aus.

    Interesant wäre es ob man die seitliche zugkraft zum aufrechthalten des Bootes benutzen könnte.

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    • avatar Robert sagt:

      Das dürfte mit Drachen in Lee ja fast von allein passieren und würde tatsächlich attrative Symbioseeffekte geben…

      Die Fock ist wohl eher Staysail (also Trimmklappe) als eigener “Fügel”…

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      • avatar KT sagt:

        Häää? Kite zieht nach Lee, Schiff krängt nach Lee zumindest sofern der Kite so angebastelt wird wie auf den Bildern zu sehen…

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        • avatar Piet sagt:

          Stimmt fast.

          Die seite des Boot geht wenn es sich krägt auch nach unten.
          Der Kite zieht aber bekanntlich nach schräg oben. So würde er das boot wieder etwas aufrichten.

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    • avatar KT sagt:

      Klar, einfach die Kite-Leine unterhalb des Schwerpunktes der Lateralfläche festknoten!

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      • avatar Peter sagt:

        genau… und ein weiterer positiver Effekt ist die Vorbeugung von Kavitation und Ventilation an den Anhängen weil die unterhalb des Lateralflächenschwerpunktes befestigte Kiteleine Widerstand im Wasser erzeugt und so den Mini herunterbremst. 😉

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        • avatar SR-Fan sagt:

          Im Prinzip müsste doch die äußere Kante des Decks schon reichen für den Effekt.

          VG

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          • avatar Peter sagt:

            der Auftriebsschwerpunkt eines krängenden Minis liegt durch die Breite nahezu außen, wodurch ein in Lee angebrachter Kite höchstens einen Hebel von 50 cm hat. Vergleicht man das mal mit der 300kg schweren Kielbombe eines Cantingkiels, die bei Krängung ein Drehmoment von vielleicht geschätzt 9000 Nm (3m Hebel durch 2m Finne und Breite des Bootes) erzeugt, bezweifle ich, dass der Kite allzu große Auswirkungen auf die aufrichtende Kraft haben wird.

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          • avatar Wilfried sagt:

            nein, die Außenkante reicht nicht, da der Kite ja nicht nur nach oben zieht sondern auch zur Seite. Dieser Teil der Kraft greift über dem Lateraldruckpunkt an und erzeugt Krängung.

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  2. avatar hurghaman sagt:

    geht auch einfacher, ein Anruf bei Skysails……

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  3. avatar WB sagt:

    Vielleicht sollten die Protagonisten von Kites als Vortriebsmittel für Schiffe mal einen Kitesurfkurs besuchen um das System zu verstehen. Leider ist es auf klassische Bootsshapes nicht adaptierbar und hier leider bestenfalls als ‘Downwindmotor’ einsetzbar.

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    • avatar x-claim sagt:

      Wozu einen Kurs besuchen? Der Kite erzeugt eine Kraft, die Kraft wirkt in Richtung der Seile. Mehr ist nicht.

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      • avatar WB sagt:

        Jaja, das denkt man wenn man so ein Teil noch nie in der Hand hatte. Leider ist es sehr viel komplizierter als der gemeine Segler denkt, weil ‘Segel’ und Boot entkoppelt sind und sich der ‘Motor’ damit und dreidimensional im Raum frei bewegen kann. Das heißt alle Parameter wie Zugwinkel, Zugkraft und damit die Vektoren ändern sich dynamisch und permanent. Nutzt man einen Kite nur statisch als ‘Spinnacker’ an der Leine, also als reinen Zugdrachen, kann er nur einen Bruchteil seines möglichen Potenzials ausschöpfen.

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        • avatar x-claim sagt:

          Nein,nein 😉 Egal, ob gekoppelt, oder entkoppelt. Bootsseitig kommt die vom Kite erzeugte Vortriebskraft (wohin der “Motor” auch immer gerade fliegen mag) über die Seile. Seile können nur Zugkräfte in Seilrichtung übertragen. Kraft und Kraftrichtung mögen sich dabei ständig ändern, aber am Boot kommt zu jedem Zeitpunkt eine Zugkraft in Seilrichtung an.

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  4. avatar andreas borrink sagt:

    Interessant. War klar, dass da irgendwann einer drauf kommt. Bedenken hätte ich nur mit der Zugkomponente nach OBEN. Mini 6.5er wiegen ja nicht viel und die Kiter sind doch ständig aktiv am Drachen steuern. Da muss schon eine sehr zuverlässige Kontrollmimik her, denn so ein Loop mit dem Mini, ich weiss nicht……

    Ob die Mini 6.5 Jungs sich den Schwenk-Bugsprit ausgedacht haben, stelle ich mal zur Diskussion. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Ehre eher Greg Young gebührt, der das schon vor 25 Jahren sehr effektiv an seinen (und unsere) innovativen BULL montiert hatte:

    https://www.dropbox.com/s/4dxshj6simlnaqk/image005.jpg

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