Mini 6.50: Neuer Star mit Plattbug-Mini dominiert Frühjahrsklassiker – Deutsche im Pech

Hacker der Hochsee

Mini 6.50, Mini en Mai, Lipinski

Ian Lipinski hat seit 2015 jede Mini-Regatta gewonnen © breschi/lipinski

Er gewinnt derzeit alle Regatten auf seinem Magnum-Prototypen: Ian Lipinski gilt als Querdenker und „gemäßigter“ Chaot schon jetzt als Top-Favorit für die Mini-Transat 2017

Bei der „Mini en Mai“ 2017 steht seit heute Morgen vier Uhr der Sieger fest – und der Zweitplatzierte wird erst 12 Stunden später erwartet! Gut 90 Meilen sind kein schlechter Vorsprung für eine 500-Einhand-Seemeilen-Regatta. Der Franzose Ian Lipinski hat ihn auf seinem Prototypen-Plattbug-Mini erarbeitet.

Zwei Tage, 16 Stunden und 40 Minuten brauchte der Sieger der letzten Mini Transat (auf Serien-Mini), um bei dieser Regatta seinen 16 Konkurrenten in der Proto-Wertung  vor La Trinité sur Mer und La Rochelle zu zeigen, was eine echte Harke ist. 

Einfach waren und sind die Bedingungen dieser ansonsten gerne auch als „gemeinsam-einsames-Frühlingserwachen“ bezeichneten Mini-Regatta dieses Jahr nun wirklich nicht. Kernige Winde beim Start wurden von langen Flauten- und Leichtwindphasen abgelöst und teils stark drehende Winde machten vor allem die Schläge nachts zum Va-Banque-Spiel. Unter den Protoypen gab es fünf Ausfälle, darunter einen mit Mastbruch, und von den 52 gemeldeten Serien-Minis sind nur noch 39 unterwegs. 

Hochverdienter Seriensieger 

In der Französischen Mini-Szene ist man mittlerweile nur noch über den Abstand überrascht, den Lipinski bei seinem Sieg zum Zweitplatzierten heraussegeln konnte – dass sein Name ganz oben auf der Leaderboard-Liste auftaucht, ist mittlerweile fast schon Programm geworden. 

Mini 6.50, Mini en Mai, Lipinski

Start zur Mini en Mai 2017 © mini en mai

Tatsächlich ist Ian Lipinski so etwas wie ein Prototyp der oftmals als „leicht duchgeknallt“ bezeichneten Mini-Szene in Frankreich. Da passt es, dass ausgerechnet er auf einem der derzeit innovativsten Minis der Protoypen-Klasse mit Neigekiel über die Wasser des Atlantiks glitscht, auch wenn er sich nicht von Tragflächen helfen lässt.

Wo seine „griffon.fr” auch auftaucht, erregen Boot und Skipper ein gewisses Aufsehen. Und das eben nicht nur , weil die Magnum-Plattbug-Form des 6.50-Meter-Bootes so auffällig ist, sondern auch, weil das Schiffchen ganz offensichtlich vom genau passenden Skipper beherrscht und siegreich gesteuert wird. 

Erst seit 2012 ist der Physiker, Aero-Ingenieur und Segelflug (!)-Lehrer in der Mini-Szene aktiv. Und von Anfang an zeigt er sich als begnadeter Segler: Auf dem Serien Mini 539 wird er Dritter beim Prestige-trächtigen Les Sables – Acores – Les Sables (einhand mit Stopp auf den Azoren) und 2013 gewinnt er prompt das Mini-Fastnet-Race. So wird er 2013 als einer der Favoriten für die Mini-Transat-Regatta  gehandelt, havariert jedoch spektakulär und wird von einem polnischen Frachter gerettet (siehe SR Bericht). 

Chaotisch und gelassen

Im darauf folgenden Winter wird ihm eine Stelle als „Werft-Segler“ angeboten: Ian Lipinski soll die nagelneue Ofcet 6.50 (No. 866) PR-trächtig auf dem Markt einführen. Das gelingt ihm prompt vier Jahre nachdem er überhaupt erst in die Mini-Szene eingestiegen ist. Am 14. November 2015 siegt er beim Klassen-Höhepunkt, der Mini Transat (Rang 1 auf Lanzarote, Rang 2 in Pointe a Pitre/Guadeloupe = Gesamtsieg). 

Für den Mann, der auf seiner Website den Leitspruch „Ministen sind die Hacker der Hochsee“ stehen hat, ist dies der endgültige Einstieg in die Hochseeszene von Lorient, wo er sich mit seiner Familie seit 2014 niedergelassen hat. 

Mini 6.50, Mini en Mai, Lipinski

Begnadeter Segler: ian Lipinski © lipinski

2016 geht der Sanitätshersteller „Griffon“ auf den an Land immer etwas chaotisch wirkenden, auf See aber unbestechlich gelassenen Segler zu, um ihm einen Umstieg in die Protoypen-Serie vorzuschlagen. Der im Segelsport bereits seit Jahren aktive Sponsor hatte im Jahr zuvor den spektakulären, aber noch nicht mit Foils ausgestatteten Plattbug Mini für Dany Beaudart bauen lassen. Er gewann auch prompt die erste Etappe der Mini Transat 2015, musste jedoch die Trans-Atlantik-Strecke wegen einer Havarie aufgeben.

Lipinski fühlt sich mehr als geehrt und akzeptiert sofort einen „Werksvertrag“, ist sich aber seiner Sache nicht unbedingt sicher. Schließlich hat das Boot, so innovativ es auch ausschauen mag, noch keine wirklich lange Hochseeetappe problemlos durchgestanden. So stehen monatelange Trainings- und technische Modifizierungseinheiten vor Lorient (wohlgemerkt hauptsächlich im Winter) vor einer faszinierenden Siegesserie bei allen Mini-Regatten im vergangenen Jahr und den „Frühjahrsklassikern“ 2017. 

Seit der Transgascogne 2015 (die er auf der Ofcet bestritt) hat Ian Lipinski  jede Regatta gewonnen. Und das in einer Klasse, die als die wohl wichtigste Talentschmiede des Hochseesports gilt und für außergewöhnlich starke Konkurrenz – bei den Prototypen wie bei den Serienbooten – bekannt ist. 

Mini 6.50, Mini en Mai, Lipinski

Keine Drohnen- sondern eine Brückenaufnahme! © mini en mai

Die Mini-Szene ist sich jedenfalls einig: Nicht nur unter den Ministen wird Ian Lipinski einmal ein ganz Großer. Sollte er es nach seinem Triumph in der Serienwertung tatsächlich schaffen, die Mini Transat dieses Jahr auch im Protoypen zu gewinnen, wäre es das erste Mal in der Geschichte der Mini-Transat. Danach dürften ihm einige Tore in die höheren Sphären des Hochseesports sperrangelweit geöffnet werden. Fragt sich nur, ob der überzeugte Querkopf die Ministen überhaupt verlassen will. 

Reichlich Pech

Auch für die deutschen, potentiellen Mini-Transat-Teilnehmer sollte der Frühjahrsklassiker „Mini en Mai“ ein wichtiges Abtasten mit der Konkurrenz und eine weitere Verbesserung im Zusammenspiel zwischen Skipper und Boot werden. Doch das Schicksal wollte es etwas anders.

Lina Rixgens (SR-Bericht) musste wegen einer Schulterverletzung schon Tage vor dem Start ihre Meldung zurückziehen, der beste Deutsche bei der vergangenen Mini-Transat Chris Lükermann hatte mit seiner nagelneuen Pogo 3 gemeldet, konnte aber aus familiären Gründen nicht an den Start.

Andreas Deubel (SR-Berichte) wollte in der Serien-Wertung mitmischen und sich mit der hauptsächlich französischen Konkurrenz messen, doch ein Problem mit dem  Auto-Piloten – Herz- und Nervstück jeder Einhandregatta – machte seine Träume kurz vor dem Startschuss zunichte.

Und Oliver Tessloff, weiterer deutscher Teilnehmer bei der diesjährigen Mini-Transat, musste schon nach ein paar Seemeilen wegen eines Ruderschadens aufgeben. Es hätte so schön werden können.

Websites:

Ian Lipinski

Lina Rixgens

Andreas Deubel

Oliver Tessloff

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Michael Kunst

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