Mini Transat 6.50 Rückblick: Björn Freels über Bruch, Biskaya, Bier und Blitze

"Das Ankommen - ein unbeschreiblicher Moment"

Wobei mir schon klar war, dass der einzige Ausweg war möglichst schnell weiterzusegeln. Ich stand im Prinzip permanent unter Strom, ohne dass ich mir dessen bewusst war. Erst im Ziel als alles von mir abfiel, merkte ich, wie angespannt ich tatsächlich die ganzen Wochen über war.

Über Unheimliches:

Die Nächte! Manchmal wunderschöne Naturschauspiele, vor allem bei Mondlicht, aber auch oft genug unheimliche Stunden, die einfach nicht vorüber gehen wollen. Bei Neumond oder dichter Bewölkung fährt man in eine schwarze Wand. Ich stand alle 20 Minuten auf, obwohl ich im Prinzip nichts erkennen konnte.

Einmal war im Pechschwarz plötzlich ein Leuchten zu sehen, und dann noch eins und weitere. Das waren  Blitze. Um mich herum mehrere Unwetter. Ich wusste, eines würde mich bestimmt erwischen. Ich habe dann sofort alles für den Wechsel auf Sturmbesegelung vorbereitet. Das war wohl die unheimlichste Nacht, obwohl sie auch wunderschön war.

Über kleine Freuden:

Ich hatte zwei Flaschen Bier mitgenommen, eine ist mir gleich in der ersten Etappe ausgelaufen. Mit der zweiten Flasche habe ich gefeiert, als  ich  nach einer Woche endlich aus den Doldrums  raus war.

Ich habe es sehr genossen, obwohl es fast Körpertemperatur hatte.  Für den Äquator hatte ich eine Flasche Wein dabei, aber da war so ein harter Seegang, dass ich mich dauernd festhalten musste und die Zeremonie sehr kurz ausfiel. So richtig feiern oder genießen konnte ich da nichts.

Über Seekrankheit:

Ich bin durchaus anfällig dafür, auch bei den 1.000-Qualifikations-Meilen war ich ein  seekrank. Ich muss sagen, ich hatte reichlich Respekt davor, und… war kein einziges Mal während beider Etappen auch nur ansatzweise krank!

Über Schlafmanagement:

Ich versuchte nur nachts zu schlafen, habe mir aber in der Regel alle 20-30 Minuten den Wecker gestellt. Das war nur am Anfang wegen des Schiffsverkehrs notwendig, später ging es in erster Linie um den Bootsspeed.

Dennoch, das dauernde Aufstehen beruhigt einerseits, strengt aber physisch enorm an. Nur ein Mal ist es mir passiert, dass ich wohl vergessen habe, den Wecker neu zu stellen, da habe ich 4 Stunden am Stück geschlafen. Als ich dann wach wurde, bin ich ziemlich erschrocken und sofort  an Deck gesprungen. Da war aber zum Glück noch alles beim Alten.

Übers Ankommen:

Die letzten paar Tage waren zäh. Man ist so fokussiert auf die Doldrums und denkt irgendwie, dass man es danach geschafft hat. Aber dann sind es noch über 1000 Meilen. Als ich am letzten Tag auf einmal Land sah, dachte ich: Wow, das ist Brasilien, ich habe tatsächlich gerade den Atlantik überquert!“ Aber begriffen hab ich das nicht.

Die ersten Menschen sah ich abends, im Dunkeln, kurz vor der Ziellinie: plötzlich tauchte vor mir ein schwarzer Schatten auf, ein unbeleuchtetes Orga-Motorboot, mit zwei Brasilianern. Die haben mich dann in den Hafen geschleppt, wo  in voller Lautstärke mein Willkommenssong  von einer befreundeten Indie-Band lief. Das war ein unbeschreiblicher Moment.

Ich musste mich um nichts mehr kümmern. Festmachen, Segel aufrollen, Unterkunft organisieren, das  wurde mir alles abgenommen  ich musste überhaupt nicht mehr machen. Der Moment des Anlegens war gigantisch. Es waren zwar keine Freunde von zu Hause und keine Familie da, aber viele  Mitsegler und Leute von den Begleitbooten. Das war eine grenzenlose Freude sie alle wieder zu sehen.

Übers Weitermachen:

Jetzt bin ich erstmal froh, wieder hier in Nürnberg zu sein. Unterm Strich war alles enorm anstrengend, und vor allem während des letzten Jahres habe ich ja viel hintenan stellen müssen, das jetzt zum Zuge kommen muss. Die Arbeit, zum Beispiel.

Aber wer weiß, in irgendeiner Form möchte ich schon weitermachen. Die Faszination ist geblieben.

Ein Kommentar „Mini Transat 6.50 Rückblick: Björn Freels über Bruch, Biskaya, Bier und Blitze“

  1. avatar hanseatic sagt:

    Da hatte einer einen Traum – hat ihn unter harten Bedingungen wahr werden lassen und dabei noch eine großartige Leistung abgeliefert – und das ganz ohne eine einzige Nürnberger Rostbratwurst an Bord 😉 ! Chapeau Björn! Buch folgt hoffentlich!!!? Wie sollen die Oberfranken denn sonst mal einen Blick über den Rand des Baggersees hinaus werfen können… 🙂

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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