Mini-Transat: Asche bedeckt die Boote zentimeterdick – droht Elektrik-Totalausfall?

Unter dem Vulkan

Was für eine Mini-Transat! Jetzt sind die endlich alle im Etappenhafen angekommen und dann das: Ascheregen bei jeder Winddrehung, zentimeterdicke Schichten auf den Decks und feinster Staub in der Elektrik. Maskentragen hat plötzlich einen ganz anderen Sinn! 

Lina Rixgens WeVo Plattbug im neuen, nicht gerade willkommenen Look © rixgens

Was für ein Spannungsbogen! Nach dem in vielerlei Hinsicht fulminanten Etappensieg von Melwin Fink, nach einem meteorologisch äußerst diffizilen ersten Drittel der Regatta, nach Orca-Angriffen und verhältnismäßig vielen Schäden an Booten, hätte nun der Etappenhafen auf der Kanareninsel La Palma für Ruhe, Erholung und eben Reparaturmöglichkeiten sorgen sollen. Denn genau dafür ist der Stoppover bei einer Mini-Transat gedacht: Wunden lecken, zur Besinnung kommen, Kräfte sammeln für die nächste, ungleich längere Etappe über den Großen Teich.

Asche, Asche, überall Asche © mini-transat

Doch „Pustekuchen“ – der Spannungsbogen bleibt straff, für viele steigt sogar der Aufregungspegel noch. Denn Erstens beginnt heute die Jury über 19 Proteste zu verhandeln, die sich hauptsächlich um eine mögliche Zeitgutschrift für alle drehen, die in den Finisterre-Häfen Zuflucht vor einem fiesen Tief gesucht haben. Und Zweitens gibt es da noch den Cumbre Vieja, seines Zeichens der derzeit aktivste Vulkan auf unserer Seite der Weltkugel und rein zufällig direkter Nachbar der 88 Minis, die sich in der Marina von Santa Cruz versammelt haben. 

Die dunkle Seite der Natur

Dieser Vulkan lässt nicht nur die Erde beben, er stößt auch giftige Gase aus, erbricht bis zu drei Meter hohe Lavaströme und schleudert mittlerweile Automobil-große Gesteinsbrocken bis zu einer Höhe von einem Kilometer. Und sobald der Wind dreht – was er übrigens mehrmals am Tag auf der Insel macht – regnet es Asche nicht nur in unmittelbarer Nähe der Krater, sondern durchaus nahezu überall auf dem relativ kleinen Eiland. Wie zum Beispiel auf die Marina Santa Cruz. 

Auch Lennart Burkes Pogo 3 sieht irgendwie Verändert aus © burke

Das Resultat: Alle Yachten und Boote in der Marina sind von einer zentimeterdicken Ascheschicht bedeckt. Was auf den ersten Blick wie ein HighTech-Karbon-Deck aussieht, ist ein regelrechtes Desaster. Denn der feine Aschestaub breitet nicht nur seinen Mantel ÜBER den Booten aus, sondern dringt auch porentief in die dünnsten Ritzen und kleinsten Öffnungen. Alles Asche, weil Asche überall! 

Nicht nur Miniseglern fällt da sofort das Stichwort „Elektrik“ ein. Denn wenn eine Putzaktion gegen Vulkanasche auf dem Deck mit Sicherheit kein Zuckerschlecken ist, so dürfte ein Versagen der Elektrik aufgrund eingedrungener Asche schlicht desaströs sein. 

Boote unter zentimeterdicker Asche

Entsprechend haben sich sich schon einige Kenner der Szene in französischen Medien und über die Regattaleitung zu Wort gemeldet und warnen vor Totalausfällen. So mahnt etwa Paul Fraisse, ehemaliger technischer Direktor des Bootselektronikunternehmens NKE, mit dessen Elektronik ein Großteil der Minis ausgerüstet ist, dass unbedingt die gesamte Elektrik – vom Windgeber bis zum Autopiloten – auseinander genommen und gecheckt werden muss. Ein Mammut-Job, nicht nur für einen Etappenstop, bei dem nebenan der Vulkan brodelt. Viele Ministen werden sich zudem überhaupt nicht in der Lage fühlen, so einen Job fachgerecht auszuführen. Und auf Boote spezialisierte Elektriker sind auf La Palma gelinde gesagt Mangelware.

Maske macht plötzlich einen ganz anderen Sinn © mini-transat/darni

Außerdem müsse die Elektrik nach der Überprüfung getestet werden. Denn viele Systeme werden die ersten 100 Seemeilen funktionieren, um dann mit den feinen Ascheschichten doch wieder zu ermüden und in Agonie zu fallen. Fraisse: „So wird zum Beispiel der Windgeber durchaus arbeiten. Aber wie lange noch fehlerfrei?“ Kurz: Der Kurschluss droht und das darf durchaus im doppelten Wortsinne verstanden werden. 

Kommt rasch zurück auf die Insel!

Die Warnung von Fraisse und der Regattaleitung ist auch (oder vor allem) an ca 30 Prozent der Ministen gerichtet, die nach Ankunft auf La Palma erstmal nach Hause zu Muttern oder in die Arme der Lieben geflogen sind, um sich von den Strapazen der ersten Etappe zu erholen. Denn wenn man auch einem Stegnachbarn unter den Ministen durchaus zumuten kann, zwischendurch immer mal „einen Blick auf das Boot“ zu werfen – eine Totalsäuberung von zehn Zentimeter Asche außen und innen ist dann doch etwas anderes.

Und was jetzt schon viele Ministen vor Ort ahnen: Wenn sie denn auf Teile in der Elektrik stoßen – wie kommen sie an Ersatz heran? Denn schon jetzt wird von vielen moniert, dass auf der Insel kaum Marine-Ersatzteile auffindbar sind. Man müsse immer aufwendig den Ersatz von den großen Nachbarinseln ordern. Und das bei einem- aufgrund der Vulkantätigkeit – eingeschränkten Fährdienst. 

Der Vulkan spuckt Feuer © olivaud

So hat denn auch Denis Hugues, Regattaleiter der Mini-Transat, einen weiteren Grund für seinen ganz persönlichen Spannungsbogen, der ihm die schlaflosen Nächte versüßt. Denn immer häufiger wird die Frage gestellt, warum er und sein Team an der Etappen-Insel La Palma festgehalten habe. Obwohl der Vulkan bereits wütete, obwohl auf Teilen der Insel bereits der Katastrophenfall ausgerufen war. Dass man mit einer anderen Option zumindest rechnete, ist am Gate erkennbar, das virtuell in der See vor La Palma gezogen worden war. Hier sollten im Fall einer Situations-Verschlechterung die Minis in einen anderen Hafen geleitet werden. Dass Hugues, trotz weiterhin wütenden Vulkans, an der Santa-Cruz-Option festhielt, wird wiederum mit Platzmangel in anderen Häfen begründet. Spanische Medien berichten allerdings, dass man die Ministen problemlos auf mehrere Häfen hätte aufteilen können.  

Wie im (schlechten?) Abenteuerfilm

Spannung pur, also. Zuhause macht sich kaum jemand einen Begriff davon, was derzeit im vermeintlichen Urlaubsparadies La Palma vor sich geht. Die Ministen vor Ort und ihre Kollegen und Kolleginnen, die hoffentlich bald wieder zurück nach La Palma kommen, dürften sich wie in einem (schlechten?) Abenteuerfilm vorkommen.

Aschewolken – wäre ihr Fallout nicht so furchtbar, könnte man es fast schon schön finden © burke/mini-transat

Wie gesagt: Stürme, Bruch, Orca-Angriffe, Vulkan-Ausbrüche – fehlt eigentlich nur noch ein Tsunami. Denn vor genau dem haben Wissenschaftler seit Jahrzehnten Angst. Würde ein Teil des Vulkans entlang eines Risses, der schon vor zehn Jahren mit bloßem Auge erkennbar war, in den Ozean herab stürzen, wäre u.a. New York in unmittelbarer Gefahr. Doch wollen wir den Selbigen nicht an die Wand malen… 

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Michael Kunst

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