Mini-Transat: Bogacki traut sich, Beccaria erstaunt – Oliver Tessloff erklärt

Mehr Wind in der Banane

Ambroggio Beccaria – so dürfte er derzeit entlang der portugiesischen Küste preschen (Foto Prolog) © breschi/mini-transat

Einzelgängertum mit extremen Kursen und individuellen Taktiken können, müssen aber nicht unbedingt Erfolg haben. Sicher ist: für uns Fans wird dadurch das Rennen besonders spannend!  

Seit Samstag sind die Ministen bei der ersten Etappe der Mini Transat unterwegs. Und seit Samstag bieten sie höchst spannendes Hochseesegeln vom Feinsten: Positionskämpfe wie auf dem Dreieckskurs, strategisch geniale Kurse, aber auch taktisch eher suboptimale Schläge, die man zuhause, locker auf dem Sofa vor dem Tracker platziert und mit allen Wetter- und Windvorhersagen bestens versorgt, natürlich alle viiiiiel besser gemacht hätte. Merke: Die Ministen draußen auf See haben zwar ein Routing auf dem Papier mit auf den Weg genommen, das im Laufe der Tage auf See aufgrund von Wetteränderungen jedoch immer ungenauer wird. Lediglich ein Mal pro Tag bekommen sie eine Wettervorhersage über einen Weltempfänger (BLU). Diese spartanischen, meist nur lückenhaft abgehörten Informationen müssen dann von den Seglern interpretiert und entsprechend Maßnahmen ergriffen werden. Plotter und Wetterrouter sind an Bord der 6,50 m kurzen Renner grundsätzlich nicht erlaubt.

Status Quo

Nach einem eher lauen Start passierten die Mini-Transat’ler bereits zwei Kaltfronten, waren relativ hoher, kabbeliger See ausgesetzt und mussten reichlich Nerven in mehreren Schwachwindzonen lassen. Mittwoch morgens hatten fast alle Prototypen und Serien-Boote dann die Biskaya verlassen. Vier Ministen mussten für einen Reparaturstopp die spanischen Häfen anlaufen. Probleme mit der Elektrik, der Energieversorgung, dem Ruder und eine gerissene Genua zwingen die Segler für mindestens 12 Stunden ( Mindest-Reparaturzeit) an Land zu bleiben. Alle wollen aber das Rennen fortsetzen. Drei Ministen meldeten einen „Mastgang“ bei den nachfolgenden Sicherungsbooten an – zwei Mal musste ein Spifall wieder nach unten gezogen werden, die dritte Mastkletterei war aufgrund einer losgerissenen Antenne nötig geworden. 

Kurz nach dem Start © breschi, mini-transat

Die Positionen ausgewählter Ministen mit Stand 10 Uhr, 9.10.19: bei den Prototypen führt Francois Jambou auf seinem Raison-Scow (mit dem Lipinski vor zwei Jahren die Mini Transat souverän gewann), gefolgt von Tanguy Bouroullec auf seinem Pogo-Foiler. Der in der Biskaya meist führende Axel Trehin liegt derzeit 8 Seemeilen auf Rang 3 zurück. Mit einem Rückstand von 34 Seemeilen auf den erstplatzierten Proto folgt Marie Gendron, dichtauf (Rang 5) der Deutsche Morten Bogacki auf Lilienthal, mit dem Jörg Riechers bei der letzten Mini-Transat Zweiter wurde. 

Bei den Serien-Ministen eine echte Überraschung: Der Top-Favorit und bis vor kurzem noch führende Italiener Beccaria liegt nur noch auf Rang 5 mit einem Abstand von 13 Seemeilen. Es führen Guillaume l’Hostis und Julien Letissier. Amelie Grassi liegt als beste Frau nach einer bisher stabilen Leistung auf Rang 9 (Rückstand zur Spitze: 10 sm). Die erst 18-jährige Violette d’Orange    fährt auf Rang 14, hat aber bereits 20 weitere Seemeilen Rückstand. Hendrik Witzmann, einziger Deutscher Teilnehmer bei den Serien-Minis, liegt mit einem Rückstand von 73 Seemeilen relativ weit entfernt von den angepeilten Top Ten zurück. 

Überraschende Halsen

Oliver Tessloff, im Jahr 2017 bester Mini-Transat Teilnehmer in der Serienwertung, interpretiert das bisherige Renngeschehen: 

Das Durchqueren der Biskaya und die Passage der beiden Fronten haben nahezu alle Ministen gut über die Bühne gebracht. Im Prinzip verlief alles nach Plan: Ambroggio Beccharia Erster bei den Serienbooten und das erwartete Trio Trehin, Jambou und Bouroullec bei den Protoypen vorneweg. Deren Rennen ist ausgesprochen spannend zu verfolgen – alle drei Boote sind in gleicher Geschwindigkeit unterwegs, die Abstände über 24 h VMG betragen mitunter nur 0,1 kn. 

ziemlich viel Welle © breschi/mini-transat

Um ehrlich zu sein: ich wüsste nicht, auf wen ich mein Geld bei einer Wette setzen würde. Sicher ist nur, dass einer der Drei das Rennen machen wird. Oder?

Sensationell die Performance von Morten Bogacki, der zum Passieren des Verkehrstrennungsgebietes (durch das die Segler nicht fahren dürfen) die äußere, also westliche Seite wählte, während nahezu anderen Boote den inneren Weg wählten. Das muss man sich erstmal trauen! Es kann aber auch sein, dass Morten nach der Kaltfront am Ausgang der Biskaya einfach zu spät wendete und für die „innere Route“ viel zu tief hätte segeln müssen.

Außen musste Morten zwar einige Meilen mehr segeln, war aber näher an den Ausläufern der nächsten Front dran, die einige Knoten mehr Wind brachten. Damit kam er im Ranking auf Rang 4 und verkürzte teilweise seinen Abstand zu den Führenden auf 20 Seemeilen. 

Mittlerweile beträgt die Distanz zwar wieder 40 Seemeilen, und wie man das auch immer interpretieren mag: Morten segelt sein Rennen und holte bisher das Beste für sich raus. Großer Respekt! 

Allerdings kann davon ausgegangen werden, dass er als einsamer Kämpfer weit draußen im Westen in den kommenden Stunden weit weniger Wind abbekommen wird, als die Nutznießer der „Banane“ weiter östlich vor der Küste. Dieser windreichere, drehende Ausläufer der weiter nordwestlich wegziehenden Kaltfront streift in einem großen Bogen entlang der Küste und beschert den weiter östlich segelnden Booten aktuell deutlich mehr Speed als dem westlich positionierten Morten. 

Morten Bogacki – wie gewonnen, so zerronnen? © breschi/mini-transat

Eine meteorologische Situation, die so nicht zwingend eintreten musste. Aber durchaus im Rahmen des Möglichen war und ist. Ob das Ambroggio Beccaria geahnt hat? Oder ob er dieser Banane sogar noch mehr Wind zutraute und auf der direkten, südlichen Route deutlich weniger Wind vermutete? Anders ist es jedenfalls nicht zu erklären, dass der bequem  in der Serienwertung Führende plötzlich aus der Ideallinie weg halste und einen südöstlichen Kurs einschlug. Eine Taktik, die man an der Spitze eines Feldes eigentlich nur selten einschlägt. Kontrolle von vorne ist da angesagt. Hätte beispielsweise einer nach nachfolgenden Widersacher diesen Kurs eingeschlagen – okay, dann hätte auch der Italiener halsen müssen. Doch so folgten ihm zwar zwei andere Serienministen, die direkten Verfolger blieben aber stur auf Kurs.

Und der Italiener fiel zeitweilig auf Rang 9, holt mittlerweile weiter östlich positioniert, mit höherem Speed als die Konkurrenz weitere Plätze auf. So wie die Wetter-„Banane“ derzeit gebogen ist, dürfte Ambroggio weiter an Boden gut machen. Stellt sich nur die Frage: Wird sich das Wagnis lohnen? Oder hat er einfach (zu) hoch gepokert? Jedenfalls war ein hohes Risiko mit dieser Entscheidung verbunden. 

Weg vom Feld

Zwar etwas früher, nämlich schon in der Biskaya, aber dennoch ähnlich überraschend handelte Hendrik Witzmann. Auch er verabschiedete sich vom Feld, das nahezu geschlossen nordwestlich segelte, um von der passierenden Front deutlich mehr Wind abzubekommen, als die Biskaya bis dahin geboten hatte. Hendrik segelte weiter südlich, wendete vier Mal – was enormen Aufwand mit Gepäck- und Segelverlagerung nach Luv etc. auf den Serien-Minis bedeutet – und verlor so reichlich Boden. Rang 19 dürfte keineswegs nach seinem Geschmack sein.

Amélie Grassi segelt derzeit ein stabiles Rennen , in oder nahe den Top Ten © breschi/mini-transat

Bleibt nur für ihn zu hoffen, dass er auf den schnellen Kursen in den nächsten Tagen wieder sein Boot auf maximalen Speed bringen wird. Bei dem äußerst homogen und stark segelnden Feld der Serien-Minis wird ein Abstand von nunmehr 50 Seemeilen zu den Top Ten (72 Seemeilen zur Spitze) jedoch nur schwer aufzuholen sein. 

Kernige Böen bis Flaute – es bleibt spannend!

Die nächsten Stunden und Tage werden entlang der portugiesischen Küste noch reichlich Wind bringen: In Böen werden laut unterschiedlicher Wetterroutings (die ja den Ministen NICHT zur Verfügung stehen) bis zu 35 Knoten Windstärke aus nordwestlicher Richtung erwartet. Auf Höhe Gibraltar wird der Wind dann deutlich schwächer werden und nach heutiger Erkenntnis warten sogar diffizile Flautenlöcher auf der Zielgeraden, also Höhe Nordafrika, auf die Ministen. Was für uns Zuschauer die Sache umso spannender macht: Werden dort die Karten neu gemischt? Wer hat das „Näs’chen“ für die entscheidenden Windstriche? Es bleibt also richtig aufregend! 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

3 Kommentare zu „Mini-Transat: Bogacki traut sich, Beccaria erstaunt – Oliver Tessloff erklärt“

  1. avatar Seilor sagt:

    Interessanter Bericht mit guten Infos … so macht SR lesen mal wieder Spass 👍

    Jetzt gerade bewegt sich Mortens Mini aber leider nur noch ganz langsam quer zum Kurs. Weiss jemand mehr?

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    • avatar Max sagt:

      Ja ist mir auch aufgefallen. Ich hoffe es ist nichts ernsteres passiert.
      Ich bin schon den ganze Morgen am Daumen drücken….

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  2. avatar Sven 14Footer sagt:

    Morten ist wieder in Fahrt, hat aber leider ordentlich Meilen verloren uns ist auf Platz 8 zurückgefallen. Sieht danach aus, als wenn er einige Zeit stoppen musste und irgendwas zu basteln hatte.
    Hendrik hat ihn ebenfalls fast ein.

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