Mini Transat: Die Flotte dümpelt in der Flaute – Akkordeon-Effekt könnte alles neu aufmischen

Nerven behalten!

Mini Transat, Finale 1. Etappe, Flaute

Kann Clarisse Crémer ihre Führungsposition bei den Serienbooten behaupten? © crémer

Lipinski muss (vorerst) Führung abgeben, Clarisse Crémer behauptet sich bei den Serienbooten. Tessloff, Deubel und Rixgens könnten von frischeren Winden profitieren.

Nein, man muss nicht unbedingt selbst schon einmal bei einer Mini Transat mitgemacht haben, um sich zumindest annähernd vorstellen zu können, was deren Teilnehmer derzeit durchmachen. Wie heißt es doch immer so schön? Lieber einen Tag zuviel Wind, als fünf Tage gar keinen. Solche oder ähnliche Binsenweisheiten dürften den meisten Ministen mehr als einmal durch den Kopf gegangen sein, nachdem manche unter ihnen schon mehr als 48 Stunden mit schwachen bis flautenähnlichen Winden zu kämpfen haben, die zudem nur schwer bis gar nicht berechenbar sind. 

Vor allem die Top-Leute dürfte diese Situation an den Rande eines Nervenzusammenbruchs führen. Denn deren Platzierungen wechseln derzeit im Halbtages-Rhythmus: Nicht unbedingt, weil sie taktisch, strategisch und seglerisch besser oder schlechter als die Konkurrenz unterwegs sind, sondern schlicht und einfach, weil ihnen die nötige Portion Glück fehlte oder Fortuna ihnen hold war. 

Der “Chef” nur noch auf Rang Zwei

So kam es, dass der Überflieger und haushohe Favorit Ian Lipinski vorletzte Nacht erstmals die Führung bei den Prototypen abgeben musste. Oder platzierte er sich einfach nur geschickter für die kommenden, ausgesprochen „öligen“ Stunden in der Flaute? Heute morgen trieben er und sein direkter Konkurrent Arthur Léopold Léger auf Höhe der marokkanischen Stadt Agadir 150 bzw. 160 Seemeilen vor dem Ziel Gran Canaria mit einem Knoten Bootsgeschwindigkeit bei 1,5 Knoten Windstärke. 

Mini Transat, Finale 1. Etappe, Flaute

Wenn die Winde nicht so wehen, wie der “chef” es will, muss auch ein Lipinski mal die Führung abgeben. Vorläufig? © blanchet, mini transat

Léger und Lipinski befinden sich genau in der Mitte eines kleinen Tiefs, das auf Höhe Straße von Gibraltar bis hinunter zu den Kanaren seine Runden dreht. Doch in der Mitte solcher Wetterlagen sind meistens nur schwache bis gar keine Winde zu erwarten. Also könnte es sein, dass sich Lipinski nach einer alten Hochseestrategie richtet: Wenn die Lage bei schwachen Winden unübersichtlich wird, segle so nahe wie möglich an der Ideallinie in Richtung Ziel. So verschenkt man wenigstens keinen Raum. 

Obwohl mindestens 60 Seemeilen weiter hinten und deutlich weiter westlich (also Weg von der Ideallinie) positioniert, segelte heute Morgen das Gros der Flotte ebenfalls noch in der Leichtwindzone des Tiefs. Auch hier sind andauernde Positionswechsel angesagt. 

Mini Transat, Finale 1. Etappe, Flaute

Schafft es Riechers bei den leichten Winden noch aufs Podium? © mini transat

Nachdem sich etwa Jörg Riechers auf Höhe Porto wohl auf der Suche nach besseren Reachwinden extrem weit westlich vom Feld abgesetzt hatte, musste er feststellen, dass er zu hoch gepokert hatte. Er fand sich nach anfänglich guten bis hervorragenden Platzierungen auf Rang 9 im Prototypen-Feld wieder – sogar die Spitze der Serienboote war und ist streckenweise deutlich vor ihm platziert. Worauf eine (mühsam wirkende, Kunststück: bei schwachen Winden!) Aufholjagd folgte, die den deutschen Profi-Segler nun wieder zurück auf Rang Sechs brachte. 

Riechers wieder in der Nähe des Podiums

Zwar kaum einholbare 72 Seemeilen von den Führenden entfernt, aber doch immerhin in Schlagweite (15 sm) zum derzeit  Drittplatzierten Romain Bolzinger, liefert sich Riechers derzeit bei einem Knoten Bootsgeschwindigkeit „heiße Duelle“ mit Simon Koster – die zwei Plattbug-Ministen liegen quasi gleichauf und dürften mitunter sogar Sichtkontakt haben. 

Eine ähnliche Situation ist an der Spitze der Serienboot-Flotte zu beobachten. Seit mehr als drei Tagen kämpfen der „Benjamin“ der Flotte Erwan le Draoulec und seine Trainings-„Konkurrentin“ Clarisse Cremer um die Führung. Allerdings haben sich die beiden auf zwei unterschiedlichen Positionen festgelegt: Erwan hält sich weiter westlich, sozusagen an der Spitze des restlichen Feldes (inkl. der meisten Prototypen), während Clarisse wohl auf die Worte ihres Trainers in Lorient hörte und – ähnlich wie Lipinski – die Nähe der Ideallinie sucht, die etwas weiter östlich verläuft. Wer die beiden kennt kann sich ungefähr vorstellen, wie unterschiedlich die Stimmung und Ambiance auf den beiden Booten derzeit sein dürfte. Le Draoulec als erklärter „Flautenhasser“ dürfte mit seiner Winschkurbel noch einige weitere Kerben in seinen Baum gehauen haben (siehe SR-Interview) und bei Mademoiselle Crémer läuft mit Sicherheit gerade stimulierende Musik, zu der sie die (ebenso sicher) aufgestaute Nervosität wegtanzen dürfte (siehe Video). 

(so könnte es bei Crémer derzeit zugehen – wenn sie auch mit Sicherheit “leichter” bekleidet sein dürfte)

Weiter hinten macht sich mittlerweile der bei Regatten so gefürchtete und beliebte (je nach Position) Akkordeon-Effekt bemerkbar. Die etwas weniger gut Platzierten schieben sich mit frischeren Winden an die Mitte heran, während vorne weiter die Flaute regiert. 

Profitiert Tessloff vom Akkordeon-Effekt?

Auch Oliver Tessloff dürfte jetzt nervlich angenagt sein. Der weiterhin bestplatzierte Deutsche bei den Serienbooten ist nach einem vielversprechenden Beginn auf Rang Sechs ab Höhe Kap Finisterre deutlich zurück gefallen. Soweit dies von außen überhaupt zu beurteilen ist, konnte er die Geschwindigkeit seiner direkten Konkurrenten mitunter nicht halten, segelte aber auch strategisch einige (kleinere) Extrem-Schläge und suchte, ähnlich wie Riechers, sein „Heil“ relativ weit im Westen, was ihm letztendlich nicht wieder nach vorne brachte.

Mini Transat, Finale 1. Etappe, Flaute

Auch Oliver Tessloff könnte von leicht frischeren Winden profitieren © mini transat

Nachdem er zeitweise bis auf Rang 26 zurück fiel, „berappelt“ er sich derzeit wieder und segelt auf Rang 22 mit 5,5 Knoten Geschwindigkeit auf die Flautensteher an der Spitze auf…  

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Verliert im Nervenpoker hoffentlich nicht seine gute Laune: Andreas Deubel, hier kurz vor dem Start zur ersten Etappe © mini transat

Andreas Deubel hält sich relativ konsequent auf Rang 36, nachdem er seinen mehrtägigen „Widersacher“ Francois Denis, mit 60 Jahren der Älteste in der Flotte und mehr oder weniger in Sichtweite gleichauf mit Deubel, um zwei Seemeilen distanzieren konnte. Auch Andreas profitiert mit einer Bootsgeschwindigkeit von 5, 3 Knoten vom Akkordeon-Effekt. 

Die Schnellste der Flotte ist heute Lina Rixgens, wenn sie auch weit hinter dem Feld hinterher segelt. Mit knapp acht Knoten Geschwindigkeit holt sie nach ihrem Malheur mit der Ruderquerstange (SR-Meldung) nun wieder auf. Vielleicht schafft auch sie es, wieder in die hinteren Reihen des bald vollständig in der Flaute dümpelnden Feldes vorzudringen? Es wäre ihr zu wünschen. 

Rixgens derzeit Schnellste der Flotte!

Gute Nachrichten auch von Julien Mizrachi. Der hatte sich nach 300 Seemeilen den Mast gebrochen, war den Nothafen la Coruna angelaufen und dachte eigentlich schon, er müsse jetzt den Traum seines Lebens abhaken. Doch er hatte nicht mit der vielgepriesenen Solidarität und Hilfsbereitschaft der Ministen  gerechnet.

Mini Transat, Finale 1. Etappe, Flaute

Und zack – schon steht die neue Palme! © mini transat

In Lorient bildete sich spontan eine Hilfstruppe, die in Nullkommanix einen Mast besorgte, einen Hänger (von Chris Lükermann) angeboten bekam und schließlich mal eben schnell die 1.500 km runter nach Spanien düste, um dort in einer Nacht und Nebel-Aktion Mizrachis Boot wieder flott zu machen. Unter die Top Ten kommt der nun gewiss nicht mehr, aber er ist wieder dabei… und genau das zählt! 

Die Karten werden also gerade neu gemischt. Es könnte noch heute völlig neue Konstellation geben – an der Spitze wie im Mittelfeld. Die Sieger dieser ersten Etappe werden jedenfalls nicht vor Dienstag Abend in La Palma auf Gran Canaria erwartet. 

Tracker

Auf der Facebook-Seite von Andreas Deubel erklärt Chris Lükermann, Teilnehmer der letzten Mini Transat, wie schwierig es für die Ministen auf See ist, brauchbare Wetterinformationen oder Positionsangaben zu erhalten. Ein Auszug: 

Jeden Tag um 12 Uhr UTC beginnt die Ausstrahlung der Sondersendung für die Teilnehmer mit einem Lied. Dieses Lied wird gern von der Rennleitung verwendet, Tipps zu geben (z.B. “Go West” von den Pet Shop Boys) oder sich Späße zu erlauben. Hauptsächlich dient das Lied aber dazu, dass die Segler genügend Zeit haben, ihre Antenne und den Weltempfänger einzustellen, um ein klares Signal zu erhalten.

Es folgt dann das Wetter, mit einer “Situation Generale”, das ist den ersten zwei bis drei Sätzen des Wetterberichts der Tagesschau nicht unähnlich (“Ein Tief über Irland bringt in den nächsten Tagen…”). Dann folgen die Windvorhersagen für die verschiedenen Vorhersagegebiete. Der Nordatlantik ist in diverse Zonen (siehe 1. Foto) eingeteilt. Für jede dieser Zonen wird dann in Kurzform eine Vorhersage durchgegeben: “Zone Casablanca, 12 Uhr UTC: 6 Knoten Nord, Zone Casablanca, 12 Uhr UTC: 6 Knoten Nord, 9. Oktober 0 Uhr UTC 5 Knoten Nordost…”. Das ganze auf Französisch. Das dauert so ca. 10-15 Minuten. 

Dann kommt der gesamte Wetterbericht noch einmal auf Englisch, und dann folgt das Classement. Wer die Arbeit mit dem Weltempfänger als auch das Zeichnen von Wetterkarten also vorab mal geübt hat, ist klar im Vorteil.

Da gibt es ein häufiges Missverständnis: Das Classement enthält nicht die Positionen der Segler sondern nur den Rang und den Abstand zum Führenden. 

D.h. das klingt dann ungefähr so: “36. Platz 819, 163sm, 37. Platz 517, 167sm, 38. …”. Man erfährt also, ob man sich verbessert hat oder nicht, weiß aber nicht unbedingt warum, weil man ja nicht weiß wo die anderen sind. Ich habe bei meinem Transat 2015 die ersten Tage die Rangliste mitnotiert, merkte dann aber dass das relativ wenig Sinn macht. Auch auf die Abstände zu achten ist insofern schwierig, als dass es durchaus sein kann, an einem Tag 30 Meilen auf die Spitze zu verlieren obwohl man perfekt gesegelt ist. Denn bei den Abständen die es beim Transat gibt, segelt man einfach schon in unterschiedlichen Wettersystemen.

Die Schwachwindzone nördlich der Kanaren ist gekommen um zu bleiben und wird den Rest des Wegs bis nach Gran Canaria entscheidend bestimmen. 

Und es wird klar: Im Westen vorbeifahren ist keine Option, der Umweg ist viel zu weit. 

Sich im Osten in der Nähe der afrikanischen Küste zu halten scheint beim Blick auf die Wettermodelle interessant, aber auch das ist ein Umweg. Und: Die Modelle sind sich uneins, wie viel Wind in der Zone selbst noch weht. 

Ich glaube daher, die meisten werden sich an der direkten Linie orientieren, den kürzest möglichen Weg fahren und auf einigermaßen stabilen Wind hoffen.

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Michael Kunst

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4 Kommentare zu „Mini Transat: Die Flotte dümpelt in der Flaute – Akkordeon-Effekt könnte alles neu aufmischen“

  1. avatar Yachtie sagt:

    Sehr schöner Bericht !

    Stehen die Reports von Chris Lükermann auf der FB-seite v. Andreas Deubel vielleicht nur seinen Freunden zur Verfügung ?

    Clarisse hat ihr Boot inzwischen geparkt (0,5 kn) und könnte zumindest vorübergehend auf Platz 4 zurückfallen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

    • avatar Yachtie sagt:

      Im 20:00 MEZ Report ist es leider schon passiert: Clarisse ist auf Platz 4 zurückgefallen.

      Wenn sie Pech hat, zieht noch ein ganzer Pulk an ihr vorbei, mit etwas Glück kann sie die Etappe aber immer noch gewinnen.

      Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

      • avatar Yachtie sagt:

        Di, 8:00

        Da die Klassenregeln keine “Wetterkarten-Elektronik” zulassen ist aus der Regatta ein reines Glücksspiel geworden.

        Clarisse Cremer ist unverschuldet auf Rang 10 zurückgefallen, da sie ihren Kurs nicht entsprechend der Wetterlage ausrichten konnte.

        Zuvor hatte sie dank des Wetter-Briefings an Land die optimale Route segeln können.
        Nach 7 o. 8 Tagen ist mangels entsprechender Daten leider kein Wetter-Routing mehr möglich und der Ausgang der Regatta dem Zufall überlassen.

        Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 3

  2. avatar Andreas Borrink sagt:

    Toller Arikel, so geht Sportbericht! Fakten, Fakten, Fakten (frei nach markwort). aber auch Anekdoten und Spekulationen – alles dabei.

    Die augenblicklichen Bedigungen erinnern irgendwie an das Alstersegeln: Das Feld kommt unter Spi von achtern, bildet eine Lücke, in der man schön weiter einparken kann und schon hat man den Blick von achtern auf die nun führenden. Segler’s Maximalfrust, 1000x geübt.

    Das kennt Jörg und solte damit umgehen können. Es bleibt spannend……mein Tipp: er schafft es noch auf Rang 4. Irgendwie.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

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