Mini-Transat: Fink und Burke auf Rang 3 und 4 vor der Flaute – parken sie bald ein?

„Wissen die etwas, das wir nicht wissen?“

Die nächsten Stunden könnten schon vorentscheidend für den Ausgang der zweiten Etappe werden: Alles deutet darauf hin, dass die im Süden platzierten Ministen deutlich mehr Wind erleben werden, als die (noch) Erstplatzierten im Norden.

So dicht beisammen wie hier nach dem Start sind nur noch einzelne Gruppen. Die Flotte ist bis zu 400 Seemeilen auseinander © olivaud/mini-transat

84 Ministen sind auf ihre 6.50 m kurzen Prototypen und Serienbooten noch in dieser zweiten Etappe der Mini-Transat unterwegs. Und alle sitzen – zumindest was die Wetterlage anbelangt – mehr oder weniger in „einem Boot“. Denn sie wollen, müssen, sollten auf einen sich etwas kapriziös, wenn nicht sogar ausgesprochen nervig gebärdenden Passatwind treffen, der sich nicht so richtig etablieren will.

Der Tracker sieht nach wie vor die Nord-Gruppe mit den beiden Deutschen gut platziert. Schaffen sie es, sich vor das Feld zu schieben?

Und auf dieser „Autobahn“ eine Flautenzone im südlichen Bogen umrunden, die sich 100 Seemeilen breit bräsig westlich der Flotte aufbaut. In der Mitte des Atlantiks hat sich ein stationäres Tiefdruckgebiet aufgebaut, in dessen Süden das erwähnte Flautenband lauert. Und genau dort noch ein paar Tage bleiben wird. 

Etappensieger Melwin Fink ist in seiner Gruppe gut positioniert. Aber im Süden läuft es gerade schneller. © olivaud/mini-transat

Betrachtet man die Flotte auf dem Tracker, treffen wohl Begriffe wie „durcheinander“, wenn nicht sogar „chaotisch“ am besten die Situation. Prototypen wie auch Serienboote erobern sich mit reichlich Halsen Seemeile für Seemeile, um in die (ihres Erachtens) beste Ausgangsposition für den Ritt mit den Passatwinden gen Westen zu gelangen. 

Dabei ist die Flotte mittlerweile bereits bis zu 400 Seemeilen von Nord nach Süd auseinander gezogen. Was unweigerlich die Frage nach sich zieht: Wer hat strategisch das richtige Näs’chen für den späteren Ritt gen Westen? Diejenigen, die weiter oben, also nördlich geblieben sind (und immer noch rechnerisch in Führung liegen) oder die Damen und Herren, die ihr Heil im Süden suchen? 

Schläft der Wind im Norden ein?

Dabei blieben die Geschwindigkeiten für alle (Serienboote und Prototypen) mehr oder weniger gleich. Mehr als 7-9 kn waren selten drin. Wer innerhalb der vergangenen 24 Stunden eher die südliche Route wählte, konnte sich heute Morgen allerdings über gute Platzierungsgewinne freuen.

In der Prototypen-Klasse hat sich diese Entscheidung zum Beispiel für Irina Gracheva (800, Rang 4 in der 1.Etappe) als richtig erwiesen. Die mitfavorisierte Russin meldete sich so in den Top 10 zurück, hat derzeit nur einen rechnerischen Rückstand von 20 und 15  Seemeilen auf den Etappensieger Tanguy Bouroullec (969 – Pogo Foiler), und Etappenzweiten Fabio Muzzolini (945 – Tartine sans Beurre) zu verkraften.

Auch Lennart Burke hat sich für den nördlichen Kurs entschieden. Zahlt der sich aus? © olivaud/mini-transat

Proto-Segler François Champion (950 – Porsche Taycan) hat bisher als Einziger einen schnellen Weg durch die Mitte gefunden und führt mit erstaunlichen 60 Seemeilen Vorsprung vor seinen nächsten Verfolgern. 

Der nach dem Ausfall von Lina Rixgens einzige verbliebene deutsche Prototypen-Minist Marc Eric Siewert – Letzter der ersten Etappe – ist etwas besser in Fahrt. Er hatte sich zunächst für die vielversprechende südliche Richtung entschieden, ist dann aber relativ früh wieder westlich abgebogen und liegt derzeit auf Rang 16 (von 22). 

Es darf gewürfelt werden

Bei den Serienbooten dreht sich ebenfalls alles um die Frage „Norden oder Süden“? Auf den ersten Blick ist für die Deutschen Serien-Ministen sehr Positives zu vermelden: Der Gesamtführende Melwin Fink und Lennart Burke (Rang 9 in der 1. Etappe) segeln förmlich Seite an Seite auf Rang 4 und 3 mit gerade mal sieben Seemeilen Abstand zum Erstplatzierten Brieuc Lebec.

Doch hat sich die gesamte Top Ten-Gruppe (laut Tracker) sehr weit im Norden positioniert und befindet sich schon im Einfluss einer großen Schwachwindzone. Seit zwei Stunden wird dort nur noch mit drei bis fünf Knoten Geschwindigkeit gesegelt. 

Der Österreicher Christian Kargl hat sich für die südliche Route entschieden. Im Moment dürfte er mit ähnlich viel Wind wie auf dem Foto unterwegs sein © olivaud/mini-transat

Ein Speed, über den die Serien-Ministen, die den anfänglich als sehr gewagt bezeichneten Schlenker gen Süden gemacht hatten, sich derzeit ins Fäustchen lachen. Denn „Ausreißer“ wie der Österreicher Christian Kargl (Rang 3 in der 1. Etappe), aber auch das italienische „Trio Infernale“ Mengucci, Zozzo und Riva segeln mit 7-8,5 kn Speed aus ihrer südlichen Position heraus gen Westen. Noch werden sie unter ferner Liefen klassiert (42, 43, 45, 46). Aber schon in den nächsten Stunden könnten im Classement einschneidende Änderungen vermerkt werden.

Ist Süd „Trumpf“?

SR-Mini-Spezi Oliver Tessloff kommentiert: „Die Situation ist verzwickt und sehr ungewöhnlich. Ich möchte mich noch nicht 100 Prozent festlegen, aber es spricht vieles dafür, dass alle im Süden ab sofort bevorteilt sein werden.

Andererseits muss aber auch gesagt werden: Das sind ja keine Pappnasen, die da oben im Norden segeln. Melwin, Lennart, aber auch Leo Debiesse und Hugo Dhalenne – immerhin Zweiter in der 1. Etappe – haben ja alle was drauf. Stellt sich die Frage: Wissen die etwas, das wir nicht wissen? Oder sind sie ahnungslos in Bezug auf die Schwachwindzone, in die sie gerade hinein segeln?

Schaut man etwas weiter südlich, wo zum Beispiel der erfahrene und favorisierte Prototypen-Minist Tanguy Bouroullec auf seinem Pogo Foiler eben gen Süden halste, kann eigentlich nur ein Fazit gezogen werden: Süd ist Trumpf. So sehr mir das auch für unsere jungen Protagonisten für die nächsten Stunden und vielleicht Tage leid tut. 

Bis Bouroullec seinen Pogo-Foiler wieder zum Fliegen bringen kann, dürfte es noch eine Weile dauern © olivaud/mini-transat

Zwar werden die im Süden nicht gerade auf eine „Autobahn“ abbiegen, weil die Passatwinde derzeit eher schwach sind, doch dürfte es wirklich schwierig für die „Nordlichter“ werden, auf den Zug im Süden noch rechtzeitig aufzuspringen.

Im Moment segelt jedenfalls der Erstplatzierte bei den Serien-Minis mit 3,4 kn in der Schwachwindzone und der Italiener Sardi als Südlichster auf seinem Maxi-Serien-Mini mit 10 kn.

Speed ein Faktor?

Übrigens: Die Speed-Unterschiede zwischen Plattbug-Serien Minis wie Maxi/Vector und den etwas spitzeren Pogo 3 dürften bisher noch keine große Rolle gespielt haben. Zwar haben die Pogo 3 in leichten Winden, gerne auch bei kabbeliger Welle, gewisse Vorteile gegenüber den Scows. Doch sind die strategischen Überlegungen momentan noch viel ausschlaggebender, als der reine Speed.

Die Plattbug-Boote sollten erst in den kommenden Stunden und Tagen auf Reach- und Vorwind-Kursen von ihren Vorteilen profitieren konnen. Vorausgesetzt, sie sind wie Sardi im Süden positioniert. 

Einen Aspekt sollte man noch berücksichtigen: Die Nordgruppe weiß nicht genau, dass es eine Südgruppe gibt und umgekehrt. Denn bei der Mini-Transat werden zwar die Platzierungen ein Mal am Tag über Mittelwelle durchgegeben, jedoch nicht die Positionen. Natürlich können die im Norden ungefähr ahnen, dass es eine südliche Konstellation gibt, wenn Ministen wie Kargl oder Riva auf den hinteren Rängen aufgeführt sind. Mehr als Ahnung dürfte aber nicht im Spiel sein.

Abschließend noch ein Wort zur (im doppeldeutigen Sinne) bedrückenden Wetterlage. Vor allem im Norden könnte es eine ausgeprägte Gewitterneigung geben. Und aus eigener Erfahrung weiß ich: Gewitter auf dem Atlantik – das ist kein Spaß. 

Fazit: Die kommenden 48 Stunden könnten schon gewisse Vorentscheidungen mit sich bringen. Für uns Daheimgebleibene dürfte es am Tracker – alle 4 Stunden werden die Positionen aufgefrischt – richtig spannend bleiben. 

Mini Transat Tracker

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Michael Kunst

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