Mini-Transat: Francois Jambou siegt bei den Prototypen – Morten Bogacki peilt Podium an!

Momente, die ein Leben verändern!

Francois Jambou, Sieger der Mini-Transat 2019 bei den Prototypen © mini-transat

Wie fühlt man sich nach 2.700 Seemeilen einhand auf einer 6.50 Meter kurzen Boot? Und kann eine Flaute kurz vor dem Ziel das Feld nochmals aufmischen? Es bleibt spannend.

Ziele gibt es in allen Lebensbereichen. In der Politik, Bildung, Wirtschaft aber auch in Partnerschaften und überhaupt im persönlichen Lebenslauf. Im Sport hat das Ziel fast schon etwas Magisches, sogar Mystisches: Dieses Passieren der Ziellinie nach einer körperlichen und mentalen Herausforderung beinhaltet Triumph oder Niederlage, Freude oder Enttäuschung, Fülle oder Leere.

Es ist auch für Couch-Potatoes nachvollziehbar, dass sich solche Emotionen mit der Länge der vorhergegangenen Leistung potenzieren. Logisch, wer lange bis zum Ziel braucht, hat mehr Zeit, in Emotionen zu schwelgen. 

So wie die Ministen der diesjährigen Mini-Transat. Vor Le Marin, dem kleinen Hafen im Süden der Insel Martinique, segeln derzeit die ersten Boote über die Ziellinie der 2. MTA-Etappe von den Kanaren in die Karibik. Was sich dabei in den Köpfen (und Herzen) der Teilnehmer abspielt bzw. abspielen wird, ist für die Daheimgebliebenen kaum nachvollziehbar: 2.700 Seemeilen allein auf einem 6.50 Meter kurzen Rennboot, auf dem schon Ausstrecken, ein WC-Eimer oder eine warme Tütenmahlzeit luxuriöse Highlights sind, hinterlassen Spuren. Ganz egal, was für ein harter Knochen oder zäher Hund man/frau doch sein mag. 

Strich am Horizont

Oliver Tessloff, bestplatzierter deutscher Teilnehmer in der Serienwertung der Mini-Transat 2017, erinnert sich an diese magischen Momente vor Martinique: „Irgendwann siehst du einen Strich über den Horizont aufragen – das muss die Insel sein! Doch die will und will nicht größer werden. Gefühlt dauern die letzten 10 bis 15 Seemeilen eine Ewigkeit. Man darf aber noch nicht loslassen, muss noch konzentriert bleiben.

Axel Trehin auf Rang 2 © mini-transat

Denn vor der Ziellinie lauern schlecht bis gar nicht markierte Fischernetze, Bojen, Untiefen. Vor dem Rennen bekommt man mehrere Seiten Ausdrucke speziell für diese letzten Seemeilen ausgehändigt – das ist eine wahre Slalom-Fahrerei, die nochmals das letzte bisschen Aufmerksamkeit erfordern, bevor endlich die ersten Motorboote auftauchen, mit jubelnden, applaudierenden und rufenden Freunden oder Verwandten an Bord. Über mich schwappte ein regelrechtes Wechselbad der Gefühle: ich war einerseits froh und erleichtert, endlich angekommen zu sein. Aber eigentlich dachte ich, es könnte direkt nochmal losgehen. Jetzt, da ich weiß wie es richtig geht.”

„Wird mein Leben verändern!“

Francois Jambou, Sieger dieser zweiten Etappe sowie Gesamtsieger (vor Jury) in der Prototypen-Klasse ist unter Insidern nicht gerade als emotional gesteuertes Großmaul bekannt. Doch als er gestern Abend auf seinem Scow 12 Tagen und 2 Stunden alleine auf See über die Ziellinie segelte, fand er ungewohnt starke Worte, die er Freunden und Familie auf den Begleitbooten zurief. „Dieser Sieg wird mein Leben verändern!“ Ob er das im Hinblick auf eine Karriere als Segelprofi meinte – wie es vielen Mini-Transat-Seglern vergönnt war – oder in Bezug auf seine Familie, ließ er dabei offen. Denn Jambou hatte nach eigenen Worten in den letzten zwei Jahren nur an das Eine gedacht: Die Mini-Transat und nichts als die Mini-Transat. In den letzten Monaten habe er sich noch nicht einmal um seinen dreijährigen Sohn kümmern können, bedauerte er. „Aber jetzt wird alles anders!“ 

Pogo Foiler Bouroullec hat Probleme mit Vorstag- und Gennakerbaumbeschlag, hält sich aber auf Rang 5 © mini-transat

Jambou zeigte sich beim Blick zurück auf diese Etappe vor allem von den Segelbedingungen begeistert: „Ich bin höchstens eine Stunde lang am Wind gesegelt. Ansonsten war diese Etappen ein perfekter Glitsch unter Spinnaker. Am Anfang hab’ ich das Boot sogar abbremsen müssen, weil ich Bedenken hatte, es würde etwas kaputt gehen. In den relativ hohen Wellen und bei dem starken Wind in den ersten Tagen war ich vorsichtig unterwegs, achtete auf jedes Geräusch im Boot. Ich ließ den anderen den Vortritt, um dann später anzugreifen!“ 

Eine Taktik, die sich bewähren sollte. Denn der zweitplatzierte Axel Trehin (12 Tage, 15 Std.) zerriss sich in diesem Zeitraum den Medium-Spi und konnte mit dem großen asymmetrischen Spinnaker nicht die gleichen Winkel fahren wie Jambou. „Es dauerte viel zu lange, bis ich den Spi wieder repariert hatte. Da war Jambou schon auf Nimmerwiedersehen davon!“ 

Bogacki peilt Podium an!

Auf Rang Drei bahnt sich in der Prototypenklasse gerade eine kleine Sensation an. Denn derzeit segelt Mini-Transat-Rookie Morten Bogacki mit dem Scow-Proto „Lilienthal“ stramm aufs Podium zu. Den Abstand von knapp 30 Seemeilen zum Verfolger Erwan le Mené müsste Bogacki  auf den verbleibenden 150 Seemeilen (Stand: 13 Uhr) halten können. 

Morten Bogacki segelte die Lilienthal richtig gut – und peilt jetzt das Podium an! © mini-transat

Oliver Tessloff analysiert: „Was Morten Bogacki hier abgeliefert hat, ist ein taktisch kluges Rennen bei optimalem Bootsspeed. Schon in der ersten Etappe konnte er zeigen, dass er durchaus unter den Top Five mithalten kann, bis ihm Autopilot-Probleme einen Strich durch die Rechnung machten. Während dem Sprung über den Großen Teich machte er aber nun deutlich, dass man auch als Neuling bei der Mini-Transat Hervorragendes leisten kann.  Fast immer schätzte er die Wetterlage richtig ein und war so meistens auf den „schnellen Kursen“ zu finden. Das Boot scheint er mittlerweile voll im Griff zu haben, da kaum  Geschwindigkeitsdefizite im Vergleich zur direkten Konkurrenz auszumachen waren.“

Auch in der Gesamtplatzierung wird Bogacki weit nach vorne rutschen. Zwar hat er mit seinem 14. Rang in der ersten Etappe bei einem Rückstand von 17 Stunden ein schweres Päckchen zu tragen, doch könnte ihm noch eine Wetteränderung hilfreich zur Seite stehen. 

Oliver Tessloff: „Im Moment baut sich gerade eine Leichtwindzone direkt vor Martinique auf. Mit ein wenig Glück kommt Morten noch vorher ins Ziel. Weiter hinten dürften allerdings einige Boote unter einer langsamen Zielanfahrt leiden. Über weite Strecken sind lediglich ein bis zwei Beaufort gemeldet. Das wird zäh!“

Und sonst? 

Wie erwartet, wird der Italiener Ambrogio Beccaria auch die zweite Etappe in der Serienwertung für sich entscheiden. Er dürfte die Ziellinie am frühen Abend überqueren. Auf Rang 2 segelt ebenfalls unangefochten Nicolais d’Estais mit einem Rückstand von knapp 90 Seemeilen. Mitfavorit Matthieu Vincent hat sich nach seinem wettertaktischen Ausrutscher – er segelte im ersten Drittel der Etappe zu weit nach Norden und parkte in einer Schwachwindzone ein – wieder einigermaßen berappelt und segelt auf Rang 7 mit einem Rückstand von 146 Seemeilen auf Beccaria. 

Hier nicht zu erkennen, aber Amelie Grassi kann auch anders – mit dem Messer zwischen den Zähnen © mini-transat

Lassen wir Oliver Tessloff über seine ganz persönliche Heldin (bei dieser Mini-Transat!) berichten: “Amelie Grassi segelte über die letzten Tagen hinweg wie entfesselt durch die Reihen der Serien-Minis. Die hatte regelrecht ein Messer zwischen den Zähnen und raste wohl mit reichlich Wut im Bauch Richtung Top Ten.“ Grassi war mit mehreren Stunden Verspätung aufgrund eines Schadens am Boot hinter den Gestarteten hergesegelt.

Tessloff: „Das muss ihr erstmal einer nachmachen in einer derart starken Flotte! Von Null auf Rang Acht – alle Achtung!“ 

Wir empfehlen: Immer mal wieder auf den Tracker und auf die (Fast)-Live-Übertragung bei Facebook schauen. Die nächsten Stunden und Tage werden höchst spannend! 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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