Mini-Transat: Im Ziel der 1. Etappe – ein paar Minuten Abstand nach 1.350 Seemeilen

Nervenzerfetzend!

Axel Trehin – letztendlich doch überraschender Sieger! © breschi/mini-transat

Nur 26 Minuten lagen zwischen dem 1. und 3. Mini-Protoypen. Jambou sah sich schon als Sieger – doch dann kam Axel Trehin und ließ ihn „links liegen“

Es ist ja oft so beim Sport: Was dem Zuschauer auf den Rängen, am Rand des Geschehens oder zuhause vor dem Bildschirm höchst spannend vorkommt, ist für die Protagonisten nervenaufreibend, wenn nicht sogar nervenzerfetzend. 

Jedenfalls kann sich jeder vorstellen wie es gewesen sein muss, als der Minist Francois Jambou sozusagen auf den letzten Metern noch von seinem Dauerkonkurrenten Axel Trehin eingeholt wurde. Und das, nachdem er das Rennen fünf Tage und Nächte angeführt hat. 

Heute Morgen zwischen vier und fünf Uhr segelten die ersten drei Protoypen über die Ziellinie der ersten Etappe der Mini-Transat 2019 – in einem Abstand von 26 Minuten! Jambou wähnte sich bereits als Sieger, doch im letzten Moment gab es eine „Windstrafe“ von Poseidon – für welches Vergehen ist allerdings noch unklar. 

Falsche Segel gesetzt

Doch lassen wir Francois Jambou selbst (zähneknirschend) erzählen: „Als ich vor Gran Canaria ankam, herrschten 10 Knoten Wind (der dann aber rasch bis zur totalen Flaute abnahm, die Red.), ich sah niemanden am AIS. Ich dachte, ich hätte das Rennen gewonnen. Aber von wegen! Axel und Tanguy kamen mit Druck von hinten heran, es gab nichts, was ich tun konnte. Axel erreichte mich mit 8 Knoten Fahrt und ich stand in einer Flaute mit 0 Knoten Vortrieb. Ich kam erst wieder voran, als Axel neben mir war. Aber ich hatte die falschen Segel drauf! Es ist verdammt schwer, nur auf Rang Zwei anzukommen, wenn man fünf Tage geführt hat. 

Sauer? Überrascht? Zumindest höchst erstaunt – Francois Jambou auf dem Steg! © breschi mini-transat

Das ist aber auch das Tolle an der Hochseeregatta, die Tatsache, dass es unvorhersehbare Wendungen gibt. Ich werde jedenfalls kein Spielverderber sein. Ich wurde von einem sehr guten Segler besiegt. Das ursprüngliche Ziel für diese erste Etappe ist erreicht: ich bin immer noch im Spiel. Wir sind auf Augenhöhe mit Axel und Tanguy. Der Sieg ist definitiv noch „drin“!“

Es werden keine Geschenke gemacht!

Axel Trehin freut sich (verständlicherweise) über ein Geschenk, dass ihm die Segelgötter gemacht haben. Als Jambou schon das Ziel sah, hatte Trehin noch sieben Meilen Rückstand: „Diese erste Etappe war sehr komplett. Es gab mal mehr Wind, mal weniger Wind, wir mussten kreuzen, segelten vor dem Wind, manchmal sogar auch ein wenig Reaching. Die Bedingungen waren kompliziert und es war wirklich interessant. Ich fing gestern an, Trübsal zu blasen, als ich sah, wie es dunkel wurde. Ich dachte, dass François und Tanguy angekommen sein mussten, bevor der Wind nachließ. Aber ich hörte sie über Funk sprechen und kapierte, dass sie nebeneinander in der Flaute klebten. Ich hab mich rechts von ihnen platziert und dann gab es noch einen wunderschönen Rechtdreher – ein Geschenk des Himmels! 

Marie Gendron hat allen Grund zur Freude: Mit Rang 4 in der ersten Etappe hatte sie jedenfalls nicht gerechnet! © breschi/mini-transat

Die Zeitabstände zwischen uns Drei sind nur gering. Wir sind im Prinzip gleichauf, aber ich habe gewonnen! Jetzt muss ich nur noch die zweite Etappe gut segeln, um den Job anständig zu beenden. Aber jetzt schon ist klar: zwischen uns Drei werden keine Geschenke gemacht!“ 

Nur selten auf die Foils gestiegen!

Tanguy Bouroullec hatte auf seinem Pogo-Foiler-Protoypen zwar 26 Minuten Rückstand, freut sich aber dennoch über seine Perfomance auf einem nagelneuen und nur minimal getesteten Boot: „Mann, war das spannend! Ich bin zwar der Verlierer im Trio, aber 26 Minuten sind ja nix, wenn man die Länge der nächsten Etappe einbezieht. Mit dieser letzten Flaute bin ich überhaupt nicht zurecht gekommen. Aber egal, meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Und ich bin noch dabei – die zweite Etappe kann kommen!“ 

Wollte zuletzt gar nicht mehr aufs AIS gucken: Serien-Sieger Ambrogio Beccaria © breschi

Vielleicht kann Bouroullec ja bei seiner Transat in den Passatwinden seinen Joker ausspielen? Bisher hat der einzige Foiler unter den Prototypen jedenfalls nur ganz selten seine (durchaus funktionierenden) Anhänge zum Einsatz gebracht. Entlang der portugiesischen Küsten hätte es wohl in Bezug auf die Windrichtung Sinn gemacht, jedoch war Bouroullec die See zu wild, die Wellen zu hoch und kabbelig. „Ich hatte, Angst, dass ich mir war kaputt mache, nur um zwei Knoten schneller zu fahren. Und das wäre dann ja wirklich fatal gewesen!“ Im Gegenteil: im Ziel sprach Bouroullec sogar davon, dass er mitunter sogar abbremsen musste, damit die Foils keinen  Schaden nehmen!

Marie Gendron segelte auf einen hervorragenden vierten Rang bei den Prototypen, mit einem mehr als passablen Abstand von nur drei Stunden zu den Führenden. Morten Bogacki hat mit Stand 10 Uhr noch 80 Seemeilen vor sich. 

Typisches Mini-Stillleben © breschi/mini-transat

Bei den Serien-Minis erreichte Ambrogio Beccaria höchst überrascht um 6.30 Uhr MEZ das Ziel vor Gran Canaria, gefolgt von Felix de Navacelle, der ihm mit zwei Stunden Rückstand wieder ordentlich „auf die Pelle rückte“. Hierzu Oliver Tessloff, SR-Mini-Transat-Beobachter: “Angeblich hat er die letzten zwei Tage keinen Wetterbericht und Classement mehr gehört, weil er der Überzeugung gewesen ist, dass er zu weit im Osten positioniert und nicht mehr Erster war. Er konnte quasi nicht mehr hingucken (Das kenn ich!). In seiner Wahrnehmung ging es wohl nur noch um Schadensbegrenzung. Umso überraschter war Ambrogio bei der Zielankunft, als man ihm sagte, dass er doch wieder Erster sei!
Ein paar merkwürdige Pirouetten hat Ambrogio im Verlauf dieser ersten Etappe schon gedreht, die er mit seinem überlegenden Bootsspeed aber immer wieder wettmachen konnte. Summa summarum war er taktisch aber schon stark unterwegs!”

Amelie Grassi hat sich bis auf Rang 5 vorgearbeitet (Rückstand auf die Spitze: 3 Std.)  Hendrik Witzmann hat noch 95 Seemeilen bis Las Palmas zu absolvieren und liegt derzeit auf Rang 16. 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Ein Kommentar „Mini-Transat: Im Ziel der 1. Etappe – ein paar Minuten Abstand nach 1.350 Seemeilen“

  1. avatar breizh sagt:

    Vielen Dank an Euch beide für die bisherige gute und sehr informative Berichterstattung.
    Jetzt noch einige weitere O-Töne mit Erläuterungen, was da draußen so alles passiert ist, und die erste Etappe wäre perfekt abgerundet in der Berichterstattung.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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