Mini Transat SR-Interview: Drachen-Segler Hendrik Witzmann schafft 1.000 sm-Qualifikation

Wenn Kamele übers Wasser laufen

Witzmann, Sunovation, Mini

Hendrik Witzmann, hier mit Simon Koster bei der Mini Fastnet © mini fastnet

Der Weg zur Mini Transat ist kein einfacher: Hendrik Witzmann erlebt bei seiner nonstop Einhand-Quali, Seekrankheit, Handelsschiffe auf Kollisionskurs, Schlafentzug und Halluzinationen. 

Ex Match-Racer, Soling-Segler und Drachen-Spezialist (EM-Vize 2015) Hendrik Witzmann, der im vergangenen Jahr bei der Mini-Transat gemeldet hatte, aber dann doch nicht startete, setzt sein Engagement in der internationalen Mini-Szene fort.

Der Berliner ist sich zwar wieder nicht sicher, ob er aus beruflichen Gründen beim Mini Transat 2019 mitmachen kann – Witzmann ist Geschäftsführer des Solar-Panel-Herstellers „Sunovation“ in Dubai – will sich aber so weit wie möglich auf eine Teilnahme vorbereiten. 

Dazu zählte der Start bei der prestigeträchtigen Zweihand-Regatta Mini-Fastnet, die er gemeinsam mit dem Schweizer Simon Koster gleich mit einem Paukenschlag beendete: Rang 5 mit nur einer Minute Rückstand auf den Viertplatzierten, wurde in dem hervorragend besetzten Feld der Serien-Boote respektvoll wahrgenommen. 

Nun segelte Witzmann seine 1.000 Seemeilen-Qualifikation, die jeder Teilnehmer der Mini Transat einhand und nonstop absolvieren muss.

Von Lorient/Bretagne in die Irische See, zur Coningbeg-Tonne vor Irland, zurück durch den Ärmelkanal, durch die Biskaya zur Boje Rochebonne. Dann nach La Rochelle und wieder nach Lorient zurück.

Witzmann, Sunovation, Mini

Die vorgeschriebene Qualifikationsstrecke über 1.000 Seemeilen © mini classe

Er brauchte 7  Tage und 20 Stunden für seine erste große Solofahrt auf seiner Pogo 3 „Sunovation“ und betonte, dass er nicht immer im Regattamodus segelte.

Hendrik Witzmann beantwortete SegelReporter nach seiner Rückkehr und 36 Stunden Schlaf einige Fragen. 

SegelReporter: Wie war das kurz vor dem Ablegen? Ist man da als erfahrener Segler mit tausenden Regattameilen auf der Logge und vielen Pokalen im Trophäenschrank eher selbstbewusst und entspannt, oder waren die Gefühle „gemischter Natur“?

Hendrik Witzmann: Ich war zum ersten Mal länger als 24 Stunden alleine an Bord eines Bootes und für mich war die Situation also völlig neu. Und ehrlich gesagt, nicht unbedingt beruhigend. Wenn man Regatta segelt, ist man immer unter Beobachtung. Hier sendet vor dem Start eine E-Mail an die Mini-Klasse und dann ist man auf sich alleine gestellt. 

SegelReporter: Vor was hattest du denn am meisten Respekt?

Hendrik Witzmann: Vor dem Ungewissen. Du weißt als Segler, was auf Booten alles passieren kann. Und hier musst Du dann eben alles alleine bewältigen. Ich bin von der Seefestigkeit dieser Boote völlig überzeugt, nicht zuletzt auch aufgrund meiner letztjährigen Trainingseinheiten mit dem späteren Sieger der Mini Transat Erwan le Draoulec und der Zweitplatzierten Clarisse Cremer in der berühmten Tanguy-Leglatin-Trainingsgruppe. Nein, es geht in erster Linie um einen selbst: Wie packe ich das, treffe ich wirklich die richtigen Entscheidungen, wie verhält sich mein Körper nach zwei, drei Tagen auf See? 

Witzmann, Sunovation, Mini

Witzmanns “Sunovation”, eine Pogo 3, in Action © classe mini

SegelReporter: Typische Einhandsegler-Zweifel, also.

Hendrik Witzmann: Klar, aber typisch oder nicht, das beruhigt einen nicht gerade. Wie wirkt sich der 30-Minuten-Schlafrhythmus auf meine Entscheidungen aus? Wie groß ist die Gefahr, wenn ich doch mal drei Stunden schlafe? Solche Fragen stellte ich mir natürlich – das kann man ja alles vorher nicht trainieren.

SegelReporter: Trotzdem hast du dir sozusagen als persönliche Herausforderung gleich als erste Wegmarke die berühmte Raz de Sein gesetzt. Diese sehr enge Passage unweit des französischen Finisterre ist berüchtigt für starke Strömungsverhältnisse und wenig Platz. 

Hendrik Witzmann: Ja, so ein bisschen Regattamodus und Herausforderung muss bei mir schon sein. Also habe ich mir im Vorfeld ein Routing ausgedruckt mit vom Computer errechneten Wegzeiten, gegen die ich dann später gesegelt bin. Als ich dann nachts am Raz de Sein ankam, genau in dem Moment, als die Tide kippte, hab ich mich schon gefragt „Wie bescheuert muss man eigentlich sein, um sich ausgerechnet so ein Routing auszusuchen?” Ich hätte ja auch außenrum fahren können. Aber es ging dann alles gut, wenn ich auch sagen muss, dass die Auflagen der Mini-Klassenvereinigung, zwar mit GPS-Standortangaben zu navigieren, ansonsten aber nur die Karte zu benutzen, alles andere als zeitgemäß sind.

Witzmann, Mini transat, Qualifikation

Zwischendurch müssen an vorgegebenen Wegpunkten Beweisfotos geschossen werden – ganz egal, wie man sich gerade fühlt © witzmann

SegelReporter: Okay, aber so sind eben die Vorgaben für alle. War das denn wirklich so eine Herausforderung? 

Hendrik Witzmann: Ehrlich gesagt, es war nicht so schwierig, wie erwartet. Viel schlimmer war die Seekrankheit, die mich nach 36 Stunden erwischte. Ich segelte in den den Ärmelkanal hinein, dort stand eine kurze, ziemlich heftige Welle fast gegenan, das Boot wurde sowas von durchgeschaukelt… es war grauenhaft. Außerdem spürte ich natürlich schon die Folgen der ersten, nahezu schlaflosen Nacht. Die Gegend dort ist – mal ganz abgesehen vom Raz de Sein – navigatorisch sehr anspruchsvoll. Es gilt Schifffahrtszonen zu beachten, es gibt viele Untiefen. Geschlafen hatte ich gefühlt gar nicht.

Es ging mir dreckig. Von einer Stunde auf die andere war ich im Überlebensmodus, musste mich dauernd übergeben, das ganze Programm eben. Ich kauerte in Luv im Inneren auf den Segelsäcken in einer Marienkäferposition und war zu nichts mehr fähig. Der Autopilot steuerte, ich schaffte gerade mal den Rundblick alle 30 Minuten und einen regelmäßiges Beobachten des AIS – im Ärmelkanal! Eine der meistbefahrenen Schifffahrtstraßen der Welt! 

SegelReporter: Warum bist Du nicht umgedreht? 

Hendrik Witzmann: Das hatte ich mir auch überlegt, hätte aber bedeutet, dass ich in die navigatorisch anspruchsvolle Bretagne zurück muss. Und danach war mir gerade überhaupt nicht. Ich wusste, dass in der Irischen See das Wetter besser werden würde und die Dünung länger. Also bin ich lieber weiter. Und England war auch keine Option – dort kotzeelend einen Hafen anlaufen, mit nix als dem Hafenhandbuch unterm Arm, nee danke. 

SegelReporter: Wie lange dauerte dieser Jammerzustand?

Hendrik Witzmann: 24 Stunden nach den ersten Symptomen konnte ich wieder etwas zu mir nehmen, auch Wasser. Nochmals einen Tag später ging es mir deutlich besser, am vierten Tag meines Törns fühlte ich mich dann wieder sicher, hatte Vertrauen in mich selbst, in die Situation und sowieso ins Boot. Der Körper fühlte sich erneut einsatzfähig an, die Lustlosigkeit ließ deutlich nach, ich spürte wieder reichlich Elan. 

Witzmann, Mini transat, Qualifikation

Ist das nun die richtige Boje oder doch nicht? © witzmann

SegelReporter: Wie war denn das Wetter?

Hendrik Witzmann: Da hatte ich meistens Glück. Am Raz de Sein gab es ca 15 Knoten Wind, später in der Irischen See waren es 13-15 Knoten im Durchschnitt. Ich segelte die meisten Strecken entweder mit Code Zero oder nur mit Fock, meistens in einem Winkel von 70-90 Grad. Aber natürlich wurden auch mal über längere Abschnitte die Spis gezogen. In der Biskaya wurde die Windsituation dann etwas instabiler – da gab es dann auch mal 27-Knoten-Böen. Aber nichts, was seglerisch nicht beherrschbar gewesen wäre. Leider erlaubt die Classe Mini nur eine vorab aufgestellte Wettervorhersage für den Törn. Nach zwei Tagen wird die dann entsprechend ungenau. So gab es ab dem dritten Tag mehrere meteorologische Überraschungen, aber nichts Schlimmes.

SegelReporter: Ein anderer, meist gefürchteter Begleitumstand des Solo-Segelns ist ja die Einsamkeit. Wie bist du damit umgegangen? 

Hendrik Witzmann: In dem Zusammenhang bin ich von negativen Gefühlen verschont geblieben. Mal abgesehen von der Zeit, als ich wie ein Marienkäfer rumlag, ist man auf so einer Kiste ja permanent beschäftigt. Du stellst dauernd die Segel neu ein, soll ja schließlich kein Cruising-Törn werden, korrigierst immer mal wieder die Route, man muss sich mit dem Wetter beschäftigen, vom AIS mal ganz zu schweigen.

Einmal bin ich dann auch in richtig gefährliche Situationen gekommen, weil ich nachts im Ärmelkanal in totaler Flaute in eine Schifffahrtslinie trieb. Es war nichts zu machen – plötzlich war ich mittendrin. Da saß ich dann ziemlich beschäftigt vor meinem AIS und hab’ bibbernd die 18-22 Knoten schnellen Dampfer beobachtet, die an mir vorbei rauschten. Ich hab zwei Mal sogar über Funkkanal 16 die Jungs auf der Brücke warnen müssen. Die wissen ja nicht, dass ich keinen Motor habe und denken sich wohl, dass ich schon noch rechtzeitig ausweichen werde und kann. Deren Reaktion war dann aber professionell und cool, alles verlief glimpflich.

SegelReporter: Nächste Bahnmarke nach der Seeboje Rochebonne war dann La Rochelle? 

Hendrik Witzmann: Genau, wir Ministen müssen eine Boje hinter der bekannten Brücke runden. Genau dort habe ich einen Franzosen auf seinem Mini getroffen, der ebenfalls seinen Qualifier segelte. Er kam aus Concarnau und war einen Tag vor mir gestartet. So wusste ich dann auch, dass ich relativ zügig unterwegs gewesen bin bei diesen Wetterbedingungen. Wir segelten in AIS- und Funkreichweite Richtung Norden. Was übrigens nochmals eine echte Herausforderung war: Wolkenfelder mit bis zu 28 Knoten Windgeschwindigkeit zogen über uns hinweg, der Wind drehte dauernd und wir mussten 130 Seemeilen kreuzen. Immer wenn der Wind mehr als 30 Grad drehte, habe ich gewendet und meistens auch Glück gehabt mit dem späteren Rückdreher. 

Witzmann, Sunovation, Mini

Nach 36 Stunden Erholungsschlaf: Hendrik Witzmann © miku

Da ich schon ab dem dritten Tag ein Energieproblem an Bord hatte – zuviel Bewölkung für ein Boot, das ausschließlich seine Energie über Solarpanels bezieht – musste ich viel selbst steuern. Ich habe schließlich über die gesamte Strecke hinweg nur ganz, ganz selten länger als 30 Minuten geschlafen.

Das äußert sich dann beispielsweise so: Du wachst auf, spürst, dass Dein Boot sicher gesteuert wird und denkst erstmal, dass du zu Zweit auf See bist. Und erst nach etwa einer Minute meldet sich die Vernunft und sagt: Mensch, du bist alleine an Bord. Es steuert der Autopilot!

Irgendwann hatte ich dann richtige Halluzinationen: Plötzlich spannte sich eine riesige Brücke über den Horizont. Und als ich Kamele übers Wasser laufen sah, da wußte ich… es wird Zeit, dass ich wieder festen Boden unter die Füße bekomme. 

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Ankunft bei Flaute, mitten in der Nacht, mit dem letzten Schwung Flut – gerade nochmal Glück gehabt. Denn Quali- Ministen sind ohne Motor unterwegs © witzmann

Ganz zuletzt holte ich mir nochmals eine Mütze voll Schlaf: Etwa 50 Seemeilen vor dem Ziel parkte ich in einer Flaute ein, der Franzose holte auf und wir lagen quasi nebeneinander. Da gönnte ich mir erstmals wieder fast drei Stunden lang Schlaf, bis mich der Franzose über Funk weckte: „Hendrik, no sleeping, wind is coming! You are soon at home!“

SegelReporter: Hendrik, wir danken Dir für diese ausführlichen und ehrlichen Eindrücke Deiner Quali-Tour. Alles Gute, auch für die Teilnahme an der Mini Transat 2019. 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
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4 Kommentare zu „Mini Transat SR-Interview: Drachen-Segler Hendrik Witzmann schafft 1.000 sm-Qualifikation“

  1. avatar Philipp Kadelbach sagt:

    Wow, Witzi! Maximum Respekt!!!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  2. avatar Robert Nowatzki sagt:

    Viel Erfolg für 2019!!!

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  3. Ich hab das Gefühl es wäre mein Qualifier gewesen. Irgendwie geht es allen ähnlich. Super, dass Du durchgehalten hast 👍

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  4. avatar breizh sagt:

    Ein weiterer Kandidat für die kommende Transat. Klasse!
    Und mal wieder sehr bildhaft beschrieben. Danke MiKu.

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