Mini-Transat: Start nach zwei Wochen Wartezeit – Oliver Tessloff und miku analysieren

„Das wird kein Spaziergang!“

Flaue Winde beim Start – doch der Rest wird kein Ponyhof © mini-transat/breschi

Sie sind los – endlich! Um 10:38 h starteten 87 Ministen, darunter acht Frauen, im französischen La Rochelle, um die erste Etappe der Mini Transat 2019 in Angriff zu nehmen. 

1.350 Seemeilen müssen rein rechnerisch bis Gran Canaria absolviert werden. Wo sich die Ministen dann zwei Wochen lang etwaige Wunden lecken können, um voraussichtlich am 2. November die zweite Etappe über den Großen Teich in Angriff zu nehmen.

Zwei Wochen mussten die Ministen auf den Start warten. Ein Tief nach dem anderen jagte über die Biskaya und schloss mit Windstärken bis zu 40 Knoten und äußerst ruppigem, 2-5 Meter hohem Seegang die Ministen förmlich in ihrem Hafen ein. Eine sicherlich nervenaufreibende Zeit für alle Teilnehmer, jedoch bei der Mini Transat nichts Ungewöhnliches. Denn schon mehrfach waren die Ministen in ähnlichen Situationen und mussten teils wochenlang auf den Startschuss der Mini-Transat warten. 

Nervenaufreibend, aber nicht ungewöhnlich

Dieses Jahr wallten die Emotionen allerdings besonders hoch. Unter manchen Teilnehmern – egal ob Franzose oder nicht –  gab es Unmut darüber, dass man aufgrund einer angeblich schlechten Informationslage durch die Organisatoren nicht nach Hause fahren oder fliegen konnte. Zu unklar seien die Angaben gewesen, wann ein Start zu erwarten sei, zu kurzfristig die mehrfachen Absagen bzw. die letztendliche Startfreigabe. 

Beim Prolog ging es schon mal richtig zur Sache! 

Tatsache ist jedoch, dass gerade der Start und die ersten Tage bei einem wettersensiblen Einhand-Rennen wie der Mini-Transat, die bekanntlich auf 6,50 Meter kurzen Booten bestritten wird, unter buchstäblich vernünftigen Bedingungen stattfinden MUSS. Denn zu groß ist die Gefahr, durch frühzeitigen Bruch den Traum vieler teilnehmender Ministen, die sich größtenteils seit zwei Jahren auf dieses Rennen vorbereitet haben, gleich zu Beginn zu zerstören. Entsprechend ließ die Regattaleitung verlauten, dass es nun mal ihr oberstes Anliegen sei, maximal viele Teilnehmer auf die andere Seite des Atlantiks zu „bringen“. Auf die Wünsche einiger offensichtlich wagemutigerer, wenn nicht sogar waghalsiger Teilnehmer könne und wolle man daher nicht eingehen. 40 Knoten Windstärke bei Wind gegenan, wie sie am ursprünglich vorgesehen Starttag herrschten, seinen nun mal halsbrecherisch, war von Seiten der Organisation zu vernehmen. Und an all’ die Besserwisser im Netz gerichtet, die auf (hauptsächlich französischen Websites und Segelportalen) sich darüber echauffierten, dass man durchaus auch Risiken bei so einer Regatta eingehen müsse, blieb den Mini-Transat-Organisatoren nur die eine, fast schon philosophische Antwort: „Das Wetter ändert sich, gerne auch häufig. Oder es bleibt wie es ist!“ 

Mini-Transat ist kein Ponyhof

Auch wenn der heutige Start bei eher flauen 3-6 Knoten Windstärke zumindest auf den ersten Blick auf einen eher ruhigen Törn schließen lässt – ein Spaziergang wird diese erste Etappe der Mini-Transat nicht werden. Noch steht eine alte Welle in der Biskaya, und bei Winden aus vorwiegend westlicher Richtung herrschen so auch bei eher schwachem Wind echte „Kotzbedingungen“. Anders formuliert: Die Seekrankheit könnte gleich zu Beginn dieses Rennens ihre Rolle spielen. 

Hendrik Witzmann freut sich, dass die Warterei endlich ein Ende hat. Jetzt gilt’s ! © mini-transat / breschi

Oliver Tessloff, bester Deutscher Teilnehmer der Mini-Transat 2017 (Serienwertung) analysiert für SR, was die Ministen in den nächsten Tagen erwarten könnte und wird. 

„Was bei einer Mini-Transat immer wichtig ist: Man muss von Anfang an gut wegkommen und möglichst rasch seinen Rhythmus finden. Wobei der Start als solcher, zumal bei eher schwachem Wind, nur eine untergeordnete Rolle spielt. Viel wichtiger sind die ersten Stunden, die erste Nacht.  Das sieht man auch gerade bei unseren beiden deutschen Protagonisten Morten Bogacki (Proto) und Hendrik Witzmann (Serie), die auf dem Tracker direkt nach dem Start auf Rang 18 und 61 geführt wurden, zwei Stunden später aber schon unter den Top Ten zu finden waren. 

Erste Front am Sonntag

Die ersten Stunden werden sich bei den meisten noch etwas holperig anfühlen, doch das wird bald vorbei sein. Vorbei sein müssen, denn jetzt gilt es, den Grundstein für spätere Erfolge zu legen. Kreuzen gegen Welle bei wenig Wind – wie es die Mini-Transat-Teilnehmer derzeit gerade in der Biskaya erfahren –  ist nicht zu unterschätzen: Der Segeltrimm ist schwierig, in der Dünung muss beim Auf und Ab häufig reagiert werden.

Morten Bogacki zeigt auf dem Steg, wo Die wahren helden geschnitzt werden: auf dem 505er! © mini-transat/breschi

Für Sonntag früh 6 Uhr wird die erste Front erwartet, hinter der nach heutiger meteorologischer Vorhersage der Wind Richtung Nordwest drehen dürfte. So könnte man Richtung (spanischem) Finisterre bei 20 Knoten Windstärke sogar reachen – also Schokoladensituation für die Scows. Hier muss zum Beispiel ein Hendrik Witzmann auf seiner Pogo3 darauf achten, dass er den Anschluss nicht verliert. Auf diesem Kurs könnte man, nach einer verhältnismäßig langen Kreuz gegen die 1,8 – 2 m hohen Wellen, eine erste Mütze Schlaf nehmen. Zumal sich die Boote auf Reachkursen bei 20 Knoten Wind noch ganz gut unter Autopilot verhalten. 

Das Boot war beim letzten Mal unter Jörg Riechers schon Zweite – wie weit nach vorne wird es Bogacki diesmal schaffen? © mini-transat / breschi

Überhaupt sollte man am Kap Finisterre gut ausgeruht ankommen, denn auch dieses Jahr wird es ab dort und über eine lange Strecke danach echt ruppig. In der Nacht von Sonntag auf Montag wird sich ein Hochdruckkeil von Süden in die Biskaya schieben. Was für wenig Wind, vielleicht sogar Flaute sorgen wird. Auf der einen Seite eine weitere Gelegenheit zum Schlafen, auf der anderen aber auch die Gefahr, dass sich das Feld wieder zusammen schiebt. 

Da der Wind von Süden kommen wird, sollte man nicht zu weit unter das spanische Festland fahren, da dort über 2.000 Meter hohe Berge für reichlich Windschatten sorgen können.

Kap Hoorn? Nix gegen Finisterre!

Auf Höhe Finisterre – die Routings rechnen mit den Ersten dort am Dienstag – wird dann die zweite Kaltfront die Ministen passieren, nach der sich erneut der Wind nach West und schließlich Nordwest drehen wird. 

Wie immer: prickelnde Ambiance an den Tagen vor dem Start © mini-transat/breschi

Hier muss ich kurz auf die fast schon mystische Aura eingehen, die viele Mini-Segler dem Kap Finisterre zuschreiben. Oder um es mit den Worten von Jörg Riechers zu sagen: „Kap Hoorn ist nichts gegen Finisterre!“ Man sollte dort also unbedingt mit genügend Schlafreserven ankommen. Auch aus eigener Erfahrung weißt ich: Es kann haarig werden. 

Die meisten werden wohl zwischen der Küste und dem Verkehrstrennungsgebiet segeln, weiter außen dürfte die Strecke zu lang werden. 

Folgt ein Downwind-Kurs entlang der portugiesischen Küsten. Was eigentlich ja ganz wunderbar sein könnte, wenn nicht Windstärken von 30 bis 40 Knoten vorhergesagt wären. Aus heutiger Sicht kann diese Situation bis zu 48 Stunden andauern – die Schafe an der portugiesischen Küste haben dort also garantiert keine Locken mehr.  

Hendrik Witzmann hat Großes bei dieser Mini-Transat vor. Aber er hat auch reichlich Respekt vor dem, was da alles kommen wird © mini-transat/breschi

Eine Zeit, in der man viel verlieren, aber noch mehr gewinnen kann. Wer seine Halsen richtig drauf hat, wer sein Boot auf maximalen Speed bringt, der wird hier Akzente setzen. Der Haken an der Sache: zum Schlafen wird es nur ganz wenig Zeit geben – kurze Power-Naps sind möglich, mehr nicht. 

Auf Höhe Mittelmeer-Einfahrt Tarifa/Gibraltar werden dann die ersten Prototypen und Serienboote ungefähr am Donnerstag 10. Oktober ankommen. Um dort auf die Zielgerade Richtung Kanaren einzuschwenken, die bei leichteren Winden mit Reachkurs erneut die Scows bevorzugen dürfte. Doch bis dahin kann sich noch viel ändern.

Manchmal wurde es richtig eng © breschi/mini-transat

Alles in allem wird die 1.Etappe dieser Mini Transat schnell und intensiv werden. Alle Wetter- und Seebedingungen machen bis heute den Eindruck, als könnten sie gut bewältigt werden. Bleibt nur, alle Teilnehmern die Daumen zu drücken, dass alles am Boot halten wird und kein Bruch ein vorzeitiges Ende nach sich zieht. 

Tracker

Website Mini-Transat

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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