Mini Transat: Warum Jörg Riechers trotz Rang sieben noch guter Hoffnung ist

"Ich bin dabei, mein Boot zu entdecken"

Mit der ersten Etappe beim Mini Transat ist die Pflicht erledigt, nun folgt die Kür über den Atlantik. Jörg Riechers ist guter Dinge, dass er das Podium noch erreichen kann.

Mit der Ankunft von Julien Mizrachi liegen nun 78 Minis im Hafen von Las Palmas auf Gran Canaria. Von 81 in La Rochelle Gestarteten sind nur drei Boote ausgefallen: Keine schlechte Bilanz für eine erste Etappe.

Der Italiener Matteo Rusticali hat sein Rigg verloren, Luca Sabiu musste sich auf Höhe La Coruna vom spanischen Seenotrettungsdienst per Hubschrauber abbergen lassen und der älteste Minist in der Flotte, Frederic Gueérin (63), verlor ebenfalls seinen Mast.

Guerin konnte zwar für Ersatz sorgen, aber nicht in der vorgeschriebenen Zeit von 72 Stunden. Dennoch ist der Franzose auf dem Weg zu den Kanaren; nicht zuletzt um zu erkunden, welche Möglichkeiten einer Weiterfahrt es für ihn noch geben könnte. 

Jörg Riechers

Jörg Riechers auf seiner “Lilienthal”. © B. Gergaud

Die Wettfahrtleitung dieser Mini Transat gibt sich überrascht angesichts so weniger Ausfälle während der ersten Etappe. Man führt dies – logischerweise – auf die größtenteils schwachwindigen Wetterbedingungen zurück und auf die in den letzten Jahren deutlich verbesserte Vorbereitung seitens der Teilnehmer. 

Die große Flaute

Tatsächlich waren die Wettergötter bisher dieser Mini Transat hold, indem sie noch keinen großen Sturm schickten. Bis auf die Passage des Kap Finisterrre, wo es im Durchschnitt mit 25 Knoten wehte, und die eine oder andere Böe auch mal auf 32 kn anstieg, segelten die Ministen meist in moderaten Windzonen, die feinstes Minisegeln mit sich brachten. Vor den Kanaren kam dann die große Flaute , in der die gesamte Flotte (mehr oder weniger lang) einparkte (siehe auch SR-Berichte). 

Wie bei den meisten anderen Regatten auch, sind Flauten oder extrem schwachwindige Passagen bei einer Langstrecken-Hochseeregatta die „Aufmischer“ par excellence. Als hätte Poseidon gemeinsam mit Fortuna mal schnell eine Runde gewürfelt, veränderten sich die Positionen der einzelnen Boote im Stundenrhythmus.

In Sichtweite konnte man die Konkurrenz dabei beobachten, wie sie mit Privatböen davon zog, um dann Stunden später wieder mit einer ähnliche „Chance“ selbst bei zwei Knoten Geschwindigkeit vorwärts zu treiben. Man ahnt (und weiß: siehe Artikel über Tessloffs Erlebnisse), wie nervenaufreibend das Ganze gewesen sein muss. 

Weckruf für Lipinski

Sportlich betrachtet kann man die erste Etappe im gewissen Sinne als „Weckruf“ betrachten. So musste Ian Lipinski, der Überflieger auf seinem Griffon-Plattbug-Mini erstmals erkennen, dass auch er, trotz zweijähriger, unangefochtener Dominanz, nicht unschlagbar ist. Erst auf der Ziellinie konnte er seinen stärksten Gegner Arthur Leopold-Leger abfangen.

Ausgerechnet Arthur: Der Mann ging zwar nicht als Unbeleckter in dieses Rennen, hat bereits mehr als zehn Jahre Regattaerfahrung auf dem Mini und gilt zudem als einer der begnadetsten Skipper in der Flotte. Doch sein Trainingsmeilen-Konto vor dieser Mini Transat entspricht dem Schönwetter-Etmal des Autors dieser Zeilen.

Tatsächlich verbrachte Arthur während der ersten Etappe mehr Tage auf seinem Boot, als in der gesamten Saison zusammen genommen.  Ein Umstand, der eine gewisse Ernüchterung bei dem Vieltrainierer Lipinski nach sich zog. Aus seinem Umfeld wird jedoch berichtet, dass so ein kleiner Dämpfer einem Lipinski durchaus gut tun würde. Umso professioneller wird er die zweite Etappe angehen. 

Ohne Elektronik zum Sieg

Auch bei den Serienbooten ging alles drunter und drüber. Zwar segelten die beiden „jungen Wilden“ Clarisse Cremer und Erwan le Draoulec über lange Strecken hinweg tatsächlich wie prognostiziert an der Spitze der Flotte, doch letztendlich siegte der Schweizer Valentin Gautier. Und zwar unter denkbar schlechten Bedingungen: Seine gesamte Elektrik war ausgefallen und nach provisorischer Reparatur erhielt Gautiers Autopilot keine Informationen mehr über den „wahren Wind“ und auch das Funkgerät funktionierte nicht mehr. 

Einige Vergleichszahlen: Sieben unterschiedliche „Leader“ an der Spitze des Serienboote-Feldes, 13 Führungswechsel, nur sieben Stunden Differenz zwischen Serienrang 2 und 21. Nur ein Mal gelang es Clarisse Cremer, einen respektablen Vorsprung von 32 sm gegenüber ihren Verfolgern heraus zu segeln, zwei Tage später lag sie schon wieder 30 Meilen hinter dem dann Führenden zurück.

Es war ein ständiges Auf und Ab, das letztendlich bei dem Einen Frust und beim Anderen Jubel hervorrief. „Es half nur hochkonzentriertes Segeln in jeder Position;“ sagte die letztendlich Drittplatzierte Clarisse Cremer. Aber mach das mal bei tagelanger Flaute! 

Riechers enttäuscht aber nicht frustriert

Es war tatsächlich ähnlich wie beim Poker. Da kann man auch mit Professionalität viel erreichen – ohne Glück bist du aber verloren! Ein Spruch, dem auch Jörg Riechers zustimmt. Er berichtete im Gespräch mit SR nach seiner Ankunft als Siebtplatzierter:

„Logisch, bin ich von meiner Platzierung enttäuscht, denn wir sind mit einem völlig anderen Anspruch ins Rennen gegangen. Und dennoch bin ich nicht frustriert, weil ich eine Menge gelernt habe in diesen Tagen . Ja, gelernt – auch während der nervenaufreibenden Flautentage, die nun gar nicht mein Ding sind.“

Doch Speed-Freak Riechers sieht seine Chancen erst noch kommen. „Ich bin ja immer noch dabei, mein Boot zu entdecken. Vom Training vor Lorient wusste ich beispielsweise, dass „Lilienthal“ bei viel Wind und kurzer Welle nicht gerade berauschend gut läuft. Und genau das waren die Bedingungen am Kap Finisterre. Da musste ich schon mal ein Menge Federn lassen!“  Später habe er dann in besseren Wind- und Wellenbedingungen auch konsequent wieder aufgeholt. 

Schaut man sich die Geschwindigkeiten von Jörg Riechers auf seinem Plattbug-Prototypen über die gesamte Strecke hinweg an, dann war Jörg eigentlich ziemlich gut dabei: „Ich war meistens der Zweitschnellste nach Ian Lipinski!“ Auch Simon Koster, der andere Plattbug-Segler, sei nicht schneller gewesen,“ sagt Jörg. Auch wenn Simon im Ziel vor ihm lag. 

Insbesondere bei einer Windstärke von 15 – 20 kn sei sein Boot außerordentlich gut unterwegs. „Dann segle ich mindestens 1,5 bis 2 Knoten schneller als die anderen Top-Prototypen… außer Lipinski!“ 

Froh, auf Foils verzichtet zu haben

Er sei übrigens sehr froh über seinen Entschluss gewesen, nur wenige Wochen vor dem Start das Projekt „ Foils“ auf seinem Mini für diese Transat abzuhaken. „Ich bin mittlerweile überzeugt davon, dass man mindestens ein Jahr intensivste Vorbereitung braucht, um auf einem Mini die Foils überhaupt soweit in den Griff zu kriegen, dass sie konkrete Speed-Vorteile auf langen Strecken erbringen,“ sagt Riechers.

Doch so – ohne Foils – sei er immer noch in Schlagweite zum Podium. „Zum Drittplatzierten trennen mich weniger als drei Stunden. Das kann ich knacken,“ meint er zuversichtlich. „Nicht zuletzt. Weil ich ein richtig schnelles Boot habe.“ Außerdem habe die Flaute vor den Kanaren auch etwas Gutes gehabt: „So wurden die beiden Ersten ausgebremst  und wir anderen konnten wieder näher an sie heran kommen. Sonst wäre der Abstand viel zu groß geworden!“

Zum Abschluss unseres Gesprächs dann noch ein typisch Riecher’sches Bonmot: „Meine Platzierung ist wie das Abschneiden der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei den meisten Weltmeisterschaften: In der Vorrunde nicht gerade glorreich, aber dann… !“

Alle Ergebnisse der 1. Etappe und Tracker zum “Nachsegeln”

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Mini Transat: Warum Jörg Riechers trotz Rang sieben noch guter Hoffnung ist“

  1. avatar breizh sagt:

    Danke für die vielseitigen Eindrücke.

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

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