Mini-Transat: Was passiert in der Vorstartphase? – Oliver Tessloff und miku analysieren

Nervenaufreibend!

Mini Transat, Vorbereitung, La Rochelle

In all’ dem Chaos, trotz aller Solidarität unter den Mini-Seglern – bei der Vorbereitung bist du allein. Ganz alleine! © mini transat breschi

Warum haben viele Angst vorm Sicherheits-Check? Und wieso sind manche Tauchgänge unterm Boot so gefürchtet? Welches Wetter wird erwartet und warum sind jetzt doch nur 87 Boote am Start?

Die Mini Transat gilt unter Offshore-Seglern als die wohl spannendste Shorthand-Regatta über den „Großen Teich“. Das einhand auf 6.50m kurzen und bis zu drei Meter breiten, pur auf Speed getrimmten Booten (getrennte Serien- und Prototypen-Wertung) gesegelte Rennen findet in diesem Jahr bereits zum Mal statt. In der internationalen Offshore-Szene gilt die Regatta als ideales Sprungbrett für spätere Karrieren im Hochsee-Regattazirkus auf Figaro, Class 40 oder sogar IMOCA und Ultim-Trimaranen.

SR wird das Rennen in den kommenden Wochen gemeinsam mit Oliver Tessloff – bestplatzierter Mini-Transat 2017-Finisher in der Serienwertung und ausgewiesener Kenner der Szene – in loser Folge kommentieren und analysieren.

Neben der Kürze der Boote und ihrer überproportional großen, übertakelten Segelfläche gilt als größte Herausforderung für die teilnehmenden Einhandsegler, dass sie (neben GPS für eine sichere Standortbestimmung) keine elektronischen Hilfsmittel zur Navigation (Router/Plotter etc.) benutzen dürfen. Auch Wetterinformationen und Positionen der Konkurrenten erhalten die „Ministen“ lediglich ein Mal täglich über einen knarzenden und nur schwer verständlichen Weltempfänger.

Mini Transat, Vorbereitung, La Rochelle

Bis zum letzten Moment vor dem Start gibt es viel zu tun! © mini transat la boulangere

Der nächste Start der alle zwei Jahre stattfindenden Mini Transat ist für den 22. September vorgesehen (SR-Vorschau). Die erste Etappe wird die nunmehr 87 Teilnehmer vom Französischen La Rochelle durch die Biskaya, entlang der portugiesischen und spanischen Küsten bis Las Palmas auf Gran Canaria /Kanarische Inseln führen. Für die theoretischen 1.350 Seemeilen werden je nach Windsituation zwischen 7 und 10 Tage benötigt. 

Die zweite Etappe über ca. 2.700 Seemeilen absolvieren die Ministen zwischen den Kanaren und der karibischen Insel Martinique. Die schnellsten Boote werden hierfür ca. zwei Wochen benötigen, Nachzügler rechnen mit drei bis vier Wochen. 

Nervenaufreibend

Bereits zehn Tage vor dem Start mussten alle Ministen im Starthafen La Rochelle festmachen, um langwierige Sicherheitskontrollen und Vermessungen über sich bzw. Ihre Boote ergehen zu lassen. Diese Zeit bezeichnen die angehenden Transat’ler als besonders nervenaufreibend: Trotz jahrelanger Vorbereitungen, monatelangem Training und im Durchschnitt rund einem Dutzend gesegelter Seeregatten und einer damit meist eintretenden Gelassenheit, steigt nun die Spannung mit jedem Tag. Was kommt auf mich zu? Hält mein Boot durch? Wie wird das Wetter denn nun wirklich? Hab’ ich an alles gedacht? Will ich das alles wirklich? Gibt es noch ein Zurück? 

Mini Transat, Vorbereitung, La Rochelle

Der deutsche Teilnehmer bei den Serien Minis Hendrik Witzmann – etwas angespannt beim Bekleben seines Großsegels mit dem MTA-Logo © breschi, mini transat

Oliver Tessloff erinnert sich: „Diese Zeit wird intensiv gelebt. Und jeder hat so seine ganz besondere Art, mit den mehr oder weniger stressig empfundenen Stunden klarzukommen. Manche treffen sich abends in den zahlreichen Kneipen direkt am Hafen und trinken gemeinsam das eine oder andere Bier, um mehr oder weniger sinnvoll über die anstehenden Abenteuer zu quatschen. Andere sitzen alleine am Strand und meditieren vor sich hin. Dritte tauchen in eine Art Tunnel-Konzentration ab: Voll auf sich und das Boot konzentriert, lassen sie so wenig Ablenkung wie nur möglich an sich heran und fokussieren ihr ganzes Handeln auf das Eine – nämlich die anstehende Regatta.“

„Alte Salzbuckel“ der Szene, solche, die an der Mini Transat bereits mehrfach teilgenommen haben, gehen noch weiter und behaupten, dass in den Tagen unmittelbar vor dem Start, das Rennen als solches für manche entscheidend geprägt wird. 

Dass hier auch das Schicksal gleich mitmischen will, zeigen zwei (von drei) Ausfällen in der Anreisephase. Oliver Tessloiff: „Ein Drama, das mich wirklich berührte, war das von Arnaud Machado. Der junge Franzose lebte seit mehr als zwei Jahren förmlich für diese Mini Transat. Er hauste über Monate hinweg in einem alten Bus zwischen den Bunkern von Lorient, bastelte unentwegt an seinem Boot, trainierte wie wild, kratzte die letzten Cents zusammen um sein Boot optimal vorzubereiten. Als alles fertig für die Überführung war, das Boot schon gepackt im Wasser lag, setzte sich Arnaud aufs Fahrrad, um noch mal „schnell was zu holen“. Nach ein paar Metern stürzte er, fiel so unglücklich aufs Knie, dass er sich mehrere Brüche zuzog. Er musste mit dem Krankenwagen abtransportiert werden! Aus der Traum von der Mini Transat!“ 

Mini Transat, Vorbereitung, La Rochelle

Ungefähr solche Bilder haben sie alle Kopf, wenn’s dann hoffentlich am Sonntag losgeht © muriel vandenbempt

Oder Antoine Oulhen. Der Franzose ist ebenfalls von der Sorte „kaum Geld, viel Enthusiasmus, aufgeben-gilt-nicht!“. Bis zuletzt bastelte er an seinem Prototypen, bis ganz zuletzt war nicht klar, wie er das Rennen finanzieren will. Doch zwei Tage vor der Überführung nach La Rochelle galt endlich sein Projekt als abgesichert. Antoine startete ein paar Stunden nach Hendrik Witzmann zu seiner Überfahrt nach La Rochelle (SR-Bericht) – und kugelte sich in der Nacht während eines Manövers den Arm aus. Dabei brach ihm offenbar ein Stück vom Schultergelenk. Noch ein ausgeträumter Mini-Transat-Traum! 

Sicherheitshalber 

Vor allem bei den Novizen unter den Mini Transat-Teilnehmern sind die Sicherheits-Überprüfungen durch die Regattaleitung besonders gefürchtet. Egal wo man sich vor dem Rennen umhört, kommt immer wieder der Ausruf: „Wenn bloß diese Security-Checks nicht wären!“ Von Willkür der Regattaleitung ist da oft die Rede, von übertrieben peniblen Üntersuchungen, von fragürdigen Sicherheitsauflagen. Das sieht Oliver Tessloff jedoch etwas anders: „Man hat als Teilnehmer klare Vorgaben, jeder müsste genau wissen, was er in punkto Sicherheit an Bord mitzuführen hat. Der Check zieht sich über mehrere Tage: Die Ankerkette wird dabei genauso abgemessen wie jede einzelne Tablette in der Bordapotheke nachgezählt. Das kostet natürlich reichlich Zeit und vielleicht bei einigen auch viele Nerven. Aber man ist dann ja nicht der Verdammnis preisgegeben und kann noch vor Ort entsprechend nachrüsten. Ich habe jedenfalls noch nie gehört, dass jemand wegen mangelnder Ausrüstung nicht starten dürfte. 

Wie weit das allerdings gehen und welche Auswirkungen das beispielsweise auch auf den Speed der Boote haben kann, zeigt ein Beispiel von der letzten Mini-Transat-Vorstartphase. Die Boote werden auch von der Jury abgetaucht um sicher zu stellen, dass die Sicherheitsfarben korrekt angebracht sind. In einem Fall gab es damals die Beanstandung, dass man „vor lauter Bewuchs am Kiel“ die Farbe nicht erkennen könne!“ Was natürlich für reichlich Spaß unter all’ denjenigen sorgte, die ihr Boot persönlich alle zwei Tage abtauchen um sicher zu gehen, dass auch ja kein Gramm Bewuchs sich auf der Glitschfläche angesiedelt hat.

Mini Transat, Vorbereitung, La Rochelle

Erfahrungsgemäß machen nicht alle Unterwasserschiff-Ansichten solch einen sauberen Eindruck © mini transat/breschi

Ein echter Sicherheits-Check-Klassiker sind die Antennen der Funkanlage. Da segelt man jahrelang ohne jegliche Probleme, hat immer wunderbaren Empfang und dann messen die Techniker der Organisation die Spannung deines Gerätes und stellen fest, dass die Messung weit unter dem Grenzwert liegt. Und du hast keine Ahnung woran das liegen könnte und musst dich auf die meist stundenlange Suche nach der Fehlerquelle machen!“

Wie wird das Wetter?

Das andere „große Thema“ über das jede und jeder derzeit in la Rochelle diskutieren dürften ist – das Wetter! Was kommt da auf die Ministen zu? Unter welchen Bedingungen werden sie starten? Welche Windrichtungen sind zu erwarten? Kommt man gut aus der Biskaya heraus? Wann folgt das nächste Tief? 

Grundsätzlich wurde der Start dieser Mini Transat im Vergleich zu den letzten Ausgaben bereits etwas vorverlegt, um den in der Biskaya zu dieser Jahreszeit drohenden Herbst-Tiefs möglichst aus dem Weg zu gehen. Dass die zweite Etappe erst Anfang November auf Gran Canaria starten wird, ist mit der Hoffnung verbunden, dass später zur Ankunftszeit in der Karibik die Hurrikan-Saison vorüber sein müsste. 

Doch ausgerechnet die Tiefs, die über die Biskaya streichen, machen den Ministen jetzt doch zu schaffen. Heute sollte der Prolog gestartet werden – ein Rennen, bei dem die Teilnehmer  traditionell Sponsoren oder Schulkinder an Bord nehmen und das in erster Linie dazu dient, die Startbereiche für den späteren Regattastart kennen zu lernen. Doch ein Tief mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 30 Knoten ließ die Regattaleitung den Termin auf Freitag verlegen. Zu groß die Gefahr, dass man sich während einer reinen PR-Maßnahme das Boot vier Tage vor dem Start zur Mini Transat kaputt fährt. 

Mini Transat, Vorbereitung, La Rochelle

Heutige Wettervorhersage für Montag abends © windy tv

Oliver Tessloff sieht allerdings auch für die nächsten Tage die nicht nur sinnbildlichen „Schwarzen Wolken“ aufziehen. „Schon jetzt ist erkennbar, dass sich ein ausgeprägtes Tief von Westen in Richtung Irland bewegt. Dessen Ausläufer drücken in die Biskaya, bringen südliche oder südwestliche Winde und es könnte also ab Sonntag, dem Starttag, sehr windig werden. Die entscheidende Frage ist, wie weit südlich das Tief reinkommt. Derzeit sind Windgeschwindigkeiten von in Böen bis zu 28 – 30 Knoten vorhergesagt.

Wenn überhaupt am Sonntag gestartet wird, müssten die Segler dann eher Richtung West segeln, um hinter der Kaltfront links abzubiegen. Die Passage der Kaltfront wird am Dienstag erwartet. Entsprechend dürfte jetzt schon klar sein: Der Weg aus der Biskaya raus wird heftig – starker Wind und der auch noch gegenan. Dafür könnte es sein, dass auf Höhe Kap Finisterre der Wind deutlich schwächer wird und dieser gefürchtete Teil der ersten Etappe etwas an Schrecken verliert. Aber die Wettersituation kann sich innerhalb der nächsten vier Tage noch ändern. Und wenn die Regattaleitung sich beispielsweise dazu entschließt, den Start zu verschieben, werden die Karten im Mini-Transat-Spiel sowieso vor dem Austeilen nochmal neu gemischt!“

Offizielle Startzeit Mini Transat: 22. September, 14:15 Uhr 

Das Rennen kann über Tracker verfolgt werden

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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