Minitransat: Einhandsegler Arthur Leopold Léger erzählt von seinem Mann-über-Bord-Erlebnis

Knapp überlebt

Rettung, MiniTRansat, über Bord

Nach der Rettung, an Bord des Rettungskreuzers © vapillon/MiniTransat

Eine kleine Unachtsamkeit, eine Welle im falschen Moment und – klatsch,  liegt der Einhandsegler Arthur Leopold Leger im Wasser. Er wird vom Boot weitergezogen und das Drama beginnt. Eine unglaubliche Geschichte.

Es fing alles so locker an. Dem Franzosen Arthur Leopold-Leger gelingt auf seinem Mini 6.50-Prototypen in der Bucht vor Douarnenez ein exzellenter Start zur ersten Etappe der MiniTransat. Er erzählt der französischen Zeitschrift Voiles et Voiliers, wie er dem Gedrängel auf der Startlinie entgehen will, früh wegwendet vom Feld, einen schönen Winddreher erwischt, und das Feld teilweise sogar anführt.

Drei Stunden später passiert er die Landmarke „Pointe du Raz“  und segelt auf Rang drei Richtung offener Atlantik. Es steht noch eine alte Welle von etwa 2,5 Meter, der Wind lässt von gut 20 Knoten langsam etwas nach.

Leger zieht den Gennaker und lässt es mit einem 12kn-Durchschnitt den ganzen Nachmittag über „krachen“. Das Feld zieht sich rasch auseinander. Jeder ist auf sich alleine gestellt.

MiniTransat, über Bord

Arthur ist einer von diesen Fanatikern, die von der Vendée Globe träumen und dafür auf dem Mini 6.50 Lehrgeld zahlen © vapillon/MiniTransat

Am späten Nachmittag verspürt der Mini-Segler Seekrankheits­symptome, erinnert sich, dass er noch nichts gegessen hat, übergibt sich mit leerem Magen, fühlt sich aber gleich darauf wieder besser.

Am frühen Abend sind auf dem Proto das Groß mit zwei Reffs die gereffte Solent-Fock und der Gennaker gesetzt. Der Wind lässt nochmals nach, und Arthur überlegt, ob er ein Reff aus dem Groß nehmen oder doch lieber… er entscheidet sich, das Reff aus dem Solent zu schütteln.

„Plötzlich hebe ich ab!“

Was dann passiert, beschreibt Arthur Leopold-Leger in einem ausführlichen Interview den französischen Kollegen von Voiles et Voiliers sowie den Pressereferenten der MiniTransat:

„Ich pike mich also mit der Lifeline im Cockpit aus und hake mich auf der langen Line ein, die bis zum Bug führt, krabble auf allen Vieren nach vorne, löse das Reff am Solent, drehe mich halb um und mache mich auf den Rückweg.

Als ich mit dem Rücken im Wind zurück krieche, spüre ich, wie das Boot von einer größeren Welle heftig angehoben wird. Ich halte mich an der Reling fest und hebe mit meinem ganzen Körper ab. Plötzlich ist die Reling unter mir, die ich immer noch festhalte. Mein Körpergewicht, der plötzliche Fall… ich drehe mich, muss die Reling loslassen und klatsche kopfüber ins Wasser. Im gleichen Moment spüre ich Zug auf der Lifeline und fühle, wie sich die Schwimmweste aufbläst!“

„Die Fernbedienung, die Fernbedienung!“

Arthur Léger

Arthur Léger freut sich überlebt zu haben. © Leger

Sekundenbruchteile später wird Arthur von seinem Boot, auf dem Rücken liegend, weiter durch die Wellen gezerrt. Unter Autopilot setzt der Mini stur seinen Glitsch über den Atlantik fort. Eigentlich sind die Mini-Segler für solche Fälle gut gerüstet: Per Fernbedienung können sie die Selbststeuerung anweisen, das Schiff in den Wind zu drehen… und gut ist!

Legers Fernbedienung ist jedoch irgendwo unter der Schwimmweste in einer Trockenanzug-Tasche verstaut. Verzweifelt versucht er, an das Gerät zu kommen während er ständig unter Wasser gezogen wird. Die Wellen reißen seine Hand weg. Erschöpft bricht er das Gefummele immer wieder ab. Erst nach geschätzten fünf Minuten kann er den ersehnten Knopf drücken.

Das Boot dreht in den Wind, bleibt dort aber nicht. Es wendet heftig. Sekunden später befindet sich der Einhandsegler in Lee, halb unter das Boot gedrückt, die Segel stehen noch back, der Neigekiel ist jetzt zur falschen Seite nach Lee gekippt. Das Boot kränkt stark, Leger hängt mit den Beinen unter dem Rumpf, die Lifeline quetscht sich in seinen Bauch, der Gurt dreht ihn immer noch nach vorne, lässt jedoch keinen Spielraum, um ins Boot zu klettern. Die Schwimmweste hält den Kopf einigermaßen über Wasser.

Die Situation hat sich nicht gebessert. Leger ist unter dem Boot gefangen und beginnt zu verzweifeln. Er schöpft Hoffnung, als sich das Boot plötzlich leicht aufrichtet und etwas Fahrt aufnimmt. Dem Franzosen gelingt es, die vordere Lifeline zu lösen und die zweite  in der Reling einzuhaken. So arbeitet er sich peu a peu zum Heck des Bootes.

Arthur ist begisterter Filmemacher, hier sein letzter Film vor dem Start

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Michael Kunst

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12 Kommentare zu „Minitransat: Einhandsegler Arthur Leopold Léger erzählt von seinem Mann-über-Bord-Erlebnis“

  1. avatar Alex sagt:

    Somit ist auch meine Frage beantwortet: Weste oder Lifeline oder Weste und Lifeline

    Ich hab mich immer gefragt, ob die Weste nicht sogar gefährlich ist, wenn man mit der Leine am Rumpf hängt.
    Also bisher alles richtig gemacht.

    Vom Sofa aus ist es schon kühn, das Backstag zu lösen. Da wird aber deutlich, wie schnell Fehlentscheidungen bei Erschöpfung getroffen werden.
    Das Problem mit der Fernbedinung haben wir die Tage erst diskutiert. Da wäre es sich nicht schlecht, ein Modell das man wie eine Ronstan Startuhr über den Klamotten am Arm trägt.

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    • avatar Dominik sagt:

      Alex, es scheint als ob du über Offshore/Single-hand Erfahrung besitzt. Vielleicht kannst du mir die folgenden Fragen beantworten:

      Gibt es denn keine Automatik die ausgelöst wird durch die Zugkraft die auf die Lifeline wirkt?

      Gibt es überhaupt passive Systeme oder Automatiken?

      Arthur Leopold war sicherlich in einer äußerst prekären Situation, aber was macht man wenn man bewusstlos ohne Rettungsweste über Bord geht?

      Viele Grüße,

      Dominik

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      • avatar Alex sagt:

        @Domink, ich bin nur ne Binnensau. Aber auch da fahre ich mit Pinnenpilot und man kann leicht über Bord gehen. Bei uns scheiden nur solche Wellen in der Regel aus.
        Das Problem ist, ab ca. 4kn erzeugt man eine Bugwelle mit dem Kopf, das Ertrinken droht. Die Weste hält da den Kopf wohl über Wasser. Nur seitlich hochklettern mit Relingszügen halte ich mit Weste für nicht möglich.

        Das Auslösen war hir ja nicht das Problem, sondern das wieder an Bord kommen.
        Ich meine, Ellen Macarthur hatte ein System das auf Entfernung auslöste und das Boot in den Windstellte. Ob man bei 2,5m Welle im Ölzeug und mit Weste 50m zum Boot schwimmen kann?

        Wenn Du bewustlos ohne Weste so über Bord gehst, wirste wohl absaufen.

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        • avatar SR-Fan sagt:

          Nicht nur das. Das in den Wind gestellte Boot dürfte bei 20 kn Wind und Welle auch entsprechend das Driften anfangen. Die Fragen ist dann letztlich Weste und Klamotten aus und schneller schwimmen (und auskühlen) oder sehen, wie das Boot langsam am Horizont davontreibt.
          Wie so häufig, gibt es kein richtig oder falsch. Man hört letztlich immer nur von den “erfolgreich” gemeisterten Situationen und die sind meist sehr individuell.

          VG

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  2. avatar Marcus Mattis sagt:

    Es gab bei einem früheren Minitransat schon einen Toten, der an seiner Lifeline neben dem Schiff hing. Ich denke hier hilft es nur, die Strecktaue möglichst weit mittschiffs zu führen und die Lifelines so kurz wie praktikabel zu halten.

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  3. avatar Scary sagt:

    Das erschreckende ist, dass Leger ohne technischen Defekt oder groben Fehler im Handling beinah ums Leben gekommen ist und vielleicht sein Boot verloren dabei hat (?). Die Erschöpfung hatte anscheinend einen großen Anteil daran, dass er nicht wieder rechtzeitig ins Boot kam. Trotzdem muss man vielleicht mal darüber nachdenken, wie man den Einstieg erleichtert, wenn auch nicht über die Leeseite des wohl stark krängenden Bootes hinein kam (bevor es volllief)..

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  4. Das besondere am Segeln ist das IMPROVISIEREN , da sich selten eine Situation – mit der anderen gleicht !
    Schwierig -Einhand manchmal UNMÖGLICH ist wenn das Wetter nicht mitspielt bzw. ein RACE wo man an Grenzen des Schiffes geht, KÖRPERLICHE GRENZEN bewußt ÜBERSCHREITET und leider die Seemanschaft nicht die ERSTE PRIORITÄT ist,sondern der KAMPF MIT DEN ELEMENTEN – und der SIEGESWILLE stärker als die PERSÖNLICHE Erfahrung bis zu diesen Zeitpunkt ist .
    Unter solchen Gesichtspunkten finde ich es müßig, Über Art und Zustand von Schwimmwesten oder anderen Ausrüstungsteilen zu sprechen!
    GEWINNER SIND ALLE DIE GESUND UND HEIL ANKOMMEN UND NICHT IN EINE ÜBERHEBLICHKEIT VERFALLEN – DEM MEER MIT ALL SEINEN TÜCKEN IMMER UND JEDERZEIT TROTZEN ZU KÖNNEN !!

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 4 Daumen runter 10

    • avatar Alex sagt:

      Netter Link und nettes Winken auf Deiner Klassenseite.

      Nur verstehe ich unter Seemannschaft unter Anderem, einhand nur mit Weste, auch auf einem Binnensee mit überschaubarem Wetter.
      Das Bild passt da nicht wirklich zu Deiner geäußerten Einstellung. 😉

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      • avatar Sailing4Ever sagt:

        Ursprünglich stand Mannschaft für das Zusammenwirken von mindestens 2 Personen. Eine Ironie unserer Zeit ist es, das Wort darauf zu verwenden, wie gut man selber beisammen ist.

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    • Arthur ist wohl – wie die meisten der in ClasseMini vorn mitfahrenden – sehr erfahren und die Situation in der er sich vor dem Überbordgehen befand war auch nicht sonderlich gefährlich – bestimmt 100x gemacht. Immerhin hatte er sich angeleint und damit alles ihm möglich e getan, um nicht vom Boot getrennt zu werden.

      Aber solche Situationen kann und will man nicht trainieren. Und deshalb ist es interessant, solche Berichte zu lesen, denn dann kann man Handlungsabläufe zumindest theoretisch durchspielen.
      Bei ihm führte die Wende, die er selbst ausgelöst hatte (lange Drücken = Wende) mit dem Abfallen auf +/- 120 Grad zur Katastrophe und ein weiteres Problem ist das AnBordKommen, da Minis hinten 3 Relingzüge haben, die Ruderstangen stören und i.d.R. nur eine kleine Aufstiegshilfe da ist. Das Ganze bei einem – in 2..3m Welle – wild stampfenden Boot …
      Aber ich werde im Sommer mal ein paar Tests machen…

      Zum Glück hatte er eine Menge Glück im Unglück sowie die richtige Ausrüstung (Trockenanzug, Weste, Gurt) dabei.

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  5. Hi, Alex , dass würde bedeuten das ich auf Unseren Binnensee immer auch bei 36 Grad Lufttemperatur und unter 1 Bf Wind (Im Konvoi segelnd) immer eine Schwimmweste anhaben sollte. ICH GLAUB DU NIMMST DICH SELBST NICHT ERNST !
    DIES SOLLTE ABER AUF DIESER SEITE NICHT ZUR DEBATTE STEHEN !

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 0 Daumen runter 10

    • avatar Alex sagt:

      Ein guter Richtwert ist: segelt das Boot schneller als Du schwimmen kannst, segle einhand mit Weste!
      Und sorry, das nehme ich recht ernst.

      Nur ein Beispiel, vor ein paar Jahren ist nach der Eisernen auf der Rückfahrt in den Hafen, bei nahezu Flaute und unter Motor und ohne Weste, ein Segler über Bord gegangen. Man hat ihn schon noch lebend gefunden, aber doch zu spät.
      Mit einer Aufgeblasene Weste hätten ihn die vielen Rückkehrer sicher wesentlich früher gesehen. Orange oder gelb leuchtet einfach besser als nur ein Kopf.

      Übrigens, scheinbar geschehen über 80% der tödlichen Unfälle im Bereich von 0-2m zu einem Steg oder ähnlicher Anlage. Ich trage da tatsächlich keine Weste, nur meine Tochter!

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