Minitransat: Ian Lipinski fährt einen Stecker, kentert und überlebt nur knapp

Oberkante Unterlippe

MiniTransat, Kenterung

Lipinski auf seiner “pas d’avenir sans numerique”, hier während Fastnet © thierry martinez/fastnet

Erst legte der Spi die Pogo 2 flach, dann fuhr Ian Lipinski einen radikalen Stecker. Als er schließlich durchkenterte und im Inneren des vollgelaufenen Bootes nur noch wenig Luft zum Atmen hatte, setzte er einen ersten Notruf ab…

Noch eine Geschichte von einem havarierten „Ministen“, der nur knapp überlebte. Nach dem haarsträubenden Report des über Bord gefallenen Arthur Leopold Leger, hier nun die Zusammenfassung der nicht minder aufregenden Geschichte von Ian Lipinski, die er ebenfalls den Kollegen von „voiles et voiliers“ und den Pressereferenten der MiniTransat telefonisch berichtete.

Nach einem Monat Wartezeit und der Orga-Entscheidung, erstmals in der Geschichte der Mini-Transat die Strecke nach Pointe-a-Pitre auf Guadeloupe in einem Stück zu segeln, startet Lipinski mit gemischten Gefühlen. „Ich bin ja noch nie so weit alleine gesegelt,“ gibt er in einem Orga-Interview an. „Wer weiß schon, was da alles passieren kann!“  Dass ihm dann „alles“ schon in der ersten Nacht auf See passiert, hätte er sich aber wohl auch in den schwärzesten Alpträumen nicht ausmalen können.

Mit dem Code-5-Spi fing alles an

Ian startet hervorragend, führt das Feld der Serien-Minis stundenlang an, fährt auf Augenhöhe mit den besten Prototypen. Am Nachmittag nimmt der Wind in Böen auf 28 Knoten zu, die Serien-Minis brettern mit 16 Knoten unter Code-5-Spi über die Wasser. Lipinski beschließt, den Spi zu bergen. „Die Strecke ist ja noch lang, die Regatta wird nicht auf den ersten Kilometern gewonnen!“ Aber verloren…

Minitransat, Kenterung

Der Pariser mit dem polnischen Nachnamen: Ian Lipinski wird später von einem polnischen Frachter gerettet! © vapillon

Gerade als er das Ruder verlässt, um das Manöver einzuleiten, luvt die Kiste unter ihm an und „legt sich aufs Ohr“. Das Groß knallt auf das Wasser, der Code 5 killt wie verrückt, ist in Luv belegt. Es besteht die Gefahr, dass  der ausschwenkbare Rüssel brich. „Also musste ich in Luv die Spischot fieren, was die Bugspriet entlastete; zudem fierte ich das Fall, damit sich das Boot wieder aufrichtet!“

Doch das ist ein schwerwiegender Irrtum: Der Spi fliegt noch weiter weg vom Boot und zieht jetzt wie ein Drachen. „Also versuchte ich über die Winsch – das Boot immer noch auf 50° gekrängt – den Spi wieder näher ans Boot zu bringen!“ Lipinski weiß, dass er bald zu einer Lösung kommen muss, die Wellen krachen ins Rigg, er riskiert seinen Mast. „Aber den Code 5 wollte ich auch nicht am ersten Tag verlieren!“ erinnert er sich.

Also versucht er weiter sein Glück, winscht den Spi weiter ans Boot heran und kann ihn tatsächlich nach unzähligen, vergeblichen Versuchen greifen. Er will das Teil ins Boot ziehen, fiert dafür erneut das Fall und… der Spi landet im Wasser. „Das Boot hatte sich zwischenzeitlich wieder aufgerichtet, aber es war unmöglich den Spi in die Plicht zu ziehen, weil das Boot immer wieder Fahrt aufnahm!“ Also birgt Lipinski das Groß und den Solent, um jegliche Fahrt aus dem Boot zu nehmen – und rettet letztendlich seinen Spi!

Das war knapp, aber glücklich verlaufen. 45 Minuten verliert der Mini-Segler, aber er sieht sich auf einer Höhe mit der Favoritin Justine Mettraux, und ist schnell wieder mit sich versöhnt.

Minitransat, kenterung

Der Luftfahrtingenieur Lipinski hatte sich zwei Jahre lang auf die Minitransat vorbereitet © vapillon

„Hier wird nicht gestorben!“

Doch es sollte noch dicker kommen. Als die Nacht hereinbricht, nehmen alle den Fuß vom Gas. Es weht weiter kernig und Lipinski sitzt an der Pinne, als er plötzlich auf einer Welle schneller als sonst ins Gleiten kommt. Kurz darauf fährt er einen klassischen Stecker, das Heck und Lipinski werden wie im Fahrstuhl angehoben, das Boot dreht sich auf die Seite, und der Skipper stürzt von oben in die Lee-Reling und kann sich dort halten. Angeleint ist er offenbar nicht.

Dieser verunglückte Ritt hat auch noch gut 100 Liter Wasser in die Kajüte geschaufelt – der Niedergang war noch geöffnet! Ein unglaubliches Chaos herrscht da unten: Alles was im hinteren Bereich verstaut war, wurde durch den Stecker nach vorne katapultiert. Dabei sind einige Kisten mit Nahrung förmlich explodiert…

Minitransat, Kenterung

Mit solchen Bedingungen hatten die Minis kurz nach dem Start zur “großen” Etappe nach Pointe a Pitre zu kämpfen © vapillon

Für den Rest der Nacht segelt Lipinski mit geschlossenem Niedergang. Er schläft im 10 Minuten-Takt, versucht in der Kajüte das Nötigste aufzuräumen, lenzt mit dem Eimer. Nach dem sechsten Kurzschlaf im Inneren des Bootes öffnet Lipinski gegen vier Uhr morgens die Luke, um nach draußen zu gelangen, als er spürt, wie das Boot erneut auf einer besonders großen Welle zu surfen beginnt. Doch diesmal wird der Ritt nicht sanft abgestoppt, als die Welle unten durch ist – das Boot wird noch schneller, legt sich zur Seite und kentert in 2 Sekunden durch!

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Michael Kunst

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9 Kommentare zu „Minitransat: Ian Lipinski fährt einen Stecker, kentert und überlebt nur knapp“

  1. avatar RVK sagt:

    Was passiert eigentlich mit den ganzen aufgegebenen Minis? Sinken die einfach weg? Werden die gerettet? Treiben die als UFOs weiter rum?

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    • Manche, wie die Boote von Arthur und Jeffrey werden aufgesammelt und mache treiben noch lange herum bis sie irgendwo angeschwemmt werden. Untergehen tun sie eigentlich nicht, da sie ja dank Schaum quasi unsinkbar sind.

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  2. avatar LaserRecke sagt:

    Nach richtig guter Seemannsvhaft Klingen die arg glorifizierten Geschichten nicht….

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 21

    • avatar Sven sagt:

      Joh, die gute alte Seemannschaft muss mal wieder herhalten. War auch unverantwortlich nach 2 Jahren Vorbereitung und den erworbenen Kenntnissen über das Boot in dem Starkwind nicht beizuliegen oder vor dem Wind ohne Segel abzulaufen.
      Glorifizierend finde ich das nicht. Der Mann beschreibt seinen Überlebenswillen und die Widrigkeiten der Rettung mit einem Schuss Ironie. Genauso ist ihm wohl auch zum Heulen zu Mute.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 22 Daumen runter 2

      • avatar Ketzer sagt:

        Das hat hier wirklich nichts mit guter Seemannschaft zu tun, aber damit hat die Veranstaltung auch nichts zu tun. Oder wollen mir die ganzen Minus-Wähler da oben jetzt etwa erklären, dass es sinnvoll ist, bei 5 m Welle und 25 kn Wind mit einem 6,5 m Winzling und Gennaker über den Atlantik zu glitschen?
        Seemannschaft ist was für Hobbysegler, die alleine und auf sich gestellt solche Strecken meistern müssen und da macht sie auch Sinn.

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  3. avatar Friedrich sagt:

    Der Junge hat erkennbar sehr viel riskiert – und verloren. Vielleicht hat er das auch nicht so gut gemacht, Segelwahl, Kurs, Einstellung Autopilot whatever. Dafür spricht, dass er schon in den ersten 24h dreimal auf die F…. geflogen ist. Und irgendwie war wahrscheinlich auch Pech dabei. So ist das beim Regattasegeln. Bei Single Handed kann einen das das Leben kosten, das wusste er vorher. Zum Glück hat dann die Rettung relativ gut geklappt. Pech ist für das alles das falsche Wort. Aber er kann einem trotzdem sehr leid tun!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 0

  4. avatar Chris sagt:

    das auf dem einen Bild ist nicht Simon Kostet der hat die 819 und nicht die 824 als segelnummer. nur so zur Info. Sonst toller Bericht!

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    • Stimmt – das ist Justine aber trotzdem ein tolles Bild.

      Und an all die Leute mit der tollen Seemannschaft – ja, das ist hier eine Regatta und deshalb bewegen sich die Akteure immer auf einem schmalen Grat zwischen “noch” bester Seemannschaft und “etwas” zu viel Risiko. Im Falle von Ian Lipinksi – der war bei fast allen Regatten im laufenden Jahr sehr weit vorn und beherrscht sein Schiff eigentlich recht gut. Allerdings ist dermaßen tiefes VMG-Fahren bei Sturm und querlaufender Welle auch selten zu trainieren und vielleicht ist der P2 auch unter diesen Bedingungen etwas schwerer zu beherrschen als die Naciras (des Führungstrios). Aber wenn er es nicht probiert hätte, dann würde er wie Jonas (der normalerweise ebenfalls sehr gut segelt) vlt. mit einem Rückstand von 200sm Lanzarote runden … und damit in seinen Augen auch nicht zufrieden sein …

      Und … der Bericht von Ian als auch der von Arthur, Bert, Diane Reid … sowie der unter Notrigg eigenständig weitersegelnden haben gezeigt, dass … ja auch immer etwas Glück im Spiel war und die Handlungsoptionen dramatisch geringer wurden … aber auch, dass das Sicherheitsniveau in der Klasse recht hoch.

      VG, Frank

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  5. avatar Andreas sagt:

    Ich habe mit meiner P2 von null bis über 50 Kn Wind und riesige Wellen alles erlebt. Auf dem Atlantik und im Mittelmeer. Beim MT 2009 war die Biskaya aber die härteste Strecke, obwohl wir keinen schlechten Bedingungen hatten. Was auffiel waren die extrem hohen und steilen Wellen. Nach Madeira hab ich keine mehr von dieser Größe gesehen, In der Biskaya kommt es immer wieder zu Unglücken mit solchen Booten. Bei extremen Wellen sind die Autopiloten an ihrer Grenze. Ich bin auch ein paar mal quer geschlagen, aber war immer weit davon entfernt die Kontrolle über das Boot zu verlieren. Vielleicht auch, weil ich als Familienvater etwas mehr auf Sicherheit gegangen bin. Fiese Wellen und hoher Speed, im Zusammenwirken mit Müdigkeit und einem billigen Autopiloten können dann einen Überschlag bewirken. Die Seemanschaft ist auf MINIs immer vorhanden. Sie sind Weltmeister in dieser Disziplin. Es gibt keine besseren Boote, bezogen auf die Größe. Eigentlich sind es Rettungsboot unter Segeln. Der Fehler war von Anfang an, die Regatta wg. der Strecke in die Hurricane-Gebiete so spät von einem nördlicheren Hafen aus zu starten…

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