Nach Wassereinbruch Segel über Bord. Albatross half bei der Suche

Drama auf der „Neutrogena“

Extrembedingungen an Bord der "Neutrogena". © FNOB

Drama an Bord der Hochseesegelyacht „Neutrogena“ im Südpolarmeer: Boris Herrmann und Ryan Breymaier hatten beim Barcelona World Race einen Wassereinbruch durch eine geplatzte Leitung zum Ballasttank, als ihr Boot in einer steilen Welle aus dem Ruder lief und ein Segel über Bord ging.

Eine Stunde verloren der Hamburger und sein Co-Skipper aus den USA, bis sie den schwimmenden Segelsack mit viel Glück wiederfanden und die Regatta mit komplett durchnässter Koje und kleinen Blessuren fortsetzen konnten.

Zum Zeitpunkt des Unglücks überholten sie gerade die Sechstplatzierte „Mirabaud“ von Dominique Wavre/Michèle Paret (Schweiz/Frankreich), die danach allerdings wieder auf jetzt 35 Meilen davonzog.

Am Sonnabendvormittag lag die „Neutrogena“ zwischen dem Kap der Guten Hoffnung und Neuseeland fast 1.500 Seemeilen hinter der führenden „Virbac-Paprec 3“ von Jean-Pierre Dick und Loïck Peyron aus Frankreich auf Platz sieben. Noch hatte sie zwei Drittel der rund 25.000 Seemeilen langen Strecke von Barcelona nach Barcelona zu absolvieren.

Ryan bekommt ordentlich was auf die Mütze. Unter Deck repariert er bis zur Erschöpfung. © FNOB

Der kritische Vorfall ereignete sich Freitagnachmittag. Mittags hatte die tagelang verfolgte „Mirabaud“ endlich schräg achteraus gelegen, bevor diese ihren Kurs änderte und außer Sicht geriet. Nachdem auch die „Neutrogena“ von Südost- auf Nordostkurs gehalst hatte, nahm der Westwind in Böen auf Stärke sieben bis acht zu. Der Bug tauchte immer wieder in die vier Meter steilen Wellen ein.

In klammen Klamotten nach einer Nacht ohne nennenswerten Schlaf erklärte Boris Herrmann am Sonnabendvormittag immer noch ziemlich erschöpft: „Wir wollten den hinteren linken Wasserballasttank auffüllen, um das Boot besser zu trimmen. Doch plötzlich waren mehrere hundert Liter ins Schiffsinnere gelaufen. Unsere verschweißten Vorratsbeutel waren schon nass.“

Offenbar platzte durch den enormen Staudruck bei hoher Bootsgeschwindigkeit ein Zulaufrohr aus Kohlefasern. Während Herrmann die elektrische Bilgepumpe in Betrieb setzte und unter Deck wichtige Utensilien wie den gemeinsamen Schlafsack ins Trockene sichern wollte, staute Breymaier an Deck die schweren Segelsäcke weiter nach achtern.

Frust über das Missgeschick. Nach Tagen der Aufholjagd war "Neutrogena" an "Mirabaud" vorbei. Dann passierte das Drama. © FNOB

Als die „Neutrogena“ mit 27 Knoten Speed (etwa 50 km/h) abrupt in einen Wellenberg raste, lief die 18,29 Meter lange Yacht aus dem Ruder und legte sich mit 90 Grad flach auf die Seite. Dabei fiel der Sack mit dem großen Code-Zero-Vorsegel nach unten, knickte eine Seerelingsstütze ab und ging über Bord.

„Intuitiv haben wir ein Mann-über-Bord-Manöver eingeleitet“, so Herrmann weiter, „obwohl eigentlich keine realistische Hoffnung bestand, das Segel wiederzufinden.“ Wenn es nicht bald untergeht, liegt es flach auf der Wasseroberfläche und ist bei rauer See kaum zu erkennen. Die Crew barg sofort den Spinnaker, was bei harten Bedingungen einige Minuten dauert.

Währenddessen legte die Yacht 1,8 Seemeilen zurück, entfernte sich also mehr als drei Kilometer von der Stelle. „Über unsere Navigationssoftware Adrena wussten wir genau, wo das Drama passiert war, und sind genau dorthin zurückgesegelt“, erklärt der geborene Oldenburger. Er hat dieses Manöver bei einem Schwerwettertraining auf der Nordsee gelernt und spulte es jetzt überlegt ab.

Erst nur mit Großsegel, dann zusätzlich mit kleiner Fock kreuzte das „Neutrogena“-Duo zum gespeicherten Punkt auf und lief dann genau mit dem Wind so langsam wie möglich ab, um das inzwischen abgedriftete Segel zu suchen.

ONSAILCTM
Nach einer halbe Seemeile tauchte eine Kleingruppe Albatrosse auf, einer davon schien auf dem Wasser zu stehen. „Zum ersten Mal haben wir so einen Vogel nicht fliegend gesehen. Der hatte es sich auf unserem Segelsack als Sofa bequem gemacht.“ Mit vier Wenden manövrierte sich die Mannschaft heran. Im zweiten Versuch gelang es Ryan Breymaier, das Spinnakerfall mit dem Sack zu verbinden, der über eine Winsch zurück an Bord gehievt wurde. Herrmann: „Das war letztlich pures Glück.“

Weniger Glück hatte das Team allerdings unter Deck, wo bei der halben Kenterung doch das gesamte Bettzeug nass geworden war. Der Deutsche trug eine Zerrung im Nacken davon, und beide Segler waren nach einer Stunde völlig ausgepowert.

Doch der Wind nahm weiter zu. Es mussten das Großsegel zweimal gerefft und ein kleineres Vorsegel gesetzt werden. Bis zum nächsten Vormittag gab es noch 15 weitere Segelwechsel, einen weiteren „Sonnenschuss“ (das Boot lief aus dem Ruder) und eine so genannte Patenthalse, eine ungewollte Halse, nach der die „Neutrogena“ erneut flach aufs Wasser gedrückt wurde.

„Wir sind richtig platt“, berichtete Herrmann, „aber es ist alles so feucht unter Deck und immer noch so viel zu tun, dass wir kaum schlafen können.“ Breymaier sägte das geplatzte Karbonrohr ab und verklebte ein neues Teilstück. Dabei musste der Wasserballast komplett entleert werden, was das Steuern für den Kompagnon besonders heikel machte.

Erst als das Crozet-Eistor (eine Bahnmarke) passiert wurde und die Sonne aus dem grauen Himmel heraus lachte, blickten auch die arg gebeutelten Hochseeartisten wieder zuversichtlicher in die Zukunft: „Wir werden die ‚Mirabaud‘ weiter jagen, bis wir sie endlich zu fassen haben.“

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4 Kommentare zu „Nach Wassereinbruch Segel über Bord. Albatross half bei der Suche“

  1. avatar T.K. sagt:

    Reschpekt

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  2. avatar Peter sagt:

    achduscheiße

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  3. Pingback: Drama auf der Neutrogena – Barcelona World Race » www.finn-dinghy.de

  4. avatar Steave sagt:

    Hauerha! Dranbleiben. Jetzt erst recht!

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