Normandy Channel Race: Die Riechers Story – Hamburger kämpft um das Podium

Anschluss verloren

Jörg Riechers versucht beim Normandie-Channel-Race eine neue Class40 aus Südafrika in Fahrt zu bringen. Der Zug nach vorne ist aber längst abgefahren.

Jörg Riechers

Riechers und Chateau © Rick Tomlinson

Eigentlich wollte Jörg Riechers viel weiter sein. Auf dem Wasser und mit seinem Projekt. Das Ziel, sein Lebensziel, ist die Vendée Globe. Als erster Deutscher einmal rum um die Welt, bei der wichtigsten Regatta für Solisten, die vielleicht größte Herausforderung bestehen, die der Segelsport zu bieten hat.

Er war auf einem guten Weg. Die solide Jollen-Ausbildung in der Laserklasse, etwas Big-Boat-Erfahrung in der Mumm 36 Klasse, dazu eine ausreichende Portion Verrücktheit verbunden mit einer gewissen Frankreich-Affinität, und plötzlich fand er sich auf dem Weg zum Einhand-Segel-Abenteurer.

Nach ersten Erfolgen in der Mini 6.50-Klasse fraß der Mare-Verleger Nikolaus Gelpke einen Narren an ihm. Er ließ sich vom BadBoy-Image des Hamburgers nicht abschrecken und unterstützte dessen Einhand-Karriere sieben Jahre lang.

Ein echter Glücksfall. Die Geschichte begann mit dem Bau eines 6.50 Mini (5. beim Mini-Transat 2011) und setzte sich danach ebenfalls mit eigenem Neubau erfolgreich in der Class40 fort. In einer Zeit als der zweite deutsche Hochsee-Segler Boris Herrmann echte Probleme hatte, seine Karriere in Schwung zu halten, startete sein Kontrahent mächtig durch.

Normandy Channel Race 2019 at Tuskar Rock

Eärendil vor dem südöstlich von Irland. © David Branigan/Oceansport/NCR

© Rick Tomlinson

Der Einstieg in die IMOCA-Klasse war der Traum, und Gelpke träumte mit. Riechers sollte den erster-Deutscher-Vendée-Teilnehmer-Wettlauf gegen Kontrahent Herrmann gewinnen. Ein 60-Fußer wurde gekauft, umgebaut und hätte unter deutscher Flagge beim Barcelona World Race starten sollen. Voraussetzung für Gelpke war das Engagement eines Co-Sponsors. Als der sich nicht einstellte und verabredete Zahlungen vom Barcelona World Race Organisator FNOB nicht in Hamburg ankamen, zog der Mare-Chef die Reißleine.

Riechers stand vor einem Scherbenhaufen. Zwar ging er 2015 überraschend, trotzdem mit einem anderen Boot an den Start, aber die angestrebte Podiumposition geriet schnell außer Reichweite. Im Ziel betrug der Rückstand zur Spitze nach Problemen mit dem Ruder 21 Tage. Keine gute Basis für ein Durchstarten in der IMOCA-Klasse. Der Hamburger musste wieder kleinere Brötchen backen.

Neustart mit OTG

Mit dem Offshore Team Germany (OTG) bekam er die Chance für einen Neustart. Zusammen mit Olympia-Segler und Star-Weltmeister Robert Stanjek wollte Riechers wieder zurück in die Vendée-Spur. OTG gab ihm die Möglichkeit für einen Neuanfang in der Mini-Klasse, und er dankte 2017 bei der Transat mit Rang zwei.

Der Aufstieg in die Einhand-Formel1 der IMOCA-Klasse schien wieder möglich. OTG kaufte einen Open60 und ließ ihn modifizieren. Nicht in die richtige Richtung, findet Riechers schließlich. Es kommt zum Streit. OTG will nicht mehr alleine die Karriere des 50-Jährigen befördern, sondern hat mit dem Klassen-Wechsel der “The Ocean Race Race”- Otganisatoren zur IMOCA die Option, sich bei dem Rennen mit Crew breiter aufzustellen.

Es kommt zum Bruch. “Grund für die Trennung ist die unterschiedliche Sichtweise über das weitere Vorgehen der geplanten Open60-Kampagne”, heißt es in einer OTG-Mitteilung. Riechers prangert danach öffentlich “bizarre Entscheidungen” an, die zum Eklat geführt hätten und macht in den sozialen Netzwerken unschön seinem Unmut über die ehemaligen Weggefährten Luft.

Jörg Riechers segelt mit südafrikanischen Farben. © Rick Tomlinson

Nun hat er ein neues Kapitel aufgeschlagen. Zwar nicht in der angestrebten IMOCA-Klasse, und auch die Vendée ist wieder in weite Ferne gerückt, aber er ist in der kleineren Class40 als Werksfahrer für die südafrikanische Werft Cape Yacht Racing wieder auf dem Wasser unterwegs.

Das neue Design soll die populäre semiprofessionelle Offshore-Klasse aufmischen. Und beim Normandy Channel Race tritt Riechers mit seinem französischen Partner Cedric Chateau gegen zwei der aktuell besten Boote der Klasse an.

Class 40

Maß der Dinge. Die französische Mach40.3 “AINA Enfance et avenir” segelte bei der Route du Rhum auf Platz zwei. © Rick Tomlinson

Nun ist die Hälfte des Rennens vorbei, und für Riechers lässt sich eine gemischte Bilanz ziehen. Auf dem ersten Abschnitt von Caen über den Kanal zur Isle of Wight segelte er in der 13-Boote-Flotte überwiegend auf Rang sechs. Bei der langsamen Solent Passage hielt sich “Cape Yacht Racing” auf Augenhöhe mit den beiden Mach 40.3 Konstruktionen: Aus  Frankreich Aymeric Chapallier – 2. bei der Route du Rhum im 53 Boote starken Class 40 Feld – mit Pierre Brasseur und das italienische Duo Luciani/Santurde del Arco.

Aber nach eineinhalb Tagen zogen die beiden Favoriten auf Höhe von Guernsey unaufhaltsam mit einem Speed-Überschuss von bis zu zwei Knoten davon, erwischten merh Wind und eine bessere Strömung und lagen bei Lands End schon gut 40 Meilen vor dem kompakten Feld.

Riechers (grün) hat querab von Torquay noch Anschluss zu Rang drei…

…dann verkalkuliert er sich im Gegenstrom. Die Flotte zieht unter Land vorbei…

… “Cape Yacht Racing” wird bis auf den letzten Platz zrückgereicht…

…aber die Flaute in der irischen See führt das Feld wieder zusammen…

…Die ersten beiden Yachten (grau) haben Tuskar Rock im Norden längst gerundet und duellieren sich nnur 0,2 Meilen voneinander entfernt um den Sieg.

Riechers schien noch, den Anschluss an Rang drei halten zu können, aber dann zog auch der Franzose Pascal Fravalo mit seiner Pogo 40S3 von 2014 deutlich davon. Der Deutsche dagegen verpasste weit auf der linken Kursseite den Absprung, trieb im Gegenstrom sogar zurück und musste hilflos mit ansehen, wie der Rest des Feldes unter Land durchrutschte.

Fastnet Rock als Bahnmarke gestrichen

Ein verrücktes Rennen. Auch die Bruhns-Brüder segelten mit ihrer PogoS3 “Iskareen” vorbei und rangierten zeitweise auf Platz vier. Die Wettfahrtleitung verkürzte die Bahn wegen der anhaltenden Flaute. Die geplanten 1000 Meilen waren zu viel. Der Fastnet-Rock muss nun nicht mehr wie geplant gerundet werden.

Dabei hätten sich die ersten beiden Yachten durchaus den Spaß leisten können, den Abstecher zum berühmten Felsen zu machen. Sie liegen zwar nur 0,2 Meilen auseinander, aber 122 Meilen vor dem Rest des Feldes.

Das trieb in der Flaute und Strömung so lange rum, bis alle Boote wieder auf einer Linie lagen. Der Neustart kam insbesondere dem deutschen Skipper zugute. Das Rennen war wieder offen. Riechers hat nun wieder die Chance, das Podium zu erreichen. Ein echter Vergleich mit den schnellsten der Klasse ist aber nicht mehr möglich.

Tracker Normandy Channel Race

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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21 Kommentare zu „Normandy Channel Race: Die Riechers Story – Hamburger kämpft um das Podium“

  1. avatar Fastnetwinner sagt:

    Sehr schön zusammengetragen! Auf dem Wasser sieht man gut, wie bei Land’s End der Strom gurgelt, und dass die Kasse wie im Supermarkt eben doch immer am Ende steht. Jetzt ist JR ja doch irgendwie wieder im Skat.

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  2. Hmh … Carsten … Hast Du das wirklich so gesehen ? Jörg segelte auf der Werkstattfahrt bis zur Isle Of Wight in absoluter Schlagdistanz ( selten mehr als 1sm Rückstand ) auf das Podium und bei der Passage der Insel sogar stellenweise auf Position 1. Danach … hatten die vorne einfach ein klitzekleines Quentchen mehr Glück und waren weg…

    Danach Schweinebedingungen über mehr als 48h, bei denen keine normale Regatta gestartet worden wäre. Doch sobald Wind ist, ist JR auch wieder dabei – momentan zwar auch wieder auf Platz 7 mit 5sm Rückstand aber mit VMG 2kn mehr als die Konkurrenz. Irgendetwas zwischen 3 und 5 ist sicher drin, was auf einer Werkstattfahrt ein mehr als ordentliches Ergenis wäre.

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  3. avatar breizh sagt:

    Soll das jetzt ein Artikel über das Normandy Channel Race sein oder aktives Jörg Riechers bashing sein? Oder geht es nur darum weitere Klickzahlen zu generieren?

    Schade eigentlich das NCR bietet doch bestimmt mehr SR spezifische Details, die man in einem solchen Artikel erwähnen könnte, als den obigen Bericht. Hat so leider einen schalen Beigeschmack, der nach Abrechnung und Nachtreten schmeckt.

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  4. avatar Roar sagt:

    “Hmh … Carsten … Hast Du das wirklich so gesehen ?”

    Carsten hat das nicht nur gesehen, sondern auch per Screenshot belegt, dass JR im Kanal gegen den vollen Strom “rückwärts segelte” und sich hinten einreihte, während die clevere Konkurrenz unter Land vorbeizog.

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    • avatar Fastnetwinner sagt:

      Bitte nicht schon wieder…. Fakt ist nunmal, dass die Kaps an der Englischen Südküste immer wieder starke Abwägungen verlangen. Da gurgelt es, und wenn dann noch der Wind weg ist, dann ist der Schlag auf See eigentlich Standard. So gesehen total richtig gedacht. Das es ex post nicht funktioniert hat ist dann eben auch mal Pech. Nun hat sich “die clevere Konkurrenz” an anderer Stelle verhaspelt, und schon ist JR wieder Leader of the Pack. Warte wir mal das Ziel ab, vorher Resümee zu ziehen ist wohl kaum zielführend.

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      • avatar Roar sagt:

        Das sehe ich ganz anders. Jeder Regattasegler weiss, dass man sich zwischen den Verfolgern und der nächsten Marke positionieren muss. Hätte RR sich daran gehalten, wäre er nicht bis hinten durchgereicht worden.

        Die Ergebnisse beim Regattasegeln werden eben in der Regel nicht von Glück oder Pech bestimmt, sondern sind u.a das Ergebnis einer klugen, vorausschauender Taktik.

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        • avatar Fastnetwinner sagt:

          Für diese Kaps gibt es doch klare Erfahrungswerte. Ich war jetzt 5 mal da und weiss deshalb, das draussen der Gegenstrom geringer ist. Dann ist es zumindest nachvollziehbar, dass man bei Flaute raus auf See geht. Alternativ kann man da bei Flaute auch prima ankern auf 60 Meter Tiefe mit 200 Meter Leine. Die Taktik, die Du verschlägst mag ja für eine definierte Zielkreuz im Verteidigungsmodus stimmen, ja aber nicht outbound bei einem Offshore-Race!

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          • avatar Roar sagt:

            Sorry, aber vor den Verfolgern bleibt man nicht nur auf der Zielkreuz sondern sogar bei jedem around the world race. Alles andere wäre dumm !!!

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  5. Ich würde ja zu gern wissen, wer sich hinter Roar verbirgt.

    Muss echt ein Segelheld sein, der sich selbst bei Lang- und Mittelstreckenregatten sowie bei Neustartsituationen in der Flaute hängend vor den Verfolgern platzieren kann. Fragt sich nur welche Verfolger er sich gerade aussucht …

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    • avatar Müller sagt:

      Vielleicht ja der persönliche Troll von Jörg Riechers… Ich empfinde es als sehr sehr unsportlich wie er sich in seinen Kommentaren auslässt.

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  6. avatar Oliver sagt:

    JR hat mit seinem Podium Finish beim NCR gerade selbst die beste Antwort auf diesen unsinnigen Artikel gegeben.

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    • avatar Andreas Borrink sagt:

      …und das alles nur Dank der tollen Taktik-Tipps von Roar!

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      • avatar Roar sagt:

        Sorry, ich muss dich leider enttäuschen. Die Tipps sind nicht von mir, sondern stehen in jedem Lehrbuch:

        “Immer zwischen Ziel (Luvtonne) und Gegner bleiben” matzeney.beepworld.de/dieregelnbeimsegeln.htm

        “Dabei ist von extrem vom Feld wegführenden Schlägen abzuraten, solange dies die Taktik nicht verlangt”
        .esys.org/regatta/regattataktik.html

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  7. avatar Drachenfan sagt:

    Auch für den Segelreporter gelten die Grundregeln des Regattasegelns:
    1. Das nächste Rennen ist immer das schwerste
    2. Der Wind kommt immer aus Luv
    3. Man soll die jetzt nicht vor dem Luvfass loben
    4. Don’t hit the corners
    5. Einen Rennen geht immer bis ins Ziel

    In diesem Sinne, besser bis zum Ziel warten, bevor man jemanden “abschreibt”.

    Die Leistung von Jörg Riechers spricht für sich selbst. Der Kommentar war voreilig, und die Schlussfolgerung negativ wertend – find ich nicht gut. Insbesondere da die deutschen Hochseeregattasegler mit internationalem guten Ergebnissen sehr wenige sind. Ein bisschen mehr Unterstützung könnte nicht schaden, wenn sich unser Sport in Deutschland weiter entwickeln soll.

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  8. avatar prospero sagt:

    Hoffentlich kommt jetzt noch der große Beitrag über den 3. Podiumsplatz.
    Der wäre ganz wichtig für die Präsenz des Hochseesports in deutschsprachigen Medien.
    (Sonst könnte man noch meinen, der Segelreporter wäre irgendwie voreingenommen…)
    Viele Grüße

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  9. avatar Kerstin sagt:

    Ich warte auch noch auf den Beitrag zum hervorragenden dritten Platz…

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  10. avatar prospero sagt:

    Ja, aber es ist eben auch “nur” in der YACHT.
    Ich lese lieber den Segelreporter.

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  11. avatar Holger sagt:

    Das war schon peinlich vom Autor und den Jörg hatern. Gut das er nicht nach Lehrbuch segelt. Lieber Autor, die Bruhns Brüder zu hypen ist sicher nett (freut mich auch) aber den besseren Segler zu bashen ist unprofessionel. Jörg hat die perfekte Antwort gegeben. Wie wärs mit einer Entschuldigung?

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  12. avatar Christian sagt:

    Oh Mann… kaum ist was in Gange, hauen sich wieder alle gegenseitig die Köppe ein. Echt Schade drum, es ist und bleibt ein echter Kindergarten!

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