Ocean Race: 11th Hour Racing gibt Einblicke in die Konstruktion eines “etwas anderen” IMOCA

Mehr Performance am Wind

Mit einem neu konzipierten IMOCA wollen die Amerikaner das Ocean Race gewinnen. Mehr Höhe auf der Kreuz, mehr Platz unter Deck und zwei Ruderstände – weil nur Autopiloten im Heading-Modus erlaubt sind.

Der IMOCA-Klasse geht es derzeit blendend. Eine Rekordflotte bei der Vendée Globe (Start 8.11.20) trotz eher suboptimaler, Corona-bedingter Vorbereitungsmöglichkeiten, jede Menge Neubauten, die im Prinzip rund um die neueste Foil-Technologien erstellt und ältere Boote, die innovativ mit Foils nachgerüstet wurden; ein prestigeträchtiges Programm für die kommenden Jahre (18 Rennen, darunter 2 Weltumseglungen, 14 Etappen-Länder) und jede Menge sympathischer Image-Träger… mehr kann man von einer Hochseeklasse nun wirklich nicht erwarten. 

Doch zwischen all’ der Euphorie machte sich die Szene um einen Punkt dann doch reichlich Sorgen: „Was haben wir uns nur mit diesem Ocean Race ans Bein gebunden?“ wird sich oft hinter vorgehaltener Hand gefragt. 

IMOCA im Ocean Race – wird das was?

Bekanntlich soll die nächste Etappen-Weltumseglung mit Crew (ex Volvo Ocean Race) nur noch mit Junior-Teams auf den bisherigen, als veraltet gebrandmarkten VO-Racern stattfinden. Die Profi-Teams werden auf IMOCAs von Etappe zu Etappe rasen – ein Klassenentscheidung, die bei den IMOCA-Kampagnen auf geteilte Resonanz stieß. Manche Imageträger wie der Brite Alex Thomson (Hugo Boss) zeigten sich eher zurückhaltend angesichts der Idee, im Team auf einem Renner um die Welt zu brettern, der eigentlich für Solisten konzipiert wurde. Als erstes Argument wurde und wird immer wieder der mangelnde Raum für die Crew unter Deck genannt; ganz zu schweigen von der völlig anderen, technischen Ausrichtung der Solo-IMOCAs im Vergleich zu einem Hochsee-Crew-Racer. Tatsache ist, dass während des Ocean Races bis zu 60 Prozent der Strecken von Etappenhafen zu Etappenhafen am Wind gesegelt werden (SR-Bericht). Während IMOCA bekanntlich fürs Rasen auf raumen Kursen ausgelegt sind. 

Sehr starkes Video von der Überführung der alten “Hugo Boss” von Port la Foret nach Rhode Island – zeigt die Philosophie hinter dem Team.

Andrerseits gab es durchaus positive Stimmen aus dem IMOCA-Lager. So warf etwa das Offshore Team Germany seine ursprünglichen Pläne für eine Vendée Globe-Teilnahme über den Haufen und richtet seit Bekanntgabe, dass IMOCAs teilnehmen werden, seine volle Konzentration auf das Ocean Race. Nicht zuletzt, weil man sich im Crew-Modus mit einem älteren IMOCA größere Chancen beim Etappen-Rennen erhofft, als bei der Nonstop-Einhand-Weltumseglung. Auch Boris Herrmann zeigt sich erfreut über die Möglichkeit, ein Jahr nach der Vendée Globe auf seiner „Malizia“ nochmals im Team um die Welt zu segeln. Kamapgnen wie Initiative Coeur (Skipperin Samantha Davies) oder Charal (Skipper Jeremie Beyou) setzten sich von Beginn an für einen Start beim Ocean Race ein, andere zeigten sich zumindest zuversichtlich. 

Nicht alle zeigen sich begeistert

Doch im Laufe des vergangenen Jahres wurden immer mehr Stimmen laut, die sich kritisch über den Einsatz der IMOCA beim Ocean Race äußerten. Zwar sind mittlerweile 12 Teams offiziell registriert (und habe jeweils 5.000 Euro dafür bezahlt), doch darunter sind solche, deren Kampagnen-Zusammenstellung und -Finanzierung noch völlig in den Sternen steht und die sich ganz offensichtlich nur aus Image-Gründen einfach mal angemeldet haben, wird geunkt (Teilnehmerliste). 

Die “alte” 11th hour racing (ex Hugo Boss) © 11th hour racing

Zudem hat die Corona-Pandemie klaffende Lücken unter den sponsorwilligen Unternehmen geschlagen, was sich u.a. auch darin äußerte, dass der Start des Ocean Race um ein Jahr auf 2022 verschoben wurde. 

Deshalb war die Information, dass das Team „11th Hour Racing“ einen völlig neuen IMOCA speziell für den Einsatz beim Ocean Race baut, allgemein als höchst positives Signal für den „Erhalt“ des Ocean Race gewertet. Zwar ist schon seit Längerem bekannt, dass Skipper Charlie Enrights Team an etwas „Neuem“ designt und bastelt, doch nun werden Details bekannt gegeben, die deutlich zeigen, dass man es bei 11th Hour Racing ernst meint mit dem angepeilten Sieg.

Teamarbeit beim Wort genommen

Um es gleich vorweg zu nehmen: Enright nimmt den Begriff „Team“ im Falle seines neuen Ocean-Race-IMOCA wörtlich und holte mehrere starke Partner ins Boot.

Der neue IMOCA „11th Hour Racing wird von Guillaume Verdier entworfen, einem der produktivsten Designer in der Hochseeszene mit America’s-Cup-Siegen und bahnbrechenden Ultim-Trimaran-Rissen. Außerdem war er am Design von vier der letzten fünf Vendée Globe-Gewinner beteiligt. Verdier bringt nach eigenen Aussagen „die besten Köpfe der Offshore-Segelwelt zusammen, vom Strukturdesign bis zur Streckenführung, vom Engineering bis zur numerischen Strömungsmechanik.“

Designer Verdier erklärt, was Sache ist © 11th hour racing

Der strategische Partner des 11th Hour Racing Teams für die technischen und leistungsbezogenen Aspekte des neuen Boots ist MerConcept unter der Leitung des Offshore-Shooting-Stars François Gabart, der 2012 die Vendée Globe gewann und bis vor Kurzem den Ultim Trimaran „Macif“ von Rekord zu Rekord peitschte. 

MerConcept leitete vor Kurzem den Bau der spektakulären „Apivia“ – der brandneue IMOCA gilt mit Skipper Charlie Dalin als Favorit der anstehenden Vendée Globe.  Eine Gruppe von fast einem Dutzend Ingenieuren, Konstrukteuren und Analytikern arbeitet an den Analysen und Daten des neuen Designs.

Gebaut wird der neue Ocean Race IMOCA von CDK Technologies mit Sitz in Lorient und Port-la-Forêt (Bretagne), die u.a. die letzten drei Gewinner der Vendée Globe und den Ultim Trimaran Maxi Banque Populaire V bau(t)en.

Speziell für die Anforderungen des Ocean Race

Der neue IMOCA wurde speziell für den Einsatz beim Ocean Race konzipiert. Soll heißen: Das Boot wird deutlich mehr Performance am Wind bringen, Platz für Crews aus vier Männern, einer Frau und einen Media-Spezi bieten. Charlie Enright: „IMOCA werden typischerweise für Einhandregatten gebaut, daher wird an Bord ein intelligenter Autopilot gestattet, der zusätzliche Bootsdaten, einschließlich Windwinkel und Krängung des Bootes, verwendet, um die Solosegler auf Kurs zu halten. 

Passt das neue Design? © 11 th hour racing

Diese Boote werden mit einem Pinnensystem gebaut, die Segler steuern weniger als 5% der Zeit selbst und sind für den Rest auf den Autopiloten angewiesen.

Im Gegensatz dazu sind wir beim Ocean Race auf einen Autopiloten beschränkt, der nicht so genau ist (nur „Heading“), so dass es effektiver ist, unser Boot in 100% der Zeit von Hand zu steuern. Infolgedessen mussten wir unser Boot mit Doppelsteuerrädern ausstatten. Es wurde viel Zeit und Mühe in das Cockpit- und Decksdesign investiert, um sicherzustellen, dass unsere Steuerleute eine Sichtverbindung zum Vordeck haben und die Segel, die Windverhältnisse und den Seegang besser beobachten können.“

Während des gesamten Bauprozesses misst und bewertet ein speziell für den Themenbereich „Nachhaltigkeit“ eingesetztes Team die Umweltauswirkungen des Bauprozesses und erforscht gleichzeitig alternative Materialien und Techniken, darunter die Verwendung von Flachs in in strukturell weniger belasteten Bereichen im Boot.“

Man beachte die “gemütliche, überhaupt nicht klaustrophobische” Schlafstatt auf dem Bildschirm © 11th hour racing

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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