Ocean Race Europe: OTG und Austria starten fulminant – historischer Moment für IMOCA

Macht Euch locker!

Erstmals starten IMOCA im Full-Crew-Modus für eine Langstreckenregatta. Der Beginn einer neuen Ära? Miku war auf dem RIB dabei und hatte Kollege George und seine Fotografen an Bord – sehr vorteilhaft.

Es ist immer ein guter Plan, mit lokalen Reporter-Größen auf oder in diesem Fall sogar in einem Boot zu sitzen. Der SegelReporter hatte das Glück, mit dem Chefreporter einer hier nicht näher bezeichneten Westfranzösischen Tageszeitung zusammen auf dem RIB zum Start des Ocean Race Europe kutschiert zu werden. Nennen wir den Kollegen hier einfach mal George. 

Für den kleinen Hunger zwischendurch

George ist einer von diesen Typen, die etwas schwergewichtig dahergestapft kommen, dann aber behende und unfallfrei ins Zodiac hüpfen. Kaum Platz genommen, wird nicht nach der Schwimmweste gefragt, sondern nach dem Casse-Croute, was auf Französisch einem kleinen Zwischenimbiss gleichkommt, eben für den kleinen Hunger zwischendurch. Man(n) weiß ja nie. Auf dem Weg zu Startlinie dann die präzise Angabe an unsere  blutjunge Skipperin, die 450 PS doch bitte etwas mehr zu fordern, man wolle doch auch von der Ambiance VOR dem Start etwas mitbekommen. 

Der eigentlich Vorteil solch einer Konstellation machte sich dann schon bei der Einfahrt in die (verbotene) Vorstart-Zone mehr als deutlich bemerkbar: Kaum reingerast, kommt ein Ordner-Schiedsrichter-Boot angeschossen, stellt sich uns in den Weg , wir werden mit aufgeregten Handzeichen weit außenraum geschckt. 

George will das nicht wahrhaben. „Ähhh, wollt ihr Fotos und einen Bericht in meiner Zeitung? Oder wollt ihr nur den Blödsinn der anderen lesen?“ Dabei nimmt der Meister huldvoll die riesige Sonnenbrille vom Gesicht, um sich zu erkennen zu geben. Darauf die Mobo-Crew: „Ähhh, George, Du bist es! Wir haben dich ja gar nicht erkannt, haha!“ Und zack, schon werden wir durchgewunken. „Na bitte, geht doch,“ meint George nur augenzwinkernd. 

Er kennt jede und jeden

Selbstverständlich wollte sich auch George nicht in die Startphase hinein drängeln.  Und wir blieben in respektvollem Abstand zu den IMOCA und VO65 – aber auch in gebührendem Abstand zu den hinter uns wartenden und fluchenden anderen Pressebooten. Aber später, auf den ersten Seemeilen, zeigte sich der zweite Vorteil eines George an Bord. Derselbe kennt nämlich jede und jeden an Bord der Boote. Es gebe wohl keinen und keine hier am Start, den oder die er nicht schon mindestens 3x interviewt habe. Außer den Deutschen natürlich, aber darüber könne ich ihm ja nun ein wenig erzählen. 

Den weiteren Verlauf muss man sich so vorstellen: Nach dem Start wird der Skipperin kurz und präzise Anweisung gegeben, dass sie sich bloß nicht um irgendwelche aufgeregten Kameraleute oder andere Fotografen und Journalisten auf anderen Booten kümmern soll. Schön immer dahin fahren, wo George es will. Und das ist niemals (!) in der zweiten Reihe! 

Kommt gut hin! © miku

Einen Tag zuvor, beim Prolog, habe ich die Probe aufs Exempel gemacht. Wenn ich irgendjemand an Bord zurief, dass er bitte mal rüberschaue oder irgendeine Regung zeige, geschah… nix! Heute, mit George läuft das so ab: Schon von Weitem ist seine massige Gestalt auf unserem RIB von den Skippern der Boote zu erkennen und in den meisten Fällen wird dann schon gewunken, gelacht und blöde Witze gerissen, bevor unsereiner überhaupt die Kamera zücken kann. Und wenn dann doch mal einer konzentriert segelt – wie zum Beispiel „cet allemand“ auf dem weißen Boot mit den schwarzen Segeln „avec ce nom bizarre „oinstoin“, dann ruft er eben Benjamin Dutreux ein „hey Ben“ zu – und schon drehen sich alle um und winken gnädig auch in die deutsche Kamera. Dass er auch noch ein “macht Euch mal locker” hinterher gerufen hat, wurde an Bord des OTG-IMOCA allerdings nicht mehr vernommen. Oder? 

Mehr kann man nicht erwarten

Doch George hat noch einen weiteren, durchaus sympathischen Vorteil: Er ist ein klasse Motivator. Als sich irgendwann auf dem RIB eine eher lasche Stimmung breit machte – oooch, viel zu wenig Wind, die Fotos haben wir doch schon x-mal gemacht, komm’ wir fahren nach Hause und überhaupt ist alles irgendwie fade – dann rief uns George zu: „Hey, ihr Clowns! Ihr seht hier die coolsten Boote der Welt, ihr nehmt an einem historischen Regattastart teil, bei dem erstmals IMOCA in voller Crewstärke rund um Europa gesegelt werden. Was, bitteschön, kann ein Sportjournalist oder -fotograf mehr erwarten?“ 

Stimmt, George hat recht. Es war ein bewegender Augenblick, als die Flotte des drei-etappigen Ocean Race Europe sich vor Lorient auf den Weg zum portugiesischen Cascais machte. Zwar gab es – ähnlich wie gestern beim Prolog – auch am heutigen Starttag zum eigentlichen Rennen nur wenig Wind. Doch der war wenigstens konstant und schob die Flotte rasch auf den offenen Ozean hinaus. Gleich auf den ersten Meilen war zu erkennen: Die besseren Starter sind eindeutig die Damen und Herren mit der Erfahrung aus Olympischen Bootsklassen. Um das mal im hochgestochenen George-Stil auszudrücken. 

Richtige Positionskämpfe auf den ersten Meilen © miku

Denn erstens schlugen sich die Österreicher auf ihrer „Sisi“von Beginn an bestens. Und zweitens machte das Offshoe Team Germany sein Vorsegel-Malheur von gestern mit einem klasse Start und vor allem bestechenden Bootsspeed wett. Stanjek, Lush, Dutreux und Kasüske segelten die „Einstein“ cool und konzentriert als erste IMOCA gen Horizont. Sogar George konnte sich so etwas Ähnliches wie ein Lob nicht verkneifen – richtig schnell, für so eine alte Gurke (gemeint war das Boot, wohlgemerkt). 

Die Karten werden bald neu verteilt

Ansonsten war auch dieser Start wie die meisten anderen Hochseestarts von einem gewissen Chaos geprägt. Zwar waren aus Corona-Hygiene-Gründen nur wenige Begleitboote erlaubt, und auch die Privatiers auf ihren Yachten und Booten hielten sich zurück. Doch an der eher abgeklärten Einstellung vieler Segler hat sich auch hier nichts geändert: Man weiß, dass es genau Nullkommanull auf die ersten Seemeilen ankommt, wenn man noch in einem weiten Bogen in den Atlantik hinein segeln soll, um dann wieder zurück Richtung Kontinent, Portugal, Cascais zu segeln. Die Karten werden frühestens heute Nacht verteilt und das Blatt wird sich im Laufe der Regatta noch dutzendfach wenden. 

Letztendlich blieb also genug Zeit, um ausgiebig alles durchzuhelcheln, was man so in den letzten Stunden noch erfahren hat. Warum ausgerechnet Louis Burton und seine Servane Escoffier erst eine halbe Stunde vor dem Start aus La Trinité auf ihrem nagelneu umgemalten „Bureau Vallée“-IMOCA (ex l’Occitane) angesegelt kamen. Wie sehr die Organisatoren bis zum letzten Augenblick gebibbert haben, dass der Wind für den Start tatsächlich zu schwach sein könne. Oder warum ausgerechnet beim gestrigen, pulitzerpreis-verdächtigen Artikel von George die Schlussredaktion den spannendsten Teil gestrichen hat.

Aber was soll’s, meint auch George. „Genießt lieber alle den Augenblick“: Sowas Cooles wie eine Flotte aus alten Kampfmaschinen a la VO65 und (meistens) neuen Rennern wie die IMOCA ist eine Gnade im Auge des geneigten Segelfans. Mehr können Segelfans nicht erwarten. 

Tracker Ocean Race Europe

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

2 Kommentare zu „Ocean Race Europe: OTG und Austria starten fulminant – historischer Moment für IMOCA“

  1. avatar breizh sagt:

    Top Berichterstattung zu diesem Event. Man merkt den deutlichen Unterschied zu den Pressemitteilungen, die einfach online gestellt werden oder etwas “umgeschrieben” werden oder wenn aus bekannten Newslettern “zietiert” wird. Weiterso!
    Wobei wenn man sich die Berichterstattung auf der westfranzösischen Tageszeitung einmal anschaut, wird man schon neidisch … Aber es muss ja noch Ziele geben 🙂

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  2. avatar brahms sagt:

    Toller Artikel (wie immer, bei Michael Kunst)!!! Großer Fan!

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