Offshore Team Germany: Riechers erklärt Trennung – wegen “bizarrer” Entscheidungen

"Ich fühle mich wie ein Dinosaurier"

Während das Offshore Team Germany seine neuen Pläne präsentiert, liefert Jörg Riechers Erklärungen, warum er sich von dem ambitionierten Projekt getrennt hat und den Weg für falsch hält.

Jörg Riechers hat in einem dreiseitigen Beitrag für das Magazin Seahorse tiefe Einblicke in sein Seelenleben gegeben. Der 50-jährige Einhandsegler, der im vergangenen Jahr mit dem vom Offshore Team Germany (OTG) gemanagten Mini-Transat-Projekt und der neu gebauten “Lilienthal” Rang zwei bei der prestigereichen Atlantik-Regatta belegte, erklärt, warum die Trennung von der deutschen Initiative erfolgte.

Offshore Team Germany

Jörg Riechers und Robert Stanjek waren die Protagonisten des neuen deutschen Hochseeteams © otg

Im OTG-Team, das von Starboot-Weltmeister Robert Stanjek und Teammanager Jens Kuphal geführt wird, bestanden offenbar Unstimmigkeiten darüber, wie der erworbene spanische IMOCA modifiziert werden sollte, um die angestrebeten Ziele zu erreichen.

Er habe “etwas Cooles” mit der ehemaligen “Acciona” machen wollen, sagt Riechers. Es sei ein Boot, das zwar schon 2011 gebaut wurde, aber “ein unglaubliches und längst nicht realisiertes” Potenzial habe.

Vendée-Podium wäre möglich gewesen

“Leider hatten wir aber völlig unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie man die Yacht verändert.” Es wäre für ihn sogar möglich gewesen bei der Vendée Globe 2020 eine Podium-Position zu erreichen, wenn es clever umgebaut worden wäre. “Aber OTG und sein Projekt-Manager wollten ein gutes Design in eine schwimmende Reklamewand verwandeln, um PR-Rennen zu segeln.”

Die Entscheidungen seien “bizarr” gewesen. Riechers kritisiert besonders den Kauf eines “extrem leichten und anfälligen” gebrauchten Riggs von PRB. Das sei genauso teuer gewesen, wie die Modifikationen, die er selber ins Spiel brachte, die aber das Boot wettbewerbsfähig gemacht hätten.

Jörg Riechers

Riechers freut sich über die erfolgreiche Mini-Transat. © Breschi/SAS

“Es ist wirklich ein Jammer für das Boot und seine Designer; ‘Acciona’ hat mehr Potenzial, als man denkt. Aber nun wird man es nie sehen.” Riechers bezieht sich dabei insbesondere auf die neue IMOCA-Regel, und glaubt eine Lücke entdeckt zu haben, die das Schiff beschleunigen kann.

Oft vom Gas gehen

Denn IMOCAs, die vor 2016 gebaut sind, müssen nicht das vorgeschriebene Onedesign-Rigg benutzen, das die Leistungsfähigkeit der neu gebauten Foiler stark limitiert. “Es kann nicht die gewaltigen Lasten wegstecken, die durch die neuen Tragflächen entwickelt werden.” Deshalb müssten die Skipper oft vom Gas gehen.

Jörg Riechers

Riechers Plattbug “Lilienthal”. Das Schiff wird jetzt von Morten Bogacki gesegelt. © Breschi/SAS

Wenn man nun auf einem alten Boot wie der “Acciona” einen äußerst stabilen Mast stelle, könne man weit ausladende Foils anbauen, die viel Kraft entwickeln. Solch ein Boot könne dann bei entsprechenden Bedingungen hart gesegelt werden und mit den Neubauten mithalten. Beispiele für die Richtigkeit dieser These seien “Initiatives Coeur” von Samantha Davies und “PRB”, mit der Vincent Riou in der vergangenen Saison zu den Schnellsten gehörte.

Das eigentliche Problem mag aber sein, dass OTG nicht allein ein Projekt ist, um Jörg Riechers die Vendée Globe-Teilnahme zu ermöglichen. Die aktuellen Pläne stellen eher das Ocean Race mit Crew in den Vordergrund. Da liegen eher die Stärken von Robert Stanjek. Und auch das Design der IMOCA muss entsprechend des noch zu bestimmenden Kurses anders sein, wenn Leichtwind- und Kreuz-Anteile größer sind.

Wo sind die alten Zeiten geblieben?

Riechers ist auch genervt, dass eine 30-Jährige Französin gerade einen der attraktivsten Sponsor-Verträge in der Szene bekommen hat. Clarisse Cremer segelt die Vendée Globe für Banque Populaire. Der Einhand-Spezialst versteht das Argument des Sponsors nicht, der gesagt habe, die Auswahl sei einfach gewesen, weil sie aus einer angesehenen Familie komme, an einer super-teuren Privat-Uni studiert  und auch noch ein Technologie-Start-Up gegründet habe.

“Ich fühle mich wie ein Dinosaurier”, sagt Riechers. “Wo sind die guten alten Zeiten geblieben, als noch seglerisches Können, und das Gespür für ein gutes Design die wichtigsten Zutaten waren, um einen Segel-Sponsor zu finden? Würde Eric Tabarly heute noch einen Sponsor finden – vermutlich nicht.”

Aber Riechers gibt seine Vendée Globe-Träume nicht auf. Er segelt in dieser Saison zwar mit einer Class 40, glaubt aber, dass es vielleicht doch noch mit der großen Runde klappen könnte. “Da ist diese Stimme in meinem Kopf.” Einige Designer würden an seine Ideen von einer neuen “interessanteren” IMOCA-Konstruktion glauben. “Vielleicht gibt es noch die Möglichkeit einer Vendée-Teilnahme in letzter Minute.” Er habe sich ja schon fast daran gewöhnt – der Mini-Scow “Lilienthal” wurde auch erst spät fertig. “Und wenn es 2020 nicht klappt mit der Vendée Globe dann eben 2024.”

 

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Carsten Kemmling

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5 Kommentare zu „Offshore Team Germany: Riechers erklärt Trennung – wegen “bizarrer” Entscheidungen“

  1. avatar Tom sagt:

    Interessante Ansicht, allerdings glaube ich nicht dass ein umgebautes 2011er Boot mit den neuen imocas mithalten kann, Grade charal, die neue Hugo Boss und die weiteren Neubauten werden deutlich überlegen sein. Selbst mit dem alten stabilen Mast und dem alten Kiel wird sich da nicht viel ändern. Für Jörg Riechers war es wohl das beste aus diesem Team auszusteigen, wenn jetzt schon nicht das maximale Potential aus dem Boot geholt wird. Möglicherweise kommt er ja irgendwann noch zu seiner VG Teilnahme. Dann hoffentlich mit einem vernünftigen Boot und einem gut aufgestellten Team.

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  2. avatar RS sagt:

    Schon sehr schade, dass die Ex-Acciona jetzt zu einem Truppentransporter umgebaut wird. Aber ob sich der Jörg mit seinen Spitzen gegen Clarisse einen gefallen getan hat? Klingt fast so, als habe man mit einem zweiten Platz beim letzten Mini-Transat auf einem IMOCA nichts verloren 😉

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 3

  3. avatar Jörg sagt:

    @ RS, die Passage mit Clarisse ist aus dem Zusammenhang gerissen. Ich freue mich für Clarisse und sie ist ohne Zweifel eine hervorragende Seglerin! Es ist in der Tat schade das Paul Meilhat den Posten nach seinem Route du Rhum Sieg nicht bekommen hat. Die Entscheidung lag beim Management von Banque Populaire und ich würde mir nie anmaßen den erfolgreichsten Rennstall der letzten Jahre zu kritisieren. Meine Kritik war, das zur Zeit vor allem beim Vendée Globe mehr auf die Vermarktbarkeit geguckt wird als auf das sportliche Potential. Das sind Entscheidungen von Sponsoren, die zu rechtfertigen sind, auch wenn ich sie persönlich nicht immer gut finden muss…

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 35 Daumen runter 4

  4. avatar Egon sagt:

    So ist das Leben. Eine Anna Kournikova war auch nie eine überragende Tennisspielerin, hat aber mehr Werbeverträge bekommen als alle anderen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  5. avatar Klaus Kauer sagt:

    Mal sehen wann Herrn Kuphal das Geld ausgeht. Eine Kampagne “made in Germany” ist bei den Vorraussetzungen dieses Teams ziemlich lächerlich. PLUS wenn Boris anfängt Gelder für das TOR zu sammeln wird es ziemlich dunkel um das OTG werden. Schade – aber das Leben an der Sponsoring Front ist hart

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 2 Daumen runter 7

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