Olympia 470er: Matthew Belchers Aussie-Gold glänzt auch (ein wenig) für Deutschland

Medalmaker

Matthew Belcher hat sich endgültig als einer der besten Segler aller Zeiten in den Geschichtsbüchern verewigt. Der Australier gewann seine zweite Goldmedaille. Er segelt auch für Hamburg.

Belcher/Ryan mit ihrem Legenden Coach Viktor Kovalenko (m.) . © Sailing Energy / World Sailing

Die zweite olympische Goldmedaille nach Platz eins in London und Silber in Rio heißt für Matthew Belcher, dass er Rang sieben in der ewigen Bestenliste der erfolgreichsten Olympiasegler einnimmt. Der 38-jährige Australier, der auch achtmal 470er-Weltmeister wurde, hat nun mit seinem Vorschoter Will Ryan überlegen den 470er-Wettbewerb in Japan gewonnen.

Beim Medalrace mussten die beiden nur ohne Frühstart-Disqualifikation über den Parcours kommen, um sich Gold zu sichern, so groß war der Vorsprung. Also starteten die Aussies mit Wind von Backbord hinter allen anderen – und gewannen dennoch. In der Gesamtwertung liegen sie schließlich 22 Punkte vor Rang zwei und holen nach Matthew Wearn im Laser das zweite Gold für ihr Land.

Die Australier haben das Pumpen von den Spaniern gelernt. © Sailing Energy / World Sailing

Dabei dachten viele, die Oldie-Crew habe ihren Zenit längst überschritten. Belcher segelt schließlich schon seit 20 Jahren 470er. Und Ryan (32) blickt auch schon auf 13 Jahre in der Bootsklasse zurück. Bei der EM 2021 in Vilamoura (POR) zeigten sie als Vierte eine ungewohnte Verwundbarkeit. Und schon konnte man vermuten, dass die olympische Downunder-Flotte in der Corona-Krise besonders stark gelitten hat.

Mit dem Medalmaker im Rücken

Tatsächlich fehlte den starken Segelnationen Australien und Neuseeland wegen der strikten Lockdowns ganz besonders der internationale Vergleich, während sich die Europäer in Spanien und Portugal durchaus miteinander messen konnten. Der aktuelle Medaillenspiegel unterstreicht dieses mögliche Problem. 2016 haben beiden Länder insgesamt noch acht Medaillen (jeweils vier) gesammelt. Diesmal sind es nur drei (AUS: 2x Gold, NZL 1x Silber)

Aber Belcher/Ryan haben sich nicht durch diese schiefe Ausgangslage beirren lassen. Sie wissen schließlich “Medalmaker” Victor Kovalenko an ihrer Seite, den gebürtigen Ukrainer, dessen 470er- Teams bei Olympischen Spielen nun elf Medaillen gewonnen haben, sieben davon in Gold.

Will Ryans perfekte Maße im Trapez. 1,93 Meter Hebel im Trapez bei nur 75 Kilogramm Gewicht. © Sailing Energy / World Sailing

Auch diesmal machte er sein Männer-Crew auf den Punkt fit. Dabei ging es insbesondere darum, die Pump-Technik – erlaubt ab 8 Knoten, wenn Flagge O gesetzt wird – zu optimieren, die seit 2016 die 470er-Klasse dramatisch verändert hat. Besonders die jüngeren Teams wie Jordi Xammar und Nicolas Rodriguez Garcia-Paz aus Spanien haben die Grenzen des physischen Segelns weit nach oben verschoben. Aber auch die Schweden Anton Dahlberg/Fredrik Bergstrom wussten die Möglichkeiten des massiven Rollens und Rockens zu nutzen. Sie wurden mit Bronze und Silber belohnt.

Mitglied im NRV

Belcher und Ryan konnten aber mit penibler Arbeit den Rückstand in einen Vorsprung verwandeln. Der Verlauf des Medalraces hat deutlich ihre neu gefundene Stärke bei Pump-Bedingungen gezeigt. Bei stärkerem Wind hilft ihnen dagegen neben der Erfahrung immer noch auch die perfekte Gewichtsverteilung. Der Steuermann ist 1,73 Meter klein und wiegt nur 62 Kilogramm. Ryan bringt dagegen im Trapez seinen langen Hebel von 1,93 Metern bei nur 75 Kilogramm ins Spiel. Bessere Maße für ein 470er Team gibt es kaum.

Aber der Steuermann ist eben auch eine segelnde Legende. Er startet sogar für einen deutschen Club, den Norddeutschen Regatta-Verein an der Alster und zeigt dem Hamburger Nachwuchsschon mal seine Medaillen (SR-Interview). Seine enge Beziehung nach Hamburg hat mit der Werft von Sebastian Ziegelmayer zu tun, die seit vielen Jahren die schnellsten 470er der Welt baut und die gesamte Weltspitze bedient.

Daraus entwickelten sich auch private Bande. Seit mehr als zehn Jahren ist Belcher nun schon mit Friederike Ziegelmayer verheiratet, der 470er-Vorschoterin, die 2012 mit Kathrin Kadelbach in London bei Olympia an den Start ging. Das Paar lebt mit zwei Kindern im australischen Gold Coast.

Frederike

Mathew Belcher freut sich in Weymouth mit seiner Hamburger Frau Friederike über den Olympiasieg. © Marina Könitzer

Belcher ist überwiegend dem 470er treu segelt aber auch schon mal in der Kielboot-Klasse Etchells, wo er 2018 die WM gewann. Einen großen Schritt wagte der Weltsegler des Jahres von 2013 im Jahr 2014 als er von einer australischen America’s Cup Kampagne zum Cup Skipper berufen wurde. Er verließ damit seine Komfortzone. Aber der Spuk war schnell wegen Geldmangels vorbei.

Zu seinen aktuellen Plänen hat sich Belcher noch nicht geäußert. Ob er nun eine weitere Kampagne im Mixed-Modus startet? Ob sich seine Frau noch einmal an den Draht hängt? Alles ist möglich. Aber es besteht wohl auch die Chance, dass er nach 20 Jahren im 470er den Zeitpunkt des großen Triumpfs für einen standesgemäßen Abgang wählt. Es wäre schade.

Olympia 470er-Ergebnisse Tokio

Die 470er Medalraces im ZDF Livestream Replay

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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