Olympia: Entscheidung auf den letzten Metern – Denkwürdiges Medalrace im Finn Dinghy

Zum Sieg gestrauchelt

Das vermutlich letzte olympische Finn-Dinghy-Medalrace aller Zeiten ist mit einem denkwürdigen Finale zu Ende gegangen. Titelverteidiger Giles Scott benötigte ein Segelwunder, um auf den letzten Metern doch noch Gold zu holen.

Die Finn-Sieger in einem Boot. © R. Deaves

Giles Scott, rechte Hand von Ben Ainslie beim America’s Cup und sein Nachfolger als Dominator der Finn-Dinghy-Klasse, schreit sich die Seele aus dem Leib. “No room”, brüllt er. “No room. Sofort abfallen.” Die Stimmlage, mit der er dem neuseeländischen Kontrahenten seine Meinung über die aktuelle Regelsituation geigt, sagt viel darüber aus, wie es in ihm aussieht. Sonst tritt er eher leise und kontrolliert auf. Nun hat der 1,98 Meter große und 97 Kilogramm schwere Modellathlet längst seine Komfortzone verlassen. Bei 6-10 Knoten leichtem Südwind droht er, die schon sicher geglaubte Goldmedaille im Medalrace zu verspielen. Eigentlich befindet sie sich bei der Ansteuerung der letzten Wendemarke längst außer Reichweite.

Ein Fehler am Start hat ihn in die verzweifelte Lage gebracht. Eigentlich erarbeitete sich der 34-Jährige eine solide Position an der Linie. Ausreichend, um den neun-Punkte-Vorsprung zum Ungarn Zsombor Berecz locker zu kontrollieren. Aber als die Frühstart-Flagge am Startschiff hochgezogen wird, beginnt er zu zweifeln.

Im Gewühl an der letzten Marke fällt die Entscheidung. © R. Deaves

Scott dreht um. Er will nicht das Risiko einer Disqualifikation eingehen. Es war die falsche Entscheidung. Der Argentinier Facundo Mario Olezza war gemeint und drehte ab. “Ich konnte sehen, dass der Argentinier drüber war”, sagt Scott nach dem Rennen. “Aber es hätten ja auch zwei Frühstarter sein können. Ich bin auf Nummer sicher gegangen, weil ich im Hinterkopf hatte, dass ich es nur auf diese Weise mit einem OCS richtig vermasseln kann.”

Der Finn Dinghy Start in Enoshima. GBR (hellgrün) ist nicht über der Linie, dreht dennoch um.

Danach hatte der Top-Favorit viel zu tun. Dass er bei leichtem Wind nicht unbedingt zu den besten gehört, zeigte sich schon am ersten Tag der Regatta. Mit zwei neunten Plätzen signalisierte Scott der Konkurrenz, dass er zu schlagen ist.

Nach gut zehn Jahren der Dominanz im Finn Dinghy schien ihn die America’s Cup Pause mit dem INEOS Team UK nun doch aus der Bahn geworfen zu haben. Die Vize EM hinter dem Ungarn und WM-Platz neun im Mai dieses Jahrs schien diesen Eindruck zu bestätigen. Giles Scott ist auch nur ein Mensch.

Auf Messers Schneide

Aber der vierfache Weltmeister fand ganz im Stile eines Ben Ainslies bei Olympia zurück zu seiner Form. Dem schwachen Auftakt ließ er sechs Siege folgen und zeigte insbesondere bei stärkerem Wind die alte Dominanz.

Und dennoch stand der Sieg auf Messers Schneide. Denn der Ungar Zsombor Berecz, Weltmeister von 2018, entpuppt sich als würdiger Gegner. Vielleicht will das Scott nicht so richtig wahrhaben. Der Ausschluss jeglichen Frühstart-Risikos deutet darauf hin.

Aber das wäre wahrlich fast schief gegangen. Zwar arbeitet sich Scott nach dem verpatzten Start schon auf der ersten Kreuz mit einem Linksdreher wieder auf Rang vier nach vorne. Aber dann misslingt der Vorwindkurs gänzlich. Platz 7 am Leetor reicht schon nicht mehr für Gold, da der Ungar Rang zwei erobert.

Scotts Situation bessert sich nicht für den zweiten Vorwindkurs, da Berecz auch noch den Niederländer Heiner überholt. Hinter den beiden Führenden kämpfen sieben Skipper fast gleichzeitig um die Innenpsoition an der letzten Marke vor dem Raumschotskurs zum Ziel.

Kurz vor der Leetonnenrundung Richtung Ziel (auf die linke Seite) liegt GBR eigentlich aussichtslos zurück.

…Scott kann außen liegend eigentlich nur auf Rang sechs hoffen. Das wäre der Silber-Platz…

…Aber er mogelt sich in die Lücke zwischen NZL und TUR und pariert das Luvmanöver von NZL durch lautes Brüllen…

…Der Neuseeländer Josh Junior gibt sich geschlagen und verliert die mögliche Bronzemedaille.

Der Brite liegt außen und ist eigentlich geschlagen. Aber ausgerechnet der Neuseeländer Josh Junior öffnet ihm eine Türe. Der Kiwi gehört zum Team New Zealand, war einer der Fahrradgrinder beim America’s Cup Sieg in Bermuda und holte auch im März auf dem Heimrevier den Sieg auf dem Kiwi-Cupper.

Dabei kurbelte er Seite an Seite mit Andrew Maloney, mit dem er sich auch auf die Olympia-Herauforderung im Finn-Dinghy vorbereitete. Maloney wurde im Mai Finn-Weltmeister in Portugal zwei Plätze vor Junior, der 2019 gewonnen hatte. So war es überraschend, dass sich das neuseeländische Olmypia-Gremium für Junior als Starter entschied.

Josh Junior öffnet die Türe für Scott

Junior lässt sich bei der Tonnenrundung vom Australier Lilley in die Außenkurve drängen und öffnet dadurch eine Lücke für Scott. Der nimmt das Geschenk dankend an. Junior erkennt zwar den Fehler, versucht noch ein Luvmanöver gegenüber dem Briten mit der Chance, den Zweikampf zu gewinnen – es geht für den Kiwi schließlich um Bronze. Aber der Versuch gerät zu halbherzig. Die Jury weist einen Protest ab.

Drei Männer in einem Boot.

Er lässt sogar noch den Spanier Cardona ziehen, ist entnervt und kommt schließlich auf dem letzten Platz ins Ziel. Sechs Boote segeln ihm auf diesem letzten Schenkel durch, auf dem es normalerweise keine Verschiebungen mehr gibt. Cardona segelt somit zu Bronze-Medaille. Dieser Erfolg des e-Sailing Weltmeisters, der erst im letzten Augenblick das Olympia-Nationenticket löste, ist eine Geschichte für sich. Er ist mit 22 Jahren der jüngste Teilnehmer der Finn-Flotte und gehört dem spanischen SailGP an.

Juan Cardona nach dem Bronze-Coup. © R. Deaves

Eine solche Dramaturgie mag sich Scott bei Ben Ainslie abgeguckt haben, der selber bei seiner letzten Olympia-Goldmedaille in London auf viel Glück angewiesen war. Scott gibt zu, dass er eigentlich auf dem Vorwindkurs schon dachte, Gold sei ihm entglitten. “Natürlich habe ich nie aufgegeben und immer weiter gepusht. Aber ich bin ein Realist, ich kann rechnen.”

Schließlich seien ein paar gute Manöver und ein paar gut getimte Halsen genug gewesen, um sich vor dem Wind an der letzten Gruppe vorbeizusegeln. “Ohne jeden Zweifel war das der größte Druck, den ich je verspürt habe. Er stieg im Laufe des Rennens immer weiter an.”

Giles Scott wiederholt seinen Olymnpiasieg von 2016.
© Sailing Energy / World Sailing

Nach einem so großartigen Rennen sei es eine Schande, dass diese Klasse die Spiele verlassen müsse. Aber nun reiht sich der Brite nahtlos ein in die Reihe der Finn-Legenden von der Insel. Seit 21 Jahren standen mit Iain Percy, Ben Ainslie und Scott immer nur Briten an der olympischen Finn-Dinghy Spitze.

Finn-Dinghy Medalrace Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „Olympia: Entscheidung auf den letzten Metern – Denkwürdiges Medalrace im Finn Dinghy“

  1. avatar Sven 14Footer sagt:

    Diese Detailanalysen habe ich in den Segeltagen davor vermisst!
    Vielen Dank für diese, immer wieder lesenswerten, Analyse!

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