Olympia Exot: Ein Bayer startet für Samoa – Schlupfloch gefunden

Wie Eddy the Eagle?

Deutschland hat eigentlich die Olympia-Qualifikation im 470er verpasst.  Trotzdem wirdin der Klasse nun ein Bayer vor Japan segeln. Nicht alle finden das gut. Ein Clubkollege ist der Leidtragende.

Adrian Hoesch am Draht bei der 470er WM vor Vilamoura/Portugal. © Kleva / Vilamoura SAILING.

Simon Diesch und Philipp Autenrieth hatten bis zum Schluss gehofft. “Aus unserer Sicht ist die Geschichte mit dem Nachrücker-Ticket für Deutschland immer noch nicht entschieden”, schreiben sie in ihrem letzten Newsletter. “Bis Ende Juni ist Zeit für eine Entscheidung, die nicht von uns abhängt. Wir machen also vorerst weiter, bleiben dran und geben die Hoffnung auf eine Olympia-Teilnahme nicht auf, haben wir beschlossen. Wir werden in Kürze mit den Spaniern, Portugiesen und Schweden ins Trainingslager in Santander gehen, wo wir schon vorigen Spätsommer waren.”

Die voerst letzten gemeinsamen 470er-Bilder von Diesch/Autenrieth. © Ferreira – Osgar

Die beste deutsche 470er Crew hatte zwar als 15. bei der Weltmeisterschaft im März in Vilamoura/Portugal das Lösen des letzten europäischen Nationentickets verpasst, aber es gab noch eine Chance. Nach WM-Platz 16 2019 belegte das Duo vom Württembergischen und Bayerischen Yacht-Club den ersten Nachrücker-Platz vor der Schweiz und Ungarn. Wenn ein Platz nicht besetzt würde, wären sie dabei.

So unwahrscheinlich war das nicht. Schließlich belegte Clubkollege Adrian Hoesch einen der Olympiaplätze. Dabei war der bei der WM und EM 2021 jeweils Letzter geworden. Hoesch fährt als Olympia-Exot nach Japan. Er startet für die Pazifikinsel Amerikanisch-Samoa, die als Teil der Samoainseln an den unabhängigen Staat Samoa anschließt.

Sportlicher Nationenwechsel gewährt

Möglich ist das, weil Adrian Hoesch (26) in den USA geboren ist, und wie sein US-Steuermann Tyler Paige die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt. Beide taten sich zusammen, beantragten den sportlichen Nationenwechsel und bekamen ihn gewährt, da sie drei Jahre lang nicht olympisch für Deutschland oder die USA gesegelt waren. Hoesch hatte vor sechs Jahren mit dem Leistungssport aufgehört, auch weil er nach einer Wirbelsäulen-Verletzung ein Jahr lang gänzlich pausiert hatte.

Das Ergebnis der 470er Olympia-Qualifikation für Ozeanien

Die Qualifikation für den vakanten Ozeanien-Quoten-Startplatz war bei der Sail Melbourne Regatta im Januar 2020 vorgesehen. Nur zwei 470er starteten. Das australisches Mixed Team hätte sich nicht qualifizieren können. Vier Rennen gingen über die Bühne. Das reichte aus, um die Vorgaben von World Sailing zu erfüllen.

“Es ist eine einmalige Chance”, sagt Hoesch gegenüber SegelReporter. Er kennt Tyler Page schon seit zehn Jahren. Der 23-jährige Maschinenbaustudent aus Medford, Massachusetts segelte wie Hoesch 420er (zweimal WM-Teilnehmer) und bei der WM 2018 in Aarhus 470er. Damals weihte er den Vorschoter erstmals in seine Pläne ein, 2020 in Enoshima für Amerikanisch-Samoa an den Start zu gehen. Hoesch sagte ihm mehrfach ab, aber dann hat es durch einen Jobwechsel doch gepasst. “Wir haben uns gefragt, warum vorher noch keiner darauf gekommen ist”, sagt er gegenüber der Süddeutschen Zeitung.

“Eddy the Eagle” des Segelns?

In einer anderen Konstellation mag die Olympia-Teilnahme als lustiger, schlauer, netter Coup gewertet werden. Aber nun ergibt sich unglücklicherweise eine Situation, dass Hoesch mit seinem Partner einen Platz besetzt, den ausgerechnet Philipp Autenrieth, Club-Kamerad beim Bayerischen Yacht-Club, haben könnte. Beide kennen sich aus der Opti-Zeit und sind auch schon 2015 gemeinsam zum Segel-Bundesliga-Bronze-Platz gesegelt. An der Vorschot von Autenrieths Bruder Julian holte Hoesch 2013 Bronze bei der 470er Junioren-EM in Wales.

Adrian Hoesch segelt 2013 an der Vorschot von Julian Autenrieth im 470er zu Bronze bei der Junioren EM. Pwllheli© Alan Dop

Und nun besetzt er einen Olympia-Startplatz, der eigentlich für wahre Olympia-Exoten vorgesehen ist. Wie etwa für Antigua, Fidschi, El Salvador, Montenegro oder St Lucia, die jeweils im Laser an den Start gehen oder auch Angola im 470er. Aber die “Eddy the Eagle”-Rolle mag für die Amerikanisch-Samoa Crew nicht so richtig passen. Schließlich haben die Segler wenig mit dem Ursprungsland zu tun.

Unglücklich, dass nun ausgerechnet die deutschen 470er Leidtragende dieser Konstellation sind. Verschiedene Anträge sind gestellt worden, um das Schlupfloch zu stopfen. Aber nun hat World Sailing die Teilnahme der 19 470er-Duos offiziell bestätigt. ASA ist dabei, GER nicht.

Hoesch glaubt auch nicht, dass es einen Unterschied gemacht hätte, wenn er der Einladung von Paige nicht gefolgt wäre. “Dann hätte es ein anderer gemacht.” Es habe mehrere Initiativen um den Ozeanien-Spot gegeben, die aber nach der Meldung von Paige/Hoesch schließlich zurückzogen.

Bayerischer Yacht-Club wünscht viel Erfolg

Für den Bayerischen Yacht Club ist es schwierig, die Benennung groß zu feiern. Auf der Website heißt es eher nüchtern: “Unser Clubmitglied Adrian Hoesch hat sich für die Olympischen Spiele 2020/2021 in Tokio qualifiziert. Adrian wird mit seinem Steuermann Tyler Paige – beide sind Mitglied im Pago Pago Yacht-Club – für Amerikanisch-Samoa in Tokyo an den Start gehen. Das 470er Team hatte im Januar 2020 bei der Qualifikationsregatta in Melbourne/Australien das Olympia Ticket für Amerikanisch-Samoa gelöst. In der letzten Woche wurde die Olympiateilnahme für beide Segler final von World Sailing und dem IOC bestätigt. Mitte Juli bereits, geht es für beide Segler nach Tokyo zu den Olympischen Spielen. Der Bayerische Yacht-Club wünscht Adrian und Tyler viel Erfolg!”

Autenrieth will den Fall nicht allzu hoch hängen. Er mag nicht als schlechter Verlierer dastehen. Schließlich habe man die Qualifikation aus eigener Kraft nicht geschafft. Dafür sei es sportlich noch einmal eine Genugtuung gewesen, bei der EM als Neunter wieder weit vorne mitgespielt zu haben. Immerhin zehn für Tokio qualifizierte Crews lagen achteraus. Aber er macht doch keinen Hehl daraus, dass ihn der Fall Samoa wurmt. Er hält die olympischen Werte für missachtet, wenn man so einfach das Ticket buchen kann.

Dabei hätte es fast sogar noch einen anderen Weg nach Enoshima gegeben. Die Nichtberücksichtigung des russischen 470ers stand im Raum. Schließlich ist Russland wegen Staatsdopings von den Sommerspielen 2021 in Tokio und den Winterspielen 2022 in Peking ausgeschlossen worden. Aber die russischen Segler haben ihr Nationenticket bei der WM 2019 geholt, also vor der offiziell verhängten Sperre Ende 2020. Das IOC hat nun entschieden, dass der russische 470er individuell mit RYF im Segel starten darf.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

2 Kommentare zu „Olympia Exot: Ein Bayer startet für Samoa – Schlupfloch gefunden“

  1. avatar Alf Gommeringer sagt:

    Diese Story erinnert artverwandt an eine Olympia-Kampagne, wie sie Matrose Schönfeldt im Lied “Ronald” festgehalten hat – ist halt bitter, wenn die Teilnahme an unschönen oder unglücklichen Details scheitert.

  2. avatar Thomas Stemmer sagt:

    Wenn wirklich ein direkter Zusammenhang besteht zwischen der Teilnahme des “Bayers für Samoa” und der Nichtteilnahme von Simon und Philipp dann wäre es ein Gebot der sportlichen Fairness, das Team mit der wesentlich besseren Vorbereitung und den bessern Chancen fahren zu lassen. Dafür gibt es zum Glück viele Beispiele im Sport, z.B. jüngst bei den Speerwerfern (Seifert verzichtet zugunsten von Weber auf WM Start). Mir würde es keine Freude bereiten, den Platz auf Kosten anderer als “Tourist” zu vergeuden.

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