Olympia: Hannah Anderssohn 6. bei der ILCA-6-EM in Bulgarien – Comeback aus tiefem Tal

Wieder auferstanden

Bis zu ihrem Trainingsunfall im Frühjahr 2018 hatte Hannah Anderssohn viel Spaß und großen Erfolg beim Segeln im Laser Radial. Verletzungen zogen sie danach auch mental weit nach unten. Mit EM-Platz sechs meldete sich die Rostockerin nun eindrucksvoll zurück.

Als EM-Sechste tauchte Hannah Anderssohn in Varna wieder auf.
© regate.com.hr

Wer mit gemischten Gefühlen, halber Kraft und ohne Erwartungen zu einer Europameisterschaft fährt, ist eher nicht für Überraschungen prädestiniert. Anders Hannah Anderssohn. „Es geht wieder, ich habe das Segeln nicht verlernt“, lautet ihre glücksselige Bilanz. Enorme Willensstärke verbunden mit wachsendem Selbstvertrauen und einem einfühlsamen, hellwachen Trainer, der im Zweifel auch mal bremst, führten die Studentin im bulgarischen Varna auf den sechsten Rang der ILCA-6-EM. Es ist der erste international hochwertige Erfolg nach einer physischen und psychischen Durststrecke sondergleichen.

Hanteltraining in der Kniebeuge, aber nach Meniskusriss für die 21-Jährige mit Augenmaß. © privat

Als amtierende Jugendweltmeisterin und U21-Vizeweltmeisterin galt Hannah Anderssohn als eines der aussichtreichsten deutschen Talente im Laser Radial und nahm Kurs auf die Olympischen Spiele in Japan. Bis ein missglücktes Abfallmanöver im Trainingslager die Karriere komplett in Frage stellte. „Ich wollte nach der Luvtonnenrundung vorne den Niederholer lösen und war dabei noch mit dem Fuß unterm Ausreitgurt fixiert“, erinnert sich die Anfang November gerade erst 22 Jahre alt werdende Soloseglerin noch ganz genau. Das war vor dreieinhalb Jahren auf Mallorca. Der gerissene Meniskus, das angerissene Außenband und der angebrochene Unterschenkel beendeten die gerade begonnene Saison abrupt.

Eisernes Trockentraining an der Rudermaschine. © privat

Aber es war erst der Beginn eines langen Leidenswegs. Denn die erste Operation war nicht erfolgreich. Hannah Anderssohn musste im Spätherbst erneut unters Messer, gefolgt von wochen-, ja monatelangen Reha-Maßnahmen. 2019 der erste Comebackversuch. Aber sie war gehemmt, weil immer noch nicht schmerzfrei. „Irgendwann verlierst du die Motivation. Es hatte keinen Spaß mehr gemacht, ich wollte das nicht mehr“, erinnert sich eine niedergeschlagene, von Depressionen geplagte, junge Frau.

Individuelles Krafttraining und Stretching half der Rostockerin zurück in die Erfolgsspur. © privat

Sie hängte die Schot an den Nagel, verzichtete auf den Kaderstatus und konzentrierte sich aufs eigene Leben, durch das „ich einfach nur noch schmerzfrei gehen wollte“. Das Maschinenbaustudium im heimischen Rostock stand im Mittelpunkt, inzwischen im sechsten Semester. Die Familie stützt Anderssohn dabei vor allem mental. Sie ist ihr starkes Rückgrat. Langsam, in kleinen Schritten tastete sich die Leistungssportlerin voriges Jahr mit italienischem Privattrainer wieder ans Regattasegeln heran, bis sie Svenja Wegers Sparringspartnerin für Enoshima wurde. Beide verstehen sich gut.

Der Start im großen ILCA-6-Feld bereitete Hannah Anderssohn bei der EM in Bulgarien anfangs noch Schwierigkeiten.  © regate.com.hr

Während Weger bei Olympia anfangs sogar das gelbe Trikot der Spitzenreiterin trägt, reißen bei der gebeutelten Kollegin vom Warnemünder Segel-Club die körperlichen Rückschläge nicht ab. Aber auch der zweite Nabelbruch kriegt Hannah Anderssohn nicht klein. Inzwischen kennt sie ihren Körper besser, die Limits an den noch vorhandenen Schwachstellen, der Narbe am Bauch und das Knie. Überbelastung wird strikt vermieden. Darauf achtet der niederländischen Bundestrainer Maurice Pardekooper mit Fingerspitzengefühl.

Hannah Anderssohn kämpfte sich bei der ILCA-6-EM in die Weltspitze zurück.
© regate.com.hr

„Wir waren uns nicht sicher, ob ich überhaupt alle EM-Rennen mitsegeln kann“, so die Aktive, die zunächst im auflandigem Schwell quer zum Wind auf dem Schwarzen Meer kaum zurechtkam. Mit 34/41 landete sie im 78-Boote-Feld direkt zu Beginn ihre beiden Streicher einfuhr. Doch danach folgen zahlreiche Spitzenplätze, „die mich immer mehr motiviert haben“. In den zehn Rennen gelangen schließlich zwei zweite und ein dritter Rang, der sie auf Augenhöhe mit der norwegischen Olympia-Achten segeln ließ (EM-Platz 4.)

Die Erwartungen für die WM im Dezember im Oman schraubt die Wiederauferstandene jedoch von vornherein runter. Aber einen Zweifel lässt Hannah Anderssohn nicht: „Mein Ziel ist Olympia 2024 in Marseille.“

Ergebnisse ILCA-6-EM 2021

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

4 × 2 =