Audi Laser WM 2012 Boltenhagen: Olympiasieger Goodison disqualifiziert, Grotelüschen 9.

Erwischt

Der Olympiasieger ist raus. Das ist die erstaunlichste News am dritten Regattatag der ersten Laser-Weltmeisterschaft in Deutschland. Der Brite Paul Goodison erhielt bei der vom NRV ausgerichteten Veranstaltung in Boltenhagen von der Jury im fünften Rennen die dritte gelbe Flagge wegen unerlaubten Vortriebs (Regel 42) und damit die Wertung DNE  (Disqualification Not Excludable). Das heißt, er kann die 57 Punkte nicht als Streicher aus der Serie nehmen.

Philipp Buhl mit eigenwilliger Ausreittechnik wohl nach einer Wende. © Nils Bergmann

Goodison war bei den vorherrschenden Leichtwindbedingungen der absolute Favorit im Feld der 168 Boote, was er mit zwei zweiten Plätzen und einem Sieg auch in Boltenhagen bestätigte. Er hatte in China bei Leichtwind Olympiagold gewonnen und gilt als einer der Schnellsten im Feld bei weniger Wind.

Umso geknickter war der Brite nach der Entscheidung. “Ich kann es nicht verstehen”, sagt der Olympiasieger gegenüber SegelReporter.com. “Die Interpretation der Jury ist mir ein Rätsel.” Er bemüht sich allerdings, nicht verärgert zu klingen. Er ist nicht der Typ, der laut mit Ungerechtigkeiten hadert und versucht sich offenbar vor Olympia, nicht generell den Unmut der Jury zuzuziehen.

aber die Unsicherheit im Umgang mit der Regel 42 betrifft alle Segler. An den ersten drei Tagen zeigten die verschiedenen Jury-Mitglieder den Athleten auf dem Wasser 67mal die gelbe Flagge. “Beim Weltcup in Palma wurde deutlich weniger gepfiffen”, sagt Bundestrainer Thomal Piesker. “Die Segler sind verunsichert, wo die Grenzen liegen.”

Das Verfahren im Umgang mit der sogenannten “Pump-Regel” sieht vor, dass man in einer Serie beim ersten Vorfall eine 720 Grad Drehung ausführen muss, beim zweiten Vergehen muss das Rennen aufgegeben werden, beim dritten mal muss man das Rennen ebenfalls beenden, kann aber das Ergebnis nicht streichen.

Goodison wurde für zwei verschiedene Techniken bestraft. Beim Start auf dem Amwindkurs für das abrupte Aufrichten und Beschleunigen des Bootes und vor dem Wind für das Geradeziehen des Lasers aus der nach Luv gekrängten Position. In beiden Fällen wird die Windströmung am Segel erhöht und das Schiff vorwärts getrieben.

Chief Umpire Eric Mehlbaum aus Holland kann die Aufregung um den Goodison Vorfall nicht verstehen. Der Holländer sagt: “Wir entscheiden immer gleich und achten nicht darauf, ob es sich um einen Olympiasieger handelt.” Tatsächlich haben verschiedene Jurymitglieder auf verschiedenen Gummibooten die Strafen ausgesprochen.

Allerdings ist es erstaunlich, dass Goodison gleich am ersten Renntag zweimal von der Jury erwischt wurde. Zu Beginn einer WM macht es wenig Sinn, das Risiko einer Disqualifikation hochzuschrauben. Der Brite muss sich ernsthaft Gedanken über seine Interpretation der Regel 42 machen. Aber er sagt schon: “Bei Olympia werden andere Schiedsrichter entscheiden.”

Prinzipiell gilt er im Laserfeld nicht als übermäßig gefährdet für die gelbe Flagge. “Eigentlich gehört er zu den fairen Seglern im Feld”, sagt Konkurrent Grotelüschen. Und sein Coach Piesker wundert sich: “Eigentlich hat er die Erfahrung, um zu wissen, wann er an das Limit gehen kann. Im Allgemeinen segelt man am Anfang eigentlich erst einmal etwas abwartender, um zu sehen, wie heiß die Jury ist.”

Das Spiel mit den Schiedsrichtern, das bei wenig Wind zu einem größeren Teil über den Erfolg bei Laser-Rennen entscheidet, hat zurzeit besonders der australische Weltsegler des Jahres Tom Slingsby  im Griff. Er führt das Gesamtklassement nach sechs von 14 Rennen mit einem Vorsprung von neun Punkten an.

Der Mann, der nicht erst nach dem WM Sieg 2011 als einer der schnellsten Starkwindsegler im Feld gilt, ist zurzeit auch bei wenig Wind unglaublich gut unterwegs. Er liegt vor dem schwedischen Leichtwind-Spezialist Rasmus Mygren und dem Österreicher Andreas Geritzer.

Simon Grotelüschen ist nach schlechtem Start im sechsten Rennen und einem 23. Platz auf Rang neun zurückgefallen, liegt aber noch in Schlagdistanz zur Spitze. Philipp Buhl hat sich nach schwachem Beginn aber einem soliden dritten Tag auf Rang 27 vorgeschoben.

Ergebnisse nach sechs von 14 Rennen

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Carsten Kemmling

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4 Kommentare zu „Audi Laser WM 2012 Boltenhagen: Olympiasieger Goodison disqualifiziert, Grotelüschen 9.“

  1. avatar Backe sagt:

    Wie heißt es so schön: Auf See und vor Gericht (in diesem Fall: vor der Jury) sind wir alle in Gottes Hand.

    Dumm nur, wenn der aus Versehen gerade schlechte Laune hat.
    Oder wenn von seinem Verband (hmm, zugegeben, hier hinkt der Vergleich mit dem liebe Gott… .:) die Parole ausgegeben wurde: Im Olympischen Jahr setzen wir mal ein Zeichen und greifen hart durch! Und am Anfang einer Serie sollte man sowieso ein Exempel statuieren, damit alle anderen armen Sünder es auch kapieren!

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    • avatar Christian sagt:

      au weh, die leidige Regel 42, die hat schon für viel Ärger gesorgt.

      Man muss dazu sagen, dass die Laseristis generell sehr körperlich segeln, sprich extrem viel mit Rollwenden und -Halsen arbeiten sowie mit Pumpen, Schaukeln, Rocken, Ooching und wie das alles heißt. Einfach deshalb, weil es bei diesem Boot sehr viel Extra-Vortrieb bringt (beim 49er z.B. hingegen kaum). Die ISAF-Manuals zum Thema Regel 42 sind voller verschiedener Techniken, die mal erlaubt, mal nicht erlaubt sind.

      Das führt dazu, dass es große Ermessensspielräume für Jurys gibt. Oder anders gesagt, dass es sehr schwer ist, immer korrekte Entscheidungen zu treffen.

      Meine Meinung dazu: Regel 42 ersatzlos abschaffen, denn das Regelwerk ist eh schon zu komplex. Wer am besten Vortrieb erzeugen kann, soll halt Erster werden. Und wer das nicht mag, soll Kat segeln, da hilft das alles nicht.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 5

      • avatar Pete sagt:

        Jede Klasse kann doch selbst entscheiden was sie von Regel 42 benutzt. Ich verstehe das gequengel über Regel 42 nie, wenn eine Klasse die Regel nicht will, kann sie sie einfach ausser Kraft setzten, oder nur unter bestimmten Bedingungen ausser Kraft setzten. Jede Klasse kann – wenn alles andere zu kompliziert scheint – einfach in die Klassenregeln schreiben, dass Flagge Oscar ab 2kn Wind gesetzt sein soll.
        Fast alle Jollenklassen – inklusive der 49er – haben Änderungen zu 42 in Ihren Klassenregeln, meist damit etwas erlaubt wird, was nach der Regel so nicht erlaubt ist. Die Laser sind eine der ganz wenigen die keinerlei Änderung wollen, dann müssen sie halt auch danach segeln.
        Noch dazu rühmt die Klasse (die internationale KV) sich, einen ganz kleinen Pool an Schiedsrichtern zu haben, aus dem sie die Schiedsrichter für ihre Events rekrutiert, weil sie dadurch die beste Qualität und Kontinuität in den Entscheidungen hätten – nach der Logik sind die Judges bei anderen Weltcups (wo die Schiedsrichter nicht von der Laser Vereinigung ausgesucht wird) also eher zu lasch wenn dort weniger penalties vergeben wurden.
        Aber da zeigt sich wohl das Problem der Laser, dass die Internationale Klassenvereinigung mit den Seglern relativ wenig zu tun hat, während bei den anderen Internationalen Klassen die Topsegler selbst über die Klassengeschicke entscheiden und eben Regel 42 in Teilen ab bestimmten Windbedingungen ausser Kraft gesetzt wird.

        Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 1

        • avatar Christian sagt:

          eine saukomplizierte Regel, verkompliziert durch partielle Ausnahmen, die von den verschiedenen Klassen je nach Windgeschwindigkeit festgelegt werden… nun ja. this is not my cup of coffee

          Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 4

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