Skurril, aber wunderschön: Die „Collectif Spirit“ unterwegs zur Olympiade.

Segeln auf tausend Geschichten

Die Szene der Holzboot-Freaks und Wooden-Ships-Liebhaber ist ja durchaus überschaubar, in Europa; eine rasche Übermittlung sämtlicher Neuigkeiten sollte also gewährleistet sein. Demnach wäre es vermessen, wenn wir dem geneigten SR Leser die Idee, Realisierung und den Stapellauf der „Collectif Spirit“ als echte News vermelden würden. Der 30-Fusser aus Vollholz ist allerdings ein derart fantastisches Objekt und Projekt, das jederzeit gewürdigt werden kann.

Hauptsache Holz

Die Idee ist simpel, und deshalb so irre: Zwei segelverrückte Künstler aus der Grafschaft Hampshire in England wollen ein Boot bauen. Ein schnelles Segelboot, präziser gesagt. Beim Material waren sich die beiden gleich einig: Holz, und das möglichst vom Feinsten. Was fehlte, war das nötige Kleingeld. Und das gewisse Etwas, wie es englischen Künstlern nun mal gut steht. So kam man auf die Idee, andere Leute um Holz zu bitten, also Artefakte zu sammeln. Es sollten Dinge aus Holz sein, die eine Geschichte haben. Oder Geschichten erzählen können. Oder eben beides.

Nein, das ist nicht der Hendrix-Gitarren-Splitter. Aber trotzdem schön eingearbeitet, oder? © collectif spirit

An mehr als 20 Orten warben Gary Winters und Gregg Whelan für ihr Projekt, und im buchstäblichen Sinne spendeten jedermann und -frau. Oder fast.

Edles und Nippes

Ziemlich große Edelholzstücke waren dabei, die entsprechend große Bereiche im Schiffsrumpf einnahmen, aber auch kleine Dinge wie Spielzeug oder Splitter. Aus allen sozialen Schichten kamen Spenden: Hölzer, die vom anderen Ende der Welt kamen und konkret als Objekt viel wert sind oder schlicht Kram oder Nippes, der jeweils als ideeller Schatz gehandelt wird und irgendwo auf dem Speicher vor sich hinschlummerte.

Wichtig war und ist bei jeder Gabe die Story dahinter – bei 1.220 verarbeiteten Stücken, jedes penibel mit dem Spender fotografiert und die Story aufgezeichnet, ein wunderbarer Spiegel menschlicher Träume und Fantasie.

Mit viel Fantasie und 20 kn nach Weymouth

Handwerklich brillant eingearbeitet in einen ziemlich schnell aussehenden Riss, stand das Schiff nach einem halben Jahr auf dem Hof der Thornham Marina/Emsworth. Noch einen Kohlefaser-Spargel draufgestellt (soooo weit ging die Liebe zum Holz dann wohl doch nicht, schließlich wollten die Herren reichlich Tuch setzen, um ihr Schiffchen auf 20 kn und mehr zu pushen) und schon wurde getauft und zu Wasser gelassen. Mehr als 1.000 Leute waren dabei, und die meisten standen vorher stundenlang um das Boot, um ihre Spende irgendwo im Rumpf zu entdecken.

Womit wir bei der News dieses Artikels wären: Das Schiff schwimmt und macht gerade die ersten Schläge einer mehr als 2 Monate dauernden Reise rund südliches England. Wichtigstes Ziel ist Weymouth im August: Schließlich ist Projekt Teil der London Cultural Olympiad und wird entsprechend großzügig finanziell unterstützt…

Mehr als tausend Sammlerstücke im Rumpf © collectif spirit

Intarsien vom Feinsten (Beispiele):

• Ein Splitter-Stück von Jimi Hendrix’ Gitarre in der Pinne • Bretter aus Brightons West Pier • Parkett-Stäbe aus dem neuen Olympia-Velodrom zu London • Schlagzeug-Stöcke diverser Rock- und Jazzgrößen • Ein Polizei-Schlagstock, der schon zur Zeit  Queen Victorias genutzt wurde • Lattenkisten, in denen die Briten während des zweiten Weltkrieges ihre Goldreserven nach Kanada brachten • Eine Haarbürste, die in den Pinewood-Studios in den Sechziger Jahren gebraucht wurde • Edelste Schmuckkästen aus China • Ein Holzstab, der von einer Pilgerreise mitgebracht wurde und das Gute, das Böse und das Hässliche symbolisieren soll • Splitter die ein Taucher von einem 250 Jahre alten Schiffwrack ans Tageslicht brachte •  Und: Spielzeug, Kleiderbügel, Tabletts, Tennis- und Hockeyschläger, Holzschuhe, Holzschmuck und und und…

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
Spenden
https://northsails.com/sailing/de/

2 Kommentare zu „Skurril, aber wunderschön: Die „Collectif Spirit“ unterwegs zur Olympiade.“

  1. avatar Ole H. sagt:

    Webseite des Projektes (in Englisch) :

    http://www.theboatproject.com/

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  2. avatar Matjaz sagt:

    Auf solche spannenden Geschichten will ich nicht verzichten. Weiter so und Dank für die stets unterhaltsame Lektüre.

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