Olympiaklassen EM: Deutsche Finnsegler verpassen Tokio-Quali – 49er Männer stark

Deutsche Skiff-Männer überzeugen

Im vorolympischen Jahr steht die deutsche Segel-Nationalmannschaft etwa dort wo sie den vergangenen Olympia-Zyklus in Rio beendet hat: Ganz stark im 49er, in den übrigen Klassen nahe dran.

Die diesjährigen Europameisterschaften der Olympiaklassen waren mehr als die üblichen Kämpfe um den Kontinental-Titel. Sie stellten ein echtes Kräftemessen der besten Segler der Welt dar und lassen im vorolympischen Jahr einen Rückschluss auf das Leistungsvermögen zu, das in Tokio zu erwarten ist.

Aus deutscher Sicht heißt das: Alles beim Alten. Die 49er-Flotte der Männer ist in ihrer Geschlossenheit vielleicht noch stärker als vor vier Jahren, die übrigen Klassen sind dran, aber von den Spitzenplätzen dann doch weit entfernt.

Erik Heil und Thomas Plößel.

Erik Heil und Thomas Plößel. © Felix Diemer

Bei der Europameisterschaft im ehemaligen britischen Olympiarevier vor Weymouth glänzten wieder einmal die Rio-Bronzemedaillen-Gewinner Erik Heil und Thomas Plößel (Norddeutscher Regatta Verein). Besonders Heil steckt gerade voll in seinem Medizin-Studium und konnte nicht davon ausgehen, schon wieder gnz oben mitspielen zu können.

Zwar fehlten auf Platz fünf 29 Punkte, die besonders in der Schlussphase bei Leichtwind verloren gingen und bei einigen Kenterungen in Qualifikation, aber dem stehen auch fünf Siege gegenüber, zwei davon in der Gold-Fleet-Phase.

Erik Heil kommentiert: „Das hat unsere aktuelle Erwartungshaltung fast übertroffen. Wir sind aufgrund unserer Studien noch bis Sommer im Trainingsrückstand und das bekommt man an langen Tagen zu spüren.”

Starkes deutsche 49er Mannschaft

Besser waren anfangs Justus Schmidt und Max Boehme (Kieler Yacht-Club) unterwegs. Sie beendeten die kontinentalen Titelkämpfe auf Platz sechs, waren in der Qualifikation stark, konnten in der Finalphase aber nicht mehr ganz vorne punkten.

Justus Schmidt und Max Böhme

Justus Schmidt und Max Böhme. © Felix Diemer

Sorgen musste man sich um die überraschenden WM-Dritten von Aarhus machen Tim Fischer (Norddeutscher Regatta Verein) und Fabian Graf (Verein Seglerhaus am Wannsee), die zuletzt eigentlich stabil in der Weltspitze gesegelt hatten. Sie kamen nur schwer in die Regatta, zeigten aber insbesondere bei dem sehr leichten Wind zum Schluss mit zwei starken zweiten Rängen, dass sie das Potenzial für mehr haben. 

Mehr als Platz 16 war dann aber nicht drin bei einer Regatta, die insbesondere durch das gelungene Comeback der Olympia- und America’s Cup-Sieger Peter Burling und Blair Tuke geprägt war. Die Überflieger der vergangenen Jahre hatten nach langer Skiff-Pause zuletzt durchaus Schwächen im 49er gezeigt, und die Konkurrenz hoffte schon. Aber nun holten sie einen weiteren großen Titel.

Top Ten der 49er EM 2019

Sie zeigten noch nicht die Dominanz wie vor Rio, aber es gelang ihnen eine solide Serie. Mächtig Druck machen die britischen SailGP-Piloten Dylan Fletcher und Stuart Bithell, die so stabil segeln, dass sie nun schon seit Dezember 2016 an der Spitze der Weltrangliste liegen. Im Medalrace hätten sie noch eine Chance gegen die Neuseeländer gehabt, es fiel aber wegen Flaute aus.

Medalraces ohne schwarzrotgold

Die Medalraces im 49er FX, Nacra 17 und Finn fanden statt, sie gingen aber ohne deutsche Beteiligung über die Bühne. Bei den Skiff-Frauen schien es in der Woche so, dass Tina Lutz (Chiemsee Yacht Club) und Susann Beucke (Hannoverscher Yacht-Club) bei dieser EM ein Befreiungsschlag gelingen könnte. In den ersten acht Qualifikationsrennen punkteten sie solide und danach auch in den Finalrennen gerade bei stärkerem Wind, als insbesondere die Teamkolleginnen Vicky Jurczok und Anika Lorenz (Verein Seglerhaus am Wannsee) nicht zur gewohnten Form fanden (Platz 18). 

Tina Lutz und Susann Beucke

Tina Lutz und Susann Beucke. © Felix Diemer

Am Ende konnten Lutz/Beucke aber die Schwachwind-Rennen der letzten Tage nicht ausreichend stark bestreiten. Und besonders das letzte Rennen, bei dem es darauf ankam, ob sie das Medalrace erreichen, geriet auf dem letzten Platz (27.) völlig daneben, so dass die Top Ten ohne einen deutschen 49er FX segelten.

Auf den Medaillenrängen dagegen wird die Luft eng. Auch hier haben die brasilianischen Olympiasiegerinnen Martine Grael und Kahena Kunze nach längerer Abwesenheit – Grael segelte das Volvo Ocean Race – die alte Hackordnung wieder hergestellt. Sie siegten vor den Weltmeisterinnen aus Hollan Annemiek Bekkering und Annette Duetz. Und auch das Rio-Silber-Duo aus Neuseeland Maloney/Meech ist wieder ganz vorne dran (4.).

Kohlhoff mit höherem Anspruch

Nachdem Paul Kohlhoff/Alica Stuhlemmer (Kieler Yacht-Club) in der Mixed-Katamaran-Klasse Nacra 17 zuletzt stark aufsteigende Form gezeigt und sie auch in der Qualifikation stabile Ergebnisse ersegelt hatten, reichte es dennoch nicht zum Einzug in das Finale. Als es drauf ankam, rutschte auch ihnen zum Ende ein letzter Platz raus (28.) und damit manifestierte sich Platz 12. 

Kohlhoff/Stuhlemmer

Kohlhoff/Stuhlemmer spielen im Nacra17 vorne mit. © Felix Diemer

Paul Kohlhoff analysiert: „Wir haben uns tatsächlich hier bei der EM nicht ganz so stark gefühlt wie noch in Palma. Nach dem Crash dort sind wir aktuell mit etwas anderem Material unterwegs. Das hat nicht geholfen. Und dann haben wir auch einige Fehler gemacht, die man sich da, wo wir hinwollen, einfach nicht mehr leisten darf. Unser Anspruch ist, besser zu sein, als wir es hier waren. Wir sind aber glücklich darüber, dass wir die Kriterien für den Start bei den Pre-Olympics in diesem Jahr erfüllt haben.“

Enttäuschend verlief die Europameisterschaft für Johannes Polgar und Carolina Werner. Der ehemalige Tornado-Spitzensegler schaffte bei seinem Comeback-Versuch nur knapp die Goldfleet-Qualifikation und konnte gegen die Besten kaum punkten als schließlich 26.

Finnsegler verpassen Olympia deutlich

Auch den deutschen Finnseglern, für die es bei der gleichzeitig ausgetragenen EM in Athen schon um alle ging, nämlich Nationenqualifikation für Olympia 2020, war nicht nach Feiern zumute. Sie verpassten die vier ausgegebenen Tokio-Tickets deutlich.

Brasilien, Norwegen,  USA und Griechenland sicherten sich die Teilnahme auf den Plätzen 7, 9, 11 und 13 aber in diese Gefilde stießen Max Kohlhoff (Norddeutscher Regatta Verein) als 28. und Phillip Kasüske (Verein Seglerhaus am Wannsee) als 30. nur selten vor.

Damit bleibt den Finn-Athleten im German Sailing Team nur noch eine Last-Minute-Chance im olympischen Jahr 2020, wenn voraussichtlich bei der Weltcup-Regatta in Genua ein letzter Platz für eine europäische Nation vergeben wird.

„Wir zählen immer noch zu den Jüngsten in unserer Klasse mit so vielen starken Seglern. Wir hatten hier eine Chance, aber wir wussten auch, dass es in der herausragend besetzten Flotte sehr hart wird. Leider hat es nicht geklappt“, sagte Max Kohlhoff. „Ich selbst bin hier in diesem Revier einfach nicht in den Rhythmus gekommen. Aber Aufgeben ist natürlich keine Option. Wir werden bis zum Ende kämpfen.“

Auch bei den Finn-Dinghies hat sich ein alter Bekannter nach längerer America’s Cup-Auszeit an der Spitze zurückgemeldet. Giles Scott, der Olympiasieger und immer noch Cup-Taktiker von Ben Ainslie, dominierte an der Spitze der Regatta, die bei den Finns in der gesamten Flotte von diesmal 84 Booten ausgetragen wird. Allerdings musste er im Medalrace den ungarischen Weltmeister Zsombor Berecz fürchten, und so segelt er ihn zurück auf den vorletzten Platz. Dadurch konnte sich der America’s Cup Kiwi Grinder Andy Maloney durch seinen Sieg im Medalrace noch Silber sichern.

Die Medalrace-Übertragung der 49erFX und Nacra17 bei Schwachwind:

https://www.youtube.com/watch?v=XBxlZofvxPc
 
ENDERGEBNISSE DER KOMBINIERTEN OFFENEN EUROPAMEISTERSCHAFTEN
(Weymouth, Großbritannien)

 
49ER
1.     Peter Burling/Blair Tuke (NZL), 72 Punkte
2.     Dylan Fletcher/Stuart Bithell (GBR), 81 Punkte
3.     James Peters/Fynn Sterritt (GBR), 91 Punkte
5.     Erik Heil/Thomas Plößel (Norddeutscher Regatta Verein), 123 Punkte
6.     Justus Schmidt/Max Boehme (Kieler Yacht-Club), 128 Punkte
16.   Tim Fischer/Fabian Graf (Norddeutscher Regatta Verein/Verein Seglerhaus am Wannsee), 184 Punkte

Gesamtliste 49er


49erFX
1.     Martine Grael/Kahena Kunze (BRA), 76 Punkte
2.     Annemiek Bekkering/Annette Duetz (NED), 79 Punkte
3.     Helene Naess/Marie Rønningen (NOR), 83 Punkte
12.   Tina Lutz/Susann Beucke (Chiemsee Yacht Club/Hannoverscher YC), 156 Punkte
18.   Vicky Jurczok/Anika Lorenz (Verein Seglerhaus am Wannsee), 186 Punkte

Gesamtliste 49er FX
 
Nacra 17
1.     Ben Saxton/Nicola Boniface (GBR), 61 Punkte
2.     John Gimson/Anna Burnett (GBR), 67 Punkte
3.     Lin Cenholt/C.P. Lübeck (DEN), 71
12.   Paul Kohlhoff/Alica Stuhlemmer (Kieler Yacht-Club), 143 Punkte

Gesamtliste Nacra 17


ENDSTAND FINN-DINGHY EUROPAMEISTERSCHAFT 2019 (Athen, Griechenland)

1.    Giles Scott (Großbritannien), 48 Punkte
2.    Andy Maloney (Neuseeland), 52 Punkte
3.    Zsombor Berecz (Ungarn), 61 Punkte
29.  Max Kohlhoff (Norddeutscher Regatta Verein), 191 Punkte
30.  Phillip Kasüske (Verein Seglerhaus am Wannsee), 205 Punkte

Gesamtliste

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Carsten Kemmling

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