Open 60 Unglück: Wie Bernhard Stamms Schiff auseinander brach

Trauriges Bild


L’Aber-Wrac’h (29). Cheminées Poujoulat : l… von Letelegramme

Die auseinander gebrochene “Cheminées Poujoulat” von Bernard Stamm ist für die Untersuchung auf einen Frachter gehievt worden. Der Schweizer beschreibt noch einmal den Moment des Unglücks.

Wenn man die zerbrochene IMOCA 60 Yacht “Cheminées Poujoulat” am Haken des Krans hängen sieht, mag man sich gar nicht vorstellen, mit so einem Schiff alleine um die Welt zu segeln. Alle Segler dieser Klasse, wie auch Jörg Riechers, dürften Schwierigkeiten haben, dieses Bild aus dem Kopf zu verdrängen, wenn das eigene Schiff mal wieder im harten Wetter ächzt und knirscht.

Bernard Stamm

Cheminées Poujoulat wird auf das Transportschiff gehievt. Der Kiel ist noch dran. © DCNS

Stamm hat nach der dramatischen Rettung am 24. Dezember nun die Überreste seiner Yacht im Hafen von l’Aber Wrac’h auf einen Frachter hieven lassen. Der bringt es an Land wo es für eine genaue Ursachenforschung nach Brest transportiert werden soll. Die lange Verzögerung des Abtransports kam durch die extreme Wetterlage zustande. Zurzeit werden der Motor und alle Beschläge vom Rumpf entfernt.

70 Knoten Orkan

Derweil hat Stamm noch einmal den Moment genauer beschrieben, in dem es zum Auseinanderbrechen kam. So äußerten Beobachter Kritik, dass er die Überfahrt von den Azoren nach Frankreich bei schwerstem Wetter angetreten ist. 70 Knoten Wind herrschten im Seegebiet vor der französischen Küste.

Aber Stamm spielt die Situation herunter. Das Wellenbild sei nicht so extrem gewesen, man habe den schlimmsten Teil des Orkans umschiffen können und schon deutlich schlimmeres Wetter auf See erlebt.

Bernard Stamm

Bernard Stamms IMOCA 60 auf dem Trockenen. © Stamm

Zum Zeitpunkt des Unglücks in der Nacht vor Heiligabend soll der Wind 45 Knoten stark gewesen sein. “Wir mussten nicht unter Deck gehen und das Schott schließen, wie man es tut, wenn es wirklich heftig wird”, sagt Stamm. Vier Reffs seien eingebunden gewesen und er habe mit seinem Partner Damien Guillou am Kartentisch gesessen als sie plötzlich ein lautes Krachen hörten.

Guillou sei an Deck gestürzt in der Erwartung einen zerstürten Mast zu sehen. Aber er stellte fest, dass das Schiff in der Mitte durchgebrochen war. Das Cockpit war nur noch mit ein paar Leinen mit dem Rest des Schiffes verbunden.

Dramatische Rettung

Die Rettung gestaltete sich kompliziert. Bei den extremen Bedingungen gelang es nicht, die Rettungsinsel zu besteigen. Dabei schwammen die Segler im Wasser und schafften es kaum, wieder an Bord zu kommen, als sie die Insel aufgegeben hatten. Danach warf ein Flugzeug insgesamt fünf Rettungsinseln ab, die aber nicht zu den Havaristen gelangten.

Schließlich ging ein norwegisches Rettungsschiff längsseits und die Crew versuchte die beiden Seglern Leinen zuzuwerfen, mit denen sie an Bord gezogen werden konnten. Die Zeit drängte, denn das Wrack sackte unter den Füßen von Stamm und Guillou weg.

Mehrere Versuche scheiterten, aber schließlich gelang es dem Schweizer, eine Leine an seinem Körper zu befestigen. Es habe einen Moment gegeben, als er dachte, sein Mitsegler sei nicht gerettet worden. Aber schließlich habe es auch bei ihm funktioniert.

Unglücksursache unklar

Ehrlich erstaunt war Stamm, als das Wrack gesichtet wurde. Dabei habe er doch mit eigenen Augen den vermeintlichen Untergang gesehen.

Nach wie vor ist nicht klar, wie das sturmerprobte Schiff auseinanderbrechen konnte. So ein Unfall ist in der IMOCA Klasse noch nie vorgekommen. Die Beteiligten erhoffen sich jetzt Ergebnisse aus der Untersuchung des Wracks.

Nicht schön ist der Vorfall auch für den Konstrukteur Juan Kouyoumdjian, der das Schiff gezeichnet hat. Sein Name ist schon mit dem Auseinanderbrechen des America’s Cup Katamarans von Artemis verbunden. Beide Fälle sind allerdings schwer miteinander zu vergleichen. “Cheminées Poujoulat” hat immerhin jede Menge Meilen unbeschadet überstanden. Das Schiff konnte zuletzt zwar nicht die Geschwindigkeit der Klassenbesten erreichen, segelte beim Transat Jaques Vabre aber immerhin auf Platz drei.

 

Der fiese Schlepp zum Hafen von l’Aber Wrac’h:

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Carsten Kemmling

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9 Kommentare zu „Open 60 Unglück: Wie Bernhard Stamms Schiff auseinander brach“

  1. avatar Drahtzieher sagt:

    Schöne Publicity für die ja bekanntlich auch im Segelsport aktive DCNS, deren Bergunsschiff die traurigen Reste am Haken hat. Nur gut, dass DCNS und Cheminées Poujoulat in völlig verschiedenen Geschäftsbereichen aktiv sind 😀

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  2. avatar H.Welke sagt:

    Schon doof, wenn die ausgereizte Kiste auf der man da unterwegs ist keinerlei Warnrufe in Form lokaler, duktiler Deformationen von sich geben kann…

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  3. avatar Tom sagt:

    @H.Welke: Da sagst du was wahres: Die auftretenden Kräfte im Bootsrumpf und der Takelage sind schwer zu berechnen und extrem variabel. Wenn also die Berechnung schon nicht ausreichend Sicherheit bieten kann (schließlich passiert ja ständig etwas), wäre es vielleicht sinnvoll, die auftretenden Kräfte sichtbar zu machen. Ein interessanter Ansatz ist dabei z.B. das Einweben von optischen Fasern in das Gelege. Über eine optoelektronische Auswertung können dann die Kräfte überwacht werden: http://www.gloetzl.de/fileadmin/Pressemitteilungen/5_SensorbasierteKFT_AVN_6_2011.pdf

    Ist für eine Konstruktionsklasse vermutlich zu schwer und würde keiner machen. Aber im neuen VOR?

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    • avatar Max sagt:

      Wenn ich mich richtig erinnere, hatte The Daily Sail vor dem Vendee berichtet in dem Rumpf wären Sensoren verbaut worden. Ich konnte den Artikel aber gerade nicht finden.

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  4. avatar Christian1968 sagt:

    Weiß vielleicht jemand, ob Bernhard Stamm von seinem langjährigen Sponsor einen neuen Open 60 finanziert bekommt – gibt es in dieser Hinsicht irgendwas neues?

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  5. avatar Sui-8 sagt:

    Die Wellenbilder werden immer konfuser. Ich kann mir gut vorstellen das der Open über eine Welle runter donnerte mit dem Bug so hart aufschlug das er brach, nach fest ist ab. Wie gross die Welle wahr ist was anderes.

    Oder spekulieren wir, also ein 20Fuss Container, es werden ja nie welche verloren, schwimmt 20cm unter Wasser. Das Boot spurtet über eine Welle als es darüber schiesst und runter kracht. Wer hat schon aus jugs . . . seinem Kollegen eine Luftmatratze unter das Sprungbrett geworfen? Na dämmerst!!
    Zu dieser Zeit sind zig Frachter unterwegs gewesen, die Offiziell Container verloren haben. Eine Spekulation ich weiss, aber das Seegebiet, der Schaden, es noch nie etc. Spekulation oder was?

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 7

    • avatar hurghaman sagt:

      Halte ich für unwahrscheinlich, der Kiel is noch fest mit dem Rumpf verbunden und sieht recht unbeschädigt aus. Da hätte das Boot schon lotrecht von oben draufknallen müssen.

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      • avatar Sui-8 sagt:

        Ich sage Ja, reine Spekulation.
        Spannend wird es jetzt wenn die Ingenöre den Bruch genau anschauen können. Ich hoffe das jemand über das Resultat berichten wird. Auch was das heisst für die nächsten Design.

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