ORC-Weltmeister kommen aus Italien und Estland

Gehrlein nervenstark aufs Podium

Das WM-Podium der ORC-A mit der deutschen Bronze-Crew der 'Silva Neo'.  ©segel-bilder.de

Das WM-Podium der ORC-A mit der deutschen Bronze-Crew der ‘Silva Neo’. ©segel-bilder.de

Die größte Seesegelweltmeisterschaft aller Zeiten hat in Kiel drei würdige Titelträger gefeiert. Sie kommen aus Estland und zwei aus Italien. Unter 151 Teilnehmern stachen die M37 „Low Noise“ von Duccio Colombi in der Klasse ORC-C der kleinsten Boote sowie Jaak Jögis X-41 „Forte“ (ORC-B) als vorzeitige Sieger heraus. In einem famosen Schlussspurt jagte Alberto Rossi mit seiner TP52 „Enfant Terrible“ der fünf Tage führenden Landmark 43 „Santa“ von Claus Landmark noch ab, und holte nach 2011 und 2012 schon sein drittes ORC-A-Gold. Nicht minder ausgelassen war die Freude auf der GP42 „Silva Neo“, die von Dennis Gehrlein nervenstark zu Bronze der großen Yachten gesteuert wurde.

Nach dem letzten Zieleinlauf kannte der Jubel auf der 'Silva Neo' über WM-Bronze keine Grenzen mehr.  ©segel-bilder.de

Nach dem letzten Zieleinlauf kannte der Jubel auf der ‘Silva Neo’ über WM-Bronze keine Grenzen mehr. ©segel-bilder.de

Jubelnd lief die Crew der „Silva Neo“ nach dem letzten Zieleinlauf in den Hafen von Kiel-Schilksee ein. Bis auf ein misslungenes Langstrecken-Rennen am zweiten Tag hatte die Crew von Dennis Gehrlein eine konstant gute Serie hingelegt und verteidigte zum Abschluss mit einem sechsten Tagesrang sehr überlegt den dritten Platz. „Diese Bronzemedaille ist noch mehr wert als unser EM-Titel von 2011. Denn das Feld war größer und das Niveau der Teams höher. Wir wissen, gegen was für Segler wir hier gesegelt sind. Da waren Top-Profis am Start“, sagte der Skipper und zollte seiner Crew großen Respekt: „So kurz, wie wir das Boot erst haben, war das eine Klasse-Leistung. Ein wenig hatten wir im Vorfeld schon mit einem Podiumsplatz geliebäugelt, ahnten allerdings, dass es schwer werden würde. Im letzten Rennen sind wir sehr ergebnisorientiert gesegelt und haben nichts mehr riskiert, als wir wussten, dass wir gut im Feld liegen.“

In ihrer ersten Saison mit der neuen GP42 machte die 'Silva Neo' bereits eine sehr gute Figur.  ©segel-bilder.de

In ihrer ersten Saison mit der neuen GP42 machte die ‘Silva Neo’ bereits eine sehr gute Figur. ©segel-bilder.de

Erst zu dieser Saison hat „Silva Neo“-Eigner Heinz Peter Schmidt (Flensburg) den Schritt auf die rasante GP42 gewagt und feierte mit dem Team bei einem ersten Steg-Bier die Bronzemedaille: „Bei der Euro in Sandhamn im vergangenen Jahr kam die Idee zu einem Boot der neuen Generation. Das Team ist viel glücklicher damit, und das ORC hat einen guten Job gemacht, so viele verschiedene Boote in eine Formel zu bringen. Es waren wirklich enge Rennen.“ Die „IMMAC One4All“, eine JV49 mit Skipper Kai Mares (Kiel), und die Kieler „Desna“ (Knierim 49) von Sven Wackerhagen rundeten auf den Plätzen sechs und sieben das gute deutsche Abschneiden in der Klasse der großen Schiffe ab. Die Mares-Crew durfte zudem den Titel in der Amateur-Wertung (Corinthian-Trophy) feiern.

Das sportliche Highlight des Abschlusstages war der Kampf um Gold auf der Bahn A. Die „Enfant Terrible“ zeigte nach einem unglücklichen Start in die WM ab der vierten Wettfahrt eine überragende Performance und fuhr nur noch Rennsiege und einen zweiten Platz ein. Der Sieg am Abschlusstag war der wertvollste. Denn durch den zweiten Patzer in Folge der „Santa“, die nur Elfte wurde, schoss der italienische TP52-Renner noch mit sechs Punkten Vorsprung zum Gold vorbei. Es war die vierte WM-Medaille in Folge für das Team von Rossi, der im Vorjahr Bronze holte.

Mi einem weiteren Tagessieg machte die TP52 am Finaltag einen weiteren WM-Titel klar.  ©segel-bilder.de

Mit einem weiteren Tagessieg machte die TP52 am Finaltag einen weiteren WM-Titel klar. ©segel-bilder.de

„Wir wussten von Beginn an, dass wir gewinnen können. Aber in den ersten Rennen haben uns Winddreher und -löcher zurückgeworfen, obwohl wir teilweise sehr gut lagen. Die leichte Brise war für Kiel wohl eher ungewöhnlich, und wir hatten gehofft, dass das Revier sein wahres Gesicht zeigen würde“, sagte Rossi. Als sich die Windbedingungen stabilisierten und zum Abschluss sogar noch mal Starkwind-Qualitäten gefordert waren, fühlte sich seine Crew rundum wohl und jagte noch zum dritten Titel.

Die große Konstanz – bei lediglich einem Tagessieg punktete die „Forte“ mit ausschließlich Top-5-Ergebnissen – war der Schlüssel zum ORC-B-Erfolg. Jaak Jögi: „Wir sind sehr konservativ gesegelt, haben Risiken vermieden. Mit einem guten Speed und guten Starts hat das schließlich zum Titel geführt.“ Dahinter sprang die niederländische Swan 45 „Checkmate“ noch auf Platz zwei. Die Crew von Peter de Ridder fuhr zum Abschluss einen dritten Rang ein und verwies die tschechische „Three Sisters“ (Milan Hajek) punktgleich auf Platz drei im Endklassement.

Die 'Leu' wurde bestes deutsches Boot in der Gruppe B und verpasste das Podium nur um zweieinhalb Punkte.  Foto: OKpress

Die ‘Leu’ wurde bestes deutsches Boot in der Gruppe B und verpasste das Podium nur um zweieinhalb Punkte. Foto: OKpress

Die One-Off „Leu“ mit Skipper Albert Schweizer (Bremen) drehte an beiden Schlusstagen kräftig auf, kletterte durch zwei Tagessiege im Ranking noch weit nach oben, verpasste das Podium als Vierte aber um zweieinhalb Punkte knapp. Aus deutscher Sicht schafften die Corby 38 „Rockall IV“ des in Hongkong lebenden Hamburgers Christopher Opielok als Sechste und die „Sporthotel“ (Dehler 38 C) von Kalle Dehler (Greifswald) auf Rang zehn den Sprung in die Top-Ten.

Entspannt wie die Jögi-Crew erlebte auch die „Low Noise“-Mannschaft den WM-Abschluss von Land aus. „Gute Starts, um dann frei vom Feld die eigenen Entscheidungen treffen zu können“, erklärte Taktiker Lorenzo Bodini das Erfolgsrezept. Die Mannschaft setzte damit ihre Erfolgsserie fort und gewann nach 2009 und 2011 ihr drittes globales Gold. Zudem triumphierte sie bei der EM Anfang Juli vor Valencia. Hinter den Italienern sicherten sich die „Team Pro4U“ von Patrik Forsgren und die „Vencom“ von Martin Nilsson (beide Schweden) die weiteren Plätze auf dem Siegerpodest. Deutsche Teams unter den Top-Ten waren die „Sportsfreund“ (Axel Seehafer, Hamburg), die anfangs noch Medaillenhoffnungen hatte, auf Rang sieben, die „Solconia“ (Max Gurgel, Hamburg) als Neunte und die „Cala Ventinove“ (Uwe Wenzel, Bremen) auf Rang zehn.

Das 120-köpfige Helferteam des Kieler Yacht-Clubs durfte stolz auf seine ORC-Rekord-WM sein.  ©segel-bilder.de

Das 120-köpfige Helferteam des Kieler Yacht-Clubs durfte stolz auf seine ORC-Rekord-WM sein. ©segel-bilder.de

Die gemeinsame Euphorie von Seglern, Ehrenamtlern und hauptamtlichen Organisatoren brach sich am Abend bei der festlichen Preisverleihung ihre Bahn. Mit langanhaltenden, stehenden Ovationen dankten die Segler den 120 Helfern des Kieler Yacht-Clubs, der in dreijähriger Vorbereitung eine Rekord-WM der Superlative ablieferte. Die Athleten auf dem Podium genossen sichtlich den donnernden Applaus ihrer Sportkollegen, und die Sieger schmetterten voller Inbrunst ihre Nationalhymnen. Sie zeigten, wie wertvoll ihnen diese WM-Trophäen sind.

Die Endergebnisse der ORC-Weltmeisterschaft stehen unter http://www.orcworlds.com/index.php/official-noticeboard/results/

Spenden
http://nouveda.com

7 Kommentare zu „ORC-Weltmeister kommen aus Italien und Estland“

  1. avatar Fastnetwinner sagt:

    Die größte WM in der Welt der Vermessungssegelei ist vorüber. Gewonnen haben die Crews, die schon vorher gut waren, oder Schiffe aus Erfolgswerften. Es stellen sich aber natürlich trotzdem Fragen für die Zukunft. Warum sind Landmarks plötzlich so gut? Können die alle ganz toll segeln? Warum ist El Pocke so schlecht, obwohl die Herren mächtig was los haben? Gibt es also irgendwelche Erkenntnisse, die die magische Vermessungs-Formel weiterbringen? Wenn diese WM, mit all ihren empirischen Daten, es nicht schafft, die Vermessungssegelei voranzubringen, dann schafft es vermutlich keine WM, und wir können getrost zu Yardstick (auch empirisch) zurückkehren. Irgendwelche Erkenntnisse?

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

    • avatar Sven 14Footer sagt:

      Solange der Rennwert 1 Wert für alle Kurse und Windrichtungen ist, ist es ungenau und fast vergleichbar mit Yardstick. Die Landmark waren bei dem leichten Wind gut und bei viel Wind weiter hinten. Warum werden nicht die vielen verschiedenen Handicapwerte die eine ORC Vermessung hervorbringt genutzt.
      Mit einem Open 40 o.ä. braucht nach ORC erst gar nicht antreten. Einigermaßen fair gehts nur bei Up und Downs zu. Da ist die Windrichtung wenigstens fix.
      Die Gruppeneinteilung erschließt sich mir auch nicht. Was macht es für einen Sinn eine 37 Fuß Salona gegen eine J80 segeln zu lassen. Dafür gabs aber 2 Startgruppen weil zuviele Teilnehmer.

      Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  2. avatar Kluchschieter sagt:

    Obwohl weit unter Erwartungen platziert fand ich die WM eigentlich sehr gelungen, zumindest auf dem Wasser. Grosses Lob an die dortigen Wettfahrtleiter und Teams.

    Vermessung: Man merkt m.E. schon das die Formel mit der Zeit weniger ungenau wird. Ja, ich weiss, sie wird niemals eine EInheitklasse erstzen können.

    Ich kann nicht erkennen ob wirklich viele Vermessungserkenntnisse gesammelt werden WOLLTEN.
    Nutzbare Lücken scheint es ja noch (oder wieder) zu geben.

    Beispiele:

    – Ein Vermessungsprotest (gegen eine Code 0 Genua) wurde wegen Formfehlers abgewiesen. Er sei (am Mittwoch) zu spät eingereicht worden. Das hinterlässt den Eindruck als sei sich vor einer Entscheidung gedrückt worden, bzw man wollte das Thema nicht anfassen.

    Und wo ich gerade bei den Protesten bin – es machte allgemein den Eindruck als wollte die Jury keine Proteste verhandeln.
    Z.B diverse Proteste gegen das Hiken auf der Kante wurden abgewiesen obwohl es Videobeweismaterial gab.
    Insgesamt am schwarzen Brett wurden die meisten Proteste als ‘invalid’ abgelehnt.

    Falls darüber jemand was weiss….

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

    • avatar Fastnetwinner sagt:

      Das mit den Protesten erklärt sich sehr einfach und stringent: Ein Protest ist immer zwingend und ohne Ermessensspielraum invalid, wenn er die Formvorschriften der WR nicht erfüllt. Dann ist es der Jury strikt verboten ihn zu verhandeln und sie muss ihn trotz aller Beweise als invalid abweisen, selbst wenn sie anders wollte. Die Jury ist somit gänzlich unschuldig. Es ist allerdings im höchsten Maße peinlich, wenn Teilnehmer auf einer WM nicht einmal in der Lage sind, einen formrichtigen Protest einzureichen. Und das finde ich den viel größeren Lapsus (!)

      PS: Das maximal alberne an der ISAF und ihren Regeln ist ja, daß jedes Gericht in Deutschland (selbst bei Mord, Totschlag und Verfassungsbruch) mehr Ermessensspielraum hat als unsere Lizenz-Schiedsrichter.

      Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

      • avatar Kluchschieter sagt:

        Moin Fastnetwinner,

        Danke Dir, offen gestanden hatte ich nicht damit gerechnet dass tatsächlich jemand antwortet.
        Generell stimme ich Dir zu, insbesondere das mit der Form in Kombination mit der WM.

        Den einen Protest hatte ich natürlich genauer verfolgt, weil er ja für uns alle interessant war.
        Laut Aussage des Protestführers wurde selbiger nicht wegen der Form an sich abgelehnt, sondern weil er mit Mittwoch zu spät eingereicht wurde. Das Segel sei zum offiziellen Training am vorherigen Sonntag bereits gesehen worden, der Protest aber erst am Mittwoch eingereicht worden. Die Protestführer wollten aber erstmal selbst checken ob das Segel ok oder nicht ok sei, und sowas könne man ja nicht mal eben googeln. Am Mittwoch sei man dann zu dem Schluss gekommen das Segel sei nicht ok, und daraufhin wurde Protest eingereicht. Das Ergebnis ist Geschichte.

        Meines (zugegebenermaßen sehr laienhaften) Wissens kann man Vermessungsproteste jederzeit einreichen, also sobald man der Meinung ist dass sich der entsprechende Gegner nicht an die Vermessungsregeln hält. Liege ich hier falsch?

        Würde mich sehr freuen wenn da jemand mit Ahnung etwas zu anmerken könnte.

        Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

        • avatar Harm sagt:

          Einen “Vermessungsprotest” muß man tatsächlich nicht dann erheben, wenn der Verstoß begangen wird, sondern dann, wenn man von ihm erfährt. Aber auch hier gilt

          61.1(a) A boat intending to protest shall inform the other boat at the first reasonable opportunity. When her protest will concern an incident in the racing area that she … saw, she shall hail “Protest” and conspicuously display a red flag at the first reasonable opportunity for each. …

          Wer etwas sieht, was er für einen Verstoß hält, muß das gleich sagen. Das gilt auch für ein vermeintlich nicht konformes Segel. Bei einer Wegerechtsverletzung kann man auch nicht erst an Land ins Buch sehen und dann “Protest” rufen.

          Die Überprüfung der Stichhaltigkeit des Vorwurfs ist Sache der Jury. Die braucht dafür aber einen gültigen Protest.

          Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  3. avatar Sven 14Footer sagt:

    Ist mir auch aufgefallen: Sehr viele Proteste stehen auf “invalid”.

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *